Reverse-T3 (rT3)

Reverse-T3 (rT3) ist ein biologisch weitgehend inaktiver Iodthyronin-Metabolit des Thyroxins (T4). Es entsteht überwiegend durch innere Ringdeiodierung von T4 und spiegelt die periphere Inaktivierung von Schilddrüsenhormonen wider. In der klinischen Labordiagnostik wird rT3 nur in ausgewählten Konstellationen zur Beurteilung einer veränderten Schilddrüsenhormonumwandlung eingesetzt, insbesondere bei Non-thyroidal illness syndrome (NTIS; Erkrankung außerhalb der Schilddrüse mit veränderten Schilddrüsenwerten) beziehungsweise schwerer systemischer Erkrankung [1-6].

rT3 ist kein Routinetest der Schilddrüsenfunktionsdiagnostik, kein geeigneter Screeningparameter für Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) oder unspezifische Beschwerden wie Fatigue (Erschöpfung) und kein validierter alleiniger Parameter zur Steuerung einer Schilddrüsenhormontherapie. Die Interpretation ist nur im Zusammenhang mit TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT4, fT3, klinischem Befund, Begleiterkrankungen, Ernährungssituation und Medikation sinnvoll [1, 4, 6, 7].

Physiologisch entsteht T3 vor allem durch äußere Ringdeiodierung von T4, während rT3 durch innere Ringdeiodierung entsteht. Daran sind insbesondere Deiodinasen beteiligt, vor allem Typ-3-Deiodinase und Typ-1-Deiodinase. Bei akuter oder chronischer schwerer Erkrankung, Fasten, postoperativem Stress (Stress nach einer Operation) und bestimmten Medikamenten kann die Umwandlung von T4 zu aktivem T3 vermindert und die Bildung beziehungsweise Akkumulation (Anreicherung) von rT3 begünstigt sein [1-6].

Synonyme

  • 3,3′,5′-Trijodthyronin
  • 3,3′,5′-Triiodothyronine
  • Reverse-T3
  • Reverse triiodothyronine
  • rT3
  • RT3

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Alternativ je nach Labor Heparinplasma oder EDTA-Plasma

Vorbereitung des Patienten

  • Keine zwingende spezielle Vorbereitung erforderlich.
  • Morgendliche Blutentnahme ist zur besseren Vergleichbarkeit sinnvoll.
  • Nüchternblutabnahme ist nicht zwingend erforderlich, kann aber bei kombinierter Schilddrüsen-, Stoffwechsel- oder internistischer Diagnostik sinnvoll sein.
  • Folgende Angaben sollten auf dem Anforderungsschein dokumentiert werden:
    • Aktuelle Schilddrüsenmedikation, insbesondere Levothyroxin, Liothyronin oder Kombinationstherapie
    • Amiodarontherapie
    • Glucocorticoidtherapie
    • Schwere akute Erkrankung, Intensivpflichtigkeit (Behandlung auf der Intensivstation), Sepsis (Blutvergiftung), Trauma (Verletzung), Operation oder Verbrennung
    • Fasten, Anorexie (Magersucht), sehr kalorienarme Diät oder ausgeprägte Kachexie (krankhafte Auszehrung)
    • Lebererkrankung oder Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)

Störfaktoren

  • Methodenabhängigkeit der Messung, insbesondere Unterschiede zwischen Immunoassays und massenspektrometrischen Verfahren
  • Analytische Interferenzen (Störeinflüsse) durch strukturell verwandte Iodthyronine, insbesondere bei weniger spezifischen Immunoassays
  • Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) je nach Labor als Ausschlusskriterium möglich
  • Unzureichende Probenverarbeitung, insbesondere verspätete Serum- oder Plasmatrennung
  • Akute schwere Erkrankungen und stationäre Behandlungssituationen als häufige Ursache nichtthyreoidaler Veränderungen der Schilddrüsenhormone
  • Medikamente mit Einfluss auf Deiodierung oder Schilddrüsenhormonmetabolismus, insbesondere Amiodaron, Glucocorticoide, hoch dosiertes Propranolol, Dopamin und iodhaltige Kontrastmittel
  • Schwangerschaft, Neonatalperiode (Neugeborenenzeit) und pädiatrisches Alter (Kindesalter) mit altersabhängiger Interpretation

Methode

  • Bevorzugt Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS)
  • Alternativ Chromatographie/Massenspektrometrie oder immunologische Spezialverfahren, jeweils mit methodenspezifischen Referenzbereichen
  • LC-MS/MS bietet die bessere analytische Spezifität gegenüber isobaren beziehungsweise strukturell verwandten Schilddrüsenhormonmetaboliten [1, 8]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich Hinweis
Erwachsene 8-25 ng/dl Beispiel Referenzbereich Quest Diagnostics, LC/MS/MS
Erwachsene 10-24 ng/dl Beispiel Referenzbereich Mayo Clinic Laboratories, LC-MS/MS
Umrechnung 1 ng/dl × 0,01536 = nmol/l Entspricht näherungsweise 8-25 ng/dl = 0,12-0,38 nmol/l

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Ausgewählte Abklärung einer diskrepanten Schilddrüsenhormonkonstellation bei schwerer systemischer Erkrankung, insbesondere niedrigem fT3 ohne adäquate TSH-Erhöhung
  • Unterstützende Einordnung eines Non-thyroidal illness syndrome bei kritisch kranken Patienten, wenn die Abgrenzung gegenüber primärer Hypothyreose klinisch relevant ist
  • Differentialdiagnostische Beurteilung veränderter peripherer Schilddrüsenhormonumwandlung bei Fasten, Anorexie, schwerer Kachexie, Sepsis, Trauma, postoperativem Zustand oder Multiorganversagen (Versagen mehrerer Organe)
  • Beurteilung möglicher medikamentöser Effekte auf den Schilddrüsenhormonmetabolismus, insbesondere unter Amiodaron oder Glucocorticoiden
  • Spezialdiagnostik bei Verdacht auf seltene genetische Störungen (erblich bedingte Störungen) des Schilddrüsenhormontransports, der Schilddrüsenhormonwirkung oder des Schilddrüsenhormonmetabolismus, jeweils nur in Kombination mit weiterführender endokrinologischer und gegebenenfalls genetischer Diagnostik [7, LL1]

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Non-thyroidal illness syndrome
    • Typische Konstellation: rT3 erhöht, fT3 erniedrigt, TSH normal oder erniedrigt, fT4 initial häufig normal, bei prolongierter kritischer Erkrankung auch erniedrigt
    • Bewertung nur im klinischen Kontext; rT3 ist kein alleiniger Schweregrad- oder Prognosemarker [2-6]
  • Akute schwere systemische Erkrankungen
    • Sepsis
    • Schweres Trauma
    • Verbrennungen
    • Hämorrhagischer Schock (Kreislaufversagen durch Blutverlust)
    • Multiorganversagen
    • Postoperativer Zustand
  • Reduzierte Energiezufuhr oder katabole Stoffwechsellage (abbauende Stoffwechsellage)
    • Fasten
    • Anorexie
    • Sehr kalorienarme Diät
    • Kachexie
  • Medikamentöse Einflüsse
    • Amiodaron durch Hemmung der Deiodierung und veränderten Abbau von rT3
    • Glucocorticoide durch Hemmung der peripheren T4-zu-T3-Konversion
    • Hochdosiertes Propranolol
    • Dopamin beziehungsweise dopaminerge intensivmedizinische Therapie mit Suppression (Unterdrückung) der thyreotropen Achse
  • Lebererkrankungen und Niereninsuffizienz
    • Mögliche Erhöhung durch veränderte periphere Metabolisierung und reduzierte Clearance (Ausscheidungsleistung)
    • Interpretation nur zusammen mit TSH, fT4, fT3, Albumin, Leberparametern und Nierenparametern
  • Hyperthyreose
    • rT3 kann erhöht sein, da rT3 häufig mit dem T4-Angebot korreliert; die Diagnose der Hyperthyreose erfolgt jedoch über TSH, fT4, fT3 und die ätiologische Abklärung (Ursachenabklärung), nicht über rT3

Erniedrigte Werte

  • Primäre oder zentrale Hypothyreose
    • rT3 kann bei niedrigem T4-Angebot erniedrigt sein; diagnostisch maßgeblich sind TSH, fT4 und klinischer Kontext
  • Therapie mit T3-haltigen Präparaten
    • Bei Liothyronin- oder T3-dominierter Therapie kann rT3 niedriger ausfallen, weil weniger T4 als Substrat für die rT3-Bildung verfügbar ist
  • Isoliert erniedrigtes rT3
    • Meist geringe klinische Aussagekraft
    • Kein eigenständiger Hinweis auf eine behandlungsbedürftige Schilddrüsenerkrankung

Spezifische Konstellationen

  • rT3 erhöht, fT3 erniedrigt, TSH normal oder erniedrigt
    • Am ehesten Non-thyroidal illness syndrome bei passendem klinischem Kontext
    • Keine automatische Indikation für Schilddrüsenhormontherapie
  • rT3 erhöht, fT4 erhöht, TSH erniedrigt
    • Hyperthyreose oder Amiodaron-bedingte Schilddrüsenfunktionsstörung differentialdiagnostisch abklären
    • rT3 ist hierbei nicht der diagnostische Leitparameter
  • rT3 erhöht unter Levothyroxintherapie
    • Mögliche Folge eines erhöhten T4-Angebots oder veränderter peripherer Umwandlung
    • Eine Therapieänderung allein aufgrund von rT3 ist nicht evidenzbasiert
  • rT3 erhöht bei schwerer Erkrankung
    • Meist Ausdruck einer adaptiven beziehungsweise allostatischen Veränderung (Anpassungsreaktion) des Schilddrüsenhormonstoffwechsels
    • Therapeutisch steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund

Weiterführende Diagnostik

  • Basisdiagnostik der Schilddrüsenfunktion
    • TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)
    • fT4
    • fT3
  • Autoimmunthyreoiditis (autoimmune Schilddrüsenentzündung) und Morbus Basedow (autoimmune Schilddrüsenüberfunktion)
    • Thyreoperoxidase-Antikörper (TPO-AK)
    • Thyreoglobulin-Antikörper (Tg-AK)
    • TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK)
  • Medikamenten- und Expositionsanamnese (Erfassung von Medikamenten und Einwirkungen)
    • Amiodaron
    • Glucocorticoide
    • Dopamin
    • Hoch dosiertes Propranolol
    • Iodhaltige Kontrastmittel
    • Schilddrüsenhormonpräparate
  • Abklärung systemischer Auslöser bei Verdacht auf Non-thyroidal illness syndrome
    • Kleines Blutbild
    • Differentialblutbild
    • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) beziehungsweise Procalcitonin (PCT) bei Verdacht auf schwere bakterielle Infektion oder Sepsis
    • Elektrolyte – Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphat
    • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
    • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, gegebenenfalls Cystatin C beziehungsweise Kreatinin-Clearance
    • Albumin, Präalbumin und Ernährungsstatus bei Verdacht auf Malnutrition (Mangelernährung)
  • Spezialdiagnostik bei Verdacht auf genetische Störungen des Schilddrüsenhormonmetabolismus
    • Erweiterte Schilddrüsenhormonmetaboliten-Diagnostik in einem Speziallabor
    • Genetische Diagnostik, insbesondere bei syndromaler Konstellation (typischem Merkmalsmuster), Entwicklungsstörung, auffälligem Familienbefund oder persistierend diskordanter Hormonkonstellation

Literatur

  1. Halsall DJ, Oddy S. Clinical and laboratory aspects of 3,3′,5′-triiodothyronine (reverse T3). Ann Clin Biochem. 2021;58(1):29-37. https://doi.org/10.1177/0004563220969150
  2. Sabatino L, Vassalle C, Del Seppia C, Iervasi G. Deiodinases and the Three Types of Thyroid Hormone Deiodination Reactions. Endocrinol Metab (Seoul). 2021;36(5):952-964. https://doi.org/10.3803/EnM.2021.1198
  3. Langouche L, Jacobs A, Van den Berghe G. Nonthyroidal Illness Syndrome Across the Ages. J Endocr Soc. 2019;3(12):2313-2325. https://doi.org/10.1210/js.2019-00325
  4. Sciacchitano S, Capalbo C, Napoli C, Anibaldi P, Salvati V, De Vitis C et al.: Nonthyroidal Illness Syndrome: To Treat or Not to Treat? Have We Answered the Question? A Review of Metanalyses. Front Endocrinol (Lausanne). 2022;13:850328. https://doi.org/10.3389/fendo.2022.850328
  5. Krug N, Bercker S, Busch T, Friese S, Jahn N et al.: Non-thyroidal Illness Syndrome (NTIS) is no independent predictor for mortality in ICU patients. BMC Anesthesiol. 2023;23:103. https://doi.org/10.1186/s12871-023-02015-1
  6. Zhou Y, Zheng X, Zheng Y, Yang Z. Non-thyroidal illness syndrome subtypes and mortality in sepsis: associations with thyroid autoantibodies. Front Endocrinol (Lausanne). 2026;17:1767422. https://doi.org/10.3389/fendo.2026.1767422
  7. Wilson JB, Hoang TD, Lee ML, Epstein M, Friedman TC. Reverse T3 in patients with hypothyroidism on different thyroid hormone replacement. PLoS One. 2025;20(6):e0325046. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0325046
  8. Giri D, Köhrle J, Schweizer U. Thyroid Hormone Deiodination—Mechanisms and Small Molecule Modulators. Biomolecules. 2025;15(4):529. https://doi.org/10.3390/biom15040529

Leitlinien

  1. Persani L, Rodien P, Moran C, Visser WE, Groeneweg S, Peeters RP et al.: 2024 European Thyroid Association Guidelines on diagnosis and management of genetic disorders of thyroid hormone transport, metabolism and action. Eur Thyroid J. 2024;13(4):e240125. https://doi.org/10.1530/ETJ-24-0125