Latente metabolische – stoffwechselbedingte – Azidose – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine latente metabolische Azidose (unterschwellige stoffwechselbedingte Übersäuerung) mitbedingt sein können:

Der Begriff „latente metabolische Azidose“ bzw. chronische niedriggradige Säureretention (langfristige geringgradige Säureansammlung) ist diagnostisch nicht einheitlich definiert und von einer manifesten metabolischen Azidose (nachweisbarer stoffwechselbedingter Übersäuerung) abzugrenzen. Die potentielle renale Säurebelastung (mögliche Säurebelastung der Nieren) (potential renal acid load, PRAL) und die netto-endogene Säureproduktion (körpereigene Nettosäureproduktion) (net endogenous acid production, NEAP) sind Schätzgrößen der ernährungsabhängigen Säurebelastung und kein Nachweis einer systemischen Azidose (Übersäuerung des Körpers). Bei nierengesunden Personen beruht die Evidenz zu klinischen Langzeitfolgen überwiegend auf Beobachtungsstudien; deutlich belastbarere Daten zu den Folgen einer chronischen Säureretention liegen bei chronischer Nierenkrankheit (chronischer Nierenerkrankung) vor [1, 4, 7, LL1].

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode (Zeitraum um die Geburt) haben (P00-P96)

  • Wachstumsbeeinträchtigung bei Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht – unter prolongierter hoher renaler Säurebelastung wurde eine verminderte Wachstumsgeschwindigkeit beschrieben. Die direkte Evidenz ist begrenzt; pädiatrische Übersichtsarbeiten stützen einen möglichen Zusammenhang zwischen erhöhter Säurebelastung und Wachstumsbeeinträchtigung, ohne einen kausalen Zusammenhang abschließend zu belegen [10, 11].

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2) – eine hohe ernährungsabhängige Säurebelastung ist in prospektiven Kohorten und Metaanalysen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert. Für hohe PRAL- und NEAP-Werte besteht eine konsistente epidemiologische Assoziation; ein kausaler Anteil einer latenten metabolischen Azidose ist jedoch nicht gesichert [1, 2].
  • Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin) – eine höhere Säurebelastung ist mit einer verminderten Insulinsensitivität (Empfindlichkeit gegenüber Insulin) assoziiert und könnte einen intermediären Mechanismus der Assoziation zwischen ernährungsabhängiger Säurebelastung und Diabetes mellitus Typ 2 darstellen. Der eigenständige kausale Effekt einer niedriggradigen metabolischen Azidose bleibt ungeklärt [2, 4].

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) – eine höhere ernährungsabhängige Säurebelastung ist mit höheren systolischen Blutdruckwerten und einem erhöhten Hypertonierisiko assoziiert. Die verfügbare Evidenz ist überwiegend beobachtend; ein unabhängiger kausaler Effekt einer latenten metabolischen Azidose ist bislang nicht ausreichend durch randomisierte Studien gesichert [1, 3, 4].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Muskelatrophie/Sarkopenie (Muskelschwund/Abnahme der Muskelmasse) – chronische Säureretention kann den Muskelproteinabbau (Abbau von Muskeleiweiß) fördern. Eine höhere ernährungsabhängige Säurebelastung ist mit ungünstigen Parametern der Muskelmasse und Muskelfunktion assoziiert. Die stärkere klinische Evidenz stammt aus Studien zur manifesten metabolischen Azidose bei chronischer Nierenkrankheit; deren Korrektur kann Muskelmasse und funktionelle Parameter verbessern. Die Übertragbarkeit auf eine isolierte niedriggradige Säureretention bei Nierengesunden ist nicht abschließend belegt [4, 5].

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Nierenkrankheit bzw. Progression (Fortschreiten) einer bestehenden chronischen Nierenkrankheit – eine höhere ernährungsabhängige Säurebelastung ist mit einem erhöhten Risiko für eingeschränkte Nierenfunktion und mit einer schnelleren Progression einer bestehenden chronischen Nierenkrankheit assoziiert [6]. Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann die verminderte renale Säureausscheidung ihrerseits eine Säureretention verstärken. Interventionen zur Reduktion der Säurebelastung bzw. Korrektur einer metabolischen Azidose können das Serumbicarbonat erhöhen und möglicherweise den Verlust der glomerulären Filtrationsrate (Filterleistung der Nieren) verlangsamen; die Evidenz ist insbesondere für Patienten mit chronischer Nierenkrankheit relevant [7, LL1].
  • Nephrolithiasis (Nierensteinleiden) – eine höhere ernährungsabhängige Säurebelastung ist mit einem erhöhten Risiko für Calciumoxalatsteine (Nierensteine aus Calciumoxalat) assoziiert. Bei Patienten mit chronischer Nierenkrankheit war zudem eine niedrigere Bicarbonatkonzentration mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Nierensteinen verbunden. Die Evidenz ist überwiegend beobachtend und erlaubt keinen sicheren Kausalnachweis für eine isolierte latente metabolische Azidose [8, 9].

Prognosefaktoren

  • Eingeschränkte Nierenfunktion – wichtigster klinischer Verstärker einer Säureretention; mit abnehmender glomerulärer Filtrationsrate sinken die renale Säureausscheidung und die Bicarbonatregeneration, sodass das Risiko des Übergangs in eine manifeste metabolische Azidose zunimmt. KDIGO nennt bei Erwachsenen mit chronischer Nierenkrankheit ein Serumbicarbonat < 18 mmol/l als Beispiel für eine Azidose mit potenziell klinischer Relevanz; dies stellt keine Definition der latenten metabolischen Azidose dar [LL1].
  • Persistierend (anhaltend) hohe ernährungsabhängige Säurebelastung – hohe PRAL- bzw. NEAP-Werte kennzeichnen ein stärker säurebildendes Ernährungsmuster und sind mit metabolischen, kardiovaskulären und renalen Endpunkten assoziiert. Aufgrund der überwiegend beobachtenden Evidenz können Residualkonfundierung und Effekte der zugrunde liegenden Ernährungsqualität nicht sicher von einem spezifischen Effekt der Säurebelastung getrennt werden [1, 4].

Literatur

  1. Abbastabar M, Mohammadi-Pirouz Z, Omidvar S et al.: Dietary Acid Load and Human Health: A Systematic Review and Meta-analysis of Observational Studies. Nutr Rev. 2025;83(9):1641-1656. doi: 10.1093/nutrit/nuae222.
  2. Kiefte-de Jong JC, Li Y, Chen M et al.: Diet-dependent acid load and type 2 diabetes: pooled results from three prospective cohort studies. Diabetologia. 2017;60:270-279. doi: 10.1007/s00125-016-4153-7.
  3. Dolati S, Razmjouei S, Alizadeh M et al.: A high dietary acid load can potentially exacerbate cardiometabolic risk factors: An updated systematic review and meta-analysis of observational studies. Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2024;34(3):569-580. doi: 10.1016/j.numecd.2024.01.013.
  4. Wieërs MLAJ, Beynon-Cobb B, Visser WJ et al.: Dietary acid load in health and disease. Pflugers Arch. 2024;476(4):427-443. doi: 10.1007/s00424-024-02910-7.
  5. Visser WJ, van de Braak EEM, de Mik-van Egmond AME et al.: Effects of correcting metabolic acidosis on muscle mass and functionality in chronic kidney disease: a systematic review and meta-analysis. J Cachexia Sarcopenia Muscle. 2023;14(6):2498-2508. doi: 10.1002/jcsm.13330.
  6. Mofrad MD, Daneshzad E, Azadbakht L: Dietary acid load, kidney function and risk of chronic kidney disease: A systematic review and meta-analysis of observational studies. Int J Vitam Nutr Res. 2021;91(3-4):343-355. doi: 10.1024/0300-9831/a000584.
  7. Mahboobi S, Mollard R, Tangri N et al.: Effects of dietary interventions for metabolic acidosis in chronic kidney disease: a systematic review and meta-analysis. Nephrol Dial Transplant. 2025;40(4):751-767. doi: 10.1093/ndt/gfae200.
  8. Tangri N, Mathur V, Reaven NL et al.: Association of serum bicarbonate with the development of kidney stones in patients with chronic kidney disease: a retrospective cohort study. Clin Kidney J. 2023;16(7):1113-1121. doi: 10.1093/ckj/sfad034.
  9. Haghighatdoost F et al.: Higher Dietary Acid Load Is Associated With an Increased Risk of Calcium Oxalate Kidney Stones. J Ren Nutr. 2021;31(5):467-474. doi: 10.1053/j.jrn.2020.08.012.
  10. López Luzardo M: Effects of higher dietary acid load: a narrative review with special emphasis in children. Pediatr Nephrol. 2025;40(1):25-37. doi: 10.1007/s00467-024-06466-7.
  11. Kalhoff H, Manz F, Diekmann L et al.: Decreased growth rate of low-birth-weight infants with prolonged maximum renal acid stimulation. Acta Paediatr. 1993;82(6-7):522-527. doi: 10.1111/j.1651-2227.1993.tb12742.x.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group: KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024;105(4S):S117-S314; Abschnitt 3.10 „Metabolic acidosis“, Practice Points 3.10.1-3.10.2. Leitlinie. [LL1]