Müdigkeit – Differentialdiagnosen

Atmungssystem (J00-J99)

  • Allergische Rhinitis (allergischer Schnupfen), chronische – bei relevanter Behinderung der Nasenatmung mit gestörtem Schlaf und Tagesmüdigkeit
  • Asthma bronchiale (Asthma) – insbesondere bei nächtlichen Beschwerden, Schlafstörungen oder unzureichender Krankheitskontrolle
  • Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (chronische verengende Lungenerkrankung) (COPD) – insbesondere bei Dyspnoe (Atemnot), eingeschränkter Belastbarkeit bzw. Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut)
  • Influenza (Grippe) und andere akute virale Atemwegsinfektionen – häufige Ursache akuter und teilweise postinfektiös persistierender Müdigkeit

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Anämie bei chronischer Erkrankung (Blutarmut bei chronischer Erkrankung) (Entzündungsanämie) – insbesondere bei chronisch-entzündlichen, infektiösen oder malignen Erkrankungen
  • Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel)
  • Megaloblastäre Anämie (Blutarmut mit vergrößerten roten Blutkörperchen) – insbesondere bei Vitamin-B12- bzw. Folsäuremangel
  • Sarkoidose (entzündliche Knötchenkrankheit) – Fatigue (ausgeprägte Erschöpfung) ist bei etablierter Erkrankung häufig und kann auch bei geringer objektivierbarer Organaktivität ausgeprägt sein

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Adipositas (Fettsucht) – mit Tagesmüdigkeit auch unabhängig von einer obstruktiven Schlafapnoe (schlafbezogene Atemaussetzer) assoziiert; eine gleichzeitig bestehende Schlafapnoe ist gezielt abzuklären
  • Conn-Syndrom (Nebennierenerkrankung mit übermäßiger Aldosteronproduktion) (primärer Hyperaldosteronismus) – bei Hypertonie (Bluthochdruck), Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut), Muskelschwäche bzw. Polyurie/Polydipsie (vermehrtem Wasserlassen/vermehrtem Durst)
  • Cushing-Syndrom (Erkrankung durch Cortisolüberschuss) – insbesondere bei typischem klinischem Phänotyp und proximaler Muskelschwäche
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – insbesondere bei Hyperglykämie (erhöhtem Blutzucker) bzw. metabolischer Dekompensation (Stoffwechselentgleisung)
  • Eisenmangel ohne Anämie (Eisenmangel ohne Blutarmut) – differentialdiagnostisch insbesondere bei ausgeprägtem Eisenmangel und menstruierenden Frauen relevant; bei mildem Eisenmangel ist der kausale Zusammenhang mit Müdigkeit weniger eindeutig
  • Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit) – bei entsprechender Labor- bzw. Organmanifestation
  • Hypercalcämie (erhöhter Calciumgehalt im Blut) – insbesondere bei gastrointestinalen, neurologischen oder renalen Begleitsymptomen
  • Hyperparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenüberfunktion) – insbesondere bei Hypercalcämie
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
  • Hyponatriämie (erniedrigter Natriumgehalt im Blut) – z. B. bei Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (Störung der Wasserregulation) (SIADH)
  • Hypopituitarismus (Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse) – insbesondere bei Hinweisen auf sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz (Nebennierenrindenunterfunktion), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) bzw. Gonadotropinmangel (Mangel an geschlechtsdrüsensteuernden Hormonen)
  • Hypothyreose
  • Morbus Meulengracht (harmlose angeborene Bilirubinstoffwechselstörung) (Gilbert-Meulengracht-Syndrom) – seltene Differentialdiagnose bei fluktuierendem unkonjugiertem Bilirubinanstieg; als alleinige Erklärung ausgeprägter Müdigkeit nur bei passender klinischer Konstellation zu werten
  • Nebennierenrindeninsuffizienz (Nebennierenrindenunterfunktion), insbesondere Morbus Addison (primäre Nebennierenrindenunterfunktion) – bei Gewichtsverlust, gastrointestinalen Beschwerden, Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Hyponatriämie bzw. Hyperkaliämie (erhöhtem Kaliumgehalt im Blut); bei primärer Form ggf. Hyperpigmentierung (verstärkte Hautfärbung)
  • Vitamin-B12-Mangel – insbesondere bei Makrozytose (vergrößerten roten Blutkörperchen), Glossitis (Zungenentzündung), neurologischen bzw. neuropsychiatrischen Symptomen; neurologische Manifestationen können auch ohne manifeste Anämie auftreten

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens) – neu aufgetretene ausgeprägte Müdigkeit bzw. Leistungsminderung kann insbesondere bei älteren Menschen oder bei Diabetes mellitus ein atypisches Ischämiesymptom darstellen
  • Endokarditis (Herzinnenhautentzündung) – insbesondere bei Fieber, Nachtschweiß, neuem Herzgeräusch bzw. Emboliezeichen
  • Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – insbesondere bei Belastungsintoleranz, Dyspnoe und Leistungsminderung
  • Herzrhythmusstörungen – insbesondere Vorhofflimmern sowie persistierende Brady- oder Tachyarrhythmien (zu langsame bzw. zu schnelle Herzrhythmusstörungen)
  • Kardiomyopathien (Herzmuskelerkrankungen) – insbesondere bei Dyspnoe, Palpitationen (Herzklopfen), Synkopen (Ohnmachtsanfällen), auffälligem Elektrokardiogramm bzw. Zeichen einer Herzinsuffizienz
  • Koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße) (KHK) – insbesondere bei belastungsabhängiger Leistungsminderung bzw. Angina-Äquivalent
  • Myokarditis (Herzmuskelentzündung) – insbesondere bei neu aufgetretener Leistungsminderung nach Infektion
  • Pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck) – insbesondere bei Belastungsdyspnoe, Leistungsminderung bzw. Synkopen
  • Zustand nach Schlaganfall – postiktale Fatigue (Erschöpfung nach Schlaganfall) kann persistieren; andere Ursachen wie Depression, Schlafstörungen bzw. schlafbezogene Atmungsstörungen sind mit zu berücksichtigen

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Akute Virushepatitis (akute virusbedingte Leberentzündung) – insbesondere Hepatitis A, B und E; ausgeprägte Müdigkeit und Leistungsminderung können bereits in der präikterischen Phase auftreten
  • Brucellose (bakterielle Tier-Mensch-Infektion) – bei Tierkontakt bzw. beruflicher Exposition, Fieber, Nachtschweiß oder protrahierten unspezifischen Allgemeinsymptomen
  • Chronische Hepatitis B (chronische Leberentzündung durch Hepatitis-B-Virus) – insbesondere bei entsprechender Expositionsanamnese bzw. pathologischen Leberwerten
  • Chronische Hepatitis C (chronische Leberentzündung durch Hepatitis-C-Virus) – insbesondere bei entsprechender Expositionsanamnese bzw. pathologischen Leberwerten
  • Epstein-Barr-Virus-Infektion (Pfeiffersches Drüsenfieber) – insbesondere bei akuter infektiöser Mononukleose und postinfektiöser Müdigkeit
  • HIV-Infektion (Infektion mit dem Humanen Immundefizienz-Virus) – bei entsprechender Risikoanamnese bzw. weiteren systemischen Hinweisen
  • Malaria (Tropenkrankheit durch Plasmodien) – bei entsprechender Reiseanamnese, insbesondere bei rezidivierendem bzw. periodischem Fieber
  • Neuroborreliose (Borrelieninfektion des Nervensystems) – bei passender Expositionsanamnese und neurologischen Begleitsymptomen; eine unspezifische Müdigkeit ohne typische klinische Hinweise rechtfertigt keine ungezielte Borrelienserologie
  • Postinfektiöse Fatigue (anhaltende Erschöpfung nach Infektion) – dokumentiert u. a. nach Influenza, Epstein-Barr-Virus-Infektion, Q-Fieber, Dengue-Fieber, Ross-River-Virus-Infektion, Rift-Valley-Fieber und Giardiasis; gezielte Berücksichtigung entsprechend Infektions-, Reise- und Expositionsanamnese
  • Toxoplasmose (Parasiteninfektion durch Toxoplasmen) – insbesondere bei Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung) und subfebrilen Temperaturen bzw. bei Immunsuppression mit neurologischer Symptomatik
  • Tuberkulose (chronische bakterielle Infektionskrankheit) – insbesondere bei Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust bzw. entsprechender Expositionsanamnese

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Autoimmunhepatitis (autoimmune Leberentzündung) – insbesondere bei Transaminasenerhöhung, Hypergammaglobulinämie (erhöhten Immunglobulinen im Blut) bzw. weiteren Hinweisen auf eine autoimmune Lebererkrankung
  • Leberinsuffizienz (Leberversagen)
  • Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber)
  • Primär biliäre Cholangitis (chronische autoimmune Erkrankung der kleinen Gallenwege) – Fatigue kann ausgeprägt sein und teilweise unabhängig von der Schwere der Lebererkrankung auftreten

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) – insbesondere bei gastrointestinalen Beschwerden, Eisenmangel, Anämie, Gewichtsverlust bzw. erhöhten Leberwerten

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Fibromyalgiesyndrom (chronisches Schmerzsyndrom) – insbesondere bei chronischen generalisierten Schmerzen, nicht erholsamem Schlaf und ausgeprägter Fatigue
  • Rheumatoide Arthritis (chronisch-entzündliche Gelenkerkrankung) – insbesondere bei entzündlicher Gelenksymptomatik und systemischer Entzündungsaktivität
  • Sjögren-Syndrom (Autoimmunerkrankung mit Trockenheit von Augen und Mund) – Fatigue kann ausgeprägt sein; insbesondere bei Sicca-Symptomatik und weiteren systemischen Manifestationen zu berücksichtigen
  • Systemischer Lupus erythematodes (entzündliche Autoimmunerkrankung) – bei typischen systemischen bzw. rheumatologischen Begleitbefunden

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hämatologische Neoplasien (bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems) – insbesondere Leukämien, Lymphome und myelodysplastische Neoplasien; wegweisend sind z. B. Blutbildveränderungen, Lymphadenopathie bzw. B-Symptomatik
  • Hirntumoren – insbesondere bei progredienten Kopfschmerzen, Hirndruckzeichen, Verhaltensänderungen bzw. fokal-neurologischen Ausfällen
  • Solide maligne Tumoren (bösartige Organtumoren) – insbesondere bei Gewichtsverlust, B-Symptomatik, Organbeschwerden, pathologischen Untersuchungsbefunden bzw. Laborauffälligkeiten; isolierte Müdigkeit rechtfertigt keine ungezielte Tumorsuche

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Alkoholbezogene Störungen – Müdigkeit bei chronischem Konsum, Intoxikation bzw. Entzug möglich
  • Angststörungen – insbesondere bei chronischer Anspannung, Schlafstörungen und vegetativer Symptomatik
  • Anpassungsstörung (seelische Reaktion auf belastende Lebensereignisse) – bei eindeutigem zeitlichem Zusammenhang mit einer erheblichen psychosozialen Belastung
  • Depressive Störungen (Depression) – eine der wichtigsten Differentialdiagnosen bzw. Komorbiditäten bei anhaltender ungeklärter Müdigkeit
  • Insomnie (Ein- und Durchschlafstörung) – unzureichender bzw. nicht erholsamer Schlaf mit Beeinträchtigung der Tagesfunktion
  • Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit) – Fatigue ist ein relevantes nichtmotorisches Symptom; zugleich können insbesondere Dopaminagonisten Tagesschläfrigkeit bzw. Schlafattacken verursachen
  • Multiple Sklerose (chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems) – Fatigue gehört zu den häufigsten Beschwerden und kann bereits vor der manifesten neurologischen Diagnose auftreten
  • Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS; chronisches Erschöpfungssyndrom) – insbesondere bei post-exertioneller Malaise (Beschwerdeverschlechterung nach Belastung), deutlich reduzierter Belastbarkeit, nicht erholsamem Schlaf und kognitiven Störungen
  • Narkolepsie (Schlafkrankheit) – insbesondere bei exzessiver Tagesschläfrigkeit mit ungewolltem Einschlafen; ggf. Kataplexien (plötzlicher Muskeltonusverlust), Schlafparalysen bzw. hypnagoge oder hypnopompe Halluzinationen
  • Obstruktive Schlafapnoe (schlafbezogene Atemaussetzer) – insbesondere bei lautem Schnarchen, beobachteten Atempausen, nicht erholsamem Schlaf, Nykturie (nächtlichem Wasserlassen) bzw. ausgeprägter Tagesschläfrigkeit
  • Posturales Tachykardiesyndrom (orthostatische Kreislaufstörung mit übermäßigem Pulsanstieg) (PoTS) – insbesondere bei orthostatischer Intoleranz mit Tachykardie, Palpitationen, Schwindel, Benommenheit bzw. Kollapsneigung; gehäuft bei ME/CFS und Post-COVID-19-Syndrom
  • Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der unruhigen Beine) – bei abendlichem bzw. nächtlichem Bewegungsdrang der Beine mit schlafstörender Symptomatik
  • Schizophrene Psychose (schizophrene Erkrankung) – seltene Differentialdiagnose; insbesondere bei Wahrnehmungs- und Denkstörungen, Verhaltensänderungen bzw. ausgeprägter Negativsymptomatik
  • Substanzbezogene Störungen – insbesondere bei sedierenden Substanzen sowie Intoxikations- oder Entzugssituationen
  • Zentrales Schlafapnoe-Syndrom (schlafbezogene Atemaussetzer durch fehlenden Atemantrieb) – insbesondere bei Herzinsuffizienz, neurologischen Erkrankungen oder anderen prädisponierenden Grunderkrankungen
  • Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörung (Störung des Tag-Nacht-Rhythmus) – insbesondere bei Schichtarbeit bzw. Jetlag

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Schwangerschaftsassoziierte Erschöpfung und Ermüdung – insbesondere im ersten Trimenon häufig; bei ausgeprägter oder persistierender Symptomatik sind insbesondere Anämie, Eisenmangel und Schilddrüsenfunktionsstörungen abzugrenzen

Schlüsselnummern für besondere Zwecke (U00-U99)

  • Post-COVID-19-Zustand (Langzeitfolgen nach COVID-19) – Fatigue, Belastungsintoleranz, post-exertionelle Malaise, kognitive Einschränkungen, Schlafstörungen und orthostatische Intoleranz gehören zu den klinisch relevanten Manifestationen
  • Post-Intensive-Care-Syndrom (Folgezustand nach Intensivbehandlung) – anhaltende Fatigue kann nach kritischer Erkrankung und intensivmedizinischer Behandlung zusammen mit Muskelschwäche, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen auftreten

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Benigne Prostatahyperplasie (gutartige Prostatavergrößerung) mit Nykturie – wiederholte nächtliche Miktionen können durch Schlafunterbrechung zu relevanter Tagesmüdigkeit führen
  • Chronische Nierenkrankheit (chronische Nierenschwäche) – Müdigkeit insbesondere bei fortgeschrittener Nierenfunktionsstörung, Urämie (Harnvergiftung) bzw. renaler Anämie (Blutarmut bei Nierenerkrankung)
  • Prämenstruelles Syndrom (Beschwerden vor der Monatsblutung) – bei zyklisch 1-14 Tage vor der Menstruation auftretenden körperlichen und psychischen Beschwerden einschließlich Müdigkeit mit Besserung nach Menstruationsbeginn

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Zustand nach Schädel-Hirn-Trauma (Kopf-Hirn-Verletzung) – posttraumatische Fatigue kann persistieren; differentialdiagnostisch sind insbesondere Schlafstörungen, Schmerzen, affektive Störungen und neurologische Folgezustände zu berücksichtigen

Medikamente

  • Medikamenteninduzierte Müdigkeit – bei neu aufgetretener oder verstärkter Müdigkeit ist insbesondere der zeitliche Zusammenhang mit Neueinstellung, Dosissteigerung, Kombination mehrerer zentral wirksamer Substanzen bzw. veränderter Pharmakokinetik zu prüfen
    • Zentral sedierende bzw. vigilancevermindernde Arzneimittel
      • Antidepressiva
        • Noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSA) – insbesondere Mirtazapin; ausgeprägte Sedierung bzw. Tagesschläfrigkeit möglich
        • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI) – substanzabhängig Müdigkeit bzw. Somnolenz möglich, teilweise auch Schlaflosigkeit bzw. Aktivierung
        • Serotonin-Antagonist und -Wiederaufnahmehemmer – Trazodon; ausgeprägt sedierende Wirkung möglich
        • Tetrazyklische Antidepressiva – insbesondere Maprotilin und Mianserin
        • Trizyklische Antidepressiva – insbesondere Amitriptylin, Clomipramin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin und Trimipramin; aufgrund anticholinerger und antihistaminerger Wirkung besonders relevant
      • Antiepileptika – insbesondere Carbamazepin, Clonazepam, Gabapentin, Levetiracetam, Oxcarbazepin, Phenobarbital, Phenytoin, Pregabalin, Topiramat und Valproat; das Risiko ist substanz-, dosis- und kombinationsabhängig
      • Antihistaminika
        • H1-Antihistaminika der ersten Generation – insbesondere Clemastin, Dimenhydrinat, Dimetinden, Diphenhydramin, Hydroxyzin, Ketotifen und Promethazin; ausgeprägte Sedierung bzw. Tagesschläfrigkeit möglich
        • H1-Antihistaminika der zweiten Generation – insbesondere Cetirizin; geringeres Sedierungspotential als bei der ersten Generation; bei Desloratadin, Fexofenadin und Loratadin deutlich geringer
      • Antipsychotika (Neuroleptika)
        • Atypische Antipsychotika – insbesondere Clozapin, Olanzapin, Quetiapin und Risperidon
        • Niedrigpotente konventionelle Antipsychotika – insbesondere Levomepromazin, Melperon und Pipamperon; ausgeprägte sedierende Wirkung
        • Weitere konventionelle Antipsychotika – auch Haloperidol und Phenothiazine können Somnolenz bzw. Sedierung verursachen
      • Antitussiva – insbesondere opioidhaltige Antitussiva wie Codein und Dihydrocodein; auch Dextromethorphan und Pentoxyverin können Somnolenz verursachen
      • Cannabinoide – insbesondere Cannabidiol, Dronabinol, Nabilon, Nabiximols und THC-haltige Cannabisarzneimittel; Somnolenz, Benommenheit und Fatigue sind relevante Nebenwirkungen
      • Hypnotika, Sedativa und Anxiolytika
        • Benzodiazepine – insbesondere Bromazepam, Diazepam, Lorazepam, Lormetazepam, Nitrazepam, Oxazepam und Temazepam; Restmüdigkeit insbesondere bei langer Halbwertszeit, aktiven Metaboliten, Kumulation oder höherem Lebensalter
        • Clomethiazol – ausgeprägte Sedierung möglich
        • Z-Substanzen – insbesondere Zolpidem und Zopiclon; morgendliche Restmüdigkeit bzw. eingeschränkte Vigilanz möglich
      • Lithium – Müdigkeit, Muskelschwäche und Somnolenz möglich; bei neu auftretender ausgeprägter Symptomatik auch an Intoxikation bzw. lithiuminduzierte Hypothyreose denken
      • Muskelrelaxantien, zentral wirksam – insbesondere Baclofen und Tizanidin; Somnolenz, Müdigkeit und Muskelschwäche sind klinisch relevante Nebenwirkungen
      • Opioide – insbesondere Buprenorphin, Fentanyl, Hydromorphon, Methadon, Morphin, Oxycodon, Tapentadol, Tilidin und Tramadol; Somnolenz bzw. Müdigkeit insbesondere zu Therapiebeginn, bei Dosiserhöhung, eingeschränkter Elimination oder Kombination mit anderen zentral dämpfenden Substanzen
      • Antiparkinsonmittel – insbesondere Dopaminagonisten wie Apomorphin, Bromocriptin, Pramipexol, Ropinirol und Rotigotin; Tagesschläfrigkeit und teilweise plötzliche Schlafattacken sind klinisch bedeutsam
      • Phytotherapeutische Sedativa – insbesondere Baldrian und Passionsblume; Tagesschläfrigkeit bzw. Restmüdigkeit möglich
    • Kardiovaskulär wirksame Arzneimittel
      • Alpha-1-Adrenozeptor-Antagonisten – insbesondere Alfuzosin, Doxazosin, Tamsulosin und Terazosin; Müdigkeit bzw. Asthenie insbesondere im Zusammenhang mit orthostatischer Hypotonie möglich
      • Alpha-2-Adrenozeptor-Agonisten – insbesondere Clonidin und Moxonidin; auch ophthalmisches Brimonidin kann nach systemischer Resorption Müdigkeit bzw. Somnolenz verursachen
      • Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren (ARNI) – insbesondere Sacubitril/Valsartan; Müdigkeit bzw. Asthenie sind beschrieben, zusätzlich kann Hypotonie zur Symptomatik beitragen
      • Antiarrhythmika – insbesondere Amiodaron, Flecainid, Propafenon und Sotalol; zusätzlich kann Müdigkeit indirekt durch Bradykardie bzw. andere Rhythmusstörungen entstehen
      • Antihypertensiva, weitere – insbesondere ACE-Hemmer und Methyldopa; Müdigkeit vor allem bei Blutdruckabfall bzw. individueller Unverträglichkeit
      • Betablocker, systemisch – insbesondere Atenolol, Bisoprolol, Carvedilol, Metoprolol, Nebivolol und Propranolol; Müdigkeit kann durch zentrale Effekte, Bradykardie bzw. verminderte Belastbarkeit entstehen
      • Betablocker, ophthalmisch – insbesondere Betaxolol und Timolol; systemische Resorption kann Bradykardie, verminderte Belastbarkeit und Müdigkeit verursachen
      • Herzglykoside – insbesondere Digoxin und Digitoxin; Müdigkeit vor allem bei Bradykardie, Überdosierung bzw. Intoxikation
    • Arzneimittel mit metabolischen, autonomen bzw. hormonellen Effekten
      • Carboanhydrasehemmer, systemisch – insbesondere Acetazolamid; Müdigkeit bzw. Somnolenz können direkt sowie sekundär durch metabolische Azidose oder Elektrolytstörungen entstehen
      • Hormontherapeutika
        • Antiandrogene bzw. Androgendeprivation – Fatigue ist insbesondere bei ausgeprägter Suppression der Androgenwirkung klinisch relevant
        • Gestagene – insbesondere orales mikronisiertes Progesteron kann Somnolenz, Benommenheit und Müdigkeit verursachen; auch bei anderen Gestagenen substanzabhängig möglich
      • Nikotinrezeptor-Partialagonisten – Vareniclin; Somnolenz bzw. Lethargie möglich, daneben häufig Schlafstörungen und abnorme Träume
      • Urologische Anticholinergika – insbesondere Oxybutynin und Tolterodin; zentralnervöse anticholinerge Effekte mit Somnolenz bzw. Müdigkeit insbesondere bei älteren Patienten möglich; bei Trospiumchlorid aufgrund geringer ZNS-Penetration weniger ausgeprägt
    • Antiinfektiva und immunmodulierende Arzneimittel
      • Antimalariamittel – insbesondere Artemether/Lumefantrin; Müdigkeit bzw. Asthenie sind beschrieben, wobei eine Abgrenzung von der Grunderkrankung erforderlich ist
      • Antivirale Arzneimittel – substanzabhängig Müdigkeit möglich; besonders relevant unter Efavirenz sowie älteren Hepatitis-C-Regimen mit Interferon bzw. Ribavirin; auch unter direkt wirkenden antiviralen Hepatitis-C-Therapien kann Fatigue auftreten, insgesamt jedoch deutlich seltener als unter Interferon-basierten Regimen
      • Immunmodulatoren und Immunsuppressiva – insbesondere Interferon alpha; auch Methotrexat kann dosisabhängig ausgeprägte Müdigkeit bzw. post-dose Fatigue verursachen
    • Onkologische Arzneimittel – Fatigue ist bei zahlreichen antineoplastischen Therapien eine häufige und teilweise dosislimitierende Nebenwirkung
      • Immuncheckpoint-Inhibitoren – z. B. Atezolizumab, Durvalumab, Ipilimumab, Nivolumab und Pembrolizumab; bei ausgeprägter neu aufgetretener Fatigue zusätzlich immunvermittelte Endokrinopathien wie Thyreoiditis, Hypophysitis bzw. Nebennierenrindeninsuffizienz ausschließen
      • Monoklonale Antikörper – z. B. Trastuzumab; Fatigue insbesondere im Rahmen kombinierter onkologischer Therapien
      • PARP-Inhibitoren – z. B. Niraparib, Olaparib, Rucaparib und Talazoparib; Fatigue bzw. Asthenie häufig
      • Tyrosinkinase- und Angiogeneseinhibitoren – z. B. Axitinib, Cabozantinib, Lapatinib, Lenvatinib, Osimertinib, Pazopanib, Sorafenib, Sunitinib und Vandetanib; Fatigue teilweise sehr häufig
      • Zytostatika bzw. systemische Chemotherapeutika – direkte Fatigue sowie indirekte Verstärkung durch Anämie, Myelosuppression, Infektion, Organtoxizität oder Mangelernährung
    • Weitere klinisch relevante Arzneimittel
      • Antidementiva – insbesondere Memantin; Somnolenz ist beschrieben, Müdigkeit seltener
      • Antiemetika und Antivertiginosa – insbesondere Dimenhydrinat, Diphenhydramin, Metoclopramid und Scopolamin; auch Aprepitant bzw. Fosaprepitant können Müdigkeit verursachen
      • Migränemittel – insbesondere Triptane sowie Begleitmedikationen wie Dimenhydrinat und Topiramat können Müdigkeit bzw. Somnolenz verursachen

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Kohlenmonoxidintoxikation (Kohlenmonoxidvergiftung) – insbesondere bei gleichzeitigen Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit bzw. ähnlichen Beschwerden mehrerer Personen im selben Umfeld
  • Lärmbelastung – insbesondere nächtliche Exposition kann über Schlafstörungen zu Tagesmüdigkeit führen
  • Organische Lösungsmittel bzw. Kohlenwasserstoffe – bei konkreter beruflicher oder umweltbedingter Exposition
  • Schwermetallintoxikation (Schwermetallvergiftung) – insbesondere durch Blei, Quecksilber, Arsen oder Cadmium bei plausibler beruflicher bzw. umweltbedingter Exposition

Weiteres

  • Gewohnheitsmäßiges Schlafdefizit (dauerhafter Schlafmangel) – häufige Ursache von Tagesmüdigkeit, verminderter Aufmerksamkeit und Konzentrationsstörungen
  • Postoperative Fatigue (Erschöpfung nach einer Operation) – insbesondere nach größeren operativen Eingriffen möglich und meist multifaktoriell; bei protrahiertem Verlauf sind postoperative Komplikationen, Anämie, Infektion, Schlafstörungen, Schmerz und Medikamenteneffekte gezielt abzugrenzen