Burning-Mouth-Syndrom – Differentialdiagnosen
Abzugrenzen sind insbesondere sekundäre Ursachen eines oralen Brennens, einer Glossodynie (Zungenbrennen) oder oralen Dysästhesie (Missempfindung im Mund). Ein primäres Burning-Mouth-Syndrom (BMS) ist eine Ausschlussdiagnose bei klinisch unauffälliger Mundschleimhaut und fehlender lokaler oder systemischer Ursache.
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Eisenmangel beziehungsweise Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) – relevante systemische Ursache von Schleimhautbrennen, atrophischer Glossitis (entzündlich veränderte, glatte Zunge) und BMS-ähnlicher Symptomatik; Ferritin (Eisenspeicherwert), Eisenstatus und Blutbild sind differentialdiagnostisch zu prüfen
- Folsäuremangel – mögliche Ursache von Glossitis (Zungenentzündung), Schleimhautbrennen und oraler Dysästhesie
- Sjögren-Syndrom (Autoimmunerkrankung mit Trockenheit von Augen und Mund) – autoimmune Exokrinopathie (Autoimmunerkrankung der Drüsen) mit Xerostomie (Mundtrockenheit), Hyposalivation (verminderter Speichelfluss), Schleimhautbrennen, Dysgeusie (Geschmacksstörung) und erhöhter Candidiasis-Neigung (Neigung zu Pilzinfektionen)
- Vitamin-B12-Mangel – klassische Ausschlussdiagnose bei brennender Zunge, Glossitis, Parästhesien (Kribbelmissempfindungen), Dysgeusie und gegebenenfalls neurologischer Begleitsymptomatik
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – kann orale Dysästhesien, periphere beziehungsweise trigeminale Neuropathie (Nervenschädigung), Xerostomie und sekundäre orale Candidiasis (Pilzinfektion im Mund) begünstigen
- Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) beziehungsweise thyreoidale Dysfunktion (Schilddrüsenfunktionsstörung) – mögliche systemische Ursache von Xerostomie, Dysgeusie, Schleimhautempfindlichkeit und BMS-ähnlichem Brennen
- Zinkmangel – mögliche Ursache von Dysgeusie, oraler Sensibilitätsstörung (Empfindungsstörung im Mund) und Schleimhautbrennen; insbesondere bei Ernährungsdefiziten oder Malabsorption (gestörter Nährstoffaufnahme) zu prüfen
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Allergische Kontaktstomatitis (allergische Mundschleimhautentzündung) – Brennen und Schleimhautreizung durch Dentalmaterialien (Zahnmaterialien), Prothesenbestandteile, Kleber, Aromastoffe, Mundpflegeprodukte oder Nahrungsmittelbestandteile; bei Expositionsbezug abzugrenzen
- Lichen planus mucosae (Knötchenflechte der Schleimhaut) – chronisch-entzündliche Mundschleimhauterkrankung mit retikulären, erythematösen oder erosiven Läsionen (netzartigen, geröteten oder oberflächlichen Schleimhautschäden); erosive Formen können ein BMS-ähnliches Brennen verursachen
- Orale lichenoide Kontaktreaktion (flechtenartige Kontaktreaktion der Mundschleimhaut) – dentalmaterial-, medikamenten- oder kontaktassoziierte lichenoide Schleimhautreaktion; bei lokal begrenztem Brennen und sichtbaren Schleimhautveränderungen relevant
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Orale Candidiasis – häufige und zwingend auszuschließende lokale Ursache von Mundbrennen, Dysgeusie und Schleimhautempfindlichkeit; begünstigt durch Prothesen, Xerostomie, Diabetes mellitus, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) und inhalative Glucocorticoide (entzündungshemmende Kortisonpräparate zum Einatmen)
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Aphthöse Stomatitis (Mundschleimhautentzündung mit Aphthen) – rezidivierende schmerzhafte Ulzera (Geschwüre) der Mundschleimhaut; Abgrenzung durch sichtbare Aphthen (schmerzhafte Schleimhautgeschwüre) und schubhaften Verlauf
- Atrophische Glossitis – glatte, gerötete, empfindliche Zunge; meist Ausdruck eines Eisen-, Vitamin-B12- oder Folsäuremangels und damit sekundäre Ursache des Brennens
- Denture stomatitis beziehungsweise Prothesenstomatitis (Prothesen-bedingte Mundschleimhautentzündung) – entzündliche Schleimhautveränderung unter Prothesen; häufig Candida-assoziiert, mechanisch-irritativ oder hygienebedingt
- Gastroösophageale Refluxkrankheit (Rückflusskrankheit) – kann Mund-, Rachen- oder Zungenbrennen, sauren beziehungsweise bitteren Geschmack und Schleimhautirritation verursachen; bei entsprechender Anamnese (Krankengeschichte) abzugrenzen
- Geographische Zunge (Landkartenzunge) – benigne migratorische Glossitis (gutartige wandernde Zungenentzündung) mit wechselnden erythematösen Arealen (geröteten Bereichen) und weißlichem Randsaum; kann brennende Beschwerden auslösen
- Hyposalivation beziehungsweise Xerostomie – objektiv verminderter Speichelfluss oder subjektive Mundtrockenheit mit Brennen, Dysgeusie, Candidiasis-Neigung und Schleimhautempfindlichkeit
- Irritative Stomatitis (reizbedingte Mundschleimhautentzündung) – Schleimhautreizung durch scharfe Zahnkanten, Prothesendruckstellen, Zahnfüllungen, Mundspüllösungen, Zahncremes, Alkohol, Tabak oder scharfe Speisen
- Mechanische Schleimhauttraumata (verletzungsbedingte Schleimhautschäden) – chronische Reizung durch insuffiziente Prothesen, scharfe Zahnkanten, Bruxismus (Zähneknirschen), Zungenpressen oder parafunktionelle Aktivität (unbewusste Fehlbelastung)
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Neuropathie des Nervus lingualis (Schädigung des Zungennervs) – lokalisierte brennende Dysästhesie, Hypästhesie (verminderte Empfindung) oder Parästhesie nach zahnärztlichem Eingriff, Trauma (Verletzung), Implantation (Einsetzen eines Zahnimplantats) oder lokaler Nervenschädigung
- Postherpetische Neuralgie (Nervenschmerz nach Gürtelrose) – persistierender neuropathischer Schmerz nach Herpes-zoster-Infektion (Gürtelrose) im trigeminalen Versorgungsgebiet
- Trigeminusneuropathie (Schädigung des Drillingsnervs) – sensible Störung im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (Drillingsnerv) mit Brennen, Taubheit, Parästhesien oder neuropathischem Schmerz; insbesondere bei neurologischen Defiziten (Ausfällen des Nervensystems) abzugrenzen
- Trigeminusneuralgie (Gesichtsnervenschmerz) – kurz dauernde, einschießende, triggerbare Schmerzattacken; klinisch von dauerhaftem intraoralem Brennen abzugrenzen
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Dysgeusie – metallischer, bitterer oder veränderter Geschmack; kann mangelbedingt, medikamentös, infektiös, xerostomiebedingt oder neurologisch verursacht sein
- Parästhesien der Mundschleimhaut – sensible Missempfindungen durch Mangelzustände, Neuropathien, Medikamente, Xerostomie oder lokale Reizfaktoren
Medikamente
- Angiotensin-Converting-Enzyme-Hemmer (ACE-Hemmer; Blutdruckmedikamente) – mögliche Ursache von Dysgeusie, Xerostomie oder BMS-ähnlichem Mundbrennen
- Anticholinerg wirksame Medikamente (Medikamente mit speichelhemmender Wirkung) – häufige Ursache von Xerostomie mit sekundärem Mundbrennen
- Antidepressiva (Medikamente gegen Depressionen) – können Xerostomie und Dysgeusie verursachen oder verstärken
- Antihistaminika (Medikamente gegen Allergien) – xerogene Wirkung (mundtrocken machende Wirkung) mit sekundärer Mundtrockenheit und Schleimhautbrennen möglich
- Antihypertensiva (Blutdrucksenker) – als mögliche Ursache von Xerostomie oder Geschmacksstörung zu prüfen
- Chemotherapeutika (Krebsmedikamente) und zielgerichtete Tumortherapeutika (zielgerichtete Krebsmedikamente) – können Mukositis (Schleimhautentzündung), Dysgeusie, Neuropathie und Schleimhautbrennen verursachen
- Glucocorticoide, inhalativ oder lokal – begünstigen orale Candidiasis und dadurch sekundäres Mundbrennen
- Neuroleptika (Medikamente gegen Psychosen) – können Xerostomie, Dysgeusie und orofaziale Bewegungsstörungen (Bewegungsstörungen im Mund-Gesichts-Bereich) verursachen
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Alkoholkonsum – kann Schleimhautirritation, Mundtrockenheit, Refluxbeschwerden und neuropathische Beschwerden begünstigen
- Nikotinkonsum – kann orale Schleimhautreizung, Xerostomie, Dysgeusie und prämaligne Schleimhautveränderungen (Krebsvorstufen der Schleimhaut) begünstigen
- Scharfe, saure oder stark gewürzte Nahrungsmittel – können irritatives Mundbrennen imitieren oder verstärken
Red Flags (Warnzeichen) bei Burning-Mouth-Syndrom (BMS)
Bei folgenden Befunden ist nicht von einem primären Burning-Mouth-Syndrom (BMS) auszugehen; vielmehr ist eine gezielte Abklärung lokaler, infektiöser, immunologischer oder neoplastischer Ursachen erforderlich:
- Einseitige, progrediente oder streng lokalisierte Beschwerden
- Sichtbare Schleimhautläsionen, insbesondere Ulzerationen, Erosionen, Leukoplakie (weiße Schleimhautveränderung), Erythroplakie (rote Schleimhautveränderung), Induration (Verhärtung) oder Blutung
- Nicht heilende Läsion über mehr als 2 Wochen
- Schluckstörung, ungewollter Gewichtsverlust, Lymphknotenschwellung oder Tumorverdacht
- Neurologische Ausfälle, Hypästhesie, Fazialisparese (Gesichtslähmung) oder ausgeprägte trigeminale Sensibilitätsstörung (Empfindungsstörung im Versorgungsgebiet des Drillingsnervs)
- Immunsuppression, schlecht eingestellter Diabetes mellitus oder rezidivierende orale Infektionen
Nur bei Red Flags oder sichtbaren Schleimhautveränderungen zusätzlich abzugrenzen:
- Mundhöhlenkarzinom (Mundhöhlenkrebs) – insbesondere bei persistierender Ulzeration, Induration, Blutung, einseitiger Symptomatik oder Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum
- Orale Leukoplakie, Erythroplakie und proliferative verruköse Leukoplakie (warzenartig wachsende weiße Schleimhautveränderung) – potenziell maligne Schleimhautveränderungen; bei sichtbarer Läsion keine Diagnose eines primären Burning-Mouth-Syndroms
- Pemphigus vulgaris (blasenbildende Autoimmunerkrankung) und Schleimhautpemphigoid (blasenbildende Autoimmunerkrankung der Schleimhaut) – autoimmune bullöse Schleimhauterkrankungen mit Erosionen oder Blasenbildung; nur bei entsprechenden Läsionen differentialdiagnostisch relevant
- Erythema exsudativum multiforme (akute entzündliche Haut- und Schleimhautreaktion) – akute mukokutane Reaktion mit schmerzhaften oralen Erosionen; klinisch durch sichtbare Läsionen vom Burning-Mouth-Syndrom abzugrenzen
- Syphilis (Lues; Geschlechtskrankheit) mit oraler Manifestation (Beteiligung der Mundschleimhaut) – seltene Differentialdiagnose bei persistierenden Ulzera, Plaques (Belägen) oder Risikokonstellation