Drohende Frühgeburt – Differentialdiagnosen

Im Folgenden die wichtigsten Differenzialdiagnosen bzw. klinisch relevanten Ursachen, die bei Verdacht auf drohende Frühgeburt abgegrenzt werden müssen:

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Akute Appendizitis (Blinddarmentzündung) – wichtige nichtobstetrische Differenzialdiagnose bei rechtsseitigem Unterbauchschmerz, Abwehrspannung, Übelkeit, Fieber oder Leukozytose (erhöhten weißen Blutkörperchen).

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Abruptio placentae (vorzeitige Plazentalösung) – vorzeitige Plazentalösung mit Schmerzen, vaginaler Blutung, uterinem Hypertonus (erhöhter Gebärmutterspannung), pathologischer fetaler Herzfrequenz (auffälliger kindlicher Herzfrequenz) oder Koagulopathie (Gerinnungsstörung); geburtshilflicher Notfall.
  • Chorioamnionitis/intraamniale Infektion (Entzündung von Eihäuten und Fruchtblase/Infektion in der Fruchthöhle) – Infektion von Fruchtblase und Eihäuten; klinisch relevant bei Fieber, uteriner Druckdolenz (Druckschmerzhaftigkeit der Gebärmutter), fetaler oder maternaler Tachykardie (kindlichem oder mütterlichem Herzrasen), übelriechendem Fruchtwasser oder erhöhten Entzündungsparametern.
  • Cervixinsuffizienz (Muttermundschwäche) – Cervixverkürzung (Verkürzung des Gebärmutterhalses) oder schmerzlose Cervixdilatation (Öffnung des Gebärmutterhalses), häufig ohne regelmäßige Wehentätigkeit; relevant bei vorangegangener Frühgeburt, Spätabort (späte Fehlgeburt) oder Cervixoperation (Operation am Gebärmutterhals).
  • Placenta praevia/tiefer Sitz der Plazenta (vor dem Muttermund liegender Mutterkuchen/tiefsitzender Mutterkuchen) – typischerweise schmerzlose vaginale Blutung im zweiten oder dritten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel); Kontraktionen können sekundär auftreten.
  • Uterusruptur/drohende Narbenruptur (Gebärmutterriss/drohender Narbenriss) – selten, aber lebensbedrohlich; Verdacht bei Zustand nach Sectio (Kaiserschnitt) oder Uterusoperation (Operation an der Gebärmutter), akutem Dauerschmerz, vaginaler Blutung, Wehenanomalie (auffälliger Wehentätigkeit) oder pathologischer fetaler Herzfrequenz.
  • Vasa praevia (vor dem Muttermund verlaufende kindliche Blutgefäße) – seltene, aber hochrelevante Blutungsursache, insbesondere bei Blutung nach Blasensprung und fetaler Bradykardie (verlangsamtem kindlichem Herzschlag).
  • Vorzeitige Wehentätigkeit ohne Cervixwirksamkeit (ohne Wirkung auf den Gebärmutterhals) – Braxton-Hicks-Kontraktionen (Übungswehen) oder Prodromalwehen (Vorwehen); unregelmäßige, meistens nicht progrediente Kontraktionen ohne relevante Cervixverkürzung oder Cervixdilatation.
  • Vorzeitiger Blasensprung/preterm premature rupture of membranes (P-PROM) (vorzeitiger Fruchtblasensprung vor 37+0 Schwangerschaftswochen) – Fruchtwasserabgang vor 37+0 Schwangerschaftswochen ohne etablierte Wehentätigkeit; zentrale Differenzialdiagnose bei Flüssigkeitsabgang, feuchter Vorlage oder Oligohydramnion (verminderte Fruchtwassermenge).

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Bakterielle Vaginose/Vaginitis (bakterielle Scheidenflora-Störung/Scheidenentzündung) – relevante genitale Infektion bei Fluor (Ausfluss), pH-Verschiebung, Geruch, Irritation und Risiko für aufsteigende Infektion, vorzeitige Wehen oder vorzeitigen Blasensprung.
  • Harnwegsinfektion – asymptomatische Bakteriurie (Bakterien im Urin ohne Beschwerden) oder akute Zystitis (Blasenentzündung) können mit Unterbauchbeschwerden, Pollakisurie (häufigem Wasserlassen), Dysurie (schmerzhaftem Wasserlassen) und uteriner Irritabilität (Reizbarkeit der Gebärmutter) einhergehen.
  • Ovarialzystenruptur/Ovartorsion (Platzen einer Eierstockzyste/Verdrehung des Eierstocks) – akuter einseitiger Unterbauchschmerz, Übelkeit und Peritonealreizung (Bauchfellreizung); wichtige nichtobstetrisch-gynäkologische Schmerzursache in der Schwangerschaft.
  • Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) – febrile Harnwegsinfektion mit Flankenschmerz, Fieber, Krankheitsgefühl und erhöhtem Risiko für vorzeitige Wehentätigkeit.
  • Urolithiasis (Harnsteinleiden) – Nierenstein oder Ureterstein (Harnleiterstein) mit kolikartigen Flanken-/Unterbauchschmerzen, Hämaturie (Blut im Urin) und möglicher uteriner Irritabilität.

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Abdominaltrauma (Bauchverletzung) – nach Sturz, Unfall oder Gewalteinwirkung; relevant wegen Risiko für vorzeitige Wehen, vorzeitige Plazentalösung, fetomaternale Transfusion (Blutübertritt vom Kind zur Mutter) und uterine Verletzung (Verletzung der Gebärmutter).

Medikamente

  • Uteroton wirksame Substanzen (wehenfördernd wirkende Stoffe) – insbesondere Prostaglandine, Misoprostol oder Oxytocin bei iatrogener Exposition (ärztlich verursachter Anwendung); als Ursache uteriner Kontraktionen nur bei entsprechender Anamnese (Krankengeschichte) relevant.

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Kokain-/Amphetaminkonsum – relevante toxikologische Ursache für uterine Hyperkontraktilität (übermäßige Wehentätigkeit), maternale Hypertonie (mütterlicher Bluthochdruck), Plazentalösung und Frühgeburtsrisiko.