Anti-Müller-Hormon (AMH)
Anti-Müller-Hormon (AMH; Anti-Müllerian hormone; Müllerian-inhibiting substance, MIS) ist ein dimeres Glykoproteinhormon aus der Transforming-growth-factor-beta-Superfamilie. Es wird in der fetalen männlichen Gonade (Keimdrüse) von Sertoli-Zellen gebildet und induziert die Regression der Müller-Gänge. Bei der Frau wird AMH postnatal in den Granulosazellen präantraler und kleiner antraler Follikel produziert und dient in der klinischen Labordiagnostik vor allem als Marker der quantitativen ovariellen Reserve sowie zur Abschätzung der ovariellen Reaktion auf eine kontrollierte ovarielle Stimulation [4, 9, 10].
AMH ist im reproduktiven Alter im Vergleich zu Gonadotropinen und Estradiol relativ zyklusunabhängig messbar, unterliegt aber einer messbaren intraindividuellen biologischen Variation und methodenabhängigen Unterschieden zwischen Testsystemen. Die Aussagekraft ist daher stets im klinischen Kontext, altersbezogen und assay-spezifisch zu interpretieren [4, 9, 10].
Synonyme
- AMH
- Anti-Müller-Hormon
- Anti-Müllerian hormone
- Müllerian-inhibiting substance (MIS)
- Müller-Hemmstoff
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Serum
- Gegebenenfalls Plasma, sofern für das verwendete Testsystem validiert
Vorbereitung des Patienten
- Keine Nüchternabnahme erforderlich
- Die Blutentnahme kann bei den meisten Fragestellungen zyklusunabhängig erfolgen
- Bei Verlaufskontrollen möglichst gleiche präanalytische Bedingungen und möglichst dasselbe Testsystem verwenden
- Bei hormoneller Kontrazeption, kurz zuvor abgesetzten oralen Kontrazeptiva, Schwangerschaft, Stillzeit, laufender ovarielle Stimulationsbehandlung oder kurz nach Ovarialchirurgie (Operation am Eierstock) ist die Interpretation besonders zurückhaltend vorzunehmen [8-10]
Störfaktoren
- Methodenabhängige Unterschiede zwischen Assays, fehlende vollständige Harmonisierung und unterschiedliche Kalibrationen [4, 9]
- Biologische intraindividuelle Schwankung innerhalb des Zyklus; ein absolut starres „jederzeit identisches“ Ergebnis ist nicht zu erwarten [4]
- Alter als stärkster Einflussfaktor bei Frauen im reproduktiven Alter
- Orale Kontrazeptiva und weitere hormonelle Suppression können AMH vorübergehend erniedrigen [8, 9]
- Adipositas (starkes Übergewicht), Rauchen und weitere Lebensstilfaktoren können die Konzentration beeinflussen [8]
- Labor- und populationsabhängige Referenzbereiche; Ergebnisse sind nicht uneingeschränkt zwischen Laboren übertragbar [4, 9]
Methode
- Quantitative Immunoassays, meist automatisierte Chemilumineszenz- oder Enzymimmunoassays
- Interpretation stets testsystemspezifisch
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Geschlecht/Alter | Referenzbereich/Orientierung |
|---|---|
| Frauen im reproduktiven Alter | Deutlich altersabhängig; mit zunehmendem Alter kontinuierlich abnehmend |
| Frauen mit verminderter ovarieller Reserve | Häufig erniedrigt; feste universelle Cut-offs sind wegen Assay- und populationsabhängiger Unterschiede nicht valide |
| Frauen postmenopausal | Meist sehr niedrig bis unter der Nachweisgrenze |
| Männer nach der Pubertät | Messbar; Referenzbereiche sind testsystemspezifisch und für die Routinediagnostik deutlich weniger standardisiert als bei weiblichen Fertilitätsfragestellungen |
| Präpubertäre Jungen | Deutlich höher als nach der Pubertät; altersabhängige Referenzintervalle erforderlich |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Frau
- Abschätzung der quantitativen ovariellen Reserve im Rahmen der Fertilitätsdiagnostik [5, 9]
- Prädiktion der ovariellen Reaktion auf kontrollierte ovarielle Stimulation bei In-vitro-Fertilisation (IVF) (künstliche Befruchtung im Labor)/intrazytoplasmatischer Spermieninjektion [10]
- Risikoeinschätzung für niedrige oder überschießende Stimulationsantwort, einschließlich Risiko einer ovariellen Überstimulation in geeigneten Kontexten [10]
- Ergänzende Diagnostik bei Verdacht auf polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) (Syndrom mit vielen kleinen Eibläschen im Eierstock); nicht als alleiniger diagnostischer Parameter [10]
- Verlaufskontrolle bei Granulosazelltumoren des Ovars (Eierstocktumoren), meist in Kombination mit Inhibin B und Bildgebung (bildgebende Untersuchungen)
- Beratung vor gonadotoxischer Therapie, vor Ovarialchirurgie oder im Rahmen fertilitätsprotektiver Maßnahmen als ergänzender Marker der Ovarreserve
- Mann/Junge
- Pädiatrische Endokrinologie (Hormonheilkunde im Kindesalter): Beurteilung der Sertoli-Zell-Funktion
- Differentialdiagnostik bei nicht palpablen Hoden, Kryptorchismus (Hodenhochstand), Anorchie (Fehlen der Hoden) und Störungen der Geschlechtsentwicklung
- Ergänzende Diagnostik bei Pubertas praecox (vorzeitige Pubertät) bzw. verzögerter Pubertätsentwicklung
- In der Andrologie (Männermedizin) bei erwachsenen Männern derzeit überwiegend ergänzend bzw. spezialdiagnostisch, nicht als etablierter isolierter Routinemarker [11]
Interpretation
Erhöhte Werte
- Frau
- Häufig bei polyzystischem Ovarsyndrom (PCOS)
- Erhöhte Follikelzahl bzw. erwartbar stärkere ovarielle Reaktion auf Stimulation
- Gegebenenfalls bei Granulosazelltumoren
- Mann/Junge
- Im Kindesalter physiologisch hoch
- Bei ausbleibender pubertärer Suppression differenzialdiagnostisch im Kontext der pubertären Entwicklung zu bewerten
Erniedrigte Werte
- Frau
- Verminderte ovarielle Reserve bzw. niedrigere erwartete Oozytenausbeute unter Stimulation [9, 10]
- Physiologisch mit zunehmendem Alter, besonders in der Peri- und Postmenopause
- Vorübergehend unter hormoneller Suppression, insbesondere unter oralen Kontrazeptiva, möglich [8, 9]
- Erniedrigung bei BRCA1-Mutation beschrieben; für BRCA2 ist die Evidenz deutlich schwächer bzw. inkonsistent [3]
- Mann/Junge
- Bei Anorchie sehr niedrig oder nicht nachweisbar
- Hinweis auf eingeschränkte Sertoli-Zell-Funktion im geeigneten pädiatrisch-endokrinologischen Kontext
Spezifische Konstellationen
- AMH ist gut zur Vorhersage der quantitativen ovariellen Stimulationsantwort geeignet, aber nicht zur verlässlichen Vorhersage einer spontanen Schwangerschaft oder einer Lebendgeburt [5, 9, 10]
- Auch sehr niedrige AMH-Werte schließen eine Schwangerschaft bzw. eine Lebendgeburt nach IVF nicht aus; die Prognose hängt wesentlich vom Alter und vom Gesamtkontext ab [7]
- Ein einzelner niedriger AMH-Wert ist kein Beweis für aktuelle Infertilität (Unfruchtbarkeit) [5, 9]
- Für die natürliche Fertilität ist das Alter prognostisch bedeutsamer als ein isolierter AMH-Wert [5, 9]
Weitere Hinweise
- Allgemeine Einordnung: AMH ist derzeit der klinisch wichtigste serologische Marker der quantitativen ovariellen Reserve. Sein Hauptnutzen liegt in der Reproduktionsmedizin in der Abschätzung der ovariellen Reaktion auf eine kontrollierte Stimulation; für die Vorhersage von Schwangerschaft und Lebendgeburt ist der Marker dagegen nur eingeschränkt geeignet [9, 10].
- Zyklusabhängigkeit: Die ältere Aussage, AMH unterliege „keinen Schwankungen“, ist in dieser Absolutheit nicht haltbar. Intraindividuelle Schwankungen innerhalb des Zyklus sind beschrieben; in einer prospektiven Untersuchung lag die mittlere Variation in einer Größenordnung, die klinisch relevant sein kann, aber deutlich geringer ist als bei vielen anderen Reproduktionshormonen [4].
- Assay-Problematik: Ergebnisse verschiedener Testsysteme sind nicht vollständig austauschbar. Für Verlaufsbeurteilungen sollte daher möglichst dasselbe Labor bzw. dasselbe Assay verwendet werden. Universalgültige numerische Grenzwerte sind problematisch [4, 9].
- Spontane Fertilität: Bei Frauen im Alter von 30-44 Jahren ohne bekannte Infertilität war ein niedriger AMH-Wert in einer prospektiven Kohorte nicht mit einer geringeren kumulativen Schwangerschaftswahrscheinlichkeit assoziiert [5]. Dies deckt sich mit der aktuellen ASRM-Bewertung, wonach Ovarreserve-Tests die spontane Konzeptionswahrscheinlichkeit nicht sinnvoll vorhersagen [9].
- Assistierte Reproduktion: Für die Reproduktionsmedizin ist AMH klinisch nützlich, weil es niedrige und hohe ovarielle Reaktion auf Gonadotropinstimulation mit vorhersagt. Die aktuelle ESHRE-Leitlinie empfiehlt zur Prädiktion von Low- und High-Response die Verwendung von entweder antraler Follikelzahl oder AMH; zugleich wird AMH nicht zur Vorhersage von Schwangerschaft und Lebendgeburt empfohlen [10].
- Sehr niedrige Werte: Auch bei AMH ≤ 0,3 ng/ml sind Lebendgeburten nach IVF möglich; die Chancen nehmen insbesondere mit steigendem Alter ab, sind aber nicht null. Ein extrem niedriger Wert ist daher kein alleiniges Kriterium gegen eine Behandlung [7].
- BRCA-assoziierte Konstellationen: Bei BRCA1-Mutation wurden im Mittel niedrigere AMH-Spiegel beschrieben, bei BRCA2-Mutation dagegen nicht konsistent [3]. Für die individuelle Beratung ist diese Information ergänzend, nicht allein entscheidend.
- Salpingektomie: Eine opportunistische Salpingektomie im Rahmen laparoskopischer Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) zeigte in einer randomisierten Studie keinen nachteiligen Effekt auf AMH im Kurzzeitverlauf [2].
- MTHFR: Die ältere Arbeit zu MTHFR 677C>T zeigte eine Assoziation mit AMH und ovarieller Stimulationsantwort [1]. Für die Routinediagnostik ergibt sich daraus jedoch keine allgemeine Empfehlung zur parallelen MTHFR-Testung bei AMH-Bestimmung; dies ist nicht leitliniengestützt und sollte allenfalls in speziellen reproduktionsmedizinischen Kontexten erwogen werden [1, 9, 10].
- Umweltfaktoren: Die ORExPo-Daten zeigten inverse Assoziationen zwischen AMH und PM10, PM2,5 sowie NO2; die Evidenzbasis hierfür ist jedoch im Vergleich zu den klassischen reproduktionsmedizinischen Anwendungen deutlich schwächer, da es sich nicht um eine Leitlinien-Schlüsselindikation handelt [6].
- Lebensstil: In der aktuellen systematischen Übersichtsarbeit wurden überwiegend inverse Assoziationen von AMH mit BMI, Rauchen, Anwendung oraler Kontrazeptiva und zum Teil körperlicher Aktivität berichtet; für Alkohol, Koffein und Waist-Hip-Ratio ergab sich überwiegend keine konsistente Assoziation [8]. Diese Faktoren sollten bei der Interpretation eines Einzelwerts berücksichtigt werden.
- Männliche Diagnostik: Bei Jungen hat AMH einen etablierten Stellenwert als Marker der Sertoli-Zell-Funktion. In der erwachsenen Andrologie ist die klinische Rolle noch selektiv und nicht mit der etablierten Bedeutung in der weiblichen Reproduktionsmedizin vergleichbar [11].
Weiterführende Diagnostik
- Frau
- Antralfollikelzahl im transvaginalen Ultraschall (Ultraschall über die Scheide)
- Follikelstimulierendes Hormon (FSH), Luteinisierendes Hormon (LH), Estradiol, gegebenenfalls Progesteron je nach Fragestellung
- Inhibin B in ausgewählten Konstellationen
- Abklärung weiterer Sterilitätsursachen, einschließlich tubarer, uteriner (die Gebärmutter betreffend), endometrialer (die Gebärmutterschleimhaut betreffend) und männlicher Faktoren
- Bei Verdacht auf PCOS: klinische Kriterien, Androgendiagnostik, sonographische Morphologie, metabolische Diagnostik
- Bei Verdacht auf Granulosazelltumor: Inhibin B, Bildgebung, onkologische Diagnostik
- Mann/Junge
- Inhibin B, FSH, LH, Testosteron, gegebenenfalls Dihydrotestosteron und weitere Achsenhormone
- Sonographie der Gonaden
- Genetische und pädiatrisch-endokrinologische Spezialdiagnostik bei Verdacht auf Störung der Geschlechtsentwicklung
Literatur
- Pavlik R et al.: Divergent effects of the 677C>T mutation of the 5,10-methylene-tetrahydrofolate reductase (MTHFR) gene on ovarian responsiveness and anti-Mullerian hormone concentrations. Fertility and Sterility epub ahead (2011). doi:10.1016/j.fertnstert.2011.03.023:
- Song T et al.: Impact of opportunistic salpingectomy on anti-Müllerian hormone in patients undergoing laparoscopic hysterectomy: a multicenter randomised controlled trial. BJOG 2016, online 24. Juni. doi: 10.1111/1471-0528.14182
- Phillips KA et al.: Anti-Müllerian hormone serum concentrations of women with germline BRCA1 or BRCA2 mutations. Hum Reprod 2016; 31: 1126-1132. doi:10.1093/humrep/dew044
- Hadlow N et al.: Towards improving analysis and interpretation of antimüllerian hormone in women. Fertil Steril 2016;106:1230-1237. doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.fertnstert.2016.06.037
- Steiner AZ et al.: Association Between Biomarkers of Ovarian Reserve and Infertility Among Older Women of Reproductive Age. JAMA 2017; 318: 1367-1376. doi: 10.1001/jama.2017.14588
- Santi D et al.: Ovarian reserve and exposure to environmental pollutants (ORExPo study) Abstracts (2019) 63 P311 | doi: 10.1530/endoabs.63.P311
- Romanski PA et al.: Live-Birth Outcomes Among Women With Infertility and Anti-Müllerian Hormone Levels of 0.3 ng/mL or Lower. Obstet Gynecol 2022; https://doi.org/10.1097/AOG.0000000000004895
- Werner L et al.: A systematic review of the association between modifiable lifestyle factors and circulating anti-Mullerian hormone. Human Reproduction Update 2024; https://doi.org/10.1093/humupd/dmae004
- Penzias A, Azziz R, Bendikson K, Falcone T, Hansen K, Hill M, et al. Testing and interpreting measures of ovarian reserve: a committee opinion. Fertil Steril. 2020;114(6):1151-1157. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2020.09.134
- The ESHRE Guideline Group on Ovarian Stimulation, Ata B, Bosch E, Broer S, Griesinger G, Grynberg M, et al. ESHRE guideline: ovarian stimulation for IVF/ICSI: an update in 2025. Hum Reprod. 2026;41(4):498-514. https://doi.org/10.1093/humrep/deag018
- Benderradji H, Prasivoravong J, Marcelli F, Leroy C. Role of Anti-Müllerian Hormone in Male Reproduction and Sperm Motility. Semin Reprod Med. 2024;42(1):5-14. https://doi.org/10.1055/s-0044-1787687