Neuroathletik

Der Begriff Neuroathletik bezeichnet keinen einheitlich definierten Trainingsstandard und keine eigenständige medizinische Therapie. Er wird vielmehr als Sammelbegriff für Trainingsansätze verwendet, die visuelle, vestibuläre (das Gleichgewichtssystem betreffende), propriozeptive (die Wahrnehmung der Körperstellung und Bewegung betreffende), kognitive (die geistige Verarbeitung betreffende) und motorische (die Bewegungssteuerung betreffende) Prozesse gezielt in sportliche Übungen integrieren. Eine spezifische medizinische oder sportwissenschaftliche Leitlinie zur Neuroathletik liegt nicht vor.

Wissenschaftlich belastbar sind einzelne Komponenten, insbesondere das wahrnehmungs-kognitive Training, das visuelle und visuomotorische (Sehen und Bewegung verbindende) Training, das kognitiv-motorische Dual-Task-Training, das propriozeptive Training sowie das integrative neuromuskuläre Training (Training des Zusammenspiels von Nerven und Muskeln). Diese Verfahren sind jedoch nicht mit kommerziellen Neuroathletiksystemen gleichzusetzen und müssen hinsichtlich Trainingsziel, Dosierung, Sicherheit und Übertragbarkeit auf die reale Sportleistung jeweils gesondert beurteilt werden [1-12].

Neuroathletische Übungen können damit eine Ergänzung des sportartspezifischen Technik-, Kraft-, Schnelligkeits-, Koordinations- und Ausdauertrainings darstellen. Ein Ersatz dieser etablierten Trainingsformen oder einer leitliniengerechten medizinischen Rehabilitation ist nicht begründbar.

Begriffsbestimmung und wissenschaftliche Abgrenzung

Sportliche Bewegungen beruhen auf einer fortlaufenden Kopplung von Wahrnehmung und Handlung. Dabei werden Informationen aus unterschiedlichen sensorischen Systemen aufgenommen, kontextabhängig gewichtet und mit vorausgegangenen Erfahrungen, Bewegungszielen und antizipierten Konsequenzen abgeglichen. Die motorische Antwort wird anschließend fortlaufend anhand neuer sensorischer Rückmeldungen angepasst.

Hieran sind insbesondere folgende Funktionsbereiche beteiligt:

  • Visuelles System: Erfassung von Objektposition, Bewegung, Geschwindigkeit, räumlicher Orientierung, Kontrast und relevanten Umgebungsreizen
  • Vestibuläres System: Registrierung von Kopfbewegungen, Linear- und Rotationsbeschleunigungen sowie Mitwirkung an Blickstabilisierung und Gleichgewichtskontrolle
  • Somatosensorisches und propriozeptives System (System der Körper- und Tiefenwahrnehmung): Wahrnehmung von Gelenkstellung, Muskelspannung, Bewegung, Druck und Kontakt zum Untergrund
  • Wahrnehmungs-kognitive Verarbeitung: Aufmerksamkeit, Antizipation, Reaktionsauswahl, Entscheidungsfindung und Hemmung ungeeigneter Reaktionen
  • Motorische Kontrolle: Planung, Initiierung, Dosierung und fortlaufende Korrektur einer Bewegung

Die häufig verwendete Einteilung in sensorischen Input, zentrale Integration und motorischen Output ist als vereinfachtes Modell grundsätzlich nachvollziehbar. Sie darf jedoch nicht dahingehend interpretiert werden, dass einzelne unspezifische Augen-, Gleichgewichts- oder Gelenkübungen automatisch eine gestörte „Kommunikation zwischen Gehirn und Körper“ normalisieren oder die Leistungsfähigkeit generell steigern. Motorische Kontrolle ist ein verteiltes, aufgabenabhängiges und hochgradig lernabhängiges System.

Aktuelle Evidenzlage

Trainingskomponente Aktuelle Ergebnisse Wesentliche Einschränkungen Evidenzbasierte Einordnung
Wahrnehmungs-kognitives Training Eine Meta-Analyse zeigte Verbesserungen der Antizipation und Entscheidungsfindung. Die Effekte in sportnahen oder realen Spielsituationen waren jedoch deutlich kleiner als die Effekte in Labortests [1]. Heterogene Interventionen, häufig kleine Stichproben, unterschiedliche Leistungsniveaus und begrenzter Übertrag auf den Wettkampf Als Ergänzung in Sportarten mit hohen Anforderungen an Antizipation und Entscheidungsfindung vertretbar, sofern Wahrnehmung und sportartspezifische Handlung eng gekoppelt bleiben
Visuelles und visuomotorisches Training Eine Meta-Analyse randomisierter Studien ergab Verbesserungen der Reaktionszeit und kleinere bis moderate Verbesserungen sportartspezifischer Leistungen [2]. Erhebliche methodische Heterogenität; Verbesserungen häufig stärker bei testspezifischen als bei realen sportlichen Endpunkten Möglicherweise wirksam, wenn die trainierten visuellen Anforderungen den Anforderungen der jeweiligen Sportart entsprechen
Digitales Reaktions- und Wahrnehmungstraining Eine Meta-Analyse randomisierter Studien zeigte, dass strukturell ähnliche Trainings- und Testaufgaben die gemessenen Trainingseffekte deutlich überschätzen können [3]. Lern-, Gewöhnungs- und Geräteeffekte; häufig nur Nahtransfer auf ähnliche Testaufgaben Verbesserungen am Trainingsgerät dürfen nicht mit einer verbesserten Wettkampfleistung gleichgesetzt werden
Kognitiv-motorisches Dual-Task-Training Akute Doppelaufgaben verschlechtern typischerweise zunächst die motorische oder kognitive Leistung. Längerfristiges Training kann diese Dual-Task-Kosten verringern [4]. Begrenzte Zahl kontrollierter Langzeitstudien und sehr unterschiedliche kognitive und motorische Aufgaben Vor allem für Sportarten relevant, in denen Entscheidungen unter gleichzeitiger Bewegung und Zeitdruck getroffen werden müssen
Propriozeptives und neuromuskuläres Training Meta-Analysen und systematische Reviews zeigen Verbesserungen der dynamischen Balance sowie ausgewählter Sprung-, Sprint- und Richtungswechselleistungen. Integratives neuromuskuläres Training kann zudem das Verletzungsrisiko reduzieren [5-7]. Die untersuchten Programme enthalten meist Kraft-, Gleichgewichts-, Plyometrie-, Rumpfstabilitäts- und Bewegungskontrollübungen und sind daher nicht spezifisch neuroathletisch Gut begründbare Trainingskomponente; der Nutzen beruht auf etabliertem neuromuskulärem Training und nicht auf einem eigenständigen neuroathletischen Wirkprinzip
Blicksteuerung und Quiet-Eye-Training Eine Meta-Analyse zeigte einen Zusammenhang zwischen einer längeren beziehungsweise stabileren finalen Blickfixation und einer besseren Leistung bei visuomotorischen Präzisionsaufgaben [10]. Unterschiedliche Definitionen und Messverfahren; nicht für jede Sportart oder Bewegung gleichermaßen relevant Bei Ziel-, Ball- und Präzisionssportarten als aufgabenspezifische Ergänzung einsetzbar
Als „Neuro-Athletic Training“ bezeichnete Gesamtprogramme Zwei randomisierte Studien berichteten nach achtwöchigen Programmen Verbesserungen ausgewählter Leistungsparameter bei männlichen Fußball- beziehungsweise Volleyballspielern [11, 12]. Kleine beziehungsweise mittelgroße Stichproben, ausschließlich männliche Sportler, unterschiedliche Programme, begrenzte unabhängige Replikation und bislang keine spezifische Meta-Analyse Vorläufige positive Ergebnisse, aber keine ausreichende Evidenz für eine generelle Überlegenheit gegenüber etablierten Trainingsverfahren

Die Evidenz ist somit für einzelne Trainingskomponenten günstiger als für das Gesamtkonzept „Neuroathletik“. Insbesondere propriozeptive und integrative neuromuskuläre Trainingsprogramme besitzen eine tragfähige Evidenzbasis. Diese Programme bestehen jedoch regelmäßig aus bekannten Komponenten wie Gleichgewichtstraining, Krafttraining, Plyometrie, Landetechnik und sportartspezifischer Bewegungskontrolle [5-7].

Für unmittelbar als Neuroathletik bezeichnete Programme liegen erste kontrollierte Studien vor. In einer randomisierten Untersuchung mit männlichen Fußballspielern verbesserten zusätzliche neuroathletische Übungen unter anderem Passgenauigkeit, Schusspräzision, Beweglichkeit und ausgewählte isokinetische Kraftparameter [11]. In einer kleineren Untersuchung mit männlichen Volleyballspielern wurden Verbesserungen der Beweglichkeit, Aufschlaggeschwindigkeit und funktionellen Stabilität der oberen Extremität berichtet [12].

Diese Ergebnisse sind vorläufig und hypothesengenerierend. Sie erlauben aufgrund der begrenzten Stichproben, der unterschiedlichen Trainingsinhalte, des Fehlens weiblicher Studienteilnehmer und der bislang unzureichenden unabhängigen Replikation keine allgemeine Therapie- oder Trainingsempfehlung.

Leistungsorientierte Einsatzbereiche

Neuroathletische Trainingskomponenten können bei gesunden Sportlern erwogen werden, wenn ein konkretes sportartspezifisches Leistungsziel definiert ist.

  • Antizipation und Entscheidungsfindung: Mannschafts-, Rückschlag- und Kampfsportarten mit wechselnden, zeitkritischen Spielsituationen [1]
  • Visuomotorische Reaktionsfähigkeit: Ball-, Rückschlag-, Ziel- und Motorsportarten mit hohen Anforderungen an Blicksteuerung und Handlungsselektion [2, 8-10]
  • Reaktive Agilität: Verbindung von Wahrnehmung, Entscheidung und Richtungswechsel anstelle ausschließlich vorgeplanter Agilitätsparcours [1, 4, 8]
  • Dynamische Balance und Gelenkkontrolle: Sportarten mit Sprüngen, Landungen, Einbeinbelastungen, Körperkontakt oder instabilen Ausgangspositionen [5-7]
  • Kognitiv-motorische Belastbarkeit: Aufrechterhaltung technischer Qualität bei gleichzeitiger Informationsverarbeitung, Zeitdruck oder konkurrierenden Aufgaben [4]
  • Blickstrategie: Optimierung aufgabenspezifischer Fixations- und Suchstrategien bei Ziel-, Präzisions- und Ballsportarten [9, 10]

Diese Einsatzbereiche stellen keine medizinischen Indikationen dar. Für den Begriff Neuroathletik besteht keine belegte Indikation zur allgemeinen „Änderung des Lebensstils“, zur unspezifischen Leistungssteigerung unabhängig von der Sportart oder zur Behandlung psychischer und internistischer Erkrankungen (Erkrankungen der inneren Organe).

Medizinische Rehabilitation

Visuelle, vestibuläre, propriozeptive oder kognitiv-motorische Übungen können Bestandteil einer medizinischen Rehabilitation sein, beispielsweise nach Sportverletzungen, bei vestibulären Erkrankungen, nach einer Gehirnerschütterung oder bei neurologischen Funktionsstörungen (Funktionsstörungen des Nervensystems). In diesen Situationen richten sich Indikation, Belastungssteuerung und Progression jedoch nach der zugrunde liegenden Diagnose und den hierfür geltenden medizinischen Leitlinien beziehungsweise Rehabilitationsprotokollen [LL2].

Eine Übertragung allgemeiner neuroathletischer Übungsprogramme auf Patienten mit Augen-, Gleichgewichts- oder neurologischen Erkrankungen ohne fachärztliche Diagnostik ist nicht sachgerecht. Derartige Erkrankungen sind zugleich keine pauschalen Kontraindikationen: Spezifisch dosierte visuelle, vestibuläre oder sensomotorische Übungen können bei ausgewählten Krankheitsbildern therapeutisch sinnvoll sein, müssen dann aber durch entsprechend qualifizierte Ärzte oder Therapeuten gesteuert werden.

Nicht belegte Anwendungsversprechen

Für folgende im Umfeld der Neuroathletik verbreitete Aussagen besteht keine ausreichende spezifische Evidenz:

  • Aktivierung oder „Regulation“ des Vagusnervs (zehnter Hirnnerv): Aus einfachen Augen-, Atem-, Zungen- oder Kopfbewegungen kann keine klinisch relevante Behandlung von Stress, Depression (anhaltender krankhafter Niedergeschlagenheit), Angststörungen (krankhaften Angstzuständen), Schmerzen oder Verdauungsstörungen abgeleitet werden.
  • Unspezifische Heilung durch Verbesserung des sensorischen Inputs: Ein vermeintlich „schlechter“ visueller, vestibulärer oder propriozeptiver Input kann nicht allein anhand kurzfristiger Bewegungstests diagnostiziert werden.
  • Generelle Leistungssteigerung: Verbesserungen sind aufgaben-, trainings- und testspezifisch. Ein allgemeiner Transfer auf Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit oder Wettkampfleistung ist nicht belegt.
  • Verletzungsprävention durch isolierte Augen- oder Gleichgewichtsübungen: Die belastbare Evidenz zur Verletzungsprävention betrifft mehrkomponentige neuromuskuläre Programme und nicht isolierte neuroathletische Reize [6].
  • Behandlung psychischer oder internistischer Erkrankungen: Neuroathletik ist keine evidenzbasierte Therapie von Depressionen, Angststörungen, chronischen Schmerzen (lang anhaltenden Schmerzen), funktionellen Verdauungsbeschwerden (Verdauungsbeschwerden ohne nachweisbare organische Ursache) oder Stressfolgeerkrankungen.

Vor dem Training

Vor der Anwendung sollte eine strukturierte Beurteilung erfolgen.

  • Sportmedizinische Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte): Erfassung von Vorerkrankungen, Verletzungen, Gehirnerschütterungen, Synkopen (kurzzeitigen Bewusstlosigkeiten), Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen und belastungsabhängigen Beschwerden
  • Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung: Erwachsenen, die Sport treiben oder ein intensiveres Trainingsprogramm aufnehmen möchten, sollte entsprechend der S2k-Leitlinie eine sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung angeboten werden [LL1].
  • Sportartspezifische Anforderungsanalyse: Festlegung, welche Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Bewegungsanforderungen tatsächlich leistungsrelevant sind
  • Definition des primären Trainingsziels: z. B. reaktive Richtungswechselgeschwindigkeit, Passentscheidung unter Gegnerdruck oder dynamische Einbeinstabilität
  • Standardisierte Ausgangsmessung: Verwendung reliabler und möglichst vom Trainingsgerät unabhängiger Tests
  • Familiarisierung: Ausreichendes Kennenlernen der Testverfahren, um Lern- und Geräteeffekte zu reduzieren [3]
  • Fachärztliche Abklärung: Bei Doppelbildern, Visusverlust (Sehverlust), anhaltendem Schwindel, Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), neurologischen Ausfällen, Synkopen, Verdacht auf Gehirnerschütterung oder anderen belastungsrelevanten Beschwerden

Durchführung

Ein evidenzorientiertes neuroathletisches Training sollte nicht von der isolierten Stimulation einzelner Sinnesorgane ausgehen, sondern von den konkreten Anforderungen der Sportart. Entscheidend ist die möglichst enge Kopplung des relevanten Wahrnehmungsreizes an die erforderliche sportliche Handlung [1, 8].

Mögliche Trainingskomponenten:

  • Visuelle Suche und Antizipation: Erkennen relevanter Bewegungsinformationen aus realitätsnahen Video-, Virtual-Reality- oder Feldsituationen
  • Visuomotorische Reaktion: Reaktion auf sportartspezifische Reize durch Pass, Schlag, Fangbewegung, Richtungswechsel oder Ausweichbewegung
  • Blickstabilisierung: Aufrechterhaltung einer klaren Zielerfassung bei sportartspezifischen Kopf- und Körperbewegungen
  • Propriozeptive und neuromuskuläre Kontrolle: Einbeinstand, Landung, Abbremsen, Perturbation, Richtungswechsel und Gelenkstabilisation
  • Kognitiv-motorische Doppelaufgaben: Bewegungsausführung bei gleichzeitigem Erfassen, Erinnern, Entscheiden oder Wechseln von Handlungsregeln
  • Quiet-Eye-Training: Aufgabenbezogene Stabilisierung der finalen Blickfixation vor einer zielgerichteten Bewegung
  • Sportartspezifische Integration: Übertragung der trainierten Wahrnehmungs- und Entscheidungskomponenten in reale Technik-, Spiel- oder Wettkampfsituationen

Grundsätze der Belastungsprogression:

  • Von einfachen zu komplexen Aufgaben
  • Von vorhersehbaren zu variablen Reizen
  • Von stabilen zu dynamischen Ausgangspositionen
  • Von Einzelaufgaben zu sportartspezifischen Doppel- und Mehrfachaufgaben
  • Von ausreichend langer Reaktionszeit zu zunehmendem Zeitdruck
  • Von isolierten Übungen zur realitätsnahen Wahrnehmungs-Handlungs-Kopplung
  • Von kontrollierten Trainingssituationen zur Anwendung unter Ermüdung und Wettkampfdruck

Eine allgemein validierte Trainingsdosis existiert nicht. Die Studien verwenden heterogene Programme hinsichtlich Übungsinhalt, Dauer und Häufigkeit. Positive direkte Studien zur Neuroathletik untersuchten überwiegend Programme über acht Wochen mit mehreren Einheiten pro Woche [11, 12]. Daraus kann keine verbindliche Standarddosierung für andere Sportarten, Leistungsniveaus oder Populationen abgeleitet werden.

Assessments und Erfolgskontrolle

Kurze Vorher-nachher-Tests können zur Beurteilung der unmittelbaren Verträglichkeit oder zur explorativen Trainingssteuerung genutzt werden. Sie beweisen jedoch keine spezifische neurophysiologische Wirksamkeit (Wirksamkeit auf die Funktion des Nervensystems).

Ein unmittelbar verbesserter Rumpfbeuge- beziehungsweise Sit-and-Reach-Test kann unter anderem durch Testwiederholung, Aufwärmung, veränderte Dehntoleranz, Motivation, Erwartung oder Messvariabilität entstehen. Er belegt weder die Korrektur eines sensorischen Defizits noch eine dauerhafte Leistungsverbesserung.

Für eine belastbare Erfolgskontrolle sollten folgende Kriterien erfüllt sein:

  • Unabhängiger primärer Endpunkt: Der Leistungstest sollte nicht mit der trainierten Übung oder dem verwendeten Gerät identisch sein [3].
  • Sportartspezifischer Transfer: Messung einer realen technischen, taktischen oder motorischen Leistung und nicht ausschließlich einer Reaktionszeit am Bildschirm [1-3, 8, 9]
  • Standardisierte Testbedingungen: Vergleichbare Tageszeit, Ermüdung, Aufwärmung, Ausrüstung und Instruktion
  • Test-Retest-Reliabilität: Berücksichtigung der Messgenauigkeit und der kleinsten nachweisbaren Veränderung
  • Verzögerte Retentionsmessung: Prüfung, ob die Verbesserung über den unmittelbaren Nachtest hinaus bestehen bleibt
  • Vergleich mit Standardtraining: Nach Möglichkeit Kontrolle von Trainingszeit, Aufmerksamkeit und Gesamtbelastung
  • Wettkampfbezug: Dokumentation relevanter Leistungsparameter unter realen oder repräsentativen Bedingungen

Kontraindikationen und Sicherheitskriterien

Eine allgemeine Liste von Kontraindikationen für „Neuroathletik“ ist nicht wissenschaftlich begründbar, da sich die Risiken aus der jeweiligen Übung, Intensität und Grunderkrankung ergeben. Die im Ausgangsartikel genannten Erkrankungsgruppen wie Augenerkrankungen, vestibuläre Erkrankungen, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, Knochenerkrankungen oder Tumorerkrankungen sind keine pauschalen Gegenanzeigen.

Training nicht beginnen beziehungsweise abbrechen und medizinisch abklären bei:

  • Akut aufgetretenen neurologischen Ausfällen
  • Verdacht auf Gehirnerschütterung oder andere akute Kopfverletzung
  • Bewusstseinsstörung, Synkope oder neu aufgetretener Desorientierung (Orientierungslosigkeit)
  • Akutem Visusverlust, neu aufgetretenen Doppelbildern oder Gesichtsfeldausfällen (Ausfällen in Teilen des Sichtbereichs)
  • Starkem oder anhaltendem Schwindel, Ataxie, Fallneigung oder Erbrechen
  • Neu aufgetretenen ungewöhnlich starken Kopfschmerzen
  • Akuten muskuloskelettalen Verletzungen (Verletzungen der Muskeln und des Skeletts) mit Belastungsunfähigkeit oder Instabilität
  • Brustschmerz, erheblicher Dyspnoe (Atemnot), Palpitationen (Herzklopfen) oder anderen kardiorespiratorischen Warnsymptomen (Warnzeichen von Herz und Atmung)

Besondere Vorsicht und individualisierte Anpassung bei:

  • Bekannten ophthalmologischen (augenärztlichen), vestibulären oder neurologischen Erkrankungen
  • Migräne (anfallsartiger Kopfschmerzerkrankung) oder ausgeprägter visueller beziehungsweise bewegungsinduzierter Reizempfindlichkeit
  • Epilepsie (Anfallsleiden), insbesondere bei Verwendung flackernder oder stroboskopischer Reize
  • Persistierenden Beschwerden (anhaltenden Beschwerden) nach Gehirnerschütterung [LL2]
  • Erhöhtem Sturzrisiko
  • Übungen mit visueller Einschränkung, instabilen Unterlagen, schnellen Kopfbewegungen oder rückwärtsgerichteter Fortbewegung

Visuelle Einschränkungen, stroboskopische Hilfsmittel oder komplexe Gleichgewichtsaufgaben dürfen die Sicherheit der Bewegungsausführung nicht beeinträchtigen. Bei erhöhter Sturz- oder Kollisionsgefahr sind Sicherungsmaßnahmen, eine geeignete Umgebung und qualifizierte Aufsicht erforderlich.

Nach dem Training

Nach dem Training sollten nicht nur kurzfristige Veränderungen einzelner Beweglichkeitstests, sondern insbesondere Verträglichkeit, technische Qualität und sportartspezifischer Transfer dokumentiert werden.

  • Symptomkontrolle: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen und ungewöhnliche Erschöpfung
  • Belastungskontrolle: Erfassung der subjektiven Belastung und der zusätzlichen Trainingszeit
  • Qualitätskontrolle: Prüfung, ob technische Bewegungsqualität und Sicherheit erhalten bleiben
  • Transferkontrolle: Bewertung sportartspezifischer Leistung unter repräsentativen Bedingungen
  • Langzeitkontrolle: Überprüfung, ob beobachtete Veränderungen erhalten bleiben

Ein Trainingsprogramm sollte verändert oder beendet werden, wenn keine Übertragung auf das vorab definierte Leistungsziel nachweisbar ist, relevante Beschwerden auftreten oder das Zusatztraining die Qualität des etablierten Technik-, Kraft- oder Ausdauertrainings beeinträchtigt.

Fazit

Neuroathletik ist ein nicht einheitlich definierter Sammelbegriff und derzeit weder eine eigenständige medizinische Therapie noch ein leitlinienbasiertes Standardverfahren. Wissenschaftlich begründbar sind einzelne Teilbereiche wie wahrnehmungs-kognitives, visuelles, kognitiv-motorisches, propriozeptives und integratives neuromuskuläres Training.

Die größte Evidenz besteht für aufgaben- und sportartspezifische Trainingsformen, bei denen Wahrnehmung, Entscheidung und motorische Handlung realitätsnah gekoppelt werden. Verbesserungen in isolierten Reaktions-, Augen- oder Gleichgewichtstests dürfen nicht automatisch als Leistungssteigerung im Sport interpretiert werden. Lern- und Geräteeffekte können die Ergebnisse erheblich überschätzen.

Erste randomisierte Studien zu ausdrücklich als Neuroathletik bezeichneten Programmen zeigen positive Ergebnisse, reichen jedoch aufgrund begrenzter Stichproben, heterogener Interventionen und fehlender unabhängiger Replikation nicht aus, um eine generelle Überlegenheit gegenüber etablierten Trainingsverfahren zu belegen.

Neuroathletische Komponenten können daher als gezielte Ergänzung eingesetzt werden, wenn ein konkretes Leistungsziel, ein plausibler sportartspezifischer Mechanismus, standardisierte Erfolgskriterien und eine ausreichende Sicherheitsprüfung vorliegen. Unspezifische Heilungsversprechen, pauschale medizinische Indikationen sowie die behauptete Behandlung psychischer, schmerzbezogener oder internistischer Erkrankungen sind nicht evidenzbasiert.

Literatur

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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

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  • Patricios JS, Schneider KJ, Dvorak J et al.: Consensus statement on concussion in sport: the 6th International Conference on Concussion in Sport-Amsterdam, October 2022. Br J Sports Med. 2023;57(11):695-711. doi:10.1136/bjsports-2023-106898 [LL2]