Halswirbelsäulen-Syndrom (HWS-Syndrom) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Schmerzlinderung bei akutem/subakutem HWS-Syndrom (Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule)
- Wiederherstellung der Beweglichkeit der Halswirbelsäule (oberer Abschnitt der Wirbelsäule im Nacken)
- Vermeidung der Chronifizierung von Nackenschmerzen (dauerhaft bestehende Schmerzen im Nacken)
- Verbesserung der funktionellen Belastbarkeit im Alltag
Therapieempfehlungen
- Bei nicht-spezifischen Nackenschmerzen (Schmerzen im Nacken ohne eindeutig nachweisbare strukturelle Ursache) sind Bewegung, frühzeitige Mobilisation sowie strukturierte Patientenedukation (systematische Aufklärung und Anleitung des Patienten) die wichtigsten Ansätze zur erfolgreichen Behandlung.
- Analgesie (Schmerzbehandlung) bei nicht-spezifischen Nackenschmerzen primär mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR; entzündungshemmende Schmerzmittel), z. B. Ibuprofen oder Diclofenac; bei Kontraindikationen (Gegenanzeigen) gegen NSAR ggf. Metamizol.
- Bei akutem HWS-Syndrom (Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule) mit stärkerer Schmerzsymptomatik (verstärkte Schmerzsymptome) oder radikulärer Symptomatik (Beschwerden durch Reizung einer Nervenwurzel) kann eine stufenweise Analgesie (Schmerzbehandlung) entsprechend Schmerzintensität und Ursache erfolgen:
- Nicht-Opioidanalgetikum (nicht opioidhaltiges Schmerzmittel) (vorzugsweise NSAR; ggf. Metamizol)
- Niederpotentes Opioidanalgetikum (schwächer wirksames opioidhaltiges Schmerzmittel) + Nicht-Opioidanalgetikum (nicht opioidhaltiges Schmerzmittel) nur in begründeten Ausnahmefällen und kurzfristig
- Hochpotentes Opioidanalgetikum (stark wirksames opioidhaltiges Schmerzmittel) + Nicht-Opioidanalgetikum (nicht opioidhaltiges Schmerzmittel) nur kurzfristig bei sehr starken, nicht kontrollierbaren Schmerzen
- Bei akutem Nackenschmerz (Schmerz im Bereich des Nackens) mit ausgeprägter Muskelverspannung (starke Anspannung der Muskulatur):
- kurzfristiger Einsatz zentral wirksamer Muskelrelaxantien (Medikamente zur Muskelentspannung) nur im Einzelfall
- lokale Infiltration (gezielte Injektion eines Medikaments in ein Gewebe) mit Lokalanästhetika (örtlich betäubende Medikamente) bei ausgeprägten Myogelosen (schmerzhafte Muskelverhärtungen)
- Bei Radikulopathie (Erkrankung oder Reizung einer Nervenwurzel):
- kurzfristige systemische oder epidurale Glucocorticoidtherapie (Behandlung mit entzündungshemmenden Kortisonpräparaten) möglich
- die Wirkung bei intraartikulärer Injektion (Injektion in ein Gelenk) ist nicht gesichert
- Bei neurologischen Defiziten (Störungen von Nervenfunktionen), Myelopathie (Schädigung des Rückenmarks) oder persistierender Radikulopathie (anhaltende Reizung einer Nervenwurzel) kann eine chirurgische Therapie (operative Behandlung) kurzfristig wirksamer sein als konservative Maßnahmen.
- Beachte: Bei nicht-spezifischen Nackenschmerzen (Schmerzen im Nacken ohne eindeutig nachweisbare strukturelle Ursache) sollen Opioide (stark wirksame Schmerzmittel mit Wirkung an Opioidrezeptoren) und Muskelrelaxantien (Medikamente zur Muskelentspannung) nicht routinemäßig eingesetzt werden; ihr Einsatz ist allenfalls bei ausgewählten Konstellationen des HWS-Syndroms (Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule) außerhalb des reinen unspezifischen Nackenschmerzes zu erwägen [5].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Analgetika
| Wirkstoffgruppe | Wirkstoff | Besonderheiten |
| Nicht-Opioidanalgetika | Ibuprofen | Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz (Funktionsstörung von Niere oder Leber); gastrointestinale Nebenwirkungen (Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt) |
| Diclofenac | Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz (Funktionsstörung von Niere oder Leber); erhöhtes kardiovaskuläres Risiko (Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen) bei Langzeittherapie | |
| Metamizol | Alternative bei Kontraindikation (Gegenanzeige) gegen NSAR; Risiko der Agranulozytose (schwere Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen) | |
| Paracetamol | Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz (Funktionsstörung von Niere oder Leber); für nicht-spezifische Nackenschmerzen (Schmerzen im Nacken ohne eindeutig nachweisbare strukturelle Ursache) nicht Mittel der ersten Wahl | |
| Opioide | Tramadol | Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz (Funktionsstörung von Niere oder Leber); nur kurzfristig in begründeten Ausnahmefällen |
| Morphin | Nur kurzfristig bei sehr starken, nicht kontrollierbaren Schmerzen |
- Wirkweise Nicht-Opioidanalgetika: NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika; entzündungshemmende Schmerzmittel) hemmen die Cyclooxygenase (Enzym der Prostaglandinbildung) und wirken analgetisch (schmerzlindernd) sowie antiphlogistisch (entzündungshemmend); Metamizol wirkt analgetisch (schmerzlindernd) und antipyretisch (fiebersenkend), Paracetamol analgetisch (schmerzlindernd) und antipyretisch (fiebersenkend).
- Nebenwirkungen NSAR: gastrointestinal (Magen-Darm-Trakt betreffend) (Übelkeit, Erbrechen, Ulzera), Kopfschmerzen, Schwindel, selten Leber-/Nierenfunktionsstörungen (Funktionsstörungen von Leber oder Niere), Wasserretention (Flüssigkeitseinlagerung im Gewebe)
- Nebenwirkungen Metamizol: Hypotonie (niedriger Blutdruck), allergische Reaktionen (Überempfindlichkeitsreaktionen), selten Agranulozytose (schwere Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen)
- Nebenwirkungen Paracetamol: hepato-/nephrotoxisch (leber- bzw. nierenschädigend), selten gastrointestinal (Magen-Darm-Trakt betreffend) (Übelkeit, Erbrechen), allergische Reaktionen (Überempfindlichkeitsreaktionen)
- Wirkweise Opioide: Wirkung an den Opioidrezeptoren (Bindungsstellen für opioide Substanzen im Nervensystem) μ, κ, δ
- Cave! Das Risiko einer tödlichen Opioid-Überdosierung (lebensbedrohliche Vergiftung durch Opioide) war laut einer Studie bei gleichzeitiger Einnahme eines Benzodiazepins (Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine) um das 3,86-Fache und bei früherer Einnahme um den Faktor 2,33 erhöht [1].
- Indikationen: Kurzfristig bei starken Schmerzen und nur in ausgewählten Fällen
- Nebenwirkungen: Muskelrigidität (erhöhte Muskelspannung), Toleranz (verminderte Wirkung bei längerem Gebrauch), Magenentleerungsstörungen (verlangsamte Entleerung des Magens), Übelkeit/Erbrechen, Obstipation (Verstopfung), Miktionsbeschwerden (Störungen beim Wasserlassen), Sedierung (starke Müdigkeit), Atemdepression (verminderte Atmung)
- Trias der Opioid-Intoxikation (typische drei Symptome einer Opioidvergiftung): Atemdepression (verminderte Atmung), Miosis (verengte Pupillen), Koma (tiefe Bewusstlosigkeit)
Muskelrelaxantien
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Tizanidin | Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz (Funktionsstörung von Niere oder Leber) |
- Wirkweise Tizanidin: zentral wirksames Myotonolytikum/Antispastikum (Medikament zur Senkung der Muskelspannung über Wirkungen im zentralen Nervensystem)
- Indikationen: kurzfristig im Einzelfall bei schmerzhafter Muskelverspannung (schmerzhafte Verkrampfung der Muskulatur); nicht als Routinetherapie des nicht-spezifischen Nackenschmerzes (Nackenschmerzen ohne eindeutig nachweisbare strukturelle Ursache)
- Nebenwirkungen: Muskelschwäche (verminderte Muskelkraft), Rebound-Hypertonie (Wiederanstieg des Blutdrucks nach Absetzen), Hypotonie (niedriger Blutdruck), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Schlafstörung (Störung des Schlafs), Schläfrigkeit (starke Müdigkeit), Fatigue (ausgeprägte Erschöpfung), Schwindel, gastrointestinal (Magen-Darm-Trakt betreffend) (Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen)
Beachte:
- Für Tetrazepam besteht seit August 2013 ein Verschreibungsstopp wegen schwerwiegender Hautreaktionen wie dem Stevens-Johnson-Syndrom (schwere entzündliche Hautreaktion) oder dem Erythema multiforme (entzündliche Haut- und Schleimhauterkrankung) [1].
- Rote-Hand-Brief: Tolperison ist nur zur Behandlung der Spastizität (krankhaft erhöhte Muskelspannung) nach einem Schlaganfall (Durchblutungsstörung des Gehirns) bei Erwachsenen zugelassen. Außerhalb dieser zugelassenen Indikation besteht ein Risiko für Überempfindlichkeitsreaktionen (allergische Reaktionen) bis zum anaphylaktischen Schock (schwere lebensbedrohliche allergische Reaktion) ohne gesicherten Nutzen [2].
Lokalanästhetika
| Wirkstoffe |
| Procain |
| Lidocain |
| Mepivacain |
- Wirkweise: Lokalanästhetika (örtlich betäubende Medikamente) blockieren Natriumkanäle (Ionenkanäle der Nervenzellen), die die Schmerzweiterleitung (Weiterleitung von Schmerzsignalen) unterbinden.
- Dosierungshinweise: Die Wirkstoffe werden entweder subkutan (unter die Haut) oder intramuskulär (in den Muskel) appliziert.
- Nebenwirkungen: bei zu hohem Blutspiegel Zunge/Lippe taub (Taubheitsgefühl der Mundregion), metallischer Geschmack, Seh-/Hörstörungen (Störungen des Sehens oder Hörens), verwaschene Sprache (undeutliche Aussprache), Schwindel, kardiale Depression (Verminderung der Herzleistung), Hypotonie (niedriger Blutdruck), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), allergische Reaktionen (Überempfindlichkeitsreaktionen)
- Die Wirkung bei intraartikulärer Injektion (Injektion in ein Gelenk) ist nicht gesichert.
Glucocorticoide
- Wirkweise: antiphlogistisch (entzündungshemmend) und antiödematös (abschwellend)
- Indikation bei radikulären Schmerzen (Schmerzen durch Reizung einer Nervenwurzel) oder entzündlicher Nervenwurzelreizung (entzündliche Reizung einer Nervenwurzel)
- Die Wirkung bei intraartikulärer Injektion (Injektion in ein Gelenk) ist nicht gesichert.
Botulinumtoxin (BTX)
- Wirkung: hemmt die Freisetzung des Neurotransmitters Acetylcholin (Botenstoff der Nerven)
- Schmerzlinderung bei Myogelosen (schmerzhafte Muskelverhärtungen) bzw. myofaszialen Schmerzen (Schmerzen im Muskel-Bindegewebssystem) durch Reduktion der Muskelspannung [3,4]
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (D, E)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Literatur
- Park TW et al.: Benzodiazepine prescribing patterns and deaths from drug overdose among US veterans receiving opioid analgesics: Case cohort study. BMJ 2015; 350: h2698; doi: 10.1136/bmj.h2698
- Rote-Hand-Brief: Tolperison-haltige Arzneimittel. AkdÄ Drug Safety Mail | 2020-37
- Hsu PC et al.: Comparative Effectiveness of Botulinum Toxin Injection for Chronic Shoulder Pain: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Toxins (Basel) 2020;12(4). https://doi.org/10.3390/toxins12040251
- Saltychev M et al.: Efficacy of botulinum toxin in myofascial pain in neck and shoulder-systematic review and meta-analysis. Int J Rehabil Res 2025;48(2):83-9; https://doi.org/10.1097/mrr.0000000000000669
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Nicht-spezifische Nackenschmerzen. (AWMF-Registernummer: 053-007), Februar 2025 Kurzfassung Langfassung