Nervensystem und kognitive Funktionen: Bedeutung von Mikronährstoffen
Das Nervensystem ist auf eine kontinuierliche Energieversorgung, eine präzise elektrische und chemische Signalübertragung sowie die strukturelle Integrität von Nervenzellen und ihren Verbindungen angewiesen. Mikronährstoffe und weitere essentielle Nährstoffe wirken dabei als Coenzyme, Cofaktoren, Elektrolyte, Bestandteile neuronaler Membranen oder Ausgangsstoffe für Neurotransmitter. Besonders relevant sind Thiamin (Vitamin B1), Vitamin B6, Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin C sowie Magnesium, Eisen und Kupfer. Cholin und langkettige Omega-3-Fettsäuren tragen darüber hinaus zu Membran- und Signalprozessen des Nervensystems bei [1-9, 14, 17].
Eine unzureichende Versorgung kann sich abhängig vom betroffenen Nährstoff und vom Ausmaß des Mangels sehr unterschiedlich äußern. Das Spektrum reicht von Konzentrations- und Gedächtnisstörungen über Parästhesien (Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl) und Polyneuropathien (Erkrankungen mehrerer peripherer Nerven) bis zu Gangstörungen, Myelopathien (Schädigungen des Rückenmarks) oder Enzephalopathien (Funktionsstörungen des Gehirns) [1, 8-10]. Klinisch entscheidend ist die Unterscheidung zwischen der physiologischen Bedeutung eines Nährstoffs, der Behandlung eines nachgewiesenen bzw. wahrscheinlichen Mangels und einer Supplementation bei bereits ausreichendem Versorgungsstatus.
Neuronaler Energie- und Membranstoffwechsel
Nervenzellen benötigen kontinuierlich Energie, um Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Diese Energie wird überwiegend in den Mitochondrien ("Kraftwerke" der Zellen) in Form von Adenosintriphosphat (ATP; zentraler Energieträger der Zelle) bereitgestellt. ATP wird unter anderem benötigt, um die für die elektrische Erregbarkeit notwendigen Konzentrationsunterschiede von Natrium-, Kalium- und Calciumionen zwischen Zellinnerem und Umgebung aufrechtzuerhalten. Dadurch können Aktionspotentiale (kurze elektrische Signale der Nervenzellen) entstehen und entlang der Nervenfasern weitergeleitet werden. Auch die Signalübertragung zwischen Nervenzellen an den Synapsen (Kontaktstellen zwischen Nervenzellen) sowie der Transport von Stoffen innerhalb langer Nervenfasern sind energieabhängig.
Für diese Energiegewinnung ist unter anderem Thiamin (Vitamin B1) erforderlich. Seine aktive Form Thiamindiphosphat unterstützt mehrere Enzyme, die den Abbau von Glucose (Traubenzucker) mit der Energieproduktion in den Mitochondrien verbinden. Dazu gehören insbesondere die Pyruvatdehydrogenase und die Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase. Thiamin ist außerdem an einem weiteren Stoffwechselweg beteiligt, der unter anderem Bausteine für die Zellfunktion und den Schutz vor oxidativer Belastung bereitstellt. Da das Gehirn in hohem Maße auf eine kontinuierliche Energiegewinnung aus Glucose angewiesen ist, kann ein ausgeprägter Thiaminmangel die Funktion von Nervenzellen besonders rasch beeinträchtigen. Klinisch kann dies beispielsweise zu peripheren Neuropathien (Schädigungen peripherer Nerven) führen [1].
Neben der Energieversorgung ist auch der Aufbau der Nervenzellmembranen von Bedeutung. Diese Membranen umgeben Nervenzellen und ihre Fortsätze und sind Voraussetzung für elektrische Signalübertragung, Stofftransport und Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Cholin dient als Ausgangsstoff für Phosphatidylcholin, einen wichtigen Bestandteil dieser Zellmembranen. Gleichzeitig wird Cholin zur Bildung von Acetylcholin benötigt, einem Neurotransmitter (chemischer Botenstoff des Nervensystems) [3].
Auch langkettige Omega-3-Fettsäuren, insbesondere Docosahexaensäure (DHA), sind wichtige Bestandteile neuronaler Membranen. DHA trägt zu deren strukturellen und funktionellen Eigenschaften bei und ist damit unter anderem für die normale Signalübertragung zwischen Nervenzellen von Bedeutung [14].
Neurotransmittersynthese
Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, mit denen Nervenzellen Informationen an andere Nervenzellen, Muskelzellen oder Drüsenzellen weitergeben. Zu den wichtigsten gehören unter anderem Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Gamma-Aminobuttersäure (GABA) und Acetylcholin. Ihre Bildung ist von verschiedenen Enzymen abhängig, für deren Funktion wiederum bestimmte Mikronährstoffe benötigt werden.
Vitamin B6 spielt hierbei eine zentrale Rolle. Seine aktive Form Pyridoxal-5'-phosphat (PLP) unterstützt mehrere Enzyme des Aminosäurestoffwechsels und ist dadurch an der Bildung verschiedener Neurotransmitter beteiligt. Dazu gehören unter anderem Dopamin und Serotonin sowie GABA, der wichtigste hemmende Neurotransmitter des Zentralnervensystems [2].
Auch Cholin ist unmittelbar in die Neurotransmittersynthese eingebunden. Es dient als Ausgangsstoff für Acetylcholin. Dieser Neurotransmitter ist unter anderem an Aufmerksamkeit und Gedächtnis, an der Regulation innerer Organe durch das autonome Nervensystem sowie an der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskulatur beteiligt [3].
Eisen und Kupfer unterstützen ebenfalls wichtige Schritte der Neurotransmitterbildung. Eisen wird unter anderem für Enzyme benötigt, die an der Bildung von Dopamin und anderen Neurotransmittern beteiligt sind [5]. Kupfer ist Bestandteil der Dopamin-Beta-Hydroxylase, eines Enzyms, das Dopamin in Noradrenalin umwandelt [6]. Vitamin C unterstützt diese Reaktion und erfüllt darüber hinaus weitere Funktionen bei der Regulation neuronaler Signalprozesse und beim Schutz des Nervensystems vor oxidativer Belastung [7].
Die Bedeutung dieser Mikronährstoffe für die Neurotransmittersynthese bedeutet jedoch nicht, dass eine höhere Zufuhr automatisch zu höheren Neurotransmitterkonzentrationen oder zu einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit führt. Die Bildung, Freisetzung und Wirkung von Neurotransmittern wird im Nervensystem eng reguliert. Entscheidend ist daher vor allem eine ausreichende Versorgung und die Vermeidung relevanter Mangelzustände.
Myelinisierung
Myelin ist eine fettreiche Schutz- und Isolierschicht, die viele Nervenfasern umgibt. Sie ermöglicht, dass elektrische Signale schnell und zuverlässig entlang der Nerven weitergeleitet werden. Im Zentralnervensystem wird Myelin von Oligodendrozyten (myelinbildende Stützzellen in Gehirn und Rückenmark), im peripheren Nervensystem von Schwann-Zellen gebildet.
Vitamin B12 ist für den Erhalt dieser Myelinscheiden besonders wichtig. Es wird für mehrere Stoffwechselreaktionen benötigt, die unter anderem den Aufbau und die Stabilität von Nervenzellen und ihrer Hüllstrukturen unterstützen [8, 9]. Bei einem ausgeprägten Vitamin-B12-Mangel können Myelinscheiden geschädigt werden. Mögliche Folgen sind Taubheitsgefühle, Kribbeln, Gangunsicherheit, Störungen der Tiefensensibilität und eine Schädigung bestimmter Rückenmarksbahnen. Klinisch kann dies bis zu einer subakuten kombinierten Degeneration des Rückenmarks führen [9].
Folsäure arbeitet in mehreren Stoffwechselwegen eng mit Vitamin B12 zusammen, insbesondere im Ein-Kohlenstoff-, Methionin- und Homocysteinstoffwechsel [4, 8]. Sie ist damit ebenfalls für normale Zell- und Nervenfunktionen relevant. Die typische Rückenmarksschädigung bei Vitamin-B12-Mangel ist jedoch nicht mit einem isolierten Folsäuremangel gleichzusetzen.
Auch Eisen spielt eine Rolle bei der Bildung und Funktion von Myelin. Besonders gut belegt ist seine Bedeutung während der Entwicklung des Nervensystems. Darüber hinaus wird Eisen für die Energiegewinnung in Nervenzellen und für verschiedene Prozesse der Neurotransmittersynthese benötigt [5].
Kupfer ist ebenfalls für die normale Funktion von Nervensystem und Myelin erforderlich. Ein ausgeprägter Kupfermangel kann zu einer Myelopathie (Schädigung des Rückenmarks) mit Gangunsicherheit, Muskelschwäche, vermindertem Lage- und Vibrationsempfinden sowie zusätzlich zu einer peripheren Neuropathie führen. Besonders gefährdet sind Personen nach adipositaschirurgischen oder anderen Eingriffen am oberen Gastrointestinaltrakt, bei Malabsorptionssyndromen sowie bei längerfristig überhöhter Zinkzufuhr [10].
Periphere Nervenfunktion
Periphere Nerven benötigen eine kontinuierliche Energieversorgung, funktionierende Axone, intakte Myelinscheiden und eine kontrollierte Erregungsleitung. Mikronährstoffstörungen können daher unterschiedliche Formen von Polyneuropathien verursachen.
Ein ausgeprägter Thiaminmangel kann eine vorwiegend distal betonte sensomotorische Polyneuropathie hervorrufen [1]. Bei Vitamin-B12-Mangel können Parästhesien, vermindertes Vibrations- und Lageempfinden, Gangunsicherheit sowie periphere Neuropathien auftreten [8, 9]. Bei entsprechender klinischer Konstellation sollte auch an einen Kupfermangel gedacht werden, insbesondere nach adipositaschirurgischen Eingriffen, bei intestinalen Resorptionsstörungen oder bei längerfristig hoher Zinkzufuhr [10].
Vitamin B6 nimmt eine besondere Stellung ein: Einerseits ist eine ausreichende Versorgung für den normalen neuronalen Stoffwechsel erforderlich, andererseits kann eine chronisch überhöhte Zufuhr – insbesondere aus Nahrungsergänzungsmitteln – selbst eine überwiegend sensible Neuropathie verursachen [11, 12]. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) legte 2023 die tolerierbare obere Gesamtzufuhrmenge für Vitamin B6 bei Erwachsenen auf 12 mg pro Tag fest; entscheidender toxikologischer Endpunkt war die periphere Neuropathie [12].
Kognitive Funktion
Kognitive Funktionen umfassen unter anderem Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutive Funktionen (Planung, Handlungssteuerung und flexible Anpassung des Verhaltens). Voraussetzung hierfür ist das koordinierte Zusammenspiel von neuronaler Energieversorgung, Neurotransmission, synaptischer Plastizität (aktivitätsabhängige Veränderbarkeit neuronaler Verbindungen), Membranintegrität und zerebraler Durchblutung.
Ausgeprägte Mikronährstoffdefizite können diese Funktionen beeinträchtigen. Ein schwerer Thiaminmangel kann beispielsweise zu einer Wernicke-Enzephalopathie mit Bewusstseins- bzw. kognitiven Störungen führen [1]. Ein Vitamin-B12-Mangel kann neben peripheren und spinalen neurologischen Manifestationen auch neuropsychiatrische und kognitive Symptome verursachen [8, 9]. Folsäure und Vitamin B12 sind zudem über den Ein-Kohlenstoff- und Homocysteinstoffwechsel miteinander verbunden [4, 8].
Davon zu unterscheiden ist die Frage, ob eine Supplementation von B-Vitaminen die Kognition bei älteren Menschen grundsätzlich verbessert. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien von 2025 untersuchte Vitamin B6, Folsäure und Vitamin B12 bei Personen ab 60 Jahren. Nach Ausschluss statistischer Ausreißer und methodisch problematischer Studien zeigte sich ein sehr kleiner positiver Effekt auf die globale kognitive Funktion. Die Effektgröße war gering und unterschied sich in der Subgruppenanalyse nicht wesentlich zwischen Personen mit intakter Kognition, leichter kognitiver Beeinträchtigung und Demenz [13]. Die Daten belegen damit keinen ausgeprägten allgemeinen kognitiven Verstärkungseffekt einer B-Vitamin-Supplementation.
Für die langkettigen Omega-3-Fettsäuren DHA und Eicosapentaensäure (EPA) ergab eine Metaanalyse randomisierter Studien bei Erwachsenen ohne Demenz Hinweise auf mögliche Vorteile insbesondere für exekutive Funktionen. Ein konsistenter Nutzen für sämtliche kognitiven Domänen wurde jedoch nicht gezeigt [14].
Auch für Vitamin D ist die Evidenz differenziert. Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien ergab einen kleinen positiven Effekt auf die globale Kognition, nicht jedoch konsistent auf einzelne kognitive Domänen. Größere Effekte wurden in Subgruppen mit Vitamin-D-Mangel und anderen vulnerablen Populationen beobachtet [15]. Dies unterstreicht die klinische Bedeutung einer adäquaten Versorgung, erlaubt aber keine Gleichsetzung von Vitamin-D-Supplementation mit einer allgemeinen kognitiven Leistungssteigerung.
Fatigue (anhaltende körperliche und/oder geistige Erschöpfung)
Fatigue bezeichnet eine anhaltende körperliche und/oder mentale Erschöpfbarkeit, die in keinem angemessenen Verhältnis zur vorausgegangenen Belastung steht. Sie ist ein unspezifisches Symptom und kann unter anderem bei Schlafstörungen, Anämien (Blutarmut), Eisenmangel, chronisch-entzündlichen oder endokrinen Erkrankungen, Infektionen, neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen sowie als Nebenwirkung von Arzneimitteln auftreten.
Unter den Mikronährstoffen ist insbesondere Eisen klinisch relevant. Neben seiner Funktion im Hämoglobin und damit im Sauerstofftransport wird Eisen für mitochondriale Enzyme und verschiedene Prozesse des Nervensystems benötigt [5]. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse bei Erwachsenen mit Eisenmangel ohne Anämie zeigte, dass eine intravenöse Eisengabe die Fatigue gegenüber der Kontrollbehandlung vermindern kann. Die untersuchten Populationen und Definitionen des Eisenmangels waren jedoch heterogen, sodass sich daraus keine undifferenzierte Indikation zur intravenösen Eisengabe bei unspezifischer Fatigue ableiten lässt [16].
Auch andere ausgeprägte Mikronährstoffmängel können mit Müdigkeit oder verminderter Leistungsfähigkeit einhergehen. Aufgrund der geringen Spezifität des Symptoms sollte Fatigue jedoch nicht allein als Hinweis auf einen Mikronährstoffmangel interpretiert und nicht ohne differenzialdiagnostische Abklärung mit einer empirischen Breitbandsupplementation behandelt werden.
Schlaf-Wach-Regulation
Schlaf und Wachheit werden durch das zirkadiane System (innere tageszeitliche Rhythmik), den mit zunehmender Wachzeit ansteigenden homöostatischen Schlafdruck sowie komplexe neuronale Netzwerke reguliert. Mikronährstoffe sind an verschiedenen Stoffwechsel- und Signalwegen beteiligt, aus denen sich jedoch nicht automatisch eine therapeutische Wirkung entsprechender Supplemente bei Schlafstörungen ableiten lässt.
Vitamin B6 ist am Stoffwechsel von Neurotransmittern wie Serotonin beteiligt [2]. Serotonin ist zugleich metabolischer Ausgangsstoff für Melatonin, das eine zentrale Funktion bei der zeitlichen Organisation des Schlaf-Wach-Rhythmus besitzt. Diese Stoffwechselbeziehung begründet für sich allein jedoch keine Indikation für eine Vitamin-B6-Supplementation zur Behandlung von Schlafstörungen.
Magnesium beeinflusst die neuronale Erregbarkeit und verschiedene neuromuskuläre sowie enzymatische Prozesse. Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge zwischen Magnesiumstatus bzw. -zufuhr und einzelnen Schlafparametern. Randomisierte Interventionsstudien lieferten dagegen widersprüchliche Ergebnisse. Eine generelle Magnesiumsupplementation zur Behandlung von Schlafstörungen lässt sich aus der derzeitigen Evidenz daher nicht ableiten [17].
Eine klinisch besonders relevante Verbindung zwischen Mikronährstoffstatus und Schlaf besteht beim Restless-Legs-Syndrom (RLS; neurologische Erkrankung mit Bewegungsdrang und häufig unangenehmen Empfindungen der Beine, insbesondere in Ruhe und am Abend bzw. in der Nacht). Störungen der Eisenregulation im Zentralnervensystem gehören zu den zentralen pathophysiologischen Faktoren des RLS. Die aktuelle S2k-Leitlinie empfiehlt bei allen Personen mit RLS die Untersuchung des Eisenstoffwechsels einschließlich Serumferritin und Transferrinsättigung. Abhängig von Schweregrad, Eisenparametern, Verträglichkeit und Resorptionssituation bestehen definierte Indikationen für eine orale bzw. intravenöse Eisensubstitution [LL1].
Übersicht: Zentrale Mikronährstoffe und weitere essentielle Nährstoffe für das Nervensystem
| Substanz | Zentrale Funktionen im Nervensystem | Klinische Einordnung |
| Thiamin (Vitamin B1) | Neuronaler Glucose- und Energiestoffwechsel; Cofaktor unter anderem von Pyruvatdehydrogenase, Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase und Transketolase | Ausgeprägter Mangel kann Enzephalopathie und periphere Neuropathie verursachen; besonders relevant bei schwerer Malnutrition und prolongiertem Erbrechen [1] |
| Vitamin B6 | PLP-abhängiger Aminosäure- und Neurotransmitterstoffwechsel; Beteiligung unter anderem an Dopamin-, Serotonin- und GABA-Stoffwechsel | Eine chronisch überhöhte Zufuhr kann eine sensible periphere Neuropathie verursachen; EFSA-UL für Erwachsene 12 mg/Tag Gesamtzufuhr [2, 11, 12] |
| Folsäure | Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel, Homocystein- und Methioninstoffwechsel, Methylierungsreaktionen | Ausreichende Versorgung erforderlich; kognitive Effekte einer zusätzlichen B-Vitamin-Supplementation sind insgesamt gering [4, 13] |
| Vitamin B12 | Methioninsynthase und Methylmalonyl-CoA-Mutase; Bedeutung für neuronalen Stoffwechsel und Myelinintegrität | Mangel kann Polyneuropathie, Myelopathie sowie kognitive und neuropsychiatrische Manifestationen verursachen [8, 9] |
| Vitamin C | Redoxhomöostase, Neuromodulation und Beteiligung am Neurotransmitterstoffwechsel | Physiologisch wichtig für das Zentralnervensystem; daraus lässt sich kein allgemeiner Nutzen hoch dosierter Supplementation zur kognitiven Leistungssteigerung ableiten [7] |
| Magnesium | Enzymatische Reaktionen, neuromuskuläre Funktion und Regulation neuronaler Erregbarkeit | Für Schlafstörungen ist ein genereller therapeutischer Nutzen der Supplementation bislang nicht ausreichend belegt [17] |
| Eisen | Mitochondrialer Stoffwechsel, Neurotransmitterstoffwechsel, Myelinisierung und Sauerstofftransport | Klinisch relevant bei Eisenmangel und Fatigue sowie besonders beim Restless-Legs-Syndrom [5, 16, LL1] |
| Kupfer | Cofaktor unter anderem von Dopamin-Beta-Hydroxylase und Cytochrom-c-Oxidase; Bedeutung für neuronalen Energiestoffwechsel und Neurotransmission | Ausgeprägter Mangel kann Myelopathie und Neuropathie verursachen; Risikofaktoren sind unter anderem Malabsorption, adipositaschirurgische Eingriffe und hohe Zinkzufuhr [6, 10] |
| Cholin | Vorstufe von Acetylcholin und Phosphatidylcholin; Bestandteil des Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsels | Essentieller Nährstoff für Membran- und Neurotransmitterstoffwechsel [3] |
| Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA) | DHA als wichtiger Bestandteil neuronaler Membranen; Beteiligung an membran- und signalabhängigen Prozessen | Metaanalytisch Hinweise auf geringe Vorteile insbesondere für exekutive Funktionen; kein konsistenter allgemeiner kognitiver Verstärkungseffekt [14] |
Klinische Einordnung
Neurologische, kognitive oder unspezifische Symptome sollten nicht allein aufgrund ihres klinischen Erscheinungsbildes einem Mikronährstoffmangel zugeschrieben werden. Entscheidend sind Anamnese, klinisch-neurologischer Befund, Ernährungsweise, Arzneimittel, gastrointestinale Erkrankungen (Magen-Darm-Erkrankungen) bzw. Operationen und weitere Risikofaktoren. Daraus ergibt sich eine gezielte laborchemische Diagnostik.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen beispielsweise ein Vitamin-B12-Mangel bei fehlender oder eingeschränkter Zufuhr tierischer Lebensmittel und bei intestinalen Resorptionsstörungen, ein Thiaminmangel bei ausgeprägter Malnutrition (Mangelernährung bzw. unzureichende Versorgung mit Energie und/oder Nährstoffen) oder prolongiertem Erbrechen (über längere Zeit anhaltendem Erbrechen) sowie ein Kupfermangel nach Eingriffen am oberen Gastrointestinaltrakt, bei Malabsorption oder hoher Zinkzufuhr [1, 8-10]. Bei ungeklärten sensiblen Neuropathien sollte außerdem gezielt nach Vitamin-B6-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln und deren Dosierung gefragt werden [11, 12].
Bei Fatigue ist der Eisenstatus bei entsprechender klinischer Wahrscheinlichkeit relevant [16]. Beim Restless-Legs-Syndrom gehört die Bestimmung der Eisenparameter dagegen ausdrücklich zum leitliniengerechten diagnostischen Vorgehen [LL1].
Die therapeutische Priorität liegt im Ausgleich eines nachgewiesenen bzw. klinisch hinreichend wahrscheinlichen Mangels und, soweit möglich, in der Behandlung seiner Ursache. Für die routinemäßige hoch dosierte Supplementation ausreichend versorgter Personen mit dem Ziel, Gedächtnis, Konzentration, allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit, Fatigue oder Schlaf zu verbessern, besteht dagegen keine einheitliche Evidenz. Die beobachteten Effekte sind abhängig von Ausgangsstatus, Population, Dosis, Intervention und Endpunkt und bleiben bei mehreren untersuchten Nährstoffen klein oder inkonsistent [13-17].
Fazit
Mikronährstoffe sind integrale Bestandteile der Funktion des zentralen und peripheren Nervensystems. Sie ermöglichen neuronalen Energiestoffwechsel, Neurotransmittersynthese, Myelinisierung, Membranfunktion und kontrollierte Erregungsleitung und beeinflussen dadurch auch kognitive Prozesse sowie indirekt Fatigue und Schlaf-Wach-Regulation.
Von besonderer klinischer Bedeutung sind definierte Mangel- und Überversorgungssyndrome: Thiamin-, Vitamin-B12- und Kupfermangel können schwere neurologische Störungen hervorrufen, während eine chronisch überhöhte Vitamin-B6-Zufuhr selbst eine periphere Neuropathie verursachen kann. Eisen besitzt eine besondere Bedeutung bei Eisenmangel-assoziierter Fatigue und beim Restless-Legs-Syndrom. Demgegenüber dürfen physiologische Funktionen eines Mikronährstoffs nicht mit einem therapeutischen Zusatznutzen bei ausreichender Versorgung gleichgesetzt werden. Für B-Vitamine, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren oder Magnesium zeigen Interventionsstudien je nach Endpunkt kleine, populationsabhängige oder inkonsistente Effekte, sodass die Mikronährstofftherapie indikations- und versorgungsorientiert erfolgen sollte.
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