Kohlenhydrate in der Stillphase

Kohlenhydrate sind während der Laktationsphase (Stillphase) eine wesentliche Energiequelle der Mutter. In der Frauenmilch stellen Lactose (Milchzucker) und Humanmilch-Oligosaccharide (komplexe Mehrfachzucker der Muttermilch; HMO) die quantitativ und funktionell wichtigsten Kohlenhydratfraktionen dar. Für eine physiologische Milchbildung ist jedoch keine gezielte Steigerung der Kohlenhydratzufuhr über eine bedarfsgerechte Ernährung hinaus erforderlich. Entscheidend sind eine ausreichende Gesamtenergiezufuhr, eine hohe Qualität der Kohlenhydratquellen und die Vermeidung ausgeprägter Energie- oder Kohlenhydratrestriktionen [LL1, LL2, LL4, LL5, 6-10, 13, 14].

Kernaussagen

  • Kohlenhydratanteil: Nach den DGE/ÖGE-Referenzwerten sollte eine vollwertige Mischkost mehr als 50 % der Energiezufuhr aus Kohlenhydraten liefern. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nennt für Erwachsene einschließlich Stillender einen Referenzbereich von 45-60 Energieprozent [LL1, LL4].
  • Laktationsspezifischer Bedarf: Für Stillende besteht keine eigenständige Empfehlung für einen höheren prozentualen Kohlenhydratanteil. Die absolute Kohlenhydratmenge ergibt sich aus dem individuellen Gesamtenergiebedarf [LL1, LL2].
  • Zusätzliche Energiezufuhr: Bei ausschließlichem Stillen während der ersten 4-6 Monate gilt ein Richtwert von zusätzlich 500 kcal täglich. Ein pauschaler Gesamtenergiebedarf von 2.800-3.000 kcal täglich ist nicht ableitbar [LL2].
  • Ballaststoffe: Stillende sollten mindestens 30 g Ballaststoffe täglich bzw. eine Ballaststoffdichte von etwa 14,6 g pro 1.000 kcal anstreben [LL3].
  • Freie Zucker: Die Zufuhr freier Zucker sollte weniger als 10 % der Gesamtenergiezufuhr ausmachen. Eine weitere Reduktion auf weniger als 5 Energieprozent kann zusätzliche gesundheitliche Vorteile bieten [LL6].
  • Frauenmilch: Lactose ist das quantitativ dominierende Kohlenhydrat der Frauenmilch. Ihre Konzentration bleibt während der Laktation und gegenüber üblichen Schwankungen der mütterlichen Ernährung vergleichsweise stabil [1, 2, 6-10].
  • Humanmilch-Oligosaccharide: Mehr als 200 unterschiedliche HMO-Strukturen wurden beschrieben. Konzentration und Zusammensetzung werden wesentlich durch das Laktationsstadium, den Secretor-Status und das Lewis-Blutgruppensystem bestimmt [3-5].
  • Milchbildung: Eine über den Bedarf hinausgehende Kohlenhydratzufuhr steigert weder die Lactosekonzentration noch die Milchmenge zuverlässig [LL7, 6-10].
  • Restriktive Ernährungsformen: Sehr kohlenhydratarme oder ketogene Kostformen und längeres Fasten sind während der Laktation nicht routinemäßig zu empfehlen. Unter zusätzlichen katabolen Bedingungen kann eine seltene, aber potenziell schwere Laktationsketoacidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes während der Stillzeit) auftreten [13, 14].

Referenzwerte für die Kohlenhydratzufuhr

Die DGE und ÖGE empfehlen für eine vollwertige Mischkost, mehr als 50 % der Energiezufuhr durch Kohlenhydrate zu decken. Dieser Richtwert muss gemeinsam mit dem individuellen Energiebedarf, dem Proteinbedarf und dem Richtwert für die Fettzufuhr beurteilt werden [LL1].

Die EFSA nennt einen Referenzbereich von 45-60 Energieprozent aus Kohlenhydraten. Dieser Bereich gilt für Erwachsene einschließlich Schwangerer und Stillender. Die DGE/ÖGE- und EFSA-Werte beruhen auf unterschiedlichen methodischen Herleitungen und sind nicht als widersprüchlich zu bewerten [LL1, LL4].

Eine eigenständige laktationsspezifische Kohlenhydratzulage in Gramm pro Tag wird nicht festgelegt. Die absolute Kohlenhydratmenge ergibt sich aus der individuellen Gesamtenergiezufuhr:

Kohlenhydratmenge in g/Tag = Gesamtenergiezufuhr in kcal/Tag × Kohlenhydratanteil ÷ 4 kcal/g.

Gesamtenergiezufuhr Kohlenhydratmenge bei 50 Energieprozent
2.300 kcal/Tag etwa 288 g/Tag
2.600 kcal/Tag etwa 325 g/Tag
2.900 kcal/Tag etwa 363 g/Tag

Diese Werte sind Rechenbeispiele und keine individuellen Mindestzufuhren. Der tatsächliche Bedarf hängt insbesondere von Alter, Körpermasse, körperlicher Aktivität, Stillintensität und Gewichtsverlauf ab [LL1, LL2].

Zusätzlicher Energiebedarf während der Laktation

Für ausschließliches Stillen während der ersten 4-6 Monate nennt die DGE einen Richtwert für eine zusätzliche Energiezufuhr von 500 kcal täglich [LL2]. Der Wert ist ein durchschnittlicher Zuschlag und darf nicht mit einem für alle Stillenden geltenden Gesamtenergiebedarf gleichgesetzt werden.

Nach dem 4.-6. Monat unterscheiden sich Stillhäufigkeit und produzierte Milchmenge erheblich. Für partielles Stillen kann daher kein einheitlicher Energiezuschlag angegeben werden. Die Energiezufuhr ist anhand der Stillintensität, der körperlichen Aktivität, der Körperzusammensetzung und des mütterlichen Gewichtsverlaufs zu individualisieren [LL2].

Die zusätzliche Energie muss nicht ausschließlich durch Kohlenhydrate bereitgestellt werden. Sie ist im Rahmen einer bedarfsgerechten Verteilung von Kohlenhydraten, Protein und Fett zuzuführen. Eine forcierte Kohlenhydratzufuhr zur vermeintlichen Steigerung der Milchbildung ist nicht evidenzbasiert [LL7, 6-10].

Kohlenhydrate der Frauenmilch

Die wesentlichen Kohlenhydratfraktionen der Frauenmilch sind:

  • Lactose: quantitativ dominierendes Kohlenhydrat und bedeutende Energiequelle des Säuglings.
  • Humanmilch-Oligosaccharide: strukturell vielfältige, überwiegend nicht durch kindliche Verdauungsenzyme abgebaute Oligosaccharide mit präbiotischen, antiadhäsiven und immunmodulatorischen Funktionen.
  • Freie Monosaccharide: geringe Konzentrationen von Glukose, Galactose und Fructose mit nur geringem Anteil an der Gesamtenergiezufuhr.

In der multizentrischen Mothers, Infants and Lactation Quality Study mit 1.242 gut ernährten Frauen aus Bangladesch, Brasilien, Dänemark und Gambia wurden Milchproben untersucht. Die mittels Nahinfrarotspektroskopie bestimmten Kohlenhydratkonzentrationen lagen während der ersten 8,5 Laktationsmonate zwischen 68,2 und 70,1 g/l und waren damit vergleichsweise stabil [1].

Die in Studien angegebenen Konzentrationen von Lactose, Gesamtkohlenhydraten und HMO beruhen teilweise auf unterschiedlichen analytischen Verfahren. HMO werden häufig chromatographisch separat bestimmt, während Geräte zur Makronährstoffanalyse einen kalibrierten Gesamtkohlenhydrat- oder Lactosewert ausgeben. Werte aus unterschiedlichen Verfahren dürfen daher nicht ohne methodenspezifische Prüfung addiert werden [1-4].

Lactose

Lactose ist ein Disaccharid aus Glukose und Galactose. Sie wird in der Milchdrüse durch den Lactose-Synthase-Komplex aus Glukose und UDP-Galactose synthetisiert. Die Lactose der Frauenmilch wird daher nicht unmittelbar aus der Nahrung der Mutter übernommen [2].

Lactose ist das wichtigste osmotisch wirksame Molekül der Frauenmilch. Durch ihre Synthese wird Wasser in das Milchsekret gezogen, sodass sie wesentlich an der Regulation des Milchvolumens beteiligt ist. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine höhere orale Kohlenhydratzufuhr automatisch die Lactosesynthese oder Milchmenge steigert [2, 6-9].

Für reife Frauenmilch werden typische Lactosekonzentrationen von etwa 67-78 g/l angegeben [2]. Bei einer angenommenen Aufnahme von 800 ml Frauenmilch erhält der Säugling rechnerisch etwa 54-62 g Lactose täglich. Die tatsächliche Aufnahme hängt vom getrunkenen Milchvolumen, vom Laktationsstadium, von der Probengewinnung und vom analytischen Verfahren ab.

Lactose liefert etwa 4 kcal/g und trägt ungefähr 40 % zur Energie der Frauenmilch bei. Nach Spaltung durch die intestinale Lactase werden Glukose und Galactose resorbiert. Galactose dient unter anderem als Substrat für die Synthese von Glykolipiden und Glykoproteinen [2].

Humanmilch-Oligosaccharide (HMO)

HMO sind komplexe unverzweigte oder verzweigte Oligosaccharide. Sie werden aus den fünf Grundbausteinen Glukose, Galactose, N-Acetylglucosamin, Fucose und N-Acetylneuraminsäure aufgebaut. Mehr als 200 unterschiedliche HMO-Strukturen wurden beschrieben [3, 5].

Eine systematische Auswertung der publizierten HMO-Konzentrationen ergab im Mittel etwa:

  • Kolostrum (Vormilch): 17,7 g/l.
  • Übergangsmilch: 13,3 g/l.
  • Reife Frauenmilch: 11,3 g/l.

Die Konzentrationen weisen eine erhebliche interindividuelle und methodenabhängige Streuung auf [3, 4].

Funktionen der Humanmilch-Oligosaccharide

HMO werden im Dünndarm des Säuglings nur in geringem Umfang enzymatisch abgebaut und erreichen überwiegend das Kolon (Dickdarm). Dort dienen sie als selektive Substrate für bestimmte Mikroorganismen, insbesondere für HMO-verwertende Bifidobakterien wie Bifidobacterium longum subsp. infantis. Nicht alle Bifidobacterium- oder Lactobacillus-Spezies können HMO in gleichem Umfang verwerten [5].

Bei der mikrobiellen Metabolisierung entstehen insbesondere Acetat, Lactat und weitere kurzkettige Fettsäuren. Diese Metaboliten können den intestinalen pH-Wert senken und dadurch die Wachstumsbedingungen für bestimmte potenziell pathogene Mikroorganismen verschlechtern [5].

Ferner können HMO:

  • als lösliche Decoy-Strukturen wirken: HMO können die Bindung bestimmter Mikroorganismen oder Toxine an epitheliale Oberflächen vermindern.
  • die intestinale Barriere (Schutzbarriere des Darms) beeinflussen: Experimentelle Daten weisen auf Effekte auf Epithelreifung, Zellkontakte und Schleimhautreaktionen hin.
  • immunologische Signalwege modulieren: HMO können angeborene und adaptive Immunreaktionen beeinflussen.
  • die mikrobielle Besiedlung selektieren: Die Wirkung hängt von der jeweiligen HMO-Struktur und den vorhandenen mikrobiellen Stämmen ab.

Ein großer Teil dieser Funktionen ist mechanistisch und präklinisch gut belegt. Die klinische Bedeutung einzelner HMO-Strukturen für konkrete Erkrankungsendpunkte ist jedoch nicht abschließend geklärt [5].

Determinanten der HMO-Zusammensetzung

Die Konzentration und Zusammensetzung der HMO werden vor allem durch folgende Faktoren bestimmt:

  • Laktationsstadium: Die Gesamt-HMO-Konzentration ist im Kolostrum am höchsten und nimmt im weiteren Verlauf der Laktation ab [3, 4].
  • Secretor-Status: Die Aktivität der durch FUT2 codierten α1,2-Fucosyltransferase bestimmt wesentlich die Bildung α1,2-fucosylierter HMO wie 2′-Fucosyllactose [3-5].
  • Lewis-Blutgruppensystem: Die durch FUT3 codierte α1,3/4-Fucosyltransferase beeinflusst weitere fucosylierte HMO-Strukturen [3-5].
  • Genetische und geografische Faktoren: Zwischen verschiedenen Populationen wurden Unterschiede in der HMO-Zusammensetzung beschrieben [3, 4].
  • Analytisches Verfahren: Probenzeitpunkt, Probengewinnung, Lagerung und Quantifizierungsmethode tragen wesentlich zur Variabilität der Studienergebnisse bei [3, 4].

Secretor-Status, Lewis-Status und Laktationsstadium haben einen wesentlich besser belegten Einfluss auf das HMO-Profil als die übliche Variation der mütterlichen Kohlenhydratzufuhr [3-5, 11].

Einfluss der mütterlichen Ernährung auf die Lactosekonzentration

Systematische Reviews zeigen, dass die Lactose- bzw. Gesamtkohlenhydratkonzentration der Frauenmilch gegenüber üblichen Schwankungen der mütterlichen Ernährung relativ stabil bleibt [6-9].

In einem systematischen Review mit 50 eingeschlossenen Studien berichteten etwa zwei Drittel der Untersuchungen keinen Zusammenhang zwischen der mütterlichen Nährstoffzufuhr bzw. dem Ernährungsstatus und der Kohlenhydratkonzentration der Frauenmilch. Die eingeschlossenen Studien waren jedoch hinsichtlich Design, Ernährungsanamnese, Milchprobengewinnung und analytischen Verfahren heterogen [7].

Der aktualisierte systematische Review von Petersohn et al. zeigte ebenfalls, dass Studien zur mütterlichen Ernährung und den Kohlenhydraten der Frauenmilch zahlenmäßig begrenzt sowie hinsichtlich Methodik und Ergebnissen heterogen sind. Die Kohlenhydrat-, Protein-, Vitamin- und Mineralstoffzufuhr war nur selten konsistent mit den entsprechenden Konzentrationen in der Frauenmilch assoziiert [8].

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zu unterschiedlichen Ernährungsmustern bestätigte die erhebliche Heterogenität der verfügbaren Untersuchungen. Eine verlässliche Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen mütterlicher Kohlenhydratzufuhr und Lactosekonzentration lässt sich daraus nicht ableiten [9].

Eine Kohortenstudie aus dem Jahr 2026 mit 40 Frauen zeigte ebenfalls weitgehend stabile Makronährstoffkonzentrationen und nur minimale Assoziationen mit der mütterlichen Makronährstoffzufuhr. Aufgrund der kleinen Stichprobe, des beobachtenden Designs und multipler Analysen ist die Aussagekraft für allgemeine Ernährungsempfehlungen begrenzt [10].

Zusammenfassend gilt:

  • Erhöhte Kohlenhydratzufuhr: Eine Steigerung der mütterlichen Kohlenhydratzufuhr erhöht die Lactosekonzentration nicht zuverlässig [6-10].
  • Moderate Kohlenhydratreduktion: Eine moderate Reduktion bei ausreichender Gesamtenergiezufuhr führt nicht regelhaft zu einer klinisch relevanten Abnahme der Lactosekonzentration [6-10].
  • Milchmenge: Eine zusätzliche Kohlenhydratzufuhr ist kein belegtes Mittel zur Steigerung der Milchproduktion [LL7, 6-10].
  • Evidenzgrenze: Sehr kohlenhydratarme, ketogene und ausgeprägt hypokalorische Ernährungsformen sind von den untersuchten üblichen Ernährungsschwankungen klar abzugrenzen [13, 14].

Einfluss der mütterlichen Ernährung auf Humanmilch-Oligosaccharide 

Eine kleine kontrollierte Cross-over-Studie zeigte, dass kurzfristige Veränderungen der mütterlichen Energie- und Kohlenhydratquellen die Konzentration einzelner HMO sowie deren Fucosylierung verändern können [11].

Die Studie weist jedoch wesentliche Einschränkungen auf:

  • Kleine Stichprobe: Die Teilnehmerzahl war für robuste klinische Schlussfolgerungen unzureichend.
  • Kurze Interventionsdauer: Erfasst wurden vorwiegend kurzfristige metabolische Veränderungen.
  • Multiple Einzelanalysen: Zahlreiche HMO wurden gleichzeitig untersucht, wodurch Zufallsbefunde wahrscheinlicher werden.
  • Fehlende klinische Endpunkte: Veränderungen einzelner HMO wurden nicht zuverlässig mit klinisch relevanten kindlichen Endpunkten verbunden.
  • Dominierende genetische Faktoren: Secretor- und Lewis-Status erklären einen erheblichen Anteil der HMO-Variabilität [3-5, 11].

Es existiert daher derzeit keine evidenzbasierte Ernährungsform, mit der Stillende gezielt ein klinisch vorteilhaftes HMO-Profil erzeugen können [6-9, 11].

Freie Zucker und Fructose in der Frauenmilch

Freie Zucker umfassen zugesetzte Mono- und Disaccharide sowie natürlich vorkommende Zucker in Honig, Sirupen, Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten. Natürlich vorkommende Zucker in intaktem Obst, Gemüse und Milch zählen nicht zu den freien Zuckern [LL6].

Die WHO empfiehlt, die Zufuhr freier Zucker während des gesamten Lebens auf weniger als 10 % der Gesamtenergiezufuhr zu begrenzen. Eine weitere Reduktion auf weniger als 5 Energieprozent kann zusätzliche gesundheitliche Vorteile bieten [LL6].

In einer randomisierten Cross-over-Studie mit 41 lactierenden Frauen führte die einmalige Aufnahme eines mit High-Fructose Corn Syrup gesüßten Getränks mit 65 g Zucker zu einer vorübergehenden Erhöhung der Fructosekonzentration in der Frauenmilch. Die Fructosekonzentration verdoppelte sich innerhalb von etwa drei Stunden und blieb bis zu fünf Stunden erhöht. Die Konzentrationen von Glukose und Lactose veränderten sich nicht relevant [12].

Die absoluten Fructosekonzentrationen in der Frauenmilch blieben sehr niedrig. Aus dieser kurzfristigen biochemischen Veränderung lassen sich keine gesicherten klinischen Folgen für den Säugling ableiten. Die Untersuchung belegt insbesondere keinen direkten Zusammenhang zwischen gelegentlichem Zuckerkonsum der Mutter und kindlichen Erkrankungen [12].

Qualität der Kohlenhydratquellen

Für die ernährungsmedizinische Bewertung ist die Lebensmittelmatrix bedeutsamer als die alleinige Unterscheidung zwischen einfachen und komplexen Kohlenhydraten. Die WHO empfiehlt, Kohlenhydrate überwiegend aus Vollkornprodukten, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten aufzunehmen [LL5].

  • Vollkornprodukte: Vollkornbrot, Haferflocken, Vollkornnudeln, Naturreis, Gerste und Roggen.
  • Hülsenfrüchte: Linsen, Bohnen, Erbsen und Kichererbsen.
  • Gemüse und Kartoffeln: Nährstoffreiche Stärke- und Ballaststoffquellen mit geringer oder mäßiger Energiedichte.
  • Ganzes Obst: Liefert Kohlenhydrate zusammen mit Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und bioaktiven Wirkstoffen.
  • Milch und ungesüßte Milchprodukte: Liefern Lactose zusammen mit Protein, Calcium und weiteren Mikronährstoffen.
  • Zu begrenzende Quellen: Zuckergesüßte Getränke, Fruchtsäfte, Süßwaren, stark gezuckerte Frühstücksprodukte und andere Lebensmittel mit hohem Anteil freier Zucker.

Ein spezieller laktationsbezogener Zielwert für den glykämischen Index oder die glykämische Last besteht nicht. Bei stoffwechselgesunden Stillenden sind daher vor allem Lebensmittelqualität, Gesamtenergiezufuhr und Ballaststoffgehalt zu berücksichtigen [LL1, LL3, LL5].

Ballaststoffe

Für Stillende gilt ein Richtwert von mindestens 30 g Ballaststoffen täglich. Zusätzlich ist eine Ballaststoffdichte von etwa 14,6 g pro 1.000 kcal anzustreben [LL3].

Ballaststoffreiche Lebensmittel unterstützen die normale Darmfunktion. Die Zufuhr sollte bevorzugt durch Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Nüsse und Samen erreicht werden [LL3, LL5].

Bei zuvor ballaststoffarmer Ernährung sollte die Zufuhr schrittweise erhöht und mit einer bedarfsgerechten Flüssigkeitszufuhr kombiniert werden. Eine Supplementierung mit definierten Ballaststoffen kann bei unzureichender alimentärer Zufuhr oder entsprechender medizinischer Indikation sinnvoll sein. Sie ersetzt jedoch nicht die Vielfalt ballaststoffreicher Lebensmittel.

Kohlenhydratreiche Lebensmittel als Galaktagoga (milchbildungsfördernde Mittel)

Für einzelne kohlenhydratreiche Lebensmittel oder Produkte wie Hafer, Gerste, Malzgetränke oder sogenannte Stillkekse liegt keine hinreichende Evidenz für eine klinisch relevante Steigerung der Milchproduktion vor. Ein möglicher Effekt kann insbesondere nicht allein aus dem Kohlenhydrat-, Stärke- oder β-Glucangehalt abgeleitet werden [LL7].

Das Protokoll der Academy of Breastfeeding Medicine empfiehlt aufgrund der unzureichenden Evidenz kein bestimmtes Galaktagogum generell. Vor einer alimentären, pflanzlichen oder medikamentösen Intervention müssen modifizierbare Ursachen einer verminderten Milchbildung identifiziert werden [LL7].

Bei vermuteter unzureichender Milchmenge haben folgende Maßnahmen Vorrang:

  • Stillmanagement: Überprüfung von Stillfrequenz, Anlegeposition, Saugtechnik und effektivem Milchtransfer.
  • Brustentleerung: Sicherstellung einer häufigen und wirksamen Entleerung der Brust.
  • Kindliche Beurteilung: Kontrolle von Gewichtsentwicklung, Ausscheidungen und möglichen anatomischen oder funktionellen Stillhindernissen.
  • Mütterliche Beurteilung: Abklärung möglicher hormoneller, anatomischer, medikamentöser oder systemischer Ursachen einer verminderten Milchbildung.

Die häufige und effektive Milchentleerung ist die primäre Maßnahme zur Steigerung der Milchbildung. Galaktagoga können eine unzureichende oder zu seltene Brustentleerung nicht kompensieren [LL7].

Lactoseintoleranz (Unverträglichkeit von Milchzucker) der Mutter

Eine Lactoseintoleranz der Mutter vermindert die Lactosekonzentration der Frauenmilch nicht. Lactose wird in der Milchdrüse aus Glukose und UDP-Galactose neu synthetisiert und nicht unverändert aus lactosehaltigen Lebensmitteln in die Frauenmilch übernommen [2, 6-9].

Eine lactosearme oder lactosefreie Ernährung kann bei maternaler Lactoseintoleranz zur Symptomkontrolle sinnvoll sein. Sie ist jedoch nicht geeignet, die Lactoseaufnahme des Säuglings zu reduzieren.

Werden Milchprodukte eingeschränkt, ist auf eine ausreichende Zufuhr insbesondere von Calcium, Jod, Riboflavin und Protein zu achten.

Kohlenhydratrestriktion, Fasten und ketogene Ernährung

Die laktierende Milchdrüse weist einen hohen Glukosebedarf auf. Gleichzeitig werden durch die Milchproduktion kontinuierlich Energie und Kohlenhydrate abgegeben. Eine ausgeprägte Einschränkung der Kohlenhydrat- und Energiezufuhr kann daher die Ketogenese (Bildung von Ketonkörpern) begünstigen, insbesondere bei ausschließlichem Stillen und hoher Milchproduktion [13, 14].

Der systematische Review zur Kohlenhydratrestriktion während der Laktation basiert überwiegend auf Fallberichten und Fallserien. Die Evidenzqualität ist daher niedrig. Die dokumentierten Fälle zeigen jedoch ein konsistentes klinisches Muster einer Laktationsketoacidose, wenn eine ausgeprägte Kohlenhydrat- oder Energierestriktion mit zusätzlichen katabolen Faktoren zusammentraf [13, 14].

Zu den begünstigenden Faktoren zählen:

  • Längeres Fasten oder Mahlzeitenauslassen: verstärkte Lipolyse (Fettabbau) und Ketonkörperbildung.
  • Ketogene oder sehr kohlenhydratarme Ernährung: reduzierte Verfügbarkeit glucogener Substrate.
  • Erbrechen oder Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung): gleichzeitiger Substratmangel und Flüssigkeitsverlust.
  • Fieberhafte Erkrankung: erhöhter Energieumsatz bei häufig eingeschränkter Nahrungsaufnahme.
  • Intensive körperliche Belastung: zusätzlicher Energieverbrauch und Entleerung der Glykogenspeicher.
  • Aggressive Gewichtsreduktion: ausgeprägte negative Energiebilanz.

Sehr kohlenhydratarme oder ketogene Ernährungsformen und längeres Fasten sind während der Laktation daher nicht routinemäßig zu empfehlen [13, 14]. Bei einer zwingenden therapeutischen Indikation ist eine fachärztliche und ernährungsmedizinische Begleitung mit Sicherstellung einer ausreichenden Energie-, Protein-, Flüssigkeits- und Mikronährstoffzufuhr erforderlich.

Eine moderate Kohlenhydratreduktion kann bei entsprechender medizinischer Indikation möglich sein, sofern keine Ketose (vermehrte Bildung von Ketonkörpern) angestrebt wird, die Gesamtenergiezufuhr ausreichend ist und keine zusätzlichen katabolen Faktoren vorliegen. Eine sichere, allgemeingültige Untergrenze der Kohlenhydratzufuhr für Stillende lässt sich aus der derzeitigen Evidenz nicht ableiten [13].

Red Flags (Warnzeichen) bei Laktationsketoacidose

  • Anhaltende Übelkeit und wiederholtes Erbrechen
  • Bauchschmerzen
  • Ausgeprägte Schwäche oder allgemeines Krankheitsgefühl
  • Tachypnoe (beschleunigte Atmung) oder Dyspnoe (Atemnot)
  • Dehydratation (Flüssigkeitsmangel)
  • Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörung
  • Kombination aus ausschließlichem Stillen, Nahrungskarenz und akuter Erkrankung

Bei entsprechendem klinischen Verdacht sind unverzüglich Blutgasanalyse, pH-Wert, Bicarbonat, Anionenlücke, Blutglukose, β-Hydroxybutyrat bzw. Ketonkörper, Elektrolyte, Lactat und Nierenfunktionsparameter zu bestimmen. Typisch ist eine metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes) mit erhöhter Anionenlücke und Ketose bei häufig normaler oder erniedrigter Blutglukose [14].

Praktische Empfehlungen

  • Kohlenhydratanteil: Orientierung an mehr als 50 Energieprozent nach DGE/ÖGE bzw. am EFSA-Referenzbereich von 45-60 Energieprozent [LL1, LL4].
  • Lebensmittelauswahl: Bevorzugung von Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse, Kartoffeln und ganzem Obst [LL5].
  • Ballaststoffe: Aufnahme von mindestens 30 g täglich [LL3].
  • Freie Zucker: Begrenzung auf weniger als 10 Energieprozent [LL6].
  • Getränke: Wasser und ungesüßte Getränke als primäre Flüssigkeitsquellen; zuckergesüßte Getränke und Fruchtsäfte nur in begrenzten Mengen.
  • Milchbildung: Keine gezielte Zucker-, Malz- oder Kohlenhydratbelastung zur Steigerung der Milchmenge [LL7].
  • Gewichtsreduktion: Vermeidung ausgeprägter Energiedefizite, längerer Fastenintervalle und ketogener Kostformen [13, 14].
  • Individualisierung: Ernährungsmedizinische Mitbetreuung bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), gastrointestinalen Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts), Untergewicht, Adipositas (Fettleibigkeit), raschem Gewichtsverlust oder restriktiven Ernährungsformen.

Fazit

Während der Laktationsphase ist eine bedarfsgerechte Kohlenhydratzufuhr erforderlich, um den erhöhten mütterlichen Energieumsatz zu unterstützen. Nach DGE/ÖGE sollten mehr als 50 % der Energiezufuhr aus Kohlenhydraten stammen; der EFSA-Referenzbereich beträgt 45-60 Energieprozent. Eine gesonderte höhere prozentuale Kohlenhydratzufuhr für Stillende ist nicht erforderlich [LL1, LL4].

Vorrang haben Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Kartoffeln und ganzes Obst. Mindestens 30 g Ballaststoffe täglich sind anzustreben, während freie Zucker weniger als 10 % der Gesamtenergiezufuhr ausmachen sollten [LL3, LL5, LL6].

Die Lactosekonzentration der Frauenmilch wird überwiegend durch die Milchdrüse reguliert und lässt sich durch eine erhöhte mütterliche Kohlenhydratzufuhr nicht zuverlässig steigern. Auch für eine gezielte Optimierung der HMO-Zusammensetzung durch bestimmte Kohlenhydratquellen besteht derzeit keine ausreichende Evidenz [6-11].

Sehr kohlenhydratarme, ketogene und ausgeprägt hypokalorische Ernährungsformen sind wegen des erhöhten katabolen Risikos und der möglichen Laktationsketoacidose zu vermeiden bzw. nur bei zwingender medizinischer Indikation unter fachärztlicher und ernährungsmedizinischer Begleitung durchzuführen [13, 14].

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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

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  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Energie. 3. Auflage, 2025; Erratum Mai 2026. Website  [LL2]
  3. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Ballaststoffe. 3. Auflage, 2025; Erratum Mai 2026. Website  [LL3]
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