Gallenblasenentzündung (Cholezystitis) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Cholezystitis (Gallenblasenentzündung) mitbedingt sein können:

Die Evidenz zu Folgeerkrankungen betrifft überwiegend die akute kalkulöse Cholezystitis (akute durch Gallensteine verursachte Gallenblasenentzündung). Klinisch bedeutsam sind insbesondere lokal-destruktive Verläufe mit Gangrän (Gewebsuntergang), Empyem (Eiteransammlung), Abszessbildung (Bildung einer abgekapselten Eiteransammlung) und Perforation (Durchbruch) sowie infektiös-systemische Komplikationen. Bei rezidivierender bzw. chronischer Entzündung können Fistelbildung (Bildung einer krankhaften Verbindung) und in der Folge ein Gallensteinileus (Darmverschluss durch einen Gallenstein) auftreten. Cholangitis (Gallengangsentzündung), Choledocholithiasis (Steine im Hauptgallengang), Mirizzi-Syndrom (Abflussbehinderung der Gallenwege durch einen eingeklemmten Gallenstein) und biliäre Pankreatitis (gallensteinbedingte Bauchspeicheldrüsenentzündung) werden hier nicht als regelhafte Folgeerkrankungen der Cholezystitis aufgeführt, da sie in erster Linie eigenständige Komplikationen der zugrunde liegenden Gallensteinerkrankung darstellen [1, 3, LL1, LL2].

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Bakteriämie (Bakterien im Blut) und Sepsis (Blutvergiftung) – insbesondere bei komplizierter akuter Cholezystitis mit Gallenblasenempyem (Eiteransammlung in der Gallenblase), gangränöser Cholezystitis (Gallenblasenentzündung mit Gewebsuntergang), Perforation oder Abszessbildung kann sich die zunächst lokalisierte biliäre Infektion systemisch ausbreiten [1, 6, LL1].
    • Das Risiko eines septischen Verlaufs nimmt mit dem Ausmaß der lokalen Destruktion und einer begleitenden Organdysfunktion (Organfunktionsstörung) zu [1, LL1, LL2].

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Emphysematöse Cholezystitis (Gallenblasenentzündung mit Gasbildung) – seltene, potenziell lebensbedrohliche Form der komplizierten Cholezystitis durch gasbildende Erreger mit Gasnachweis in der Gallenblasenwand bzw. im Gallenblasenlumen; sie ist mit einem erhöhten Risiko für Gangrän, Perforation und Sepsis verbunden [1].
  • Gallenblasenempyem – eitrige Infektion des Gallenblaseninhalts bei persistierender Obstruktion (anhaltendem Verschluss) und bakterieller Superinfektion (zusätzlicher bakterieller Infektion); kann in Sepsis, Wandnekrose (Absterben der Gallenblasenwand) oder Perforation übergehen [1, LL1].
  • Gallenblasenperforation (Durchbruch der Gallenblase) – Folge einer transmuralen Ischämie (Minderdurchblutung der gesamten Gallenblasenwand) und Nekrose (Gewebsabsterben), insbesondere bei gangränöser Cholezystitis; möglich sind eine lokal gedeckte Perforation mit Abszessbildung oder eine freie Perforation mit biliärer Peritonitis (Bauchfellentzündung durch austretende Galle) [1, 6, LL2].
  • Gangränöse Cholezystitis – schwere lokal-destruktive Verlaufsform mit fokaler oder diffuser Ischämie (Minderdurchblutung) und Nekrose der Gallenblasenwand; sie erhöht das Risiko für Perforation, Abszessbildung, Sepsis und einen komplizierten operativen Verlauf [1, 6, LL2].
  • Hepatischer Abszess (Leberabszess) – selten durch direkte Ausbreitung einer schweren Cholezystitis oder eine gedeckte Perforation in das angrenzende Leberparenchym (Lebergewebe); in den Tokyo Guidelines wird der Leberabszess als Zeichen einer ausgeprägten lokalen Entzündung gewertet [LL2].
  • Pericholezystischer Abszess (Abszess im Umfeld der Gallenblase) – lokalisierte Eiteransammlung im Umfeld der Gallenblase infolge fortgeschrittener Entzündung, Wandnekrose oder gedeckter Perforation; Bestandteil der Kriterien einer moderaten akuten Cholezystitis nach den Tokyo Guidelines [6, LL2].
  • Cholezystoenterische Fistel (krankhafte Verbindung zwischen Gallenblase und Darm) – chronisch-rezidivierende Entzündung und Drucknekrose (Gewebsabsterben durch Druck) durch Gallensteine können zu einer pathologischen Verbindung zwischen Gallenblase und benachbartem Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt) führen; am häufigsten ist die cholezystoduodenale Fistel (krankhafte Verbindung zwischen Gallenblase und Zwölffingerdarm) [5].
    • Über eine solche Fistel können größere Konkremente (Steine) in den Gastrointestinaltrakt gelangen und einen Gallensteinileus verursachen [5].
  • Chronisch-rezidivierende Cholezystitis (wiederholt auftretende chronische Gallenblasenentzündung) – nach nicht definitiver Behandlung einer kalkulösen Cholezystitis können weitere entzündliche Episoden bzw. andere steinbedingte Ereignisse auftreten. Die aktuelle Metaanalyse randomisierter Studien zeigt bei Cholezystektomie (operativer Entfernung der Gallenblase) gegenüber konservativem Vorgehen eine geringere Rate sämtlicher steinbedingter Komplikationen; die Evidenz bezieht sich allerdings auf eine gemischte Population aus unkomplizierter symptomatischer Cholelithiasis (Gallensteinleiden) und milder akuter Cholezystitis [3].
  • Porzellangallenblase (verkalkte Gallenblase) – Verkalkung der Gallenblasenwand als mögliche Spätfolge langjähriger chronischer Entzündung und Cholelithiasis. Der früher angenommene sehr hohe Zusammenhang mit einem Gallenblasenkarzinom (Gallenblasenkrebs) wurde durch neuere Daten relativiert; insbesondere das Verkalkungsmuster beeinflusst die Risikobewertung [4].

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Biliäre Peritonitis – bei freier Gallenblasenperforation können Galle und infektiöses Material in die freie Bauchhöhle austreten; dies kann zu einer diffusen Peritonitis (Bauchfellentzündung) mit Sepsis und septischem Schock (lebensbedrohlichem Kreislaufversagen durch eine schwere Infektion) führen [1, LL2].
  • Gallensteinileus – mechanischer Darmverschluss durch Passage eines meist größeren Gallensteins über eine cholezystoenterische Fistel und dessen Impaktion (Einklemmung), überwiegend im Dünndarm. Wiederholte Entzündungsepisoden und chronische Cholezystitis können über Adhäsion (Verwachsung), Drucknekrose und Fistelbildung wesentlich zur Pathogenese (Krankheitsentstehung) beitragen [5].
    • Bouveret-Syndrom (Magen- oder Zwölffingerdarmverschluss durch einen Gallenstein) – seltene proximale Variante des Gallensteinileus mit Obstruktion des Magenausgangs bzw. Duodenums (Zwölffingerdarms) durch einen über eine biliodigestive Fistel (krankhafte Verbindung zwischen Gallenwegen und Verdauungstrakt) eingetretenen Gallenstein [5].
  • Subphrenischer bzw. intraabdomineller Abszess (Abszess unterhalb des Zwerchfells bzw. innerhalb der Bauchhöhle) – kann nach gedeckter Gallenblasenperforation oder lokaler Ausbreitung einer komplizierten Cholezystitis entstehen [1, LL2].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Septischer Schock – schwerste systemische Komplikation einer unkontrollierten biliären Infektion; insbesondere bei Gallenblasenempyem, Gangrän, Perforation oder diffuser Peritonitis möglich. Ein septischer Schock stellt eine Kontraindikation (Gegenanzeige) gegen eine unmittelbare laparoskopische Cholezystektomie (Gallenblasenentfernung mittels Bauchspiegelung) bis zur hämodynamischen Stabilisierung (Stabilisierung von Kreislauf und Blutdruck) dar [LL1].

Prognosefaktoren

Die etablierteste klinische Schweregradeinteilung der akuten Cholezystitis ist die Klassifikation der Tokyo Guidelines 2018. Die World Society of Emergency Surgery weist zugleich darauf hin, dass derzeit kein einzelnes Prognosemodell ausreichend valide ist, um bei der akuten kalkulösen Cholezystitis generell empfohlen zu werden [2, LL1, LL2].

Moderate akute Cholezystitis – Tokyo Guidelines Grad II

Bereits eines der folgenden Kriterien definiert eine moderate akute Cholezystitis [LL2]:

  • Leukozytenzahl > 18.000/µl
  • palpable druckschmerzhafte Raumforderung (tastbare schmerzhafte Schwellung) im rechten Oberbauch
  • Beschwerdedauer > 72 Stunden
  • ausgeprägte lokale Entzündungsreaktion:
    • gangränöse Cholezystitis
    • pericholezystischer Abszess
    • Leberabszess
    • biliäre Peritonitis
    • emphysematöse Cholezystitis

Schwere akute Cholezystitis – Tokyo Guidelines Grad III

Eine schwere akute Cholezystitis liegt bei mindestens einer Organdysfunktion vor [LL2]:

  • Kardiovaskuläre Dysfunktion (Störung der Herz-Kreislauf-Funktion) – Hypotonie (niedriger Blutdruck) mit erforderlicher Behandlung mit Dopamin ≥ 5 µg/kg/min oder jeglicher Dosis Noradrenalin
  • Neurologische Dysfunktion (Störung der Funktion des Nervensystems) – Bewusstseinsstörung
  • Respiratorische Dysfunktion (Störung der Atemfunktion) – Quotient aus arteriellem Sauerstoffpartialdruck und inspiratorischer Sauerstofffraktion < 300
  • Renale Dysfunktion (Störung der Nierenfunktion) – Oligurie (verminderte Harnausscheidung) oder Serumkreatinin > 2,0 mg/dl
  • Hepatische Dysfunktion (Störung der Leberfunktion) – International Normalized Ratio der Prothrombinzeit > 1,5
  • Hämatologische Dysfunktion (Störung des Blutsystems) – Thrombozytenzahl < 100.000/µl

Weitere mit einem komplizierten Verlauf assoziierte Faktoren

  • Höheres Lebensalter – in der systematischen Prognosebewertung sowie aktuellen Kohortendaten mit ungünstigeren Verläufen bzw. gangränöser Cholezystitis und Sepsis assoziiert [2, 6].
  • Männliches Geschlecht – in Metaanalysen und aktuellen Beobachtungsdaten mit höherer Komplikationswahrscheinlichkeit bzw. gangränöser Cholezystitis assoziiert; der Faktor ist jedoch nicht für eine isolierte individuelle Risikoprognose geeignet [2, 6].
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – in aktuellen multivariaten Daten insbesondere mit einem erhöhten Sepsisrisiko bei akuter Cholezystitis assoziiert [6].
  • Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen) – eine ausgeprägte Leukozytose ist Bestandteil der Tokyo-Grad-II-Kriterien; höhere Leukozytenwerte waren in neueren Daten außerdem mit Sepsis assoziiert [6, LL2].
  • Pericholezystischer Abszess – in aktuellen multivariaten Daten mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer gangränösen Cholezystitis assoziiert [6].
  • Zunehmende Gallenblasendilatation (zunehmende Erweiterung der Gallenblase) – ein größerer Gallenblasendurchmesser war in einer aktuellen multivariaten Kohortenanalyse mit gangränöser Cholezystitis assoziiert; ein universell validierter Grenzwert für die klinische Routine existiert jedoch nicht [6].
  • C-reaktives Protein – erhöhte Werte können mit einer schwereren lokalen Entzündung korrelieren; die systematische Evidenz zeigt jedoch eine erhebliche Heterogenität. Ein einzelner Grenzwert, insbesondere der früher vorgeschlagene Wert von 9,9 mg/dl, ist nicht ausreichend extern validiert und sollte nicht als eigenständiges Prognosekriterium verwendet werden [2, LL1].
  • Nicht definitive Behandlung bei fortbestehender Gallenblase – bei konservativem Vorgehen besteht ein relevantes Risiko rezidivierender biliärer Beschwerden bzw. Komplikationen. In einer 2026 publizierten Metaanalyse von vier randomisierten Studien mit insgesamt 677 Patienten reduzierte die Cholezystektomie die Gesamtrate steinbedingter Komplikationen gegenüber konservativem Vorgehen (Risk Ratio 0,40; 95-%-Konfidenzintervall 0,23-0,69); wegen der gemischten Studienpopulation aus unkomplizierter symptomatischer Cholelithiasis und milder Cholezystitis ist die Übertragbarkeit auf alle Patienten mit akuter Cholezystitis begrenzt [3].

Einordnung der Prognosemodelle

Die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zur Risikoprädiktion (Vorhersage des Krankheitsverlaufs) zeigt eine erhebliche Unsicherheit bezüglich einzelner prognostischer Faktoren und publizierter Scores. Am konsistentesten war eine erhöhte Mortalität (Sterblichkeit) bei schwerer Cholezystitis mit Organdysfunktion gegenüber milder Erkrankung; einzelne Labor-, klinische oder sonographische Parameter besitzen dagegen keine ausreichende diskriminative Leistung für eine alleinige Prognoseentscheidung [2, LL1].

Literatur

  1. Fabbri N, Greco S, Pesce A et al.: Enhancing the management of acute and gangrenous cholecystitis: a systematic review supported by the TriNetX database. Transl Gastroenterol Hepatol 2025;10:16. doi: 10.21037/tgh-24-27
  2. Tufo A, Pisano M, Ansaloni L et al.: Risk Prediction in Acute Calculous Cholecystitis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Prognostic Factors and Predictive Models. J Laparoendosc Adv Surg Tech A 2021;31(1):41-53. doi: 10.1089/lap.2020.0151
  3. Gad MM, Ayad Q, Elgamal MM et al.: Cholecystectomy versus conservative management for patients with uncomplicated symptomatic gallstones and cholecystitis: an updated systematic review and meta-analysis. BMC Surg 2026;26:381. doi: 10.1186/s12893-026-03922-z
  4. Morimoto M, Matsuo T, Mori N: Management of Porcelain Gallbladder, Its Risk Factors, and Complications: A Review. Diagnostics (Basel) 2021;11(6):1073. doi: 10.3390/diagnostics11061073
  5. Inukai K: Gallstone ileus: a review. BMJ Open Gastroenterol 2019;6(1):e000344. doi: 10.1136/bmjgast-2019-000344
  6. El Asmar N, Rizk C, Malak D et al.: Predictors of acute gangrenous cholecystitis and its complications: a retrospective cohort study. BMC Surg 2026;26:39. doi: 10.1186/s12893-025-03356-z

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Pisano M, Allievi N, Gurusamy K et al.: 2020 World Society of Emergency Surgery updated guidelines for the diagnosis and treatment of acute calculus cholecystitis. World J Emerg Surg 2020;15:61. doi: 10.1186/s13017-020-00336-x. [LL1]
  2. Yokoe M, Hata J, Takada T et al.: Tokyo Guidelines 2018: diagnostic criteria and severity grading of acute cholecystitis (with videos). J Hepatobiliary Pancreat Sci 2018;25(1):41-54. doi: 10.1002/jhbp.515. [LL2]
  3. S3-Leitlinie: Aktualisierte S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie zur Prävention, Diagnostik und Behandlung von Gallensteinen. (AWMF-Registernummer 021-008). Gültigkeit abgelaufen; Leitlinie derzeit in Aktualisierung. Langfassung. [LL3]