Lymphozytentransformationstest (LTT)

Lymphozytentransformationstest (LTT) ist ein funktioneller In-vitro-Test zum Nachweis einer antigenspezifischen Proliferation (Vermehrung) von T-Lymphozyten (bestimmte weiße Blutkörperchen) nach Stimulation mit einem Testantigen. In der klinischen Labordiagnostik wird er heute vor allem als ergänzendes Spezialverfahren bei Verdacht auf T-Zell-vermittelte Arzneimittelüberempfindlichkeitsreaktionen (Überempfindlichkeitsreaktionen auf Medikamente) vom verzögerten Typ eingesetzt. Der LTT ist kein Screeningtest und kein allein beweisender Test; seine Aussagekraft ergibt sich nur im Kontext von Anamnese (Krankengeschichte), klinischem Phänotyp (Erscheinungsbild), Zeitbezug, gegebenenfalls Hauttestung und weiterer Spezialdiagnostik [1-6].

Synonyme

  • Lymphocyte Transformation Test
  • Lymphozytenproliferationstest
  • Lymphocyte Proliferation Assay (im weiteren methodischen Sinn)
  • Drug-LTT (bei arzneimittelbezogener Fragestellung)

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Heparinisiertes venöses Vollblut zur Gewinnung peripherer mononukleärer Blutzellen (PBMC)
    • Alternativ frisch isolierte PBMC; kryokonserviertes Material ist methodisch möglich, aber nicht für alle Fragestellungen gleichwertig validiert
    • Testsubstanzen in definierter Konzentrationsreihe, Negativkontrolle und Positivkontrolle, meist ein Mitogen wie Phytohämagglutinin (PHA)
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine Nüchternabnahme erforderlich
    • Die klinische Fragestellung, die verdächtige Substanz, Latenz (Zeitspanne bis zum Auftreten), Schweregrad der Reaktion, Begleitmedikation und der zeitliche Abstand zum Indexereignis müssen vor Testanforderung präzise dokumentiert werden
    • Bei immunsuppressiver Therapie (Behandlung zur Unterdrückung des Immunsystems), systemischen Glucocorticoiden (Kortisonpräparaten), Zytostatika (Medikamenten zur Krebsbehandlung) oder ausgeprägter Lymphopenie (Mangel an Lymphozyten) ist die Aussagekraft eingeschränkt
  • Störfaktoren
    • Verzögerte Präanalytik (Phase vor der eigentlichen Laboranalyse) und verminderte Zellvitalität (Lebensfähigkeit der Zellen)
    • Lymphopenie, akute systemische Entzündungsaktivität, aktive Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems)
    • Nicht standardisierte oder ungeeignete Arzneimittelpräparation, fehlende relevante Metaboliten (Abbauprodukte), ungeeignete Testkonzentrationen, zytotoxische Substanzkonzentrationen (zellschädigende Konzentrationen)
    • Ungeeigneter Testzeitpunkt nach der klinischen Reaktion; sowohl sehr frühe als auch sehr späte Testung kann die Sensitivität (Empfindlichkeit) vermindern
    • Fehlende oder insuffiziente Positivkontrolle, hohe Spontanproliferation in der Negativkontrolle
  • Methode
    • Kokultivierung patienteneigener Lymphozyten/PBMC mit der verdächtigen Substanz über mehrere Tage
    • Klassischer Read-out: Proliferationsmessung mittels 3H-Thymidin-Inkorporation
    • Alternativ bzw. ergänzend: bromdesoxyuridinbasierte Verfahren, CFSE-/Farbstoffverdünnung, Durchflusszytometrie (Zellanalyse mit Laser) mit Aktivierungsmarkern oder zytokinbasierte Verfahren
    • Angabe meist als Stimulationsindex (SI), also Verhältnis von Proliferation im Testansatz zur Negativkontrolle

Normbereiche (je nach Labor)

Konstellation Bewertung
Negativkontrolle Niedrige Spontanproliferation erforderlich
Positivkontrolle Ausreichende Zellreaktivität obligat; bei ausbleibender Mitogenantwort ist der Test nicht sicher interpretierbar
Testansatz Kein einheitlicher, universeller Referenzbereich; laborinterne Cut-offs und methodenspezifische Validierung erforderlich
Stimulationsindex Häufig wird ein SI ≥ 2 als positiv gewertet; Grenzbereiche und Entscheidungsgrenzen sind jedoch methoden-, substanz- und laborabhängig

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Ergänzende Diagnostik bei Verdacht auf verzögerte, T-Zell-vermittelte Arzneimittelüberempfindlichkeitsreaktionen, insbesondere wenn In-vivo-Testungen nicht ausreichend, nicht verfügbar oder wegen Schwere der Indexreaktion nur eingeschränkt vertretbar sind [1-6]
  • Unterstützende Identifikation des wahrscheinlich auslösenden Arzneimittels bei polypharmazeutischen Konstellationen (gleichzeitiger Einnahme mehrerer Medikamente) [1, 2, 6, 7]
  • Ausgewählte schwere arzneimittelbedingte Reaktionen wie makulopapulöses Exanthem (fleckig-knotiger Hautausschlag), DRESS/DiHS, AGEP, Stevens-Johnson-Syndrom/toxische epidermale Nekrolyse sowie organbezogene schwere unerwünschte Arzneimittelreaktionen wie arzneimittelinduzierte Hepatitis (Leberentzündung), Nephritis (Nierenentzündung) oder Zytopenien (Mangel an Blutzellen), jeweils als ergänzende Spezialdiagnostik [1-3, 6-8]
  • Ausgewählte Spezialfragestellungen der funktionellen T-Zell-Diagnostik in immunologischen Laboren; hierbei sind jedoch allgemeine Lymphozytenproliferationsassays zur Funktionsdiagnostik von T-Zellen begrifflich und klinisch vom allergologisch-pharmakologischen LTT abzugrenzen [9]

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Ein positiver LTT spricht für das Vorliegen einer antigenspezifischen T-Zell-Reaktivität gegenüber der getesteten Substanz
    • Bei passender Klinik kann ein positiver Befund die Kausalitätsbewertung (Bewertung des ursächlichen Zusammenhangs) stützen, beweist aber die klinische Relevanz nicht isoliert
    • Die diagnostische Aussage ist am stärksten bei klarer klinischer Vortestwahrscheinlichkeit, geeigneter Testdurchführung und plausibler Exposition (Kontakt mit dem Auslöser)
  • Erniedrigte Werte
    • Ein negativer LTT schließt eine klinisch relevante verzögerte Arzneimittelüberempfindlichkeit nicht aus
    • Falsch-negative Resultate sind insbesondere bei ungünstigem Testzeitpunkt, Immunsuppression, geringer Zellvitalität, fehlender Metabolisierung (Verstoffwechselung) der Testsubstanz oder nicht optimaler Antigenaufbereitung möglich
  • Spezifische Konstellationen
    • Eine suffiziente Positivkontrolle ist Voraussetzung für die technische Beurteilbarkeit
    • Die Sensitivität variiert deutlich je nach Arzneistoffklasse und klinischem Phänotyp; publizierte Werte liegen je nach Setting nur im moderaten Bereich, während die Spezifität (Genauigkeit bei Gesunden) typischerweise höher ist [2, 3, 6-8]
    • Moderne Weiterentwicklungen kombinieren Proliferationsmessung mit Aktivierungsmarkern oder Zytokinprofilen wie IFN-γ, IL-5, IL-13, Granzyme B oder Granulysin, um die Sensitivität in ausgewählten Situationen zu verbessern; dies ist jedoch noch nicht flächendeckend standardisiert [4, 8]
    • Für Metallimplantat-Allergien (Allergien auf eingesetzte Metallteile) hat der LTT nach aktueller Expertenkonsensuslage zu viele Limitationen (Einschränkungen), um generell empfohlen zu werden [10]
    • Für Lyme-Borreliose (Borreliose) wird der LTT in Leitlinien nicht empfohlen [11]

Weiterführende Diagnostik

  • Detaillierte Arzneimittelanamnese mit Chronologie, Latenz, Dosisbezug, Dechallenge/Rechallenge und Erfassung aller Komedikationen
  • Phänotypisierung der Reaktion nach klinischem Muster und Schweregrad
  • Bei geeigneter Fragestellung ergänzend Hauttestung nach etablierten Protokollen
  • Bei nicht schweren Reaktionen gegebenenfalls kontrollierte Arzneimittelprovokation (gezielte Auslösung unter Kontrolle) als Referenzverfahren; bei schweren verzögerten Reaktionen häufig kontraindiziert (nicht angezeigt) oder nicht vertretbar
  • Ergänzende In-vitro-Verfahren je nach Setting, z. B. ELISpot, durchflusszytometrische Aktivierungsmarker oder zytokinbasierte Assays
  • Bei ausgewählten Hochrisikokonstellationen HLA-assoziierte Risikodiagnostik

Klinische Hinweise

  • Der LTT ist kein Routineparameter der Basislabordiagnostik, sondern ein spezialisiertes immunologisches Zusatzverfahren.
  • Die klinisch sinnvollste Anwendung liegt derzeit bei verzögerten Arzneimittelüberempfindlichkeitsreaktionen; für Soforttyp-Reaktionen (allergische Reaktionen mit sofortigem Beginn) ist der Test nicht das Standardverfahren.
  • Ein positiver LTT unterstützt die Kausalitätsbewertung, ersetzt aber nicht die klinische Gesamtabwägung.
  • Ein negativer Befund schließt eine relevante Arzneimittelüberempfindlichkeit nicht aus.
  • Die Anforderung sollte gezielt und substanzbezogen erfolgen; unspezifische Panel-Testungen ohne klare klinische Hypothese sind nicht leitliniengerecht.
  • Für infektiologische, umweltmedizinische oder implantatbezogene Fragestellungen ist die klinische Validität (Zuverlässigkeit) indikationsspezifisch sehr unterschiedlich und oft unzureichend belegt.

Literatur

  1. Glässner A, Sachs B, Merk HF. In vitro diagnostics of drug allergies. J Dtsch Dermatol Ges. 2024;22(11):1529-1540. https://doi.org/10.1111/ddg.15466
  2. Glässner A, Fatangare A, Sachs B, et al. Lymphocyte transformation test for drug allergy detection. Ann Allergy Asthma Immunol. 2022;129(4):497-506.e3. https://doi.org/10.1016/j.anai.2022.06.014
  3. Drygała S, Rdzanek E, Porebski G, Dubiela P. In Vitro Assays for Diagnosis of Drug-Induced Nonsevere Exanthemas: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Immunol Res. 2022;2022:2386654. https://doi.org/10.1155/2022/2386654
  4. Fatangare A, Glässner A, Sachs B. Future perspectives on in-vitro diagnosis of drug allergy by the lymphocyte transformation test. J Immunol Methods. 2021;495:113072. https://doi.org/10.1016/j.jim.2021.113072
  5. Sachs B, Fatangare A, Glässner A. Lymphocyte transformation test: History and current approaches. J Immunol Methods. 2021;493:113036. https://doi.org/10.1016/j.jim.2021.113036
  6. Ruiz-Fernández C, Akatbach-Bousaid I, Rogozina O, et al. Diagnostic performance of lymphocyte transformation test and flow cytometry in the identification of culprit drugs in organ-specific serious adverse drug reactions. Diagnosis. 2025. https://doi.org/10.1515/dx-2025-0077
  7. Martín-López S, Rogozina O, Ruiz-Fernández C, et al. Impact of lymphocyte transformation test on the diagnostic process of drug-induced cytopenias. Front Pharmacol. 2025;16:1601450. https://doi.org/10.3389/fphar.2025.1601450
  8. Peyer T, Thoo L, Yerly D, et al. The Cyto-LTT: A multiplex cytokine assay to detect and assess the strength of T cell reactivity in drug hypersensitivity. Allergol Int. 2025. https://doi.org/10.1016/j.alit.2025.09.004
  9. Lázár-Molnár E, Peterson LK. Clinical utility of the lymphocyte proliferation assay, an in vitro functional readout of the adaptive immune response. J Immunol Methods. 2025;537:113819. https://doi.org/10.1016/j.jim.2025.113819
  10. Thomas P, Arenberger P, Bader R, et al. A literature review and expert consensus statement on diagnostics in suspected metal implant allergy. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2024. https://doi.org/10.1111/jdv.20026
  11. Hofmann H, Fingerle V, Hunfeld KP, et al. Cutaneous Lyme borreliosis: Guideline of the German Dermatology Society. Acta Derm Venereol. 2017;97(3):355-364. https://journals.publisso.de/en/journals/gms/volume15/000255