Abnehmspritze vs. Lebensstiltherapie – wann Medikamente zur Gewichtsreduktion sinnvoll sind und wann nicht
Die Behandlung von Übergewicht und Adipositas hat in den letzten Jahren eine deutliche Erweiterung erfahren. Neben der etablierten Lebensstiltherapie rücken medikamentöse Ansätze wie die sogenannte „Abnehmspritze“ zunehmend in den Fokus. Insbesondere Präparate auf Basis von Semaglutid, die unter anderem unter dem Namen Ozempic bekannt sind, haben die Diskussion über Nutzen, Grenzen und Indikationen der medikamentösen Gewichtsreduktion neu belebt.
Lebensstiltherapie als Basis jeder Gewichtsreduktion
Die Lebensstiltherapie gilt unverändert als Fundament der Adipositasbehandlung. Sie umfasst eine strukturierte Ernährungsumstellung, regelmäßige körperliche Aktivität sowie verhaltensmedizinische Interventionen mit dem Ziel eines nachhaltigen Energiedefizits.
Aus ernährungsphysiologischer Sicht beeinflusst eine ausgewogene, eiweißbetonte Kost die Ausschüttung von Sättigungshormonen wie Peptid YY und Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1), wodurch Hunger reduziert und die Nahrungsaufnahme begrenzt wird. Körperliche Aktivität erhöht den Energieverbrauch und verbessert die Insulinsensitivität (gesteigerte Wirksamkeit von Insulin an den Körperzellen). Verhaltensänderungen wirken zusätzlich auf neuroendokrine Regelkreise, die das Essverhalten steuern.
Die Lebensstiltherapie ist für alle Formen von Übergewicht geeignet, erfordert jedoch langfristige Umsetzung und ist stark von individuellen psychosozialen Faktoren abhängig.
Wirkmechanismus der Abnehmspritze
Medikamente zur Gewichtsreduktion basieren häufig auf GLP-1-Rezeptoragonisten. Diese Substanzen ahmen die Wirkung des körpereigenen Darmhormons GLP-1 nach und beeinflussen mehrere zentrale Mechanismen der Energiehomöostase.
Zu den wichtigsten Effekten zählen:
- Verzögerung der Magenentleerung mit früherem Sättigungsgefühl
- Appetithemmung über zentrale Effekte im Hypothalamus (Regulationszentrum für Hunger und Energiehaushalt)
- Verbesserung der Glukosehomöostase (Stabilisierung des Blutzuckerspiegels)
Ozempic ist ein Beispiel für einen solchen GLP-1-Rezeptoragonisten. Das Präparat ist primär zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2 zugelassen; der beobachtete Gewichtsverlust stellt eine zusätzliche pharmakologische Wirkung dar. Der Einsatz zur reinen Gewichtsreduktion erfolgt daher nicht grundsätzlich als Erstlinientherapie.
Wann eine medikamentöse Therapie sinnvoll sein kann
Der Einsatz von Medikamenten zur Gewichtsreduktion kommt vor allem bei klar definierten medizinischen Voraussetzungen in Betracht, insbesondere bei:
- Adipositas mit einem Body-Mass-Index ≥ 30 kg/m²
- Body-Mass-Index ≥ 27 kg/m² bei gleichzeitigen adipositasassoziierten Begleiterkrankungen
- unzureichendem Erfolg einer strukturierten Lebensstiltherapie
- ausgeprägter metabolischer Dysregulation, z. B. Insulinresistenz
Wichtig ist, dass Medikamente nicht isoliert eingesetzt werden. Ohne begleitende Lebensstiländerung besteht nach Absetzen ein hohes Risiko für eine erneute Gewichtszunahme, da die zugrunde liegenden Verhaltens- und Stoffwechselmechanismen unverändert bleiben.
Grenzen, Risiken und ernährungsphysiologische Aspekte
Trotz teils ausgeprägter Gewichtsreduktion sind medikamentöse Therapien mit potenziellen Nebenwirkungen verbunden. Häufig treten gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Völlegefühl auf, insbesondere zu Beginn der Behandlung.
Aus ernährungsmedizinischer Perspektive ist zudem relevant, dass ein rascher Gewichtsverlust ohne begleitende Maßnahmen mit einem Abbau fettfreier Masse (Muskelmasse) einhergehen kann. Eine ausreichende Proteinzufuhr und regelmäßige körperliche Aktivität sind daher essenziell, um funktionelle Einschränkungen und metabolische Nachteile zu vermeiden.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass nach Absetzen der Medikation häufig eine erneute Gewichtszunahme beobachtet wird, wenn die zugrunde liegenden Lebensstilfaktoren unverändert bleiben.
Fazit
Die Lebensstiltherapie bleibt die zentrale Säule einer nachhaltigen Gewichtsreduktion. Medikamente wie GLP-1-Rezeptoragonisten können eine sinnvolle Ergänzung darstellen, wenn klare medizinische Kriterien erfüllt sind und konservative Maßnahmen allein nicht ausreichen. Ihr Einsatz sollte jedoch stets indikationsgerecht, zeitlich reflektiert und in Kombination mit einer strukturierten Lebensstiltherapie erfolgen, um langfristige Erfolge und metabolische Gesundheit zu sichern.
Weitere Informationen zu GLP-1-Analoga (u. a. Nebenwirkungen und Langzeitnebenwirkungen)
Abnehmspritze langfristig betrachtet – Nutzen, Risiken und Folgen nach dem Absetzen
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