Interferon-Gamma-Release-Assays (IGRA)

Interferon-Gamma-Release-Assays (IGRA) sind immunologische (die Abwehr betreffend) In-vitro-Verfahren zum Nachweis einer zellulären Sensibilisierung (spezifischen Immunreaktion) gegenüber Antigenen (Erkennungsmerkmalen) aus dem Mycobacterium tuberculosis-Komplex. Gemessen wird die Interferon-Gamma-(IFN-γ)-Antwort sensibilisierter T-Zellen (Abwehrzellen) nach Stimulation mit spezifischen Tuberkulose-Antigenen, insbesondere ESAT-6 und CFP-10. In der klinischen Labordiagnostik dienen IGRAs vor allem dem Nachweis einer tuberkulösen Infektion (Ansteckung mit Tuberkulose), insbesondere einer latenten tuberkulösen Infektion (verborgenen Tuberkulose-Infektion) (LTBI), im Rahmen gezielter Teststrategien bei Personen mit erhöhtem Expositions- (Ansteckungs-) oder Progressionsrisiko (Risiko des Fortschreitens der Erkrankung). Ein IGRA kann weder eine aktive Tuberkulose sicher bestätigen noch eine aktive Tuberkulose sicher ausschließen und darf deshalb nicht isoliert zur Diagnostik einer Tuberkulose-Erkrankung verwendet werden [1-6].

Synonyme

  • Interferon-Gamma-Release-Assay
  • Interferon-Gamma-Freisetzungstest
  • Interferon-γ-Release-Assay
  • IGRA
  • γ-Interferon-Test

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Venöses Vollblut (Blut aus der Vene)
    • Je nach Testsystem: herstellerspezifische Spezialröhrchen für QuantiFERON-TB Gold Plus oder heparinisiertes Vollblut mit nachfolgender Zellisolierung (Trennung der Zellen) für T-SPOT.TB
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine Nüchternabnahme erforderlich
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Lebendimpfstoffe können die Testreaktion beeinflussen; die Testung sollte entweder am selben Tag wie die Lebendimpfung oder mit zeitlichem Abstand erfolgen [2]
  • Störfaktoren
    • Präanalytische Fehler (Fehler vor der eigentlichen Analyse) bei Blutabnahme, Transport und Inkubationsbeginn
    • Überschreitung der testabhängigen maximalen Verarbeitungszeit
    • Ausgeprägte Immunsuppression (unterdrückte Immunabwehr), fortgeschrittene HIV-Infektion, Sepsis (Blutvergiftung) oder relevante Lymphopenie (Mangel an Lymphozyten) mit Risiko falsch-negativer oder indeterminierter Ergebnisse [2-4]
    • Frühphase nach Exposition; eine messbare Immunantwort ist typischerweise erst nach 2-8 Wochen zu erwarten [2]
    • Technische Fehler der Inkubation, Zellaufarbeitung oder Auswertung
  • Methode
    • Stimulation von T-Zellen mit M.-tuberculosis-spezifischen Antigenen, vor allem ESAT-6 und CFP-10
    • QuantiFERON-TB Gold Plus: Messung der IFN-γ-Konzentration im Plasma mittels Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA)
    • T-SPOT.TB: zellbasierter Enzyme-linked Immunospot-(ELISPOT-)Assay mit Zählung IFN-γ-produzierender Zellen
    • Interne Kontrollen mit Nil- und Mitogen-Kontrolle zur Beurteilung von Hintergrundsignal und Stimulierbarkeit [1, 2]

Normbereiche (je nach Labor)

Testsystem Interpretationskategorie Hersteller-/testabhängiger Referenzbereich
QuantiFERON-TB Gold Plus Negativ Kein positives Antigen-minus-Nil-Signal; typischer Cut-off für Positivität: mindestens 0,35 IU/ml und mindestens 25 % des Nil-Werts
QuantiFERON-TB Gold Plus Positiv TB1-minus-Nil oder TB2-minus-Nil positiv nach testdefiniertem Cut-off
QuantiFERON-TB Gold Plus Indeterminiert Ungültige Kontrollkonstellation, z. B. hohe Nil-Kontrolle oder unzureichende Mitogen-Antwort
T-SPOT.TB Negativ Typischerweise ≤ 4 Spots
T-SPOT.TB Borderline Typischerweise 5-7 Spots
T-SPOT.TB Positiv Typischerweise ≥ 8 Spots
T-SPOT.TB Invalid Ungültige Kontrollkonstellation

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Für IGRAs existiert kein physiologischer Normbereich im klassischen Sinn, sondern nur assay-spezifische Interpretationsgrenzen. Die genannten Grenzwerte entsprechen den gebräuchlichen herstellerspezifischen Kategorien; die Befundinterpretation muss stets anhand des konkret verwendeten Testsystems erfolgen [1, 2].

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Nachweis einer tuberkulösen Infektion bei asymptomatischen (beschwerdefreien) Personen mit erhöhtem Risiko für eine latente tuberkulöse Infektion [3, 6]
  • Screening vor immunsuppressiver, insbesondere biologischer oder transplantationsbezogener Therapie (Behandlung) [2, 4]
  • Abklärung nach engem Kontakt zu infektiösen (ansteckenden) Tuberkulose-Fällen [2, 3]
  • Gezielte Testung bei Personen aus Hochinzidenzländern (Ländern mit hoher Häufigkeit) oder anderen Risikokollektiven [3, 6]
  • Alternative zum Tuberkulin-Hauttest, insbesondere nach BCG-Impfung [1, 3, 6]
  • In Deutschland bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren bevorzugtes Testverfahren zum Nachweis einer LTBI
  • Bei Kindern und bei Verdacht auf paucibazilläre/extrapulmonale Tuberkulose (Tuberkulose außerhalb der Lunge) nicht als Bestätigungstest, aber in ausgewählten Konstellationen als ergänzender Hinweis auf stattgehabte Infektion im diagnostischen Gesamtkontext [4]

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Ein positives Ergebnis spricht für eine immunologische Sensibilisierung gegenüber Antigenen des M.-tuberculosis-Komplexes [2, 4]
    • Ein positives Ergebnis ist vereinbar mit latenter tuberkulöser Infektion oder stattgehabter/aktueller Infektion, erlaubt aber keine Differenzierung zwischen TB-Infektion und TB-Erkrankung [2-6]
    • Die Spezifität ist höher als beim Tuberkulin-Hauttest, insbesondere weil keine Kreuzreaktion durch BCG-Impfung zu erwarten ist [1, 3, 6]
  • Erniedrigte Werte
    • Ein negatives Ergebnis macht eine TB-Infektion weniger wahrscheinlich, schließt sie jedoch nicht sicher aus [2-4]
    • Falsch-negative Ergebnisse sind insbesondere möglich in der Frühphase nach Exposition, bei schwerer Erkrankung, fortgeschrittener Immunsuppression, unbehandelter fortgeschrittener HIV-Infektion oder Sepsis [2-4]
  • Spezifische Konstellationen
    • Indeterminierte, borderline oder invalide Ergebnisse sind klinisch nicht verwertbar und erfordern je nach Situation Wiederholungstestung oder alternatives Vorgehen [1, 2]
    • Vorbestehend dokumentiert positive TB-Testresultate stellen keine sinnvolle Indikation für serielle Wiederholungstestungen dar [2]
    • Serielle Testungen können im Grenzbereich Konversionen/Reversionen zeigen; quantitative Werte allein sind derzeit nicht standardisiert für Therapieentscheidungen [2, 4]

Weiterführende Diagnostik

  • Bei positivem IGRA oder klinischem TB-Verdacht: Thoraxröntgen (Röntgenaufnahme des Brustkorbs) [2]
  • Bei Verdacht auf aktive pulmonale Tuberkulose (Lungentuberkulose): Sputumdiagnostik (Untersuchung des Auswurfs) mit Mikroskopie, Nukleinsäureamplifikationstest und Kultur [2]
  • Bei extrapulmonaler Tuberkulose: Materialgewinnung aus dem betroffenen Kompartiment (Körperbereich) zur Molekularbiologie, Mikroskopie, Kultur und Histopathologie (feingewebliche Untersuchung) [2, 4]
  • Gegebenenfalls molekulare Resistenztestung bei Erregernachweis
  • Bei negativen oder indeterminerten Befunden trotz hoher klinischer Wahrscheinlichkeit: Wiederholung nach immunologischer Fensterriode beziehungsweise direkte Erregerdiagnostik priorisieren [2, 4]

Klinische Hinweise

  • IGRA ist ein Test auf TB-Infektion, nicht auf Krankheitsaktivität [2-6]
  • Ein routinemäßiger Einsatz zur alleinigen Diagnose einer aktiven Tuberkulose ist nicht leitliniengerecht
  • Bei BCG-Geimpften ist der IGRA dem Tuberkulin-Hauttest hinsichtlich Spezifität im Regelfall überlegen [1, 3, 6]
  • Bei Kindern unter 5 Jahren ist die Testwahl settingspezifisch; die Aussage „IGRA kontraindiziert“ ist nicht korrekt, die Evidenz ist jedoch eingeschränkt [4]
  • Vor allem bei immunsupprimierten Patienten müssen negative Ergebnisse zurückhaltend interpretiert werden [2-4]

Literatur

  1. Zhang Y, Zhou G, Shi W, Shi W, Hu M, Kong D et al.: Comparing the diagnostic performance of QuantiFERON-TB Gold Plus with QFT-GIT, T-SPOT.TB and TST: a systematic review and meta-analysis. BMC Infect Dis. 2023;23(1):40. https://doi.org/10.1186/s12879-023-08008-2
  2. Goletti D, Delogu G, Matteelli A, Migliori GB. The role of IGRA in the diagnosis of tuberculosis infection, differentiating from active tuberculosis, and decision making for initiating treatment or preventive therapy of tuberculosis infection. Int J Infect Dis. 2022;124 Suppl 1:S12-S19. https://doi.org/10.1016/j.ijid.2022.02.047
  3. Jonas DE, Riley SR, Lee LC, Coffey CP, Wang SH, Asher GN et al.: Screening for Latent Tuberculosis Infection in Adults: Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA. 2023;329(17):1495-1509. https://doi.org/10.1001/jama.2023.3954
  4. Hirabayashi R, Nakayama H, Kawano T et al.: Utility of interferon-gamma releasing assay for the diagnosis of active tuberculosis in children: A systematic review and meta-analysis. J Infect Chemother. 2024;30(2):102233. https://doi.org/10.1016/j.jiac.2023.12.007
  5. Apriani L, Sidhu H, Korobitsyn A, Ismail N, Menzies D. Diagnostic Performance of New Commercial Interferon-Gamma Release Assays for Mycobacterium tuberculosis Infection: An Updated Systematic Review and Meta-analysis. Clin Infect Dis. 2026;ciag102. https://doi.org/10.1093/cid/ciag102
  6. Mangione CM, Barry MJ, Nicholson WK, Cabana M, Chelmow D, Coker TR et al.: Screening for Latent Tuberculosis Infection in Adults: US Preventive Services Task Force Recommendation Statement. JAMA. 2023;329(17):1487-1494. https://doi.org/10.1001/jama.2023.4899

Leitlinien

  1. World Health Organization. WHO consolidated guidelines on tuberculosis. Module 3: Diagnosis. 2025. Verfügbar unter: WHO consolidated guidelines on tuberculosis. Module 3: Diagnosis
  2. Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Testing Guidance for Tuberculosis: Interferon Gamma Release Assay. Stand 09.05.2024. Verfügbar unter: Clinical Testing Guidance for Tuberculosis: Interferon Gamma Release Assay
  3. S2k-Leitlinie: Diagnostik, Prävention und Therapie der Tuberkulose im Kindes- und Jugendalter. (AWMF-Registernummer: 048 - 016)