Fremdkörperingestion – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Fremdkörperextraktion (Entfernung eines Fremdkörpers) beziehungsweise sichere Spontanpassage (selbstständige Weiterbeförderung durch den Körper) bei geeigneten Fremdkörpern.
  • Vermeidung von Schleimhautschäden (Verletzungen der inneren Auskleidung), Aspiration (Eindringen von Flüssigkeit oder Fremdkörpern in die Atemwege), Obstruktion (Verschluss) und Perforation (Durchbruch).

Therapieempfehlungen

  • Vorrang der endoskopischen Therapie (Behandlung mit einem über eine Körperöffnung eingeführten Schlauch mit Kamera): Medikamente ersetzen eine erforderliche Fremdkörperbergung nicht und dürfen diese nicht verzögern.
    • Bei vollständiger Ösophagusobstruktion (Verschluss der Speiseröhre) sowie bei spitzen oder scharfen Fremdkörpern und Batterien im Ösophagus (Speiseröhre) ist eine notfallmäßige Endoskopie erforderlich; bei Erwachsenen möglichst innerhalb von 2 Stunden, spätestens innerhalb von 6 Stunden.
    • Andere ösophageale (die Speiseröhre betreffende) Fremdkörper beziehungsweise Nahrungsbolusimpaktionen (feststeckende Nahrungsstücke) ohne vollständige Obstruktion sollen innerhalb von 24 Stunden endoskopisch behandelt werden [LL1, LL2].
  • Glukagon bei Nahrungsbolusimpaktion: Eine routinemäßige präendoskopische Gabe wird aufgrund fehlenden Wirksamkeitsnachweises nicht empfohlen. In einer multizentrischen (an mehreren Studienorten durchgeführten), randomisierten (nach dem Zufallsprinzip zugeteilten), placebokontrollierten (mit einem wirkstofffreien Vergleichsmittel kontrollierten) Studie mit 140 Patienten zeigte 1 mg Glukagon intravenös weder eine höhere Rate der Boluslösung noch eine Verkürzung der endoskopischen Extraktionsdauer. Ein ausnahmsweiser Therapieversuch ist eine Off-Label-Anwendung (Anwendung außerhalb der Zulassung) und darf die Endoskopie keinesfalls verzögern [1, LL2, FI1].
  • Keine medikamentöse Passageerzwingung: Bei spitzen oder scharfen Fremdkörpern keine Prokinetika (Medikamente zur Anregung der Bewegungen des Verdauungstrakts) zur Beschleunigung der Passage einsetzen. Bei ösophagealer Impaktion (Feststecken in der Speiseröhre) sind Prokinetika keine etablierte Therapie. Proteolytische Enzyme (eiweißspaltende Enzyme) wie Papain dürfen wegen möglicher Schleimhautschädigung und Perforation nicht eingesetzt werden [LL2, LL3].
  • Nachbehandlung bei Schleimhautschäden: Nach endoskopischer Entfernung kann bei relevanten ösophagealen Erosionen (oberflächlichen Verletzungen) oder Ulcerationen (Geschwüren) eine zeitlich begrenzte Behandlung mit einem Protonenpumpeninhibitor (Medikament zur Verminderung der Magensäureproduktion) erfolgen. Dosierung und Dauer richten sich nach dem endoskopischen Befund und dem klinischen Verlauf; ein spezifisch durch randomisierte Studien abgesichertes Behandlungsschema für Fremdkörperverletzungen besteht nicht [LL2, FI2].
  • Nahrungskarenz und Sonden: Eine vorübergehende Nahrungskarenz (Verzicht auf Nahrungsaufnahme) ist bei ausgeprägter Verletzung oder Perforationsverdacht befundabhängig erforderlich. Eine Magensonde (Schlauch zur Ableitung oder Ernährung über den Magen) ist keine routinemäßige Maßnahme nach Fremdkörperextraktion; bei notwendiger Sondenanlage erfolgt diese gezielt unter fachärztlicher Kontrolle [LL1].
  • Perforation oder Infektion: Bei Perforation, Mediastinitis (Entzündung des Gewebes zwischen den Lungen) oder Peritonitis (Entzündung des Bauchfells) sind eine sofortige stationäre Behandlung, intravenöse Breitspektrumantibiotika (Antibiotika gegen viele verschiedene Bakterien) und eine endoskopische beziehungsweise operative Versorgung erforderlich. Die Antibiotikawahl richtet sich nach Lokalisation, Schweregrad, Resistenzrisiko und lokalen Behandlungsvorgaben [LL1].
  • Abklärung nach Nahrungsbolusimpaktion: Eine zugrunde liegende Ösophaguserkrankung, insbesondere eine eosinophile Ösophagitis (allergiebedingte Entzündung der Speiseröhre) oder Stenose (Verengung), muss abgeklärt und anschließend gezielt behandelt werden [LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Die folgenden Dosierungsangaben beziehen sich auf Erwachsene.

Protonenpumpeninhibitoren

Wirkstoff Besonderheiten
Pantoprazol Bei relevanter ösophagealer Schleimhautverletzung nach Extraktion erwägen; keine routinemäßige Gabe nach komplikationsloser Bergung. Die Dosierung ist aus der Behandlung säurebedingter Ösophagusschäden abgeleitet; die Behandlung einer rein traumatischen Läsion (Verletzung) ist nicht ausdrücklich zugelassen. Bei schwerer Leberfunktionsstörung höchstens 20 mg täglich [LL2, FI2].
  • Wirkweise: Hemmung der H+/K+-ATPase der gastralen Belegzellen (magensäurebildenden Zellen) und dadurch Verminderung der Magensäuresekretion [FI2].
  • Indikationen: Befundabhängige Säuresuppression bei relevanter ösophagealer Schleimhautschädigung nach Fremdkörper- oder Bolusentfernung; zusätzlich Behandlung einer begleitenden Refluxösophagitis (Entzündung der Speiseröhre durch zurückfließende Magensäure) [LL2, FI2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Pantoprazol, substituierte Benzimidazole oder Bestandteile des Präparats. Relevante Arzneimittelinteraktionen (Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln) beachten, insbesondere mit Arzneimitteln, deren Resorption (Aufnahme in den Körper) vom gastralen pH-Wert (Säuregrad im Magen) abhängt [FI2].
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit und abdominelle Beschwerden (Bauchbeschwerden); selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen oder tubulointerstitielle Nephritis (Entzündung bestimmter Bereiche der Niere). Bei längerer Anwendung unter anderem Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) möglich [FI2].

Glukagon – keine routinemäßige Empfehlung

Wirkstoff Besonderheiten
Glukagon Kein nachgewiesener Vorteil gegenüber Placebo bei Nahrungsbolusimpaktion. Anwendung zur Boluslösung off-label; keine Verzögerung einer erforderlichen Endoskopie. Keine etablierte Behandlung echter Fremdkörper [1, LL2, FI1].
  • Wirkweise: Entspannung der glatten Muskulatur des Verdauungstrakts; der beabsichtigte Effekt auf die Boluspassage ist klinisch nicht zuverlässig nachgewiesen [1, LL2, FI1].
  • Indikationen: Keine evidenzgestützte Routineindikation zur Behandlung einer Nahrungsbolusimpaktion. Allenfalls individueller ärztlicher Therapieversuch während der bereits organisierten endoskopischen Versorgung [1, LL2].
  • Kontraindikationen: Phäochromozytom (seltener hormonbildender Tumor der Nebenniere) und Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder Präparatbestandteile. Bei vollständiger Obstruktion, hohem Aspirationsrisiko, spitzen oder scharfen Fremdkörpern sowie Perforationsverdacht darf kein medikamentöser Versuch die definitive Versorgung verzögern [LL2, FI1].
  • Nebenwirkungen: Übelkeit und Erbrechen mit möglichem Aspirationsrisiko bei fortbestehender Impaktion; Veränderungen von Blutglucose, Herzfrequenz und Blutdruck sowie selten Überempfindlichkeitsreaktionen [FI1].

Red Flags (Warnzeichen) bei Fremdkörperingestion

  • Vollständige Ösophagusobstruktion: Unfähigkeit, Speichel zu schlucken, ausgeprägte Hypersalivation (starker Speichelfluss) oder wiederholtes Regurgitieren (Hochwürgen von Speise oder Flüssigkeit) erfordern eine sofortige notfallmäßige Versorgung [LL1, LL2].
  • Atemwegsgefährdung: Stridor (pfeifendes Atemgeräusch), Dyspnoe (Atemnot), Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten) oder Aspirationszeichen erfordern unverzügliche Atemwegssicherung und Notfallbehandlung [LL1, LL2].
  • Perforations- oder Infektionsverdacht: Zunehmende Hals-, Thorax- oder Bauchschmerzen, Fieber, subkutanes Emphysem (Luftansammlung unter der Haut), Peritonismus (Zeichen einer Bauchfellentzündung) oder Kreislaufinstabilität erfordern sofortige stationäre Diagnostik und Behandlung [LL1].
  • Hochrisikofremdkörper: Batterien, mehrere Magnete beziehungsweise ein Magnet zusammen mit einem metallischen Fremdkörper sowie spitze oder scharfe Gegenstände erfordern unverzügliche fachärztliche Beurteilung [LL1, LL2].

Abkürzungen

  • ATPase: Adenosintriphosphatase
  • FI: Fachinformation
  • i.v.: intravenös
  • LL: Leitlinie
  • pH: Maß für den Säuregrad

Literatur

  1. de Benito Sanz M, Tejedor-Tejada J, Mangas-Sanjuan C et al.: Double-Blind Multicenter Randomized Clinical Trial Comparing Glucagon vs Placebo in the Resolution of Alimentary Esophageal Impaction. Am J Gastroenterol. 2024;119(1):87-96. doi:10.14309/ajg.0000000000002511.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie. (AWMF-Registernummer: 021-022). Version 2.1, Juli 2025. Langfassung [LL1]
  2. Birk M, Bauerfeind P, Deprez PH et al.: Removal of foreign bodies in the upper gastrointestinal tract in adults: European Society of Gastrointestinal Endoscopy (ESGE) Clinical Guideline. Endoscopy. 2016;48(5):489-496. doi:10.1055/s-0042-100456 [LL2]
  3. ASGE Standards of Practice Committee, Ikenberry SO, Jue TL et al.: Management of ingested foreign bodies and food impactions. Gastrointest Endosc. 2011;73(6):1085-1091. doi:10.1016/j.gie.2010.11.010 [LL3]

Fachinformationen

  1. Novo Nordisk: GlucaGen®/GlucaGen® HypoKit. Fachinformation [FI1]
  2. Takeda: Pantozol® 40 mg magensaftresistente Tabletten. Fachinformation [FI2]