Bauchtrauma (Abdominaltrauma) – Differentialdiagnosen

Atmungssystem (J00-J99)

  • Pneumonie (Lungenentzündung) der basalen Lungenabschnitte (unteren Lungenabschnitte) – kann insbesondere bei pleuritischem Schmerz (atembedingtem Brustkorbschmerz), Fieber, Dyspnoe (Atemnot) oder basalen Auskultationsbefunden (Abhörbefunden) abdominelle Schmerzen (Bauchschmerzen) imitieren
  • Pleuritis (Rippenfellentzündung) – kann durch atemabhängigen Oberbauchschmerz (Schmerz im oberen Bauchbereich) und Schonatmung ein Abdominaltrauma beziehungsweise intraabdominelle Verletzungen (Verletzungen innerhalb des Bauchraums) vortäuschen

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens) – kann mit epigastrischen Schmerzen (Schmerzen im Oberbauch), Übelkeit, vegetativer Symptomatik (Begleitsymptomen des unwillkürlichen Nervensystems) und hämodynamischer Instabilität (Kreislaufinstabilität) ein Abdominaltrauma beziehungsweise eine intraabdominelle Blutung (Blutung innerhalb des Bauchraums) imitieren
  • Aortendissektion (Einriss der Hauptschlagaderwand) – kann mit Thoraxschmerz (Brustkorbschmerz), Rücken-, Flanken- oder Abdominalschmerz (Bauchschmerz) auftreten und muss bei Schmerzmaximum, Kreislaufinstabilität, Pulsdifferenz oder neurologischer Symptomatik (nervenbedingten Beschwerden) abgegrenzt werden
  • Rupturiertes abdominales Aortenaneurysma (geplatzte Aussackung der Bauchschlagader) – lebensbedrohliche Differenzialdiagnose (mögliche andere Ursache) bei akutem Abdominal-, Flanken- oder Rückenschmerz, Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Synkope (kurzzeitiger Bewusstlosigkeit) oder tastbarer pulsierender Raumforderung (fühlbarer pulsierender Gewebevermehrung)

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Akute Cholezystitis (akute Gallenblasenentzündung) – kann rechtsseitigen Oberbauchschmerz, Abwehrspannung, Übelkeit und Fieber verursachen und eine traumatische Leber- oder Gallenblasenverletzung imitieren
  • Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) – wichtige Differenzialdiagnose bei epigastrischem Schmerz mit Ausstrahlung in den Rücken, Übelkeit, Erbrechen und paralytischem Ileus (Darmlähmung); nach Trauma (Verletzung) auch als traumatische Pankreasverletzung (Verletzung der Bauchspeicheldrüse) möglich
  • Choledocholithiasis (Gallengangssteinleiden) beziehungsweise biliäre Kolik (Gallenkolik) – kann kolikartige rechtsseitige Oberbauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen verursachen
  • Leberruptur (Leberriss) – relevante intraabdominelle Verletzung nach stumpfem oder penetrierendem Oberbauchtrauma (Oberbauchverletzung), insbesondere bei Kreislaufinstabilität, freier Flüssigkeit oder rechtsseitigem Oberbauchschmerz
  • Pankreasverletzung – seltene, aber klinisch relevante Verletzung nach epigastrischem Dezelerationstrauma (Verlangsamungsverletzung) oder direktem Oberbauchtrauma; initiale Symptomatik (anfängliche Beschwerden) kann diskret sein

Mund, Ösophagus, Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Akute Appendizitis (akute Blinddarmentzündung) – wichtige nichttraumatische Differenzialdiagnose bei rechtsseitigem Unterbauchschmerz, lokaler Abwehrspannung, Fieber oder Entzündungszeichen
  • Akute Divertikulitis (akute Entzündung von Darmausstülpungen) – kann linksseitigen Unterbauchschmerz, Fieber und lokale Peritonitis (Bauchfellentzündung) verursachen und eine traumatische Darm- oder Mesenterialverletzung (Verletzung des Darmgekröses) imitieren
  • Darmperforation (Darmdurchbruch) – kann traumatisch oder nichttraumatisch auftreten; Leitsymptome sind zunehmender abdomineller Schmerz, Peritonismus (Bauchfellreiz), freie Luft und septische Entwicklung (Entwicklung einer Blutvergiftung)
  • Darmverschluss – kann mit kolikartigen Schmerzen, Meteorismus (Blähbauch), Erbrechen und fehlendem Stuhl-/Windabgang ein akutes Abdomen (akuter Bauch) nach Trauma imitieren
  • Mesenterialischämie (Durchblutungsstörung des Darmgekröses) – wichtige Differenzialdiagnose bei starkem abdominellem Schmerz, Diskrepanz zwischen Schmerzintensität und initial geringem Untersuchungsbefund sowie Lactatanstieg
  • Mesenterialverletzung – relevante Verletzung nach stumpfem Abdominaltrauma, insbesondere bei Sicherheitsgurtzeichen, freier Flüssigkeit ohne solide Organverletzung (Verletzung eines festen Organs) oder verzögerter Peritonitis
  • Milzruptur (Milzriss) – häufige relevante Verletzung nach linksseitigem Thorakoabdominal- oder Oberbauchtrauma; möglich sind linksseitiger Oberbauchschmerz, Kehr-Zeichen, freie Flüssigkeit und hämorrhagischer Schock (Blutungsschock)
  • Retroperitoneales Hämatom (Bluterguss hinter dem Bauchfell) – wichtige Ursache von Flanken-, Rücken- oder Abdominalschmerz nach Trauma, insbesondere bei Beckenfraktur (Beckenbruch), Wirbelsäulenverletzung, Antikoagulation (Blutverdünnung) oder hämodynamischer Instabilität
  • Ulcusperforation (Geschwürdurchbruch) – nichttraumatische Differenzialdiagnose bei akutem Oberbauchschmerz, Peritonismus und freier intraabdomineller Luft (freier Luft im Bauchraum)
  • Verletzung von Magen, Dünndarm oder Kolon (Dickdarm) – relevante Hohlorganverletzung (Verletzung eines inneren Hohlorgans) nach stumpfem oder penetrierendem Trauma; klinisch häufig verzögerte Peritonitis, freie Luft, freie Flüssigkeit oder Sepsis (Blutvergiftung)

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Akute Lumbalgie (akuter Kreuzschmerz) beziehungsweise radikuläres Schmerzsyndrom (nervenwurzelbedingtes Schmerzsyndrom) – kann Flanken-, Leisten- oder Unterbauchschmerz imitieren, insbesondere bei bewegungsabhängigen Schmerzen und neurologischen Begleitsymptomen
  • Myofasziales Schmerzsyndrom (muskulär-bindegewebiges Schmerzsyndrom) der Bauchwand – kann lokalisierte druckschmerzhafte abdominelle Beschwerden ohne intraabdominelle Verletzung verursachen

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Extrauteringravidität (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) – lebensbedrohliche Differenzialdiagnose bei Unterbauchschmerz, Synkope, vaginaler Blutung oder hämoperitoneumähnlicher Symptomatik (Beschwerden wie bei Blut im Bauchraum) bei Frauen im reproduktionsfähigen Alter
  • Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens) – wichtige traumabezogene Differenzialdiagnose in der Schwangerschaft bei abdominellem Schmerz, uteriner Druckdolenz (Druckschmerz der Gebärmutter), vaginaler Blutung, Wehentätigkeit oder fetaler Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes)
  • Uterusruptur (Gebärmutterriss) – seltene, aber lebensbedrohliche Differenzialdiagnose bei Schwangeren, insbesondere bei vorausgegangener Uterusoperation (Gebärmutteroperation), schwerem Bauchtrauma, Schock oder fetaler Bradykardie (verlangsamtem Herzschlag des ungeborenen Kindes)

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Akutes Abdomen unklarer Genese (akuter Bauch unklarer Ursache) – klinisches Leitsyndrom (typisches Beschwerdebild) mit Peritonismus, Abwehrspannung, Ileuszeichen (Zeichen eines Darmverschlusses), Sepsis oder Kreislaufinstabilität, bis eine traumatische oder nichttraumatische Ursache gesichert ist
  • Hämorrhagischer Schock – kann Folge intraabdomineller, retroperitonealer (hinter dem Bauchfell gelegener), thorakaler (den Brustkorb betreffender), pelviner (das Becken betreffender) oder äußerer Blutung sein und darf nicht vorschnell ausschließlich dem Abdominaltrauma zugeordnet werden
  • Synkope mit sekundärem Trauma – kann primär kardial (herzbedingt), vaskulär (gefäßbedingt), neurologisch, metabolisch (stoffwechselbedingt) oder hämorrhagisch (blutungsbedingt) bedingt sein; das Bauchtrauma kann Folge und nicht Ursache des Ereignisses sein

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Adnexitis (akute Eileiter- und Eierstockentzündung) beziehungsweise Pelvic inflammatory disease (entzündliche Beckenerkrankung) – kann Unterbauchschmerz, Fieber, Druckdolenz (Druckschmerz) und Peritonismus imitieren
  • Akute Pyelonephritis (akute Nierenbeckenentzündung) – kann Flanken- und Abdominalschmerz, Fieber, Übelkeit und Klopfschmerz verursachen
  • Hodentorsion (Hodenverdrehung) – kann bei Jungen und Männern als Unterbauch-, Leisten- oder abdomineller Schmerz fehlgedeutet werden; urologischer Notfall
  • Nierenkolik bei Urolithiasis (Harnsteinleiden) – wichtige Differenzialdiagnose bei kolikartigem Flankenschmerz mit Ausstrahlung in Leiste oder Genitale (Geschlechtsorgane), Hämaturie (Blut im Urin) und vegetativer Symptomatik
  • Ovarialtorsion (Eierstockverdrehung) – gynäkologischer Notfall bei akutem einseitigem Unterbauchschmerz, Übelkeit und Erbrechen
  • Ruptur einer Ovarialzyste (Eierstockzyste) – kann akuten Unterbauchschmerz, freie Flüssigkeit und peritoneale Reizung (Bauchfellreizung) verursachen

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Iatrogene intraabdominelle Verletzung (durch medizinische Maßnahmen verursachte Verletzung im Bauchraum) – nach Operation, Intervention (medizinischem Eingriff), Punktion (Nadelentnahme), Endoskopie (Spiegelung) oder Katheterverfahren möglich; abzugrenzen bei zeitlichem Zusammenhang mit einem medizinischen Eingriff
  • Nichtakzidentelles Trauma (nicht zufällige Verletzung) – insbesondere bei diskrepanten Angaben zum Unfallmechanismus, multiplen Verletzungen unterschiedlichen Alters, Verzögerung der Vorstellung oder Verletzungsmustern, die nicht zur Anamnese (Krankengeschichte) passen

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Bauchdeckenhämatom (Bluterguss der Bauchwand) – lokalisierte schmerzhafte Schwellung oder Hämatombildung der Bauchwand; Differenzierung von intraabdomineller Blutung erforderlich
  • Bauchdeckenprellung (Prellung der Bauchwand) – oberflächliche Weichteilverletzung (Verletzung von Haut, Fettgewebe oder Muskulatur) nach stumpfem Trauma ohne Nachweis einer intraabdominellen Organverletzung
  • Beckenfraktur – kann retroperitoneale Blutung (Blutung hinter dem Bauchfell), Urogenitalverletzungen (Verletzungen von Harn- und Geschlechtsorganen) und hämodynamische Instabilität verursachen; relevante Begleitverletzung bei Hochenergietrauma (Verletzung durch starke Gewalteinwirkung)
  • Blasenruptur (Blasenriss) – insbesondere bei Beckenfraktur, Makrohämaturie (sichtbarem Blut im Urin), suprapubischem Schmerz (Schmerz oberhalb des Schambeins) oder fehlender Miktion (Wasserlassen) nach Trauma zu berücksichtigen
  • Duodenalverletzung (Verletzung des Zwölffingerdarms) – seltene, aber relevante retroperitoneale Hohlorganverletzung nach stumpfem Oberbauchtrauma; Beschwerden können initial verzögert auftreten
  • Gefäßverletzungen des Abdomens (Bauchs) oder Retroperitoneums (Raums hinter dem Bauchfell) – lebensbedrohliche Blutungsursache nach stumpfem oder penetrierendem Trauma, insbesondere bei Schock, expandierendem Hämatom (zunehmendem Bluterguss) oder aktiver Kontrastmittelextravasation (Austritt von Kontrastmittel aus einem Gefäß)
  • Milzverletzung – häufige intraabdominelle Verletzung nach stumpfem Trauma mit Risiko einer akuten oder verzögerten Blutung
  • Nierenverletzung – relevante Verletzung bei Flankentrauma, Hämaturie, Rippen-/Wirbelfraktur oder Dezelerationstrauma
  • Rippenfrakturen (Rippenbrüche) – können Oberbauchschmerz imitieren oder mit Leber-, Milz-, Lungen- und Zwerchfellverletzungen assoziiert sein
  • Thoraxverletzungen (Brustkorbverletzungen) – insbesondere Pneumothorax (Luftansammlung im Brustkorb), Hämatothorax (Blutansammlung im Brustkorb), Lungenkontusion (Lungenprellung) und Herzbeuteltamponade (Druck auf das Herz durch Flüssigkeit im Herzbeutel) können Kreislaufinstabilität oder Oberbauchbeschwerden mitverursachen
  • Ureterverletzung (Harnleiterverletzung) – seltene Verletzung, insbesondere bei penetrierendem Trauma, Beckenfraktur oder iatrogenem Trauma; Hämaturie kann fehlen
  • Urethraverletzung (Harnröhrenverletzung) – bei Beckenfraktur, Blut am Meatus (Harnröhrenausgang), Harnverhalt oder perinealem Hämatom (Bluterguss im Dammbereich) zu berücksichtigen
  • Wirbelfrakturen (Wirbelbrüche) – können abdominelle, flankige oder radikuläre Schmerzen verursachen und sind bei Hochenergietrauma, neurologischen Defiziten (Ausfällen des Nervensystems) oder Rückenschmerz abzugrenzen
  • Zwerchfellruptur (Zwerchfellriss) – wichtige Differentialdiagnose bei thorakoabdominalem Trauma (Brustkorb-Bauch-Verletzung), Dyspnoe, abnormer Zwerchfellkontur, intrathorakaler Organverlagerung (Verlagerung von Organen in den Brustkorb) oder persistierenden Oberbauch-/Thoraxbeschwerden (Brustkorbbeschwerden)
  • Zwerchfellkontusion (Zwerchfellprellung) – kann thorakoabdominale Schmerzen und atemabhängige Beschwerden verursachen; Abgrenzung zur Zwerchfellruptur erforderlich

Medikamente

  • Antikoagulantien und Thrombozytenaggregationshemmer (Gerinnungshemmer) – erhöhen das Risiko für Bauchdeckenhämatom, retroperitoneales Hämatom, verzögerte Blutung und klinisch relevante Blutung auch nach zunächst gering erscheinendem Trauma

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholintoxikation (Alkoholvergiftung) – kann Anamnese, Schmerzangabe, Vigilanz (Wachheit) und körperlichen Untersuchungsbefund verfälschen; relevante intraabdominelle oder Begleitverletzungen können dadurch maskiert werden
  • Drogenintoxikation (Drogenvergiftung) – kann Bewusstseinslage, Schmerzreaktion und Kreislaufsituation verändern und die klinische Beurteilung nach Abdominaltrauma erschweren