GnRH-Test

Der GnRH-Test (Stimulationstest der Hormonachse) ist ein dynamischer endokrinologischer Funktionstest (Hormontest unter Reizgabe) zur Beurteilung der hypothalamisch-hypophysär-gonadalen Achse (Steuerachse zwischen Hypothalamus, Hirnanhangsdrüse und Keimdrüsen). Er erfasst die stimulierte Freisetzung von luteinisierendem Hormon (LH) und follikelstimulierendem Hormon (FSH) nach Gabe von Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) oder, je nach Verfügbarkeit, eines kurz wirksamen GnRH-Agonisten (GnRH-ähnlichen Wirkstoffs).

In der aktuellen klinischen Praxis ist der Test vor allem in der pädiatrischen Endokrinologie (Kinder-Hormonheilkunde) relevant, insbesondere zur Abklärung einer zentralen Pubertas praecox (vorzeitigen Pubertät); für die Abklärung einer verzögerten Pubertät (verspäteten Pubertätsentwicklung) ist seine Aussagekraft begrenzter und muss mit klinischen, basalen hormonellen und gegebenenfalls genetischen Befunden kombiniert werden.

Synonyme

  • Gonadotropin-Releasing-Hormon-Test
  • Gonadorelin-Test
  • LH-RH-Test
  • LHRH-Test
  • GnRH-Stimulationstest

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum oder Plasma zur Bestimmung von LH und FSH
    • Gegebenenfalls zusätzlich Estradiol bzw. Testosteron, abhängig von der klinischen Fragestellung
    • Bei Verlauf oder Differenzialdiagnostik (Unterscheidung ähnlicher Erkrankungen) gegebenenfalls weitere Parameter wie basales LH, Inhibin B, Anti-Müller-Hormon, Prolaktin, TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), freies Thyroxin, Cortisol, Insulin-like Growth Factor 1
  • Vorbereitung des Patienten
    • Möglichst standardisierte Testbedingungen
    • Vorzugsweise morgendliche Durchführung
    • Dokumentation von Tanner-Stadium (Pubertätsstadium), Wachstumsgeschwindigkeit, Knochenalter (Reifegrad der Knochen) und aktueller Medikation
    • Eine Nüchternabnahme ist nicht obligat, kann aber zur Standardisierung sinnvoll sein
    • Vorangegangene oder laufende Sexualsteroidtherapien (Behandlungen mit Geschlechtshormonen) sowie GnRH-Analoga müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden
  • Störfaktoren
    • Methodenabhängige Unterschiede der LH-/FSH-Assays; universell gültige Grenzwerte existieren nicht
    • Adipositas (starkes Übergewicht) kann zu einer abgeschwächten LH-Antwort führen
    • Frühe Pubertätsstadien mit noch diskreter oder intermittierender Aktivierung der Achse
    • Unterschiedliche Stimulationsprotokolle mit nativem GnRH versus GnRH-Agonisten
    • Unterschiedliche Blutentnahmezeitpunkte
    • Laufende Hormontherapie, orale Kontrazeptiva (Verhütungsmittel), Androgene, Östrogene oder GnRH-Analoga
    • Fehlende Einordnung in den klinischen Kontext, insbesondere ohne Knochenalter und Tanner-Stadium
  • Methode
    • Basalbestimmung von LH und FSH unmittelbar vor Stimulation
    • Anschließend intravenöse Gabe von nativem GnRH, falls verfügbar, oder alternativ Gabe eines kurz wirksamen GnRH-Agonisten, z. B. Triptorelin
    • Bei klassischem intravenösem GnRH-Test sind nach aktueller Evidenz in der CPP-Diagnostik Blutentnahmen nach 30 und 60 Minuten meist ausreichend; längere Protokolle bis 90-120 Minuten erhöhen die diagnostische Ausbeute in vielen Konstellationen nicht wesentlich
    • Bei GnRH-Agonisten-Testung, z. B. mit Triptorelin, liegt der LH-Gipfel typischerweise später, häufig um etwa 3 Stunden nach Applikation
    • Analytik in der Regel mittels sensitiver Immunoassays; Grenzwerte sind stets assay-, labor- und protokollspezifisch zu interpretieren

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich/Interpretationsgrenze
Basales LH, Kinder/Jugendliche Kein einheitlicher Normbereich; mit ultrasensitiven Assays sprechen Werte < 0,3 IU/l eher für präpubertären, höhere Werte eher für pubertären Status; ein unauffälliger Basalwert schließt eine beginnende Pubertätsaktivierung nicht aus.
GnRH-stimuliertes LH bei Verdacht auf zentrale Pubertas praecox Häufig verwendete Schwelle: Peak-LH > 5 IU/l als pubertäre Antwort; zusätzlich wird teils ein 2-3-facher Anstieg gegenüber basal verwendet.
Klassischer intravenöser GnRH-Test bei CPP Aktuelle Daten sprechen dafür, dass 30- und 60-Minuten-Werte diagnostisch meist ausreichen; in einer aktuellen Studie zeigten LH-Werte um 4,7-4,8 mU/ml nach 30 bzw. 60 Minuten eine sehr hohe diagnostische Genauigkeit, jedoch nicht generalisierbar auf alle Assays.
GnRH-Agonisten-Test, z. B. Triptorelin Peak-LH > 5 IU/l wird häufig als pubertäre Antwort verwendet; der Gipfel wird oft erst nach etwa 3 Stunden erreicht.
Verzögerte Pubertät/hypogonadotroper Hypogonadismus (Hormonmangel durch Störung der zentralen Steuerung der Keimdrüsen) Keine allgemein validen universellen Normbereiche; die isolierte GnRH-Antwort hat nur begrenzte Spezifität, sodass ergänzende Marker, besonders Inhibin B und basales LH, wichtiger werden können.

Normbereiche sind methoden-, alters-, pubertätsstadien- und laborabhängig. Ältere Tabellen mit festen LH-/FSH-Anstiegen oder einheitlichen Erwachsenenwerten sind auf heutige Assays nicht zuverlässig übertragbar.

Indikationen

  • Abklärung einer vermuteten zentralen Pubertas praecox
  • Differenzierung zwischen zentraler Pubertas praecox und pubertären Varianten, z. B. prämature Thelarche (vorzeitiger Brustentwicklung) oder prämature Adrenarche (vorzeitiger Reifung der Nebennierenrinde)
  • Abklärung einer verzögerten Pubertät im Rahmen einer pädiatrisch-endokrinologischen Stufendiagnostik
  • Beurteilung einer möglichen hypothalamisch-hypophysären Störung der Gonadotropinsekretion (Ausschüttung von Keimdrüsen-steuernden Hormonen)
  • In ausgewählten Fällen ergänzende Einordnung eines hypogonadotropen Hypogonadismus

Die frühere pauschale Verwendung des Tests zur „Untersuchung der Hypophysenkapazität“ (Leistungsfähigkeit der Hirnanhangsdrüse) ist in dieser Allgemeinheit nicht mehr zeitgemäß; heute steht die konkrete klinische Fragestellung der Pubertätsdiagnostik (Abklärung der Pubertätsentwicklung) im Vordergrund.

Interpretation

  • Erhöhte Werte/pubertäre Antwort
    • Sprechen bei passender Klinik für eine Aktivierung der hypothalamisch-hypophysär-gonadalen Achse
    • Bei Verdacht auf zentrale Pubertas praecox unterstützt ein stimulierter LH-Peak >5 IU/l die Diagnose
    • Ein LH-dominantes Antwortmuster ist typischer für pubertäre Aktivierung als ein FSH-dominantes Muster
  • Erniedrigte Werte/blande Antwort
    • Können für einen präpubertären Status sprechen
    • Können bei funktioneller oder permanenter hypogonadotroper Störung auftreten
    • Schließen eine beginnende zentrale Pubertas praecox nicht sicher aus, insbesondere in frühen Stadien oder bei Adipositas
  • Spezifische Konstellationen
    • Bei CPP-Diagnostik ist der Test nur zusammen mit Klinik, Wachstumsgeschwindigkeit, Tanner-Stadium und Knochenalter valide
    • Bei verzögerter Pubertät besteht eine relevante Überlappung zwischen konstitutioneller Entwicklungsverzögerung (anlagebedingter Entwicklungsverzögerung) und kongenitalem hypogonadotropem Hypogonadismus; deshalb ist der isolierte GnRH-Test hierfür nur eingeschränkt trennscharf
    • Inhibin B und basales LH können in dieser Konstellation diagnostisch hilfreicher oder zumindest komplementär sein

Weiterführende Diagnostik

  • Basales LH und FSH mit ultrasensitiven Assays
  • Estradiol bei Mädchen, Testosteron bei Jungen
  • Inhibin B, gegebenenfalls Anti-Müller-Hormon (AMH)
  • Knochenalter
  • Beckenultraschall (Ultraschall des Beckens) bei Mädchen mit Verdacht auf CPP als Zusatzdiagnostik
  • Magnetresonanztomographie (MRT) (Kernspintomographie) des Schädels bei gesicherter CPP und entsprechender Indikation
  • Bei verzögerter Pubertät zusätzlich Prolaktin, Schilddrüsenfunktion, Cortisol/ACTH-Achse, Insulin-like Growth Factor 1, Zöliakie-Serologie (Blutuntersuchung auf Zöliakie) sowie genetische Diagnostik (Erbgutuntersuchung) je nach Konstellation

Klinische Hinweise

  • Für die Diagnostik der zentralen Pubertas praecox ist der GnRH-Test weiterhin ein Referenztest (Vergleichsmaßstab), jedoch nur im Zusammenspiel mit Klinik und Auxiliarbefunden (zusätzlichen Befunden)
  • Ein einziges universelles LH-Cutoff für alle Assays und Protokolle ist nicht evidenzbasiert; Labor und Testprotokoll müssen immer mitgedacht werden
  • Beim klassischen intravenösen GnRH-Test reichen in vielen Fällen 30- und 60-Minuten-Proben aus
  • Bei Triptorelin- oder anderen GnRH-Agonisten-Protokollen liegt der diagnostische LH-Gipfel später; eine 30-Minuten-Probe allein ist dann nicht ausreichend
  • Für die Differenzierung von konstitutioneller Verzögerung und kongenitalem hypogonadotropem Hypogonadismus ist der Test allein nicht ausreichend spezifisch

Literatur

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