Nebenschilddrüsenunterfunktion (Hypoparathyreoidismus) – Differentialdiagnosen

Hinweis zur Abgrenzung: Differentialdiagnostisch ist vor allem zwischen echtem Hypoparathyreoidismus (Unterfunktion der Nebenschilddrüsen) und anderen Ursachen der Hypocalcämie beziehungsweise Tetanie (Muskelkrampfneigung) zu unterscheiden. Ein erniedrigtes oder inadäquat normales Parathormon (PTH intakt) bei Hypocalcämie spricht für Hypoparathyreoidismus; bei den meisten anderen Ursachen der Hypocalcämie ist das PTH sekundär erhöht. Eine Hyperphosphatämie stützt die Diagnose, während Störungen des Magnesiumhaushalts einen funktionellen Hypoparathyreoidismus imitieren können.

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • Autosomal-dominante Hypocalcämie – wichtige biochemische Differentialdiagnose mit Hypocalcämie und niedrigem oder inadäquat normalem Parathormon; im Gegensatz zum klassischen Hypoparathyreoidismus häufig mit Hypercalciurie, teils auch mit Hypomagnesiämie
  • Pseudohypoparathyreoidismus (Synonym: Martin-Albright-Syndrom) – Parathormonresistenz mit Hypocalcämie und Hyperphosphatämie bei erhöhtem Parathormon; häufig assoziiert mit Kleinwuchs, rundem Gesicht, Verkürzung von Mittelhand-/Mittelfußknochen und weiteren endokrinen Auffälligkeiten. Je nach Erscheinungsbild werden vier Typen unterschieden:
    • Typ Ia: gleichzeitig besteht eine Albright-Osteodystrophie: Brachymetakarpie (Verkürzung einzelner oder mehrerer Mittelhandknochen) und -tarsie (Verkürzung einzelner oder mehrerer Mittelfußknochen), rundes Gesicht, Minderwuchs
    • Typ Ib; wie bei Typ 1a besteht eine renale PTH-Resistenz, auch Resistenzen gegen andere Hormone, v.a. Thyreotropin sind möglich; es liegt keine Albright-Osteodystrophie vor
    • Typ Ic: identisch zu Typ 1a, außer dass die Rezeptor-unabhängige cAMP-Produktion in vitro erhalten bleibt.
    • Typ II: vermutlich mehrere Unterformen, eine Albright-Osteodystrophie liegt nicht vor 
  • Pseudo-Pseudohypoparathyreoidismus – somatische Stigmata wie bei Pseudohypoparathyreoidismus, jedoch ohne Hypocalcämie, Hyperphosphatämie oder Erhöhung des Parathormons

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Hungry-bone-Syndrom – persistierende Hypocalcämie nach operativer oder medikamentöser Behandlung eines schweren Hyperparathyreoidismus; differentialdiagnostisch insbesondere postoperativ relevant
  • Hypermagnesiämie – kann die Funktion der Nebenschilddrüsen hemmen und einen funktionellen Hypoparathyreoidismus verursachen
  • Hypocalcämien anderer Ursache (Parathormon (PTH) intakt: nicht erniedrigt) – sprechen gegen einen primären Hypoparathyreoidismus; in Frage kommen insbesondere folgende Krankheitsbilder:
    • Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung)
    • Heilphase einer Rachitis (Knochenerweichung im Kindesalter) oder Osteomalazie (Knochenerweichung bei Erwachsenen)
    • Infusion von EDTA (Ethylendiamintetraazetat; Komplexbildner) oder Citratblut
    • Malabsorptionssyndrom (Aufnahmestörung im Darm)
    • Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
    • Peritonitis (Bauchfellentzündung)
    • Vitamin-D-Mangel
    • Vitamin-D-Resistenz
  • Hypomagnesiämie – wichtige und klinisch häufige Differentialdiagnose; führt zu verminderter Parathormonsekretion und zusätzlich zu peripherer Parathormonresistenz

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Akute Pankreatitis – kann durch Calciumbindung im Rahmen der Fettgewebsnekrose zu Hypocalcämie führen und so einen Hypoparathyreoidismus vortäuschen

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Intestinale Malabsorption – verursacht Hypocalcämie vor allem über einen Vitamin-D-Mangel und sollte bei inadäquater enteraler Aufnahme, chronischer Diarrhö (Durchfall) oder Malassimilationssyndromen bedacht werden

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Normocalcämische Tetanie – häufige klinische Differentialdiagnose; meist Folge einer respiratorischen Alkalose (Abfall von Kohlendioxid im Blut) durch Hyperventilation (zu schnelles oder zu tiefes Atmen) mit Abfall des ionisierten, nicht zwingend des Gesamt-Calciums

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Nierenkrankheit/Niereninsuffizienz – wichtige Differentialdiagnose der Hypocalcämie; typisch ist eher ein kompensatorisch erhöhtes Parathormon als Ausdruck eines sekundären Hyperparathyreoidismus
  • Renale tubuläre Erkrankungen (Erkrankungen der Nierenkanälchen) – können über renalen Calciumverlust und eine verminderte Aktivierung von Vitamin D eine Hypocalcämie verursachen

Medikamente

  • Antikonvulsiva (Mittel gegen Krampfanfälle), insbesondere Phenobarbital und Phenytoin – können über eine Störung des Vitamin-D-Stoffwechsels eine Hypocalcämie verursachen
  • Bisphosphonate und Denosumab – können eine medikamenteninduzierte Hypocalcämie auslösen; dies ist besonders relevant bei zusätzlichem Vitamin-D-Mangel oder Nierenfunktionsstörung
  • Calcimimetika – können eine Hypocalcämie verursachen beziehungsweise verstärken
  • Rifampicin – kann über Veränderungen des Vitamin-D-Metabolismus zur Hypocalcämie beitragen

Praktisch besonders wichtig: Die diagnostisch zentralen Trennmarker sind Parathormon, Magnesium, Phosphat, 25-Hydroxyvitamin D, Nierenfunktion und bei Verdacht auf autosomal-dominante Hypocalcämie die Urin-Calciumausscheidung. Eine Hypercalciurie spricht eher für eine CASR-assoziierte Hypocalcämie als für den klassischen Hypoparathyreoidismus.