Atemnotsyndrom des Erwachsenen (ARDS) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein akutes Atemnotsyndrom des Erwachsenen (akutes schweres Lungenversagen) (Acute Respiratory Distress Syndrome, ARDS; akutes schweres Lungenversagen) mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Persistierende Einschränkung der Lungenfunktion (anhaltende Einschränkung der Funktion der Lunge) – insbesondere eine verminderte Diffusionskapazität für Kohlenmonoxid (verminderte Fähigkeit der Lunge zum Gasaustausch) kann nach ARDS fortbestehen. In der prospektiven 1-Jahres-Nachbeobachtung von Herridge et al. waren Lungenvolumina und spirometrische Parameter nach sechs Monaten normalisiert, während die Kohlenmonoxid-Diffusionskapazität während der gesamten 12-monatigen Nachbeobachtung vermindert blieb. Langfristig normalisiert sich die Lungenfunktion bei den meisten Überlebenden weitgehend, während funktionelle Einschränkungen teilweise über Jahre persistieren können [1-3].
- Persistierende radiologische Lungenparenchymveränderungen (anhaltende Veränderungen des Lungengewebes in der Bildgebung) – nach schwerem ARDS können retikuläre bzw. fibrotische Residuen (netzartige bzw. narbige Restveränderungen) über Jahre nachweisbar bleiben. In einer 5-Jahres-Nachuntersuchung wiesen 18 von 24 untersuchten ARDS-Überlebenden (75 %) Auffälligkeiten in der hochauflösenden Computertomographie (Schichtbilduntersuchung mit hoher Detailauflösung) auf; diese waren überwiegend gering ausgeprägt und in nichtabhängigen Lungenregionen lokalisiert. Persistierende radiologische Veränderungen sind daher nicht mit einer klinisch relevanten progredienten Lungenfibrose (fortschreitende Vernarbung des Lungengewebes) gleichzusetzen [4].
- Prolongiertes Weaning (verlängerte Entwöhnung von der Beatmung) bzw. Weaning-Versagen (erfolglose Entwöhnung von der Beatmung) nach invasiver Beatmung (Beatmung über einen Beatmungsschlauch) – bei schwerem ARDS mit längerer invasiver Beatmung mögliche intensivmedizinische Komplikation. Als prolongiertes Weaning gilt nach der aktuellen Klassifikation ein erfolgreiches Weaning erst nach mindestens drei erfolglosen Spontanatmungsversuchen (Versuche selbstständig zu atmen) oder eine Beatmungsdauer von mehr als sieben Tagen nach dem ersten erfolglosen Spontanatmungsversuch; bei Weaning-Versagen kann eine außerklinische invasive Beatmung erforderlich werden [LL1].
- Ventilatorinduzierte Lungenschädigung (durch künstliche Beatmung verursachte Lungenschädigung) und pulmonales Barotrauma (druckbedingte Lungenschädigung) – therapieassoziierte Komplikationen der invasiven Beatmung mit möglichem Pneumothorax (Luftansammlung zwischen Lunge und Brustwand), Pneumomediastinum (Luftansammlung im Mittelfellraum) oder interstitiellem Emphysem (Luftansammlung im Lungenzwischengewebe); das Risiko steigt mit übermäßiger mechanischer Belastung des respiratorischen Systems. Lungenprotektive Beatmungsstrategien dienen der Begrenzung dieser Schädigung [LL1-LL3].
- Ventilatorassoziierte Pneumonie (durch künstliche Beatmung begünstigte Lungenentzündung) – wichtige nosokomiale Komplikation (im Krankenhaus erworbene Komplikation) bei länger dauernder invasiver Beatmung; bei ARDS mit verlängerter Beatmungs- und Intensivbehandlungsdauer sowie ungünstigerem klinischem Verlauf assoziiert [9].
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Rechtsventrikuläre Dysfunktion (Funktionsstörung der rechten Herzkammer) bis zum akuten Cor pulmonale (akutes Rechtsherzversagen infolge einer Lungenerkrankung) – die Erhöhung des pulmonal-vaskulären Widerstands (erhöhter Gefäßwiderstand im Lungenkreislauf) durch Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Hyperkapnie (erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut), pulmonale Gefäßveränderungen und positive Druckbeatmung kann eine akute rechtsventrikuläre Druckbelastung auslösen. In einer Metaanalyse von neun Studien mit 1.861 ARDS-Patienten lag eine rechtsventrikuläre Schädigung bei 21,0 % vor und war mit einer erhöhten Gesamtmortalität assoziiert (Odds-Ratio 1,45; 95-%-Konfidenzintervall 1,13-1,86) [7].
- Rechtsherzversagen (Funktionsversagen der rechten Herzhälfte) mit systemvenöser Kongestion (Blutstau im venösen Kreislauf) und sekundärer Organminderperfusion (verminderte Durchblutung von Organen) – mögliche Folge einer ausgeprägten rechtsventrikulären Schädigung; ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei schwerer Hypoxämie, Hyperkapnie und hoher mechanischer Belastung während der Beatmung [7].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Muskelatrophie (Muskelschwund), Muskelschwäche und ausgeprägte körperliche Dekonditionierung (Verlust der körperlichen Leistungsfähigkeit) – nach längerem schweren ARDS und prolongierter Intensivbehandlung häufig wesentliche Determinanten der funktionellen Langzeitmorbidität [1-3].
- Persistierende Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit (anhaltend verminderte körperliche Belastbarkeit) – reduzierte Gehstrecke, Ausdauer und Belastbarkeit können trotz weitgehender pulmonaler Erholung über Jahre fortbestehen; eine vollständige Wiederherstellung des prämorbiden Funktionsniveaus wird nicht bei allen Überlebenden erreicht [1-3].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Kognitive Funktionsstörungen (Störungen von Denken, Gedächtnis und Aufmerksamkeit) – insbesondere Beeinträchtigungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Exekutivfunktionen (Fähigkeiten zur Planung und Steuerung von Handlungen). Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 2025 ermittelte eine gepoolte Prävalenz kognitiver Beeinträchtigungen nach ARDS von 36 % (95-%-Konfidenzintervall 26-46 %); wegen hoher Heterogenität und niedriger Evidenzsicherheit ist dieser Wert als Größenordnung und nicht als präzise individuelle Risikoschätzung zu interpretieren [6].
- Psychiatrische Langzeitmorbidität (langfristige seelische Folgeerkrankungen) – Angst-, depressive und posttraumatische Belastungssymptome (Beschwerden nach seelisch stark belastenden Ereignissen) können über Jahre persistieren oder rezidivieren. In einer prospektiven 5-Jahres-Kohorte bestanden prolongierte Angstsymptome bei 38 %, depressive Symptome bei 32 % und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (anhaltende psychische Reaktion nach einem stark belastenden Ereignis) bei 23 % der untersuchten ARDS-Überlebenden [5].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Dyspnoe (Atemnot) und Belastungsdyspnoe (Atemnot bei körperlicher Belastung) – können trotz weitgehender Normalisierung der konventionellen Lungenfunktionsparameter fortbestehen und sind häufig multifaktoriell durch pulmonale Residuen, Muskelschwäche und Dekonditionierung bedingt [1-3].
- Fatigue (anhaltende Erschöpfung) und Belastungsintoleranz (verminderte Belastungsverträglichkeit) – relevante Komponenten der längerfristigen körperlichen Morbidität nach schwerem ARDS und Intensivbehandlung [1-3].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Akute Nierenschädigung (plötzlich auftretende Schädigung der Nieren) (Acute Kidney Injury, AKI) – häufige extrapulmonale Komplikation des ARDS mit multifaktorieller Pathogenese, unter anderem durch systemische Inflammation (Entzündungsreaktion des gesamten Körpers), hämodynamische Störungen (Störungen des Blutkreislaufs), venöse Kongestion, Hypoxämie und Wechselwirkungen zwischen Lunge und Niere. In einer Metaanalyse von 17 Studien mit 9.359 ARDS-Patienten entwickelte sich bei 40 % eine AKI nach der ARDS-Diagnose; bei einer zeitlichen Abgrenzung von mindestens 48 Stunden betrug die Inzidenz 20 %. Das Auftreten einer AKI war mit nahezu verdoppelter Krankenhaus- bzw. 30-Tage-Mortalität assoziiert (Risikoverhältnis 1,93; 95-%-Konfidenzintervall 1,71-2,18) [8].
- Schwere bis dialysepflichtige akute Nierenschädigung (schwere Nierenschädigung bis zur Notwendigkeit einer Blutwäsche) – bei ausgeprägter Multiorgandysfunktion (Funktionsstörung mehrerer Organe) kann eine Nierenersatztherapie (Verfahren zum Ersatz der Nierenfunktion) erforderlich werden; Schweregrad und zeitlicher Verlauf der AKI sind für die Gesamtprognose von hoher Bedeutung [8].
Weiteres
- Post-Intensive-Care-Syndrom (Folgebeschwerden nach einer intensivmedizinischen Behandlung) – syndromale Kombination persistierender körperlicher, kognitiver und psychischer Beeinträchtigungen nach schwerer Intensiverkrankung. Die aktuelle S3-Leitlinie weist ausdrücklich auf mögliche Langzeitfolgen nach akuter respiratorischer Insuffizienz (akutes Versagen der Atmung) wie kognitive Einschränkungen, Störungen der mentalen Gesundheit, Einschränkungen der funktionellen Unabhängigkeit und chronische Organdysfunktionen (langanhaltende Funktionsstörungen von Organen) hin [1, 3, 5, 6, LL1].
- Beeinträchtigte berufliche und soziale Teilhabe – in einer prospektiven 5-Jahres-Studie kehrte nahezu ein Drittel der vor dem ARDS berufstätigen Langzeitüberlebenden während des gesamten Nachbeobachtungszeitraums nicht in das Erwerbsleben zurück [10].
Prognosefaktoren
- Schweregrad und Persistenz der Hypoxämie – ein höherer ARDS-Schweregrad ist mit einer ungünstigeren Kurzzeitprognose assoziiert; in der internationalen LUNG-SAFE-Kohorte nahm die Krankenhausmortalität mit zunehmendem ARDS-Schweregrad zu [12].
- Ausmaß der extrapulmonalen Organfunktionsstörung (Funktionsstörung von Organen außerhalb der Lunge) – Multiorganversagen (Versagen mehrerer Organe) ist eine wesentliche Determinante der Akutprognose und kann die unmittelbare pulmonale Schädigung als Todesursache überlagern [8, 12].
- Erhöhte inspiratorische Druckdifferenz (erhöhter Druckunterschied während der Einatmung) (Driving Pressure) unter invasiver Beatmung – eine Metaanalyse zeigte eine konsistente Assoziation höherer Werte mit erhöhter Mortalität [11]. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie schlägt bei invasiv beatmeten ARDS-Patienten vor, eine inspiratorische Druckdifferenz von ≤ 14 cmH2O anzustreben; die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für diese schwache Empfehlung wird als sehr niedrig eingestuft [LL1].
- Rechtsventrikuläre Schädigung (Schädigung der rechten Herzkammer) bzw. akutes Cor pulmonale – mit erhöhter Gesamtmortalität assoziiert; in der Metaanalyse betrug die Odds-Ratio 1,45 [7].
- Akute Nierenschädigung nach ARDS – prognostisch ungünstige extrapulmonale Organkomplikation; das gepoolte Risikoverhältnis für Krankenhaus- bzw. 30-Tage-Mortalität betrug 1,93 [8].
- Ventilatorassoziierte Pneumonie – mit längerer invasiver Beatmung, längerer Intensivbehandlung und ungünstigerer 90-Tage-Prognose assoziiert [9].
- Ausgeprägte Muskelschwäche und anhaltende körperliche Dekonditionierung – wichtige Determinanten persistierender funktioneller Einschränkungen und verminderter gesundheitsbezogener Lebensqualität bei Langzeitüberlebenden [1-3].
- Psychische Vorbelastung vor dem ARDS – insbesondere vorbestehende Depression (anhaltende depressive Erkrankung) und psychische Belastung unmittelbar vor der Akuterkrankung waren in einer prospektiven Langzeitkohorte Prädiktoren prolongierter Angst-, depressiver und posttraumatischer Belastungssymptome [5].
Literatur
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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