Chronische Schmerzen – Differentialdiagnosen

Erkrankungen und klinische Konstellationen, die unter anderem zu chronischen Schmerzen führen können:

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Sichelzellkrankheit (erbliche Blutkrankheit mit verformten roten Blutkörperchen) – rezidivierende vaso-okklusive Schmerzepisoden (wiederkehrende Schmerzanfälle durch Gefäßverschluss) und chronische Schmerzsyndrome (lang anhaltende Schmerzkrankheitsbilder); differentialdiagnostisch insbesondere bei entsprechender Herkunfts-, Familien- und Hämolyseanamnese (Vorgeschichte mit vermehrtem Zerfall roter Blutkörperchen) zu berücksichtigen

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetische Polyneuropathie (Nervenschädigung durch Zuckerkrankheit) – schmerzhafte periphere Neuropathie (Nervenschädigung außerhalb von Gehirn und Rückenmark) bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit); typisch sind distal-symmetrische (körperfern und beidseits gleich ausgeprägte), brennende, stechende oder elektrisierende Schmerzen, häufig mit nächtlicher Betonung und Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen)
  • Morbus Fabry (Synonyme: Fabry-Krankheit, Fabry-Anderson-Krankheit) – X-chromosomal vererbte lysosomale Speicherkrankheit (erbliche Stoffwechselkrankheit mit Speicherung in Zellorganellen) durch krankheitsverursachende Varianten (Veränderungen) im GLA-Gen (Gen für Alpha-Galaktosidase A) mit Mangel beziehungsweise Funktionsstörung der Alpha-Galaktosidase A; konsekutiv kommt es zur progredienten Akkumulation (zunehmenden Ansammlung) von Glykosphingolipiden (Fett-Zucker-Verbindungen), insbesondere Globotriaosylceramid (Gb3) und Globotriaosylsphingosin (Lyso-Gb3), in verschiedenen Zell- und Organsystemen
    • Klinische Einordnung – bei klassischem Phänotyp (typischem Erscheinungsbild) häufig Beginn in Kindheit oder Jugend; das klassische Vollbild wird häufiger bei Männern beobachtet, Frauen können jedoch ebenfalls klinisch relevant und im Einzelfall schwer betroffen sein
    • Frühsymptome (frühe Krankheitszeichen) – intermittierende (zeitweise auftretende) brennende Akroparästhesien (Missempfindungen an Händen und Füßen), Fabry-Schmerzkrisen (Fabry-bedingte Schmerzanfälle), distal betonte neuropathische Schmerzen (nervenbedingte Schmerzen) an Händen und Füßen, Hitze-/Kälteintoleranz (Unverträglichkeit von Hitze und Kälte), verminderte oder fehlende Schweißproduktion, gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) wie krampfartige Bauchschmerzen, Diarrhoe (Durchfall) oder Übelkeit
    • Weitere frühe Hinweise – Angiokeratome (kleine dunkelrote bis bläuliche Hautgefäßveränderungen), Cornea verticillata (wirbelförmige Hornhautveränderung), Tinnitus (Ohrgeräusch), sensorineurale Hörminderung (Innenohrschwerhörigkeit), Fatigue (ausgeprägte Erschöpfung) sowie belastungs- oder fiebergetriggerte Schmerzexazerbationen (Schmerzverschlimmerungen)
    • Typische Schmerzcharakteristik (Schmerzbeschreibung) – brennende, einschießende, elektrisierende oder krisenhaft exazerbierende Schmerzen, häufig distal (körperfern) beginnend und bei hoher Intensität (Stärke) mit Ausbreitung nach proximal (körpernah); Auslösung oder Verstärkung durch Hitze, Kälte, körperliche Belastung, Sport, Stress oder Fieber
    • Langzeitfolgen – Fabry-Nephropathie (Fabry-bedingte Nierenerkrankung) mit Albuminurie (Albuminausscheidung im Urin)/Proteinurie (Eiweißausscheidung im Urin) und progredienter chronischer Niereninsuffizienz (zunehmender chronischer Nierenschwäche), Fabry-Kardiomyopathie (Fabry-bedingte Herzmuskelerkrankung) mit linksventrikulärer Hypertrophie (Verdickung der linken Herzkammer), Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen) und Herzinsuffizienz (Herzschwäche) sowie zerebrovaskuläre Ereignisse (Durchblutungsereignisse des Gehirns) einschließlich transitorischer ischämischer Attacke (vorübergehender Durchblutungsstörung des Gehirns) und ischämischem Schlaganfall (Hirninfarkt durch Gefäßverschluss)
    • Red Flags (Warnzeichen) bei chronischen Schmerzen – Schmerzkrisen seit Kindheit oder Jugend, brennende Schmerzen in Händen und Füßen, periphere Schmerzen (Schmerzen an den äußeren Körperabschnitten) hoher Intensität, distal-zentrales Schmerz-Ausbreitungsmuster (Ausbreitung von körperfern in Richtung Körpermitte), nicht an Belastung angepasste Hypohidrose (vermindertes Schwitzen) oder Anhidrose (fehlendes Schwitzen), Beschwerden bei Hitze, Kälte, Sport, Stress oder Fieber, gastrointestinale Begleitsymptome (Magen-Darm-Begleitbeschwerden), Angiokeratome, Cornea verticillata, Tinnitus, Hörminderung, ungeklärte linksventrikuläre Hypertrophie, ungeklärte Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Proteinurie, früher Schlaganfall oder ähnliche Beschwerden bei Familienmitgliedern
    • Diagnostischer Hinweis – bei Männern Bestimmung der Alpha-Galaktosidase-A-Aktivität in Leukozyten (weißen Blutkörperchen) und molekulargenetische Bestätigung (Bestätigung durch Untersuchung des Erbguts) durch Nachweis einer krankheitsverursachenden GLA-Variante; bei Frauen ist die molekulargenetische Analyse (Erbgutanalyse) des GLA-Gens zur Diagnosestellung obligat (verpflichtend), da die Alpha-Galaktosidase-A-Aktivität normal sein kann
    • Organbezogene Abklärung bei bestätigtem Morbus Fabry – Nieren, Herz, Gehirn, peripheres Nervensystem (Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark), Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt), Ohren und Augen sollten systematisch evaluiert werden

Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen (Z00-Z99)

  • Chronischer psychosozialer Stress (lang anhaltender seelisch-sozialer Stress) – kein eigenständiges Schmerzsyndrom, aber relevanter Chronifizierungs-, Verstärkungs- und Aufrechterhaltungsfaktor (Faktor für Entstehung, Verstärkung und Fortbestehen) bei chronischen Schmerzen
  • Mobbing beziehungsweise arbeitsplatzbezogene Konflikte – psychosozialer Belastungsfaktor (seelisch-sozialer Belastungsfaktor) mit möglicher Verstärkung von Schmerzintensität, Schlafstörung, Affektbelastung (seelischer Belastung) und funktioneller Beeinträchtigung
  • Schlafmangel beziehungsweise nicht erholsamer Schlaf – relevanter Kontextfaktor (Begleitfaktor) bei Schmerzchronifizierung (Entwicklung lang anhaltender Schmerzen), insbesondere bei Fibromyalgiesyndrom, chronischen Kopfschmerzen und muskuloskelettalen Schmerzsyndromen

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Hidradenitis suppurativa (Akne inversa) – chronisch-rezidivierende entzündliche Erkrankung terminaler Haarfollikel (Endabschnitte der Haarwurzeln) mit schmerzhaften Knoten, Abszessen (Eiteransammlungen), Fistelgängen (krankhaften Verbindungsgängen) und Narbenbildung, bevorzugt in intertriginösen Arealen (Hautfaltenbereichen)

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Chronische venöse Insuffizienz (chronische Venenschwäche) – chronische Beinbeschwerden mit Schweregefühl, Spannungsschmerz, Ödemen (Wassereinlagerungen), Hautveränderungen und gegebenenfalls Ulcus cruris venosum (venöses Beingeschwür)
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (arterielle Durchblutungsstörung der Beine) – belastungsabhängige Claudicatio intermittens (Schaufensterkrankheit) bis hin zu ischämischem Ruheschmerz (Ruheschmerz durch Durchblutungsmangel) bei fortgeschrittener arterieller Durchblutungsstörung
  • Postthrombotisches Syndrom (Folgezustand nach tiefer Venenthrombose) – chronische Schmerzen, Schwellung, Schweregefühl und trophische Hautveränderungen (ernährungsbedingte Hautveränderungen) nach tiefer Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Humanes-Immundefizienz-Virus-assoziierte periphere Neuropathie (HIV-bedingte Nervenschädigung außerhalb von Gehirn und Rückenmark) – distal-symmetrische schmerzhafte Polyneuropathie; differentialdiagnostisch auch antiretrovirale Neurotoxizität (Nervenschädigung durch HIV-Medikamente) berücksichtigen
  • Neuroborreliose (Befall des Nervensystems durch Borrelien) – radikuläre (von Nervenwurzeln ausgehende), häufig nächtlich betonte Schmerzen mit neurologischen Ausfällen (Ausfällen des Nervensystems); bei passender Expositions-, Erythema-migrans- oder Zeckenstichanamnese (Vorgeschichte mit möglichem Zeckenstich) zu berücksichtigen

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Chronische Pankreatitis (chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse) – rezidivierende oder persistierende epigastrische Schmerzen (Oberbauchschmerzen) mit möglicher Ausstrahlung in den Rücken; häufig assoziiert mit exokriner Pankreasinsuffizienz (Verdauungsschwäche der Bauchspeicheldrüse), Gewichtsverlust und Diabetes mellitus

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (lang anhaltende entzündliche Darmerkrankungen) – Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) und Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Dickdarmerkrankung) mit chronischen oder rezidivierenden abdominellen Schmerzen (Bauchschmerzen), Diarrhoe, Blutbeimengung, Gewichtsverlust und extraintestinalen Manifestationen (Beschwerden außerhalb des Darms)
  • Reizdarmsyndrom (funktionelle Darmstörung) – chronische abdominelle Schmerzen im Zusammenhang mit Defäkation (Stuhlentleerung) und veränderter Stuhlfrequenz beziehungsweise Stuhlkonsistenz; Diagnose nach Ausschluss relevanter organischer Warnzeichen

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Arthrose (Gelenkverschleiß) – degenerative Gelenkerkrankung (verschleißbedingte Gelenkerkrankung) mit belastungsabhängigen Schmerzen, Anlaufschmerz, Bewegungseinschränkung und gegebenenfalls entzündlicher Aktivierung
  • Chronische Osteomyelitis (chronische Knochenmarkentzündung) – persistierende oder rezidivierende Knocheninfektion mit lokalem Schmerz, Druckschmerz, Fistelbildung oder systemischen Entzündungszeichen (Entzündungszeichen des ganzen Körpers)
  • Fibromyalgiesyndrom (Faser-Muskel-Schmerzsyndrom) – chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen über mindestens 3 Monate, typischerweise kombiniert mit Schlafstörungen beziehungsweise nicht erholsamem Schlaf, Fatigue und kognitiven Beschwerden (Konzentrations- und Gedächtnisbeschwerden); keine reine Ausschlussdiagnose, aber organische, entzündliche, endokrine und neurologische Differentialdiagnosen müssen geprüft werden
  • Myofasziales Schmerzsyndrom (Muskel-Bindegewebe-Schmerzsyndrom) – regionales muskuloskelettales Schmerzsyndrom (Schmerzsyndrom des Muskel-Skelett-Systems) mit Triggerpunkten (schmerzhaften Reizpunkten), lokaler Druckschmerzhaftigkeit und ausstrahlenden Schmerzmustern
  • Polymyalgia rheumatica (entzündlicher Muskelschmerz im höheren Lebensalter) – entzündliches Schmerzsyndrom mit proximal betonten Schmerzen (körpernah betonten Schmerzen) und Morgensteifigkeit im Schulter- und Beckengürtel; insbesondere bei höherem Lebensalter und erhöhten Entzündungsparametern zu berücksichtigen
  • Rheumatoide Arthritis (chronische Gelenkentzündung) – chronisch-entzündliche Systemerkrankung (den ganzen Körper betreffende Entzündungserkrankung) mit symmetrischer Polyarthritis (beidseitiger Entzündung mehrerer Gelenke), Morgensteifigkeit, Schwellung und progredienter Gelenkdestruktion (zunehmender Gelenkzerstörung)
  • Spondyloarthritis, insbesondere axiale Spondyloarthritis/Morbus Bechterew (entzündliche Wirbelsäulenerkrankung) – chronisch-entzündliche Erkrankung mit entzündlichem Rückenschmerz, Morgensteifigkeit, Besserung durch Bewegung und möglicher peripherer Gelenk-, Enthesen- oder Augenbeteiligung (Beteiligung äußerer Gelenke, Sehnenansätze oder Augen)
  • Systemischer Lupus erythematodes (systemische Autoimmunerkrankung) – systemische Autoimmunerkrankung mit möglichen Arthralgien (Gelenkschmerzen), Arthritis (Gelenkentzündung), Myalgien (Muskelschmerzen), Serositis (Entzündung von Körperhöhlenhäuten), Haut-, Nieren- und neurologischer Beteiligung

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Knochenmetastasen (Tochtergeschwülste im Knochen) – tumorassoziierte Knochenschmerzen, häufig belastungsabhängig oder nächtlich, mit Risiko für pathologische Frakturen (Knochenbrüche durch krankhaft geschwächten Knochen), Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel im Blut) und Rückenmarkkompression (Druck auf das Rückenmark)
  • Tumorschmerzen bei malignen Neubildungen (Schmerzen bei bösartigen Tumoren) – nozizeptive (gewebeschmerzbedingte), neuropathische oder gemischte Schmerzen durch Tumorinfiltration (Einwachsen eines Tumors), Kompression (Druckwirkung), Entzündung, Knochenbefall oder Therapiekomplikationen; Durchbruchschmerzen bei Tumorpatienten als episodische Exazerbationen trotz ansonsten kontrollierter Basisschmerzen

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angststörungen (krankhafte Angstzustände) – relevante Komorbidität (Begleiterkrankung) und Chronifizierungsbedingung bei chronischen Schmerzen; Verstärkung durch Hypervigilanz (übersteigerte Wachsamkeit), vegetative Aktivierung (Aktivierung des unwillkürlichen Nervensystems), Vermeidungsverhalten und Schlafstörungen möglich
  • Chronische Migräne (lang anhaltende Migräne) und chronischer Spannungskopfschmerz (lang anhaltender Spannungskopfschmerz) – primäre Kopfschmerzerkrankungen (Kopfschmerzerkrankungen ohne andere Grunderkrankung) mit chronischen oder hochfrequenten Kopfschmerzen; Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (Kopfschmerz durch zu häufige Schmerzmitteleinnahme) differentialdiagnostisch berücksichtigen
  • Depression (depressive Erkrankung) – häufige Komorbidität chronischer Schmerzen; kann Schmerzintensität, Funktionseinschränkung, Schlaf und Therapieadhärenz (Therapietreue) wesentlich beeinflussen
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom (anhaltendes regionales Schmerzsyndrom nach Verletzung oder Operation) – chronisches regionales Schmerzsyndrom nach Verletzung oder Operation mit disproportional starken Schmerzen sowie sensorischen (die Wahrnehmung betreffenden), vasomotorischen (die Gefäßregulation betreffenden), sudomotorischen (die Schweißregulation betreffenden), motorischen und trophischen Veränderungen
  • Multiple Sklerose (chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems) – chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit möglichen neuropathischen Schmerzen, schmerzhaften Spastiken (Muskelverkrampfungen), Trigeminusneuralgie (Gesichtsnervenschmerz) und muskuloskelettalen Sekundärschmerzen (Folgeschmerzen des Muskel-Skelett-Systems)
  • Neuropathischer Schmerz nach Schlaganfall, Rückenmarkläsion oder peripherer Nervenläsion (Nervenschmerz nach Schädigung von Gehirn, Rückenmark oder Nerven) – Schmerz durch Läsion (Schädigung) oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems (für Körperempfindungen zuständigen Nervensystems); typisch sind Brennen, elektrisierende Schmerzen, Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize), Hyperalgesie (verstärkte Schmerzempfindlichkeit) und sensible Defizite (Gefühlsausfälle)
  • Postzosterische Neuralgie (Nervenschmerz nach Gürtelrose) – persistierender neuropathischer Schmerz nach Herpes-zoster-Infektion (Gürtelrose) im betroffenen Dermatom (Hautnervenbezirk), insbesondere bei höherem Lebensalter und schwerem Akutverlauf
  • Small-Fiber-Neuropathie (Erkrankung kleiner Nervenfasern) – schmerzhafte Neuropathie kleinkalibriger Nervenfasern mit brennenden distal betonten Schmerzen, Dysästhesien (Missempfindungen), Allodynie und autonomer Begleitsymptomatik (Begleitbeschwerden des unwillkürlichen Nervensystems); Ursachen können unter anderem metabolisch (stoffwechselbedingt), autoimmunologisch (durch Fehlreaktion des Immunsystems), infektiologisch (infektionsbedingt), medikamentös/toxisch (durch Medikamente oder Giftstoffe) oder idiopathisch (ohne erkennbare Ursache) sein
  • Somatische Belastungsstörung (Störung mit belastenden körperlichen Beschwerden) – anhaltende belastende körperliche Beschwerden mit ausgeprägter gedanklicher, emotionaler oder verhaltensbezogener Beschäftigung; Diagnose nicht als Ausschlussdiagnose verwenden, sondern positiv anhand der psychischen und funktionellen Kriterien stellen
  • Trigeminusneuralgie – attackenartige, einschießende Gesichtsschmerzen im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (fünfter Hirnnerv); sekundäre Ursachen (Folgeursachen) wie Multiple Sklerose oder raumfordernde Prozesse (Gewebevermehrungen mit Druckwirkung) müssen bei atypischen Befunden ausgeschlossen werden

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Chronische Schmerzen, nicht näher bezeichnet – Arbeitsdiagnose bei länger als 3 Monate bestehenden oder rezidivierenden Schmerzen, wenn die zugrunde liegende Ursache nach strukturierter somatischer (körperlicher), neurologischer und psychosozialer Abklärung nicht ausreichend klassifizierbar ist
  • Chronische weitverbreitete Schmerzen (lang anhaltende Schmerzen in mehreren Körperregionen) – Schmerzphänotyp (Schmerz-Erscheinungsbild) mit Schmerzen in mehreren Körperregionen; kann beim Fibromyalgiesyndrom auftreten, ist aber nicht damit gleichzusetzen und erfordert differentialdiagnostisch die Prüfung entzündlicher, endokriner, neurologischer, infektiöser, neoplastischer und traumatischer Ursachen

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Adenomyose (Gebärmuttermuskel-Endometriose) – chronische Dysmenorrhoe (Regelschmerzen), zyklusabhängige Unterbauchschmerzen, Hypermenorrhoe (verstärkte Regelblutung) und Druckschmerzhaftigkeit des Uterus (Gebärmutter) möglich
  • Chronische Prostatitis/chronisches Beckenschmerzsyndrom (chronische Prostataentzündung/chronisches Schmerzsyndrom im Becken) – chronische Schmerzen im Becken-, Perineal-, Genital- oder suprapubischen Bereich (Bereich über dem Schambein) mit oder ohne Miktionsbeschwerden (Beschwerden beim Wasserlassen) und sexueller Funktionsstörung
  • Endometriose (Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter) – chronische zyklusabhängige oder zyklusunabhängige Unterbauchschmerzen, Dysmenorrhoe, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), Dyschezie (Schmerzen beim Stuhlgang), Dysurie (Schmerzen beim Wasserlassen) und infertilitätsassoziierte Symptomatik (mit Unfruchtbarkeit verbundene Beschwerden) möglich
  • Interstitielle Zystitis/Bladder pain syndrome (chronisches Blasenschmerzsyndrom) – chronischer Blasen- beziehungsweise Beckenschmerz mit Harndrang, Pollakisurie (häufigem Wasserlassen) und Schmerzverstärkung bei Blasenfüllung
  • Vulvodynie (chronischer Schmerz der Vulva) – chronischer vulvärer Schmerz (Schmerz im Bereich der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane) über mindestens 3 Monate ohne eindeutig nachweisbare infektiöse, dermatologische (hautärztliche), neurologische oder neoplastische Ursache

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Frakturen (Knochenbrüche) – insbesondere Wirbelkörper- und Hüftfrakturen sind mit späteren chronischen weitverbreiteten Schmerzen assoziiert [1]:
    • Wirbelkörperfrakturen – 2,7-fach erhöhtes Risiko für chronische weitverbreitete Schmerzen bei Männern und 2,1-fach erhöhtes Risiko bei Frauen
    • Hüftfrakturen – 2,2-fach erhöhtes Risiko für chronische weitverbreitete Schmerzen bei Frauen
    • Einordnung – die Daten belegen eine Assoziation (Zusammenhang); daraus folgt keine monokausale Erklärung (Erklärung durch nur eine Ursache) chronischer Schmerzen nach Fraktur
  • Postoperative chronische Schmerzen (chronische Schmerzen nach Operation) – Schmerzen über die erwartete Heilungsphase hinaus nach chirurgischen Eingriffen; relevant nach Operationen mit Nervenläsionsrisiko (Risiko einer Nervenschädigung), ausgedehnter Gewebetraumatisierung (Gewebeverletzung) oder persistierender Entzündung
  • Traumafolgen, nicht näher bezeichnet (Folgen von Verletzungen) – persistierende regionale Schmerzen nach Weichteil-, Gelenk-, Band-, Nerven- oder Knochenverletzungen; bei disproportionalem Schmerzverlauf immer komplexes regionales Schmerzsyndrom, Infektion (Ansteckung), Instabilität, Nervenläsion (Nervenschädigung) und psychosoziale Chronifizierungsfaktoren prüfen

Medikamente

  • Aromatasehemmer-assoziierte Arthralgie/Myalgie (Gelenk- und Muskelschmerzen unter Aromatasehemmern) – chronische Gelenk- und Muskelschmerzen unter endokriner Therapie (hormoneller Therapie), insbesondere bei Mammakarzinom (Brustkrebs)
  • Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (Nervenschädigung durch Chemotherapie) – dosis- und substanzabhängige schmerzhafte Polyneuropathie, insbesondere nach platinhaltigen Substanzen, Taxanen, Vincaalkaloiden, Proteasominhibitoren oder bestimmten Immunmodulatoren (das Immunsystem beeinflussenden Arzneistoffen)
  • Opioidinduzierte Hyperalgesie (verstärkte Schmerzempfindlichkeit durch Opioide) – paradoxe Schmerzverstärkung unter längerfristiger Opioidexposition (Opioideinnahme); differentialdiagnostisch von Toleranzentwicklung, Krankheitsprogression (Fortschreiten der Krankheit), Entzugssymptomatik (Entzugsbeschwerden) und unzureichender Analgesie (Schmerzlinderung) abzugrenzen

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Schwermetallintoxikation, insbesondere Blei (Schwermetallvergiftung) – mögliche Ursache chronischer abdomineller Schmerzen, Arthralgien, Myalgien oder peripherer Neuropathien; Expositionsanamnese (Vorgeschichte mit möglichem Kontakt zu Schadstoffen), Berufsanamnese (berufliche Vorgeschichte) und Laborbestätigung entscheidend

Weiteres

  • Leistungssport beziehungsweise repetitive berufliche Überlastung (wiederholte berufliche Überlastung) – keine eigenständige ICD-10-Diagnose, aber relevante Konstellation für chronische Tendinopathien (Sehnenerkrankungen), Stressreaktionen, Überlastungsschäden, myofasziale Schmerzen und degenerative Gelenkbeschwerden

Literatur

  1. Walker-Bone K, Harvey NC, Ntani G, Tinati T, Jones GT, Smith BH, Macfarlane GJ, Cooper C: Chronic widespread bodily pain is increased among individuals with history of fracture: findings from UK Biobank. Arch Osteoporos. 2016;11:1. PMID: 26678491. https://doi.org/10.1007/s11657-015-0252-1