Vergiftungen (Intoxikationen) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Erhalt bzw. Wiederherstellung der Vitalfunktionen (lebenswichtigen Körperfunktionen).
- Begrenzung der Giftaufnahme und substanzspezifische Beschleunigung der Giftelimination (Giftausscheidung).
- Antagonisierung bzw. Verminderung toxischer Wirkungen durch gezielte Antidottherapie (Behandlung mit einem Gegengift).
- Vermeidung bleibender Organschäden und vollständige Genesung.
Therapieempfehlungen
Die Behandlung richtet sich nach der aufgenommenen Substanz, der Dosis, dem Aufnahmeweg, dem zeitlichen Verlauf und der klinischen Symptomatik (Beschwerden). Frühzeitig ein Giftinformationszentrum hinzuziehen. Atemwegssicherung, ausreichende Ventilation und Kreislaufstabilisierung haben Vorrang vor gastrointestinaler Dekontamination. Bei lebensbedrohlicher Vergiftung darf eine indizierte Antidotgabe nicht durch das Abwarten einer toxikologischen Bestätigung verzögert werden [LL7, LL12].
Die nachfolgenden Dosierungen beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, auf Erwachsene. Intravenöse Anwendung wird mit i.v., intramuskuläre Anwendung mit i.m., subkutane Anwendung mit s.c. und orale Anwendung mit p.o. bezeichnet. Dosierungen pro Kilogramm beziehen sich auf das Körpergewicht. Bei Kindern sind alters- und gewichtsbezogene Behandlungsschemata erforderlich. Präparatespezifische Konzentrationen, Verdünnungen und Fachinformationen beachten.
Primäre Giftentfernung
- Aktivkohle: Bei potenziell relevanter oraler Aufnahme einer ausreichend adsorbierbaren Substanz erwägen; der größte Nutzen besteht bei früher Gabe, vorzugsweise innerhalb einer Stunde. Voraussetzung sind ausreichende Schutzreflexe bzw. ein gesicherter Atemweg und eine funktionsfähige Darmpassage [1, 2, LL1, LL2].
- Spätere Aktivkohlegabe: Bei verzögerter Resorption, z. B. durch Retardpräparate, anticholinerge Begleitwirkungen oder große aufgenommene Mengen, kann die Gabe auch nach mehr als einer Stunde sinnvoll sein. Bei Paracetamol kann sie bei ausgewählten Patienten noch innerhalb von vier Stunden bzw. bei fortgesetzter Resorption später erwogen werden. Die Entscheidung erfolgt substanz- und situationsbezogen [1, LL2, LL8].
- Repetitive Aktivkohlegabe: Bei lebensbedrohlicher Vergiftung mit Carbamazepin, Chinin, Dapson, Phenobarbital oder Theophyllin nach toxikologischer Rücksprache erwägen. Bei Amatoxinen kann sie Bestandteil eines spezialisierten Behandlungskonzepts sein [1, LL3, LL12].
- Abführmittel: Glaubersalz und andere salinische bzw. osmotische Abführmittel werden weder routinemäßig nach Aktivkohle noch als alleinige Dekontamination eingesetzt. Ein klinischer Nutzen ist nicht belegt; Flüssigkeitsverluste und Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) können die Vergiftung verschlimmern [LL4].
- Magenspülung: Keine Routinebehandlung. Allenfalls in seltenen, sorgfältig ausgewählten Fällen einer potenziell lebensbedrohlichen Aufnahme nach toxikologischer Rücksprache und durch erfahrenes Personal erwägen. Ein ungesicherter Atemweg, ätzende Substanzen und Kohlenwasserstoffe mit hohem Aspirationsrisiko (Risiko des Eindringens in die Atemwege) sprechen gegen die Durchführung [LL5].
- Orthograde Darmspülung: Bei ausgewählten relevanten Aufnahmen von Retardpräparaten, Eisen, Lithium oder intakten Drogenpäckchen mit einer Polyethylenglykol-Elektrolytlösung erwägen. Voraussetzung sind Kreislaufstabilität, ein geschützter Atemweg und eine intakte Darmpassage. Ein verbesserter klinischer Ausgang ist nicht durch kontrollierte Studien gesichert [LL6].
- Äußere Dekontamination: Kontaminierte Kleidung entfernen, Eigenschutz beachten und Haut bzw. Augen substanzgerecht spülen. Bei Flusssäureexposition zusätzlich frühzeitig Calciumgluconat einsetzen [LL12].
- Erbrechen: Nicht auslösen; Ipecacuanha wird zur gastrointestinalen Dekontamination nicht routinemäßig verwendet [LL13].
Sekundäre Giftentfernung
- Urinalkalisierung: Intravenöses Natriumbicarbonat ist insbesondere bei relevanter Salicylatvergiftung indiziert. Die Entscheidung setzt ausreichende Nierenfunktion bzw. eine parallele Prüfung der Dialyseindikation voraus. Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut) korrigieren, da sie die Urinalkalisierung erschwert [LL9, LL10].
- Extrakorporale Elimination: Bei schweren Vergiftungen mit dialysierbaren Substanzen, z. B. Lithium, Methanol, Ethylenglykol oder Salicylaten, substanzspezifisch prüfen. Klinische Schwere, Nierenfunktion, Säure-Basen-Status und Konzentrationsverlauf sind gemeinsam zu beurteilen [LL10, LL11, LL14, LL15].
- Salicylate: Eine Hämodialyse ist insbesondere bei Bewusstseinsstörung, neu aufgetretener sauerstoffpflichtiger Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Versagen der Standardtherapie oder sehr hohen Konzentrationen angezeigt. Natriumbicarbonat ist keine Alternative zu einer erforderlichen Dialyse [LL10].
- Lithium: Bei schwerer neurologischer Symptomatik (Beschwerden des Nervensystems) oder lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kann eine Hämodialyse unabhängig von der aktuellen Lithiumkonzentration erforderlich sein. Nach Beendigung sind serielle Konzentrationskontrollen wegen eines möglichen Wiederanstiegs notwendig [LL11].
Schnellentscheidung – substanzspezifische Therapie
Nach Sicherung der Vitalfunktionen die vermutete Substanz bzw. das klinische Vergiftungsbild zuordnen. Antidottherapie, Dekontamination und Eliminationsverfahren können gleichzeitig erforderlich sein. Die Tabelle dient der raschen Orientierung; Dosierung, Gegenanzeigen und Überwachung sind in den nachfolgenden Wirkstoffabschnitten dargestellt.
| Substanz bzw. Vergiftungsbild | Vorrangige spezifische Behandlung | Dekontamination, Elimination und entscheidende Hinweise |
|---|---|---|
| Opioide mit Atemdepression (vermindertem Atemantrieb) | Naloxon; gleichzeitig ausreichende Ventilation sicherstellen. | Bei wiederkehrender Atemdepression erneute Gabe bzw. Dauerinfusion und weitere Überwachung. Bei lang wirksamen Opioiden ist eine verlängerte Überwachung erforderlich [LL7, FI1]. |
| Isolierte Benzodiazepinwirkung | Supportive Behandlung; Flumazenil nur bei sorgfältig ausgewählten Patienten. | Vor Flumazenil Mischintoxikation (Vergiftung durch mehrere Substanzen), Abhängigkeit und Krampfrisiko beurteilen. Keine unkritische Anwendung bei unklarer Bewusstseinsstörung [LL7, FI2]. |
| Paracetamol | N-Acetylcystein nach Konzentration, Einnahmeverlauf und weiteren Behandlungskriterien. | Aktivkohle bei geeigneter früher bzw. verzögert resorbierter Aufnahme erwägen. Bei wiederholter Einnahme oder unklarem Zeitpunkt ist das Rumack-Matthew-Nomogramm ungeeignet [LL8]. |
| Methanol oder Ethylenglykol | Fomepizol frühzeitig einsetzen. | Aktivkohle ist ungeeignet. Bei schwerer Azidose (Übersäuerung), neurologischen Manifestationen (Auswirkungen auf das Nervensystem) bzw. Organschädigung Hämodialyse prüfen [FI4, LL14, LL15]. |
| Salicylate | Natriumbicarbonat zur kontrollierten Alkalisierung; Kalium bedarfsgerecht korrigieren. | Aktivkohle bei geeigneter Aufnahme erwägen. Bei schwerem Verlauf frühzeitig Hämodialyse; eine erforderliche Dialyse nicht durch Alkalisierung verzögern [LL9, LL10]. |
| Natriumkanalblocker, insbesondere trizyklische Antidepressiva, mit QRS-Verbreiterung oder Kreislaufinstabilität | Natriumbicarbonat i.v. | Kontinuierliche Elektrokardiogrammüberwachung, Blutgas- und Elektrolytkontrollen. Aktivkohle nur bei geeigneter Aufnahme und geschütztem Atemweg [LL7, LL12]. |
| Organophosphate mit cholinergem Vergiftungsbild (Vergiftungszeichen durch übermäßige Acetylcholinwirkung) | Atropin rasch nach Wirkung titrieren; bei geeigneter Substanz zusätzlich Obidoxim. | Eigenschutz und äußere Dekontamination beachten. Bronchialsekretion, Ventilation und Kreislauf bestimmen die Atropintitration [LL7, FI5]. |
| Carbamate oder Muscarin mit cholinergem Vergiftungsbild | Atropin nach klinischem Ansprechen. | Obidoxim ist bei gesicherter Carbamatvergiftung gemäß deutscher Fachinformation kontraindiziert [FI5, LL12]. |
| Cyanide bzw. begründeter Verdacht nach Brandgasexposition | Hydroxocobalamin; Natriumthiosulfat situationsbezogen ergänzen. | Bei lebensbedrohlicher Symptomatik nicht auf einen Cyanidnachweis warten. Bei Brandgasexposition gleichzeitig an Kohlenmonoxid denken [LL7, FI6, FI7]. |
| Kohlenmonoxid | Sofort höchstmögliche inspiratorische Sauerstoffkonzentration. | Hyperbare Sauerstofftherapie bei geeigneter Indikation frühzeitig prüfen. Eine normale konventionelle Pulsoxymetrie schließt die Vergiftung nicht aus [LL18]. |
| Klinisch relevante Methämoglobinämie (erhöhter Anteil einer nicht ausreichend sauerstofftransportierenden Hämoglobinform) | Methylthioniniumchlorid. | Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, serotonerge Begleitmedikation und präparatespezifische Dosisgrenzen beachten [FI8]. |
| Digoxin, Digitoxin bzw. geeignete pflanzliche Herzglykoside | Digoxinspezifische Fab-Antikörperfragmente bei lebensbedrohlicher Vergiftung. | Kalium und Herzrhythmus überwachen. Gesamt-Digoxinbestimmungen sind nach Antidotgabe zur Verlaufsbeurteilung ungeeignet [LL7, FI9]. |
| Calciumkanalblocker bzw. ausgewählte Betablocker mit schwerer kardialer Funktionsstörung (Funktionsstörung des Herzens) | Hochdosiertes Normalinsulin mit bedarfsgerechter Glucosezufuhr; bei Calciumkanalblockern zusätzlich Calcium. | Intensivmedizinische Kreislaufbehandlung und engmaschige Glucose- und Kaliumkontrollen; weitere Maßnahmen nach Hämodynamik [LL7, LL16]. |
| Schwere systemische Lokalanästhetikatoxizität | Lipidemulsion 20 % zusätzlich zur angepassten Reanimationsbehandlung. | Spezialisiertes Behandlungsprotokoll verwenden; Krampfanfälle und kardiale Komplikationen (Komplikationen des Herzens) gleichzeitig behandeln [LL17]. |
| Lithium | Supportive Behandlung; bei schwerer Vergiftung Hämodialyse. | Aktivkohle ist ungeeignet. Orthograde Darmspülung bei ausgewählter relevanter Aufnahme erwägen; nach Dialyse Konzentrationswiederanstieg beachten [LL6, LL11]. |
| Eisen | Deferoxamin bei relevanter akuter Vergiftung. | Aktivkohle ist ungeeignet. Orthograde Darmspülung bei ausgewählter Aufnahme erwägen; klinische Schwere und Eisenkonzentration berücksichtigen [LL6, FI10]. |
| Quecksilber bzw. geeignete Schwermetalle | Metallbezogene Chelattherapie, z. B. DMPS. | Metallart, Expositionsform und Nierenfunktion bestimmen die Auswahl; keine pauschale Chelattherapie [FI11, LL12]. |
| Thallium bzw. interne Kontamination mit radioaktivem Cäsium | Berliner Blau. | Darmpassage und Elektrolyte überwachen; Behandlung nach substanzspezifischem Verlauf [FI12]. |
| Amatoxinhaltige Pilze | Silibinin möglichst frühzeitig. | Aktivkohle nach toxikologischer Rücksprache; Leberfunktion und Gerinnung überwachen, bei schwerem Verlauf frühzeitig Transplantationszentrum einbeziehen [LL12, FI13]. |
| Schweres zentrales anticholinerges Syndrom (Störung der Gehirnfunktion durch Hemmung bestimmter Nervenwirkungen) | Physostigmin nur nach sorgfältiger Auswahl und toxikologischer Rücksprache. | Vor Gabe Erregungsleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Signalübertragung im Herzen), Natriumkanalblockade und Krampfrisiko beurteilen; kontinuierliche Elektrokardiogrammüberwachung [LL12, FI14]. |
| Sulfonylharnstoffe mit rezidivierender Hypoglykämie (wiederkehrender Unterzuckerung) | Initiale Glucosekorrektur; zusätzlich Octreotid. | Wiederkehrende Hypoglykämien auch nach Therapieende berücksichtigen; ausreichende weitere Überwachung [LL12, FI15]. |
| Vitamin-K-Antagonisten bzw. entsprechende Rodentizide | Phytomenadion; bei schwerer Blutung zusätzlich Vierfaktor-Prothrombinkomplexkonzentrat. | Behandlung nach Blutungsschwere und Gerinnungsverlauf. Bei lang wirksamen Rodentiziden kann eine lange Therapie erforderlich sein [LL12]. |
| Flusssäure | Sofortige Dekontamination und frühzeitiges Calciumgluconat. | Lokale bzw. systemische Behandlung nach Schädigung; Calcium, Magnesium und Herzrhythmus überwachen [LL12]. |
| Carbamazepin, Chinin, Dapson, Phenobarbital oder Theophyllin | Substanzspezifische supportive Behandlung; bei lebensbedrohlicher Vergiftung repetitive Aktivkohle erwägen. | Geschützter Atemweg und intakte Darmpassage erforderlich; weitere Eliminationsmaßnahmen nach toxikologischer Empfehlung [LL3]. |
| Ätzende Substanzen oder leicht aspirierbare Kohlenwasserstoffe | Expositionsgerechte supportive und organbezogene Behandlung. | Kein Erbrechen auslösen; Aktivkohle ist ungeeignet. Magenspülung wegen Gewebeschädigung bzw. Aspirationsrisiko vermeiden [LL2, LL5, LL13]. |
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Adsorbentien
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Aktivkohle | Nur bei adsorbierbarer Substanz und vertretbarem Aspirationsrisiko. Repetitive Gabe erfordert Kontrolle von Darmfunktion, Flüssigkeitsbilanz und Elektrolyten. Keine routinemäßige Kombination mit Glaubersalz [1, LL2-LL4]. |
- Wirkweise: Adsorption von Giftstoffen im Darmlumen; bei repetitiver Gabe zusätzlich Unterbrechung enterohepatischer bzw. enteroenteraler Kreisläufe und Förderung der intestinalen Elimination.
- Indikationen: Klinisch relevante Aufnahme adsorbierbarer Arzneistoffe bzw. Gifte; repetitive Gabe insbesondere bei den oben genannten Substanzen.
- Kontraindikationen: Ungesicherter Atemweg bei beeinträchtigten Schutzreflexen, Ileus (Darmverschluss), Darmobstruktion (mechanische Behinderung der Darmpassage), Perforation (Durchbruch der Organwand) oder relevantes Aspirationsrisiko. Bei Säuren, Laugen und nicht adsorbierbaren Stoffen besteht keine geeignete Indikation.
- Nebenwirkungen: Erbrechen, Obstipation (Verstopfung); bei Aspiration (Eindringen in die Atemwege) schwere pulmonale Komplikationen (Komplikationen der Lunge), selten Darmobstruktion [1, LL2, LL3].
Die Adsorbierbarkeit allein begründet noch keine Behandlungsindikation. Entscheidend sind die erwartete Toxizität und das Nutzen-Risiko-Verhältnis.
| Substanzgruppe | Adsorption an Aktivkohle und therapeutische Konsequenz |
|---|---|
| Viele Arzneistoffe | Ausreichende Adsorption z. B. bei vielen Antidepressiva, Antiepileptika, Antihistaminika, Betablockern, Calciumkanalblockern, Opioiden, Paracetamol, Salicylaten und Theophyllin. Die konkrete Indikation ist substanzbezogen zu prüfen [1]. |
| Pflanzen- und Pilzgifte | Aktivkohle kann bei ausgewählten Vergiftungen, z. B. durch Amatoxine, Colchicin oder Digitalisglykoside, erwogen werden; die spezifische Therapie bleibt maßgeblich [1, LL12]. |
| Alkohole, Lithium, Eisen und andere Metalle | Keine ausreichende Adsorption für eine verlässliche Behandlung mit Aktivkohle. Gegebenenfalls andere Dekontaminationsmaßnahmen, Antidote oder extrakorporale Elimination einsetzen [1, LL6]. |
| Säuren, Laugen und leicht aspirierbare Kohlenwasserstoffe | Aktivkohle ist zur Behandlung dieser Expositionen ungeeignet. Lokale Gewebeschädigung bzw. Aspirationsrisiko bestimmen das Vorgehen [1, LL2]. |
Alkalisierende Wirkstoffe
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Natriumbicarbonat bei Natriumkanalblockade | Bei toxisch bedingter QRS-Verbreiterung, ventrikulären Herzrhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen der Herzkammern) oder Kreislaufinstabilität, insbesondere durch trizyklische Antidepressiva. Eine schwere Alkalämie (zu hoher Blut-pH) und Hypernatriämie (Natriumüberschuss im Blut) vermeiden [LL7, LL12]. |
| Natriumbicarbonat bei Salicylatvergiftung | Engmaschige Kontrolle von Blutgasen, Natrium, Kalium, Nierenfunktion und Flüssigkeitsbilanz. Die Lösung wird zur Alkalisierung eingesetzt, nicht zur forcierten Diurese [LL9]. |
- Wirkweise: Natriumzufuhr und Blutalkalisierung vermindern die Kardiotoxizität (schädigende Wirkung auf das Herz) bestimmter Natriumkanalblocker; Urinalkalisierung erhöht die renale Elimination von Salicylaten.
- Indikationen: Substanzspezifische Kardiotoxizität durch Natriumkanalblockade und relevante Salicylatvergiftung. Bei bestimmten Chlorphenoxyherbiziden nur nach spezialisierter toxikologischer Empfehlung.
- Kontraindikationen: Ausgeprägte Alkalämie, Hypernatriämie bzw. nicht beherrschbare Volumenbelastung begrenzen die weitere Gabe. Bei schwerer Nierenfunktionsstörung frühzeitig extrakorporale Verfahren prüfen.
- Nebenwirkungen: Alkalose (Störung mit erhöhtem pH im Körper), Hypernatriämie, Hypokaliämie, Abnahme des ionisierten Calciums und Volumenüberlastung [LL7, LL9, LL10].
Opioidrezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Naloxon | Therapieziel ist eine ausreichende Spontanatmung. Bei hochpotenten oder lang wirksamen Opioiden können wiederholte bzw. höhere Dosen erforderlich sein. Beatmung darf nicht verzögert werden [LL7, FI1]. |
- Wirkweise: Kompetitive Antagonisierung von Opioidrezeptoren.
- Indikationen: Opioidbedingte Atemdepression, einschließlich Vergiftungen durch Heroin, Fentanyl oder Methadon.
- Kontraindikationen: Bei lebensbedrohlicher opioidbedingter Atemdepression steht die Vitalindikation im Vordergrund; bekannte Überempfindlichkeit berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Akutes Entzugssyndrom (Beschwerden nach plötzlichem Wegfall einer gewohnten Substanzwirkung) mit Agitation (starker Unruhe), Erbrechen und Kreislaufreaktionen; selten Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) oder Herzrhythmusstörungen. Eine erneute Atemdepression nach Abklingen der Naloxonwirkung ist möglich [FI1].
Benzodiazepinantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Flumazenil | Nur bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit isolierter Benzodiazepinwirkung und geringem Krampf- bzw. Entzugsrisiko. Atemwegs- und Beatmungsmaßnahmen bleiben vorrangig [LL7, FI2]. |
- Wirkweise: Antagonisierung der Benzodiazepinbindungsstelle am Gamma-Aminobuttersäure-Rezeptor.
- Indikationen: Ausgewählte isolierte Benzodiazepinintoxikation bzw. iatrogene Überdosierung (durch medizinische Behandlung verursachte Überdosierung).
- Kontraindikationen: Benzodiazepinabhängigkeit, relevantes Krampfrisiko, schwere Mischintoxikation mit prokonvulsiven Substanzen, insbesondere trizyklischen Antidepressiva, und Benzodiazepinbehandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung.
- Nebenwirkungen: Krampfanfälle, akutes Entzugssyndrom, Agitation und erneute Sedierung (Dämpfung von Wachheit und Bewusstsein) [FI2].
Glutathionvorstufen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| N-Acetylcystein | Bei Paracetamolvergiftung frühzeitig beginnen. Infusionsvolumen an Körpergewicht und Flüssigkeitstoleranz anpassen. Fortführung über das Standardschema hinaus nach klinischem Verlauf und Laborbefunden; alternative validierte Schemata nach lokalem Protokoll [LL8, FI3]. |
- Wirkweise: Wiederauffüllung von Glutathion und Verminderung der Schädigung durch reaktive Paracetamolmetaboliten.
- Indikationen: Paracetamolkonzentration oberhalb der Behandlungslinie eines geeigneten Nomogramms oder andere toxikologisch begründete Behandlungskriterien, insbesondere bei unklarem Einnahmezeitpunkt, wiederholter Überdosierung oder Leberschädigung.
- Kontraindikationen: Eine frühere anaphylaktoide Reaktion (allergieähnliche Überempfindlichkeitsreaktion) schließt eine erneute vital indizierte Behandlung nicht grundsätzlich aus; Gabe unter angepasster Überwachung.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Hautreaktionen, Bronchospasmus (Verkrampfung der Bronchien) und Hypotonie (niedriger Blutdruck); bei unangemessenem Infusionsvolumen Flüssigkeitsüberlastung bzw. Hyponatriämie (Natriummangel im Blut) [LL8, FI3].
Das Rumack-Matthew-Nomogramm ist für eine akute Paracetamolaufnahme mit zuverlässig bekanntem zeitlichem Verlauf vorgesehen; eine Konzentration zur Risikobeurteilung wird frühestens vier Stunden nach Einnahme bestimmt. Bei wiederholter supratherapeutischer Einnahme oder unklarem Zeitpunkt ist das Nomogramm nicht geeignet. Die Behandlung wird anhand von Paracetamolkonzentration, ALT (GPT)/AST (GOT), International Normalized Ratio (INR) und klinischem Verlauf gesteuert [LL8].
Alkoholdehydrogenasehemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Fomepizol | Bei Methanol- bzw. Ethylenglykolvergiftung frühzeitig einsetzen. Behandlungsdauer nach Konzentrationen, Säure-Basen-Status und klinischem Verlauf. Dialyseabhängige Anpassung beachten [FI4]. |
- Wirkweise: Hemmung der Alkoholdehydrogenase und dadurch verminderte Bildung toxischer Metaboliten.
- Indikationen: Nachgewiesene oder ausreichend wahrscheinliche Methanol- bzw. Ethylenglykolvergiftung. Bei anderen toxischen Glykolen nur nach spezialisierter Empfehlung.
- Kontraindikationen: Bekannte Überempfindlichkeit gegen Fomepizol bzw. verwandte Pyrazole.
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, lokale Infusionsreaktionen und vorübergehende Transaminasenerhöhung [FI4].
Bei Methanol- bzw. Ethylenglykolvergiftung mit schwerer Azidose, neurologischen Manifestationen oder relevanter Organschädigung zusätzlich unverzüglich die Indikation zur Hämodialyse prüfen [LL14, LL15].
Antimuskarinika und Acetylcholinesterasereaktivatoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Atropin | Titration nach Bronchialsekretion, Ventilation und Kreislauf. Hohe kumulative Dosen können erforderlich sein; die Pupillenweite ist kein zuverlässiger alleiniger Endpunkt [LL7]. |
| Obidoxim | Bei geeigneter Organophosphatvergiftung zusätzlich zu Atropin möglichst früh einsetzen. Wirksamkeit ist abhängig von Substanz, Zeitpunkt und Reaktivierbarkeit der Acetylcholinesterase [FI5]. |
- Wirkweise: Atropin blockiert muskarinische Acetylcholinrezeptoren; Obidoxim reaktiviert durch bestimmte Organophosphate gehemmte Acetylcholinesterase.
- Indikationen: Atropin bei klinisch relevanter cholinerger Vergiftung durch Organophosphate, Carbamate oder Muscarin; Obidoxim bei geeigneter Organophosphatvergiftung.
- Kontraindikationen: Bei vitaler Atropinindikation überwiegt der erwartete Nutzen. Obidoxim ist bei gesicherter Carbamatvergiftung entsprechend der deutschen Fachinformation kontraindiziert.
- Nebenwirkungen: Atropin: Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Hyperthermie (starke Überwärmung des Körpers), Harnverhalt (Unfähigkeit zur Blasenentleerung) und anticholinerges Delir (akuter Verwirrtheitszustand durch Hemmung bestimmter Nervenwirkungen). Obidoxim: Herzrhythmusstörungen, Muskelschwäche und insbesondere bei hohen Dosen Leberfunktionsstörungen [FI5].
Cyanidantidote
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Hydroxocobalamin | Bei ausreichend begründetem Verdacht auf schwere Cyanidvergiftung, insbesondere nach Brandgasexposition mit Kreislaufversagen bzw. ausgeprägter Lactaterhöhung. Nicht auf einen Cyanidnachweis warten [FI6]. |
| Natriumthiosulfat | Substanz- und situationsbezogene Ergänzung bzw. Alternative. Gabe über getrennten Zugang oder zeitlich getrennt von Hydroxocobalamin; Inkompatibilitäten beachten [FI7]. |
- Wirkweise: Hydroxocobalamin bindet Cyanid zu Cyanocobalamin; Natriumthiosulfat dient als Schwefeldonor für die Umwandlung zu Thiocyanat.
- Indikationen: Schwere Cyanidvergiftung bzw. begründeter klinischer Verdacht.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit berücksichtigen; bei lebensbedrohlicher Vergiftung individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Nebenwirkungen: Hydroxocobalamin: Rotfärbung von Haut und Urin, Blutdruckanstieg, allergische Reaktionen und mögliche Nierenschädigung. Natriumthiosulfat: Übelkeit und dosisabhängige Belastung durch Natrium bzw. osmotisch wirksame Substanzen [FI6, FI7].
Hydroxocobalamin kann Laborbestimmungen und die Blutleckdetektion bestimmter Dialysegeräte beeinflussen. Methämoglobinbildende Cyanidantidote wie 4-Dimethylaminophenol sind spezialisierten Ausnahmesituationen vorbehalten; bei gleichzeitiger Kohlenmonoxidexposition können sie den Sauerstofftransport zusätzlich beeinträchtigen [LL7, FI6].
Reduktionsmittel bei Methämoglobinämie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Methylthioniniumchlorid (Methylenblau) | Symptomatik, Methämoglobinkonzentration und Begleiterkrankungen gemeinsam beurteilen. Bei Dapson- oder Anilinvergiftung besondere kumulative Dosisgrenzen beachten [FI8]. |
- Wirkweise: Förderung der Reduktion von Methämoglobin zu funktionsfähigem Hämoglobin.
- Indikationen: Klinisch relevante erworbene Methämoglobinämie.
- Kontraindikationen: Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel und weitere präparatespezifische Gegenanzeigen. Relevante Wechselwirkungen mit serotonergen Arzneimitteln berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), dosisabhängige Methämoglobinbildung, Serotoninsyndrom (Überreaktion durch eine zu starke Serotoninwirkung), Übelkeit und Blauverfärbung von Haut bzw. Urin [FI8].
Spezifische Antikörperfragmente
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Digoxinspezifische Fab-Antikörperfragmente | Bei lebensbedrohlicher Herzglykosidvergiftung unverzüglich einsetzen. Nach Gabe sind übliche Gesamt-Digoxinbestimmungen zur Verlaufsbeurteilung ungeeignet [LL7, FI9]. |
- Wirkweise: Bindung freier Herzglykoside durch spezifische Antikörperfragmente.
- Indikationen: Lebensbedrohliche Digoxin- bzw. Digitoxinvergiftung; bei bestimmten pflanzlichen Herzglykosiden nach toxikologischer Empfehlung.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeitsrisiken, insbesondere gegen Schafproteine, berücksichtigen; bei Vitalindikation Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Nebenwirkungen: Hypokaliämie, Verschlechterung einer vorbestehenden Herzinsuffizienz (Herzschwäche) bzw. Verlust der frequenzsenkenden Digitaliswirkung; allergische Reaktionen [FI9].
Chelatbildner und intestinale Metallbinder
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Deferoxamin | Indikation anhand von klinischer Schwere, Säure-Basen-Status und Eisenkonzentration. Rasche Bolusinjektion vermeiden [FI10]. |
| Dimercaptopropansulfonat (DMPS) | Insbesondere bei Quecksilbervergiftung. Metallart, Expositionsform und Nierenfunktion bestimmen die Behandlung. Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Anwendung laut Fachinformation nur bei gleichzeitiger Dialyse [FI11]. |
| Eisen(III)-hexacyanoferrat(II) (Berliner Blau) | Bei Thalliumvergiftung und interner Kontamination mit radioaktivem Cäsium; Verlaufskontrolle und ausreichende Darmpassage erforderlich [FI12]. |
- Wirkweise: Deferoxamin und DMPS bilden ausscheidbare Metallkomplexe; Berliner Blau bindet bestimmte Metalle im Darmlumen und vermindert deren Rückresorption.
- Indikationen: Deferoxamin bei relevanter akuter Eisenvergiftung; DMPS bei geeigneter Schwermetallvergiftung; Berliner Blau bei Thallium bzw. radioaktivem Cäsium.
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Überempfindlichkeit und Einschränkungen durch Nierenfunktionsstörungen beachten. Die Auswahl erfolgt metallbezogen.
- Nebenwirkungen: Deferoxamin: Hypotonie bei zu rascher Gabe, pulmonale Toxizität bei hoher bzw. langer Exposition. DMPS: allergische Reaktionen, Blutdruckabfall und Spurenelementverluste. Berliner Blau: Obstipation und Hypokaliämie [FI10-FI12].
Weitere Chelatbildner, z. B. Succimer oder Calciumdinatriumedetat bei ausgewählten Bleivergiftungen, sowie Dekorporationsmittel bei Radionuklidexposition werden ausschließlich nach substanzspezifischer fachärztlicher bzw. toxikologischer Empfehlung ausgewählt. Eine pauschale Chelattherapie unterschiedlicher Metalle ist nicht sachgerecht [LL12].
Antidote bei Amatoxinvergiftung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Silibinin | Bei Verdacht auf Amatoxinvergiftung möglichst früh beginnen. Engmaschige Kontrolle von Leberfunktion, Gerinnung und Nierenfunktion; frühzeitiger Kontakt zu einem Lebertransplantationszentrum bei schwerem Verlauf [FI13]. |
- Wirkweise: Verminderung der hepatischen Aufnahme von Amatoxinen.
- Indikationen: Amatoxinvergiftung, insbesondere nach Aufnahme amatoxinhaltiger Knollenblätterpilze.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff bzw. Bestandteile des Präparats.
- Nebenwirkungen: Hitzegefühl während der Infusion, Fieber und mögliche Bilirubinerhöhung [FI13].
Antidotische Stoffwechsel- und Kreislauftherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Normalinsulin mit bedarfsgerechter Glucosezufuhr | Bei ausgeprägter kardialer Funktionsstörung durch Calciumkanalblocker bzw. ausgewählte Betablocker. Engmaschige Glucose- und Kaliumkontrollen sowie kontinuierliche Glucosezufuhr nach Bedarf; Off-Label-Use [LL7, LL16]. |
| Calciumgluconat | Zusätzlich zu anderen Kreislaufmaßnahmen; Calciumgluconat und Calciumchlorid sind aufgrund unterschiedlicher Calciumgehalte nicht volumenäquivalent [LL16]. |
| Lipidemulsion 20 % | Frühzeitige Anwendung bei schwerer Lokalanästhetikatoxizität nach spezialisiertem Reanimationsprotokoll. Bei anderen Vergiftungen nur ausgewählte Rettungsanwendung nach toxikologischer Rücksprache; Off-Label-Use [LL17]. |
- Wirkweise: Hochdosiertes Insulin verbessert den myokardialen Stoffwechsel und die Kontraktilität; Calcium vermindert die funktionellen Folgen einer Calciumkanalblockade; Lipidemulsion verändert die Verteilung lipophiler Giftstoffe und unterstützt die kardiale Erholung.
- Indikationen: Schwere substanzspezifische Kardiotoxizität entsprechend den Tabellenangaben.
- Kontraindikationen: Behandlung nur mit intensivmedizinischer Überwachung und substanzgerechtem Protokoll; Überempfindlichkeit gegen Bestandteile einer Lipidemulsion beachten.
- Nebenwirkungen: Insulin: Hypoglykämie (Unterzuckerung) und Hypokaliämie. Calcium: Hypercalcämie (Calciumüberschuss im Blut) und Gewebeschädigung bei Extravasation (Austritt aus dem Blutgefäß). Lipidemulsion: Fettüberlastung, Hypertriglyceridämie (erhöhte Blutfettwerte), Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) und Beeinflussung von Laborbestimmungen [LL16, LL17].
Sauerstoff
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Sauerstoff | Eine normale konventionelle Pulsoxymetrie schließt eine Kohlenmonoxidvergiftung nicht aus. Hyperbare Sauerstofftherapie bei geeigneter Indikation frühzeitig prüfen, insbesondere bei schwerer Symptomatik und Schwangerschaft [LL18]. |
- Wirkweise: Beschleunigung der Kohlenmonoxidelimination und Verbesserung der Sauerstoffversorgung.
- Indikationen: Vermutete bzw. gesicherte Kohlenmonoxidvergiftung; weitere Anwendungen bei toxisch bedingter Hypoxämie.
- Kontraindikationen: Bei akuter Kohlenmonoxidvergiftung besteht keine Gegenanzeige gegen die sofortige normobare Sauerstoffgabe.
- Nebenwirkungen: Bei längerer Exposition gegenüber hohen Konzentrationen pulmonale Sauerstofftoxizität; bei hyperbarer Anwendung zusätzlich verfahrensspezifische Risiken [LL18].
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Zentral wirksame Acetylcholinesterasehemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Physostigminsalicylat | Bei ausgeprägtem zentralem anticholinergem Syndrom. Kontinuierliche EKG-Überwachung und Atropinbereitschaft; Salz- und Basenangaben des Präparats unterscheiden [LL12, FI14]. |
- Wirkweise: Zentral und peripher wirksame Hemmung der Acetylcholinesterase.
- Indikationen: Sorgfältig ausgewähltes schweres anticholinerges Delir, z. B. nach Tropanalkaloiden.
- Kontraindikationen: Relevante Erregungsleitungsstörungen bzw. Natriumkanalblockade, erhebliches Krampfrisiko, Asthma bronchiale (chronisch entzündliche Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Atemnot) und mechanische gastrointestinale Obstruktion (mechanische Blockierung des Magen-Darm-Trakts); weitere Fachinformationsangaben beachten.
- Nebenwirkungen: Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Bronchospasmus, cholinerge Sekretsteigerung und Krampfanfälle [FI14].
Somatostatinanaloga
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Octreotid | Bei wiederkehrender sulfonylharnstoffbedingter Hypoglykämie zusätzlich zur initialen Glucosekorrektur. Ausreichende Überwachung nach Therapieende; Off-Label-Use [LL12, FI15]. |
- Wirkweise: Hemmung der pankreatischen Insulinsekretion.
- Indikationen: Rezidivierende Hypoglykämie durch Sulfonylharnstoffe.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Octreotid bzw. Präparatebestandteile.
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Beschwerden des Magen-Darm-Trakts), Bradykardie sowie Hypo- oder Hyperglykämie (zu niedriger oder zu hoher Blutzucker) [FI15].
Vitamin-K-Präparate und Gerinnungsfaktoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Phytomenadion | Bei lebensbedrohlicher Blutung zusätzlich sofortige Gerinnungsfaktorsubstitution. Bei lang wirksamen Rodentiziden kann eine lange, hochdosierte Behandlung erforderlich sein [LL12]. |
| Vierfaktor-Prothrombinkomplexkonzentrat | Bei schwerer Blutung durch Vitamin-K-Antagonisten gemeinsam mit Phytomenadion; keine pauschale Anwendung bei jeder erhöhten INR. |
- Wirkweise: Phytomenadion ermöglicht die Synthese funktionsfähiger Vitamin-K-abhängiger Gerinnungsfaktoren; Prothrombinkomplexkonzentrat ersetzt diese unmittelbar.
- Indikationen: Klinisch relevante Antikoagulation (Hemmung der Blutgerinnung) bzw. Blutung durch Vitamin-K-Antagonisten oder entsprechende Rodentizide.
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Gegenanzeigen beachten; bei Prothrombinkomplexkonzentrat besonderes Augenmerk auf thrombotische Risiken und gegebenenfalls enthaltenes Heparin.
- Nebenwirkungen: Phytomenadion: Überempfindlichkeitsreaktionen bei parenteraler Gabe. Prothrombinkomplexkonzentrat: thromboembolische Komplikationen (Komplikationen durch Blutgerinnsel und Gefäßverschlüsse) und allergische Reaktionen.
Weitere substanzspezifische und symptomatische Behandlungen
- Flusssäure: Nach sofortiger Dekontamination Calciumgluconat, bei Hautkontakt z. B. als 2,5%iges Gel; bei tiefer Schädigung bzw. systemischer Toxizität weitere lokale oder i.v. Behandlung nach spezialisiertem Protokoll. Calcium, Magnesium und EKG überwachen [LL12].
- Krampfanfälle und sympathomimetische Erregung: Benzodiazepine, z. B. Diazepam oder Midazolam, klinisch titriert unter Überwachung von Atmung und Kreislauf. Bei schwerer Chloroquinvergiftung sind spezielle intensivmedizinische Schemata erforderlich [LL7, LL12].
- Isoniazid: Bei charakteristischen schweren Krampfanfällen Pyridoxin als spezifisches Antidot nach aufgenommener Isoniazidmenge bzw. toxikologischem Notfallschema [LL12].
- Akute medikamentenbedingte Dystonie (unwillkürliche Muskelverkrampfung): Biperiden kann symptomatisch eingesetzt werden; Dosierung nach Fachinformation und klinischem Ansprechen.
- Schäumende Tenside: Bei geeigneter Exposition kann Simeticon bzw. Dimeticon ergänzend zur Verminderung der Schaumbildung verwendet werden. Produktart und Aspirationsrisiko bestimmen das Vorgehen [LL12].
Antidotbevorratung
Die Bevorratung richtet sich nach Versorgungsauftrag, regionalem Expositionsrisiko und der Zeit bis zur Beschaffung. Unmittelbar benötigte Antidote müssen rasch verfügbar sein; seltene Spezialantidote können über abgestimmte regionale Depots bereitgestellt werden. Eine historische Minimalliste ersetzt keine aktuelle, risikoadaptierte Antidotplanung [LL12].
Red Flags (Warnzeichen) bei Intoxikationen
- Atemdepression, Apnoe (Atemstillstand), beeinträchtigte Schutzreflexe oder zunehmende Bewusstseinsstörung.
- Krampfanfälle, schwere Agitation, Hyperthermie oder rasch fortschreitende neurologische Symptome.
- Schock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen), relevante Bradykardie, QRS-Verbreiterung oder ventrikuläre Herzrhythmusstörungen.
- Ausgeprägte metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung), hohe Lactatwerte oder relevante Elektrolytstörungen.
- Akute Leberschädigung, Gerinnungsstörung oder zunehmende Nierenfunktionsstörung.
- Exposition gegenüber Methanol, Ethylenglykol, Cyaniden, Flusssäure, Organophosphaten oder amatoxinhaltigen Pilzen mit möglicher verzögerter schwerer Toxizität.
Abkürzungen
- ALT – Alanin-Aminotransferase; GPT – Glutamat-Pyruvat-Transaminase.
- AST – Aspartat-Aminotransferase; GOT – Glutamat-Oxalacetat-Transaminase.
- DMPS – Dimercaptopropansulfonat.
- EKG – Elektrokardiogramm.
- Fab – antigenbindendes Antikörperfragment.
- IE – Internationale Einheit.
- i.m. – intramuskulär.
- INR – International Normalized Ratio.
- i.v. – intravenös.
- p.o. – per os, oral.
- QRS – Bezeichnung der EKG-Zacken für die elektrische Erregung der Herzkammern.
- s.c. – subkutan.
Literatur
- Zellner T, Prasa D, Färber E et al.: The Use of Activated Charcoal to Treat Intoxications. Dtsch Arztebl Int. 2019;116:311-317. doi:10.3238/arztebl.2019.0311.
- Eckert K, Eyer P, Zilker T: Aktivkohle – Erstbehandlung bei oralen Vergiftungen. Dtsch Arztebl. 1999;96:A-2826-A-2830. Bibliografischer Nachweis im Literaturverzeichnis der Übersicht zur Aktivkohle.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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- American Academy of Clinical Toxicology, European Association of Poisons Centres and Clinical Toxicologists: Position statement and practice guidelines on the use of multi-dose activated charcoal in the treatment of acute poisoning. J Toxicol Clin Toxicol. 1999;37:731-751. doi:10.1081/CLT-100102451. [LL3]
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- Benson BE, Hoppu K, Troutman WG et al.: Position paper update: gastric lavage for gastrointestinal decontamination. Clin Toxicol (Phila). 2013;51:140-146. doi:10.3109/15563650.2013.770154. [LL5]
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- American Heart Association: Part 10: Adult and Pediatric Special Circumstances of Resuscitation: 2025 American Heart Association Guidelines for Cardiopulmonary Resuscitation and Emergency Cardiovascular Care. doi:10.1161/CIR.0000000000001380; Empfehlungen. [LL7]
- Dart RC, Mullins ME, Matoushek T et al.: Management of Acetaminophen Poisoning in the US and Canada: A Consensus Statement. JAMA Netw Open. 2023;6:e2327739. doi:10.1001/jamanetworkopen.2023.27739. [LL8]
- American College of Medical Toxicology: Guidance Document: Management Priorities in Salicylate Toxicity. Volltext. [LL9]
- EXTRIP Workgroup: Recommendations for extracorporeal treatment in salicylate poisoning. Empfehlungen. [LL10]
- EXTRIP Workgroup: Recommendations for extracorporeal treatment in lithium poisoning. Empfehlungen. [LL11]
- Arbeitsgruppe Antidota, Tox Info Suisse et al.: Antidote bei Vergiftungen 2026/2027. September 2026. Antidotliste und Anwendungshinweise. [LL12]
- Höjer J, Troutman WG, Hoppu K et al.: Position paper update: ipecac syrup for gastrointestinal decontamination. Clin Toxicol (Phila). 2013;51:134-139. doi:10.3109/15563650.2013.770153. [LL13]
- EXTRIP Workgroup: Recommendations for extracorporeal treatment in methanol poisoning. Empfehlungen. [LL14]
- EXTRIP Workgroup: Recommendations for extracorporeal treatment in ethylene glycol poisoning. Empfehlungen. [LL15]
- St-Onge M, Anseeuw K, Cantrell FL et al.: Experts Consensus Recommendations for the Management of Calcium Channel Blocker Poisoning in Adults. Crit Care Med. 2017;45:e306-e315. doi:10.1097/CCM.0000000000002087. [LL16]
- American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine: Checklist for Treatment of Local Anesthetic Systemic Toxicity. Version 2020. Behandlungsprotokoll. [LL17]
- S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung. (AWMF-Registernummer: 040-012), November 2021. Langfassung. [LL18]
Produktinformationen
- Naloxone Hydrochloride Injection: Prescribing Information. Produktinformation. [FI1]
- Flumazenil Injection: Prescribing Information. Produktinformation. [FI2]
- Acetylcysteine Injection: Prescribing Information. Produktinformation. [FI3]
- Fomepizole Injection: Prescribing Information. Produktinformation. [FI4]
- Toxogonin: Gebrauchs- und Fachinformation. Fachinformation. [FI5]
- European Medicines Agency: Cyanokit – Hydroxocobalamin. Aktuelle Produktinformationen. [FI6]
- Dr. Franz Köhler Chemie: Natriumthiosulfat 10 %. Gebrauchs- und Fachinformation. [FI7]
- European Medicines Agency: Methylthioninium chloride Proveblue. Aktuelle Produktinformationen. [FI8]
- DigiFab: Prescribing Information. Produktinformation. [FI9]
- Desferal: Prescribing Information. Produktinformation. [FI10]
- HEYL: Dimaval – Injektionslösung. Fachinformation. [FI11]
- Radiogardase: Prescribing Information. Produktinformation. [FI12]
- Legalon SIL: Fachinformation. Fachinformation. [FI13]
- Dr. Franz Köhler Chemie: Anticholium. Gebrauchs- und Fachinformation. [FI14]
- Octreotide Acetate Injection: Prescribing Information. Produktinformation. [FI15]