Libidostörungen des Mannes – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Wiederherstellung beziehungsweise Verbesserung des sexuellen Verlangens und Reduktion des individuellen beziehungsweise partnerschaftlichen Leidensdrucks.
  • Behandlung der zugrunde liegenden Ursache sowie Erhalt von Fertilität (Fruchtbarkeit), Sexualfunktion und Lebensqualität.

Therapieempfehlungen

  • Grundsatz: Eine verminderte Libido (sexuelles Verlangen) ist keine eigenständige Indikation zur Testosterontherapie. Vorrangig sind organische, endokrine, psychische, partnerschaftliche und medikamentöse Ursachen zu erfassen und gezielt zu behandeln.
  • Überprüfung der Dauermedikation: Potenziell libido- oder testosteronsenkende Arzneimittel, insbesondere serotonerge Antidepressiva, Antipsychotika, Opioide, Glucocorticoide, Antiandrogene und 5α-Reduktasehemmer, sind hinsichtlich Indikation, Dosis und möglicher Alternativen zu überprüfen. Eine Änderung oder ein Absetzen darf nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.
  • Behandlung von Grunderkrankungen: Insbesondere Depression (depressive Erkrankung), Angststörungen (krankhafte Angstzustände), Adipositas (starkes Übergewicht), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Schilddrüsenerkrankungen (Erkrankungen der Schilddrüse), chronische Systemerkrankungen, Schlafstörungen (Probleme beim Ein- oder Durchschlafen), erektile Dysfunktion (Erektionsstörung) und Hyperprolaktinämie (krankhaft erhöhter Prolaktinspiegel) sind leitliniengerecht zu behandeln. Bei Prolaktinom (prolactinbildender Tumor der Hirnanhangdrüse) ist ein Dopaminagonist, vorzugsweise Cabergolin, Therapie der ersten Wahl; Dosierung und Kontrolle erfolgen entsprechend dem Artikel „Hyperprolaktinämie/Pharmakotherapie“.
  • Psychosexuelle Intervention: Bei psychogenen, partnerschaftlichen oder gemischten Ursachen sollte eine sexualmedizinische, sexualtherapeutische beziehungsweise psychotherapeutische Behandlung angeboten werden. Kognitiv-verhaltenstherapeutische und paarbezogene Ansätze können hilfreich sein; die Evidenz ist jedoch begrenzt [LL1].
  • Keine spezifische Pharmakotherapie bei Eugonadismus (normale Hodenfunktion): Für Männer mit normalen Testosteronwerten steht kein zugelassenes Arzneimittel zur isolierten Steigerung der Libido zur Verfügung. Testosteron ist bei eugonadalen Männern unwirksam und nicht indiziert [1, LL1]. Phosphodiesterase-5-Hemmer behandeln eine gleichzeitig bestehende erektile Dysfunktion, steigern jedoch nicht unmittelbar das sexuelle Verlangen.

Testosterontherapie bei gesichertem Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen)

  • Indikation: Testosteron darf nur bei klinischen Symptomen eines Androgenmangels (Mangel an männlichen Geschlechtshormonen) und wiederholt erniedrigtem Gesamt-Testosteron eingesetzt werden. Das Gesamt-Testosteron ist an mindestens zwei verschiedenen Tagen morgens zwischen 7 und 10 Uhr nüchtern zu bestimmen; bei veränderter SHBG-Konzentration oder grenzwertigem Befund sind SHBG und berechnetes freies Testosteron einzubeziehen [LL1-LL3].
  • Schwellenwert: Die EAU verwendet bei passenden Symptomen einen Gesamt-Testosteronwert < 12 nmol/l (< 3,5 ng/ml) als diagnostischen und therapeutischen Orientierungswert. Der Nutzen ist bei ausgeprägterem Mangel, insbesondere < 8 nmol/l, am größten; ein isolierter Laborwert begründet keine Therapie [1, LL1].
  • Ätiologische Abklärung: Vor Therapiebeginn sind mindestens LH und FSH zur Differenzierung eines primären und sekundären Hypogonadismus sowie bei Libidominderung beziehungsweise sekundärem Hypogonadismus Prolaktin zu bestimmen. Bei klinischem Verdacht sind weitere hypophysäre Achsen und eine MRT der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) abzuklären.
  • Therapieziel: Einstellung des Testosterons in den mittleren physiologischen Bereich sowie Besserung der androgenmangelbedingten Beschwerden. Eine Normalisierung supraphysiologischer Werte ist ausdrücklich nicht das Therapieziel.
  • Erwartbarer Nutzen: Bei hypogonadalen Männern kann Testosteron sexuelles Verlangen, sexuelle Aktivität und hypogonadale Symptome verbessern. Eine relevante Verbesserung der erektilen Funktion ist nicht zuverlässig zu erwarten; im TRAVERSE-Sexualfunktions-Subprojekt verbesserten sich Libido und sexuelle Aktivität, nicht jedoch die erektile Funktion [1, 2, LL1].
  • Alter: Bei Männern über 65 Jahren ist eine Testosterontherapie nicht routinemäßig, sondern nur individualisiert nach bestätigtem Hypogonadismus und ausführlicher Nutzen-Risiko-Aufklärung einzuleiten [LL2, LL3].
  • Fertilität: Exogenes Testosteron supprimiert Gonadotropine und Spermatogenese (Spermienbildung) und ist bei aktuellem Kinderwunsch kontraindiziert. Bei sekundärem Hypogonadismus und Kinderwunsch ist eine spezialisierte Gonadotropintherapie mit hCG und gegebenenfalls FSH anstelle von Testosteron angezeigt [LL1, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Wirkstoff Besonderheiten
Testosteron, transdermales Gel Gut titrierbar und bei Therapiebeginn beziehungsweise erhöhtem Risiko bevorzugt. Tägliche Applikation auf saubere, trockene, intakte Haut gemäß Fachinformation. Nach dem Auftragen Hände waschen, Applikationsstelle nach dem Trocknen bedecken und Hautkontakt mit Frauen und Kindern bis zum Waschen der Stelle vermeiden; Risiko der Übertragung auf Kontaktpersonen.
Testosteronundecanoat, intramuskuläres Langzeitdepot Langfristig stabile Spiegel und seltene Applikation; langsame tiefe gluteale Injektion über etwa 2 Minuten. Wegen der langen Wirkdauer bei unerwünschten Wirkungen nicht rasch reversibel; unmittelbar nach der Injektion Überwachung auf seltene pulmonale Mikroembolie (Verschluss kleinster Lungengefäße durch ölige Tröpfchen) durch ölige Lösung beziehungsweise anaphylaktische Reaktion (schwere allergische Reaktion).
Testosteronenantat, intramuskuläres Kurzzeitdepot Rasch absetzbar und kostengünstig; stärkere Peak-Tal-Schwankungen, häufigere Injektionen und im Vergleich zu transdermalen Präparaten erhöhtes Risiko einer Erythrozytose (Vermehrung roter Blutkörperchen).
  • Wirkweise: Ersatz des fehlenden Androgens; Aktivierung des Androgenrezeptors durch Testosteron beziehungsweise Dihydrotestosteron sowie teilweise Aromatisierung zu Estradiol. Hierdurch werden androgenabhängige Sexualfunktion, sekundäre Geschlechtsmerkmale, Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen), Muskel- und Knochenstoffwechsel beeinflusst.
  • Indikationen: Substitution bei nachgewiesenem männlichem Hypogonadismus, wenn der Testosteronmangel durch klinische Merkmale und mindestens zwei erniedrigte morgendliche Nüchternwerte bestätigt wurde. Eine Libidostörung allein, Anti-Aging, Muskelaufbau oder ein eugonadaler Status sind keine Indikationen.
  • Kontraindikationen: Aktiver Kinderwunsch; bekanntes oder vermutetes Prostata- (Prostatakrebs) oder männliches Mammakarzinom (Brustkrebs beim Mann); Hämatokrit ≥ 54 %; unkontrollierte beziehungsweise schlecht kontrollierte Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Je nach Fachinformation und individueller Situation gelten unter anderem ungeklärter PSA-Anstieg beziehungsweise auffälliger Prostatabefund, schwer ausgeprägte Beschwerden des unteren Harntrakts (Beschwerden der ableitenden Harnwege), unbehandelte schwere obstruktive Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer durch verengte Atemwege), kürzliches kardiovaskuläres Ereignis und Thrombophilie (erhöhte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln) als weitere Kontraindikationen oder Gründe für besondere Vorsicht [LL1-LL3, FI1-FI3].
  • Nebenwirkungen: Erythrozytose beziehungsweise Polyglobulie (Vermehrung roter Blutkörperchen), Anstieg von Hämatokrit und Hämoglobin, Akne, Seborrhoe (übermäßige Talgproduktion), Ödeme (Wassereinlagerungen), Gewichtszunahme, Gynäkomastie (Vergrößerung der männlichen Brustdrüse), Alopezie (Haarausfall), Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen, Anstieg von PSA und Prostatavolumen, Verschlechterung vorbestehender Beschwerden des unteren Harntrakts, Suppression der Spermatogenese mit Infertilität (Unfruchtbarkeit) und Hodenatrophie (Schrumpfung der Hoden); zusätzlich lokale Hautreaktionen und Übertragungsrisiko bei Gelen sowie Schmerzen und Reaktionen an der Injektionsstelle. In TRAVERSE war das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse gegenüber Placebo nicht erhöht; Vorhofflimmern (unregelmäßiger Herzrhythmus), akute Nierenschädigung (plötzliche Verschlechterung der Nierenfunktion) und Lungenembolie (Verschluss eines Lungengefäßes durch ein Blutgerinnsel) traten unter Testosteron jedoch häufiger auf [3].

Kontrollen unter Testosterontherapie

  • Vor Therapiebeginn: Beschwerden und Behandlungsziele dokumentieren; Fertilitätswunsch erfragen; Gesamt-Testosteron zweimal bestätigen; Ursache des Hypogonadismus abklären; Hämatokrit, Blutdruck und kardiovaskuläres Risiko erfassen; Prostataabklärung mit PSA und digital-rektaler Untersuchung alters- und risikoadaptiert nach Aufklärung durchführen; relevante Beschwerden des unteren Harntrakts und obstruktive Schlafapnoe berücksichtigen.
  • Verlaufskontrolle: Klinisches Ansprechen, Nebenwirkungen, Serum-Testosteron und Hämatokrit nach etwa 3 Monaten, nach 6-12 Monaten und anschließend mindestens jährlich kontrollieren; PSA und Prostata entsprechend Alter, Ausgangsrisiko, Leitlinie und gemeinsamer Entscheidungsfindung überwachen [LL1-LL3]. Der Messzeitpunkt des Testosterons richtet sich nach der Applikationsform und der jeweiligen Fachinformation [FI1-FI3].
  • Hämatokrit > 54 %: Therapie pausieren beziehungsweise Dosis reduzieren oder Applikationsform wechseln; Hypoxie (Sauerstoffmangel) und Schlafapnoe abklären und abhängig von der klinischen Situation eine Aderlasstherapie (gezielte Blutentnahme) erwägen [LL1, LL2].
  • Unzureichendes Ansprechen: Bei ausbleibender klinisch relevanter Besserung trotz physiologischer Testosteronwerte sind Diagnose, Adhärenz, Applikation, Komorbiditäten, Arzneimittel und psychosexuelle Faktoren erneut zu prüfen; eine Fortführung ohne nachvollziehbaren Nutzen ist nicht angezeigt.

Beachte

  • Keine „Testtherapie“: Eine probatorische Testosterongabe ohne gesicherten symptomatischen Hypogonadismus ist nicht leitliniengerecht.
  • Funktioneller Hypogonadismus: Gewichtsreduktion, körperliche Aktivität, Optimierung von Komorbiditäten und – soweit vertretbar – Anpassung auslösender Arzneimittel stehen vor einer Testosteronsubstitution [LL2].
  • Kardiovaskuläre Sicherheit: Die TRAVERSE-Daten stützen bei korrekt diagnostiziertem Hypogonadismus und physiologischer Substitution eine Nichtunterlegenheit bezüglich schwerer kardiovaskulärer Ereignisse über eine mittlere Nachbeobachtung von 33 Monaten; sie erlauben keine Aussage zur unbegrenzten Langzeitsicherheit [3].

Cave!

  • Exogenes Testosteron ist ein Kontrazeptivum für den Mann: Es kann die Spermatogenese deutlich und teils lang anhaltend supprimieren. Ein Kinderwunsch muss vor Therapiebeginn geklärt werden.
  • Geltransfer: Eine unbeabsichtigte Exposition von Frauen und Kindern kann zu Virilisierungszeichen (Vermännlichungszeichen) führen; die präparatespezifischen Schutzmaßnahmen sind konsequent einzuhalten.
  • Keine Kombination mehrerer Testosteronpräparate: Eine parallele Anwendung verschiedener Formulierungen ist außerhalb begründeter spezialisierter Umstellungssituationen zu vermeiden.

Red Flags (Warnzeichen) bei Libidostörungen des Mannes

  • Neu aufgetretene Kopfschmerzen, Gesichtsfeldausfälle oder andere neurologische Symptome bei Hyperprolaktinämie beziehungsweise sekundärem Hypogonadismus: dringliche Abklärung einer sellären oder suprasellären Raumforderung (krankhafte Gewebevermehrung im oder oberhalb des Bereichs der Hirnanhangdrüse).
  • Schwere depressive Symptomatik oder Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung): unverzügliche psychiatrische beziehungsweise notfallmedizinische Beurteilung.
  • Hämatokrit ≥ 54 %, Dyspnoe (Atemnot), Thoraxschmerz (Brustschmerz), einseitige Beinschwellung oder fokal-neurologische Symptome (umschriebene Ausfälle des Nervensystems) unter Testosteron: Testosteron pausieren und unverzüglich auf Erythrozytose, venöse Thromboembolie (Verschluss eines venösen Blutgefäßes durch ein Blutgerinnsel) beziehungsweise kardiovaskuläres Ereignis abklären.
  • Neu auffälliger Prostatabefund, deutlicher PSA-Anstieg oder Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin): zeitnahe urologische Abklärung.

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für den Energiestoffwechsel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Biotin)
  • Mineralstoffe (Magnesium)
  • Spurenelemente (Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), L-Carnitin)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • doi: Digital Object Identifier
  • EAA: European Academy of Andrology
  • EAU: European Association of Urology
  • FI: Fachinformation
  • FSH: follikelstimulierendes Hormon
  • hCG: humanes Choriongonadotropin
  • LH: luteinisierendes Hormon
  • LL: Leitlinie
  • MRT: Magnetresonanztomographie
  • PSA: prostataspezifisches Antigen
  • SHBG: Sexualhormon-bindendes Globulin
  • TRAVERSE: Testosterone Replacement Therapy for Assessment of Long-term Vascular Events and Efficacy Response in Hypogonadal Men

Literatur

  1. Corona G, Isidori AM, Buvat J et al.: Testosterone supplementation and sexual function: a meta-analysis study. J Sex Med. 2014;11(6):1577-1592. doi: 10.1111/jsm.12536
  2. Pencina KM, Travison TG, Cunningham GR et al.: Effect of Testosterone Replacement Therapy on Sexual Function and Hypogonadal Symptoms in Men With Hypogonadism. J Clin Endocrinol Metab. 2024;109(2):569-580. doi: 10.1210/clinem/dgad484
  3. Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P et al.: Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. N Engl J Med. 2023;389(2):107-117. doi: 10.1056/NEJMoa2215025

Leitlinien

  1. European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. Kapitel „Male Hypogonadism“ und „Low Sexual Desire and Male Hypoactive Sexual Desire Disorder“. Version 2026. Online-Version [LL1]
  2. Corona G, Goulis DG, Huhtaniemi I et al.: European Academy of Andrology (EAA) guidelines on investigation, treatment and monitoring of functional hypogonadism in males. Andrology. 2020;8(5):970-987. doi: 10.1111/andr.12770 [LL2]
  3. Bhasin S, Brito JP, Cunningham GR et al.: Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2018;103(5):1715-1744. doi: 10.1210/jc.2018-00229 [LL3]

Fachinformation

  1. Fachinformation TESTOGEL 16,2 mg/g Gel; jeweils aktueller Stand. [FI1]
  2. Fachinformation Nebido 1.000 mg Injektionslösung; jeweils aktueller Stand. [FI2]
  3. Fachinformation Testoviron-Depot-250; jeweils aktueller Stand. [FI3]