Fibrinogen

Fibrinogen ist Faktor I des Blutgerinnungssystems und ein in der Leber synthetisiertes lösliches Glykoprotein (Eiweißmolekül). Es ist Substrat der plasmatischen Gerinnung (Blutgerinnung im Blutplasma) und wird durch Thrombin in Fibrin überführt. Ferner gehört Fibrinogen zu den Akute-Phase-Proteinen und steigt bei Entzündung, Gewebeschädigung und anderen systemischen Reizsituationen an.

In der klinischen Labordiagnostik dient die Bestimmung vor allem der Abklärung von Blutungsneigung, Verbrauchskoagulopathie (übermäßiger Verbrauch von Gerinnungsfaktoren), Hyperfibrinolyse (übermäßiger Abbau von Blutgerinnseln) sowie kongenitalen (angeborenen) oder erworbenen Fibrinogenstörungen. Der funktionelle Standardtest ist die Clauss-Methode.

Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass ein erhöhtes Fibrinogen ebenfalls einen unabhängigen Risikofaktor für die Atherosklerose (Arterienverkalkung) darstellt [4,5]. Dies wiederum führt zu einem deutlich erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Myokardinfarkt (Herzinfarkt) oder Apoplex (Schlaganfall).

Synonyme

  • Faktor I
  • Gerinnungsfaktor I
  • funktionelles Fibrinogen
  • Fibrinogen-Aktivität

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Citrat-Plasma
    • Citrat-Röhrchen korrekt bis zur Markierung befüllen
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Nüchternabnahme ist für die isolierte Fibrinogenbestimmung nicht obligat
  • Störfaktoren
    • Unterfüllte Citrat-Röhrchen mit falschem Antikoagulans-Blut-Verhältnis
    • Heparinkontamination, direkte Thrombininhibitoren und methodenabhängig weitere Antikoagulanzien
    • Ausgeprägte Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen), Lipämie (erhöhter Fettgehalt des Blutes) oder Ikterus (Gelbsucht) je nach Analysensystem
    • Dysfibrinogenämien mit Diskrepanz zwischen funktioneller Aktivität und Antigenkonzentration
    • PT-abgeleitete Fibrinogenmethoden können Fibrinogen in bestimmten klinischen Konstellationen überschätzen; Ergebnisse sind nicht mit Clauss-Werten austauschbar
  • Methode
    • Primär: funktionelle Fibrinogenbestimmung nach Clauss
    • Bei Verdacht auf qualitative Störung ergänzend: Fibrinogen-Antigen
    • Situationsbezogen: Thrombinzeit, Reptilasezeit, PT-derived fibrinogen, viskoelastische Verfahren
    • Bei Verdacht auf kongenitale Fibrinogenstörung gegebenenfalls molekulargenetische Diagnostik (Untersuchung des Erbguts)

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe Referenzbereich
Erwachsene 1,5-4,0 g/l (150-400 mg/dl)
Kritischer Bereich < 1,0 g/l: deutlich erhöhtes Blutungsrisiko

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Abklärung einer hämorrhagischen Diathese (erhöhte Blutungsneigung) bei Verdacht auf Hypofibrinogenämie, Afibrinogenämie oder Dysfibrinogenämie
  • Abklärung einer thrombophilen Diathese (erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln) bei Verdacht auf Dysfibrinogenämie oder Hypodysfibrinogenämie
  • Diagnostik und Verlaufskontrolle bei disseminierter intravasaler Gerinnung (DIC, Verbrauchskoagulopathie)
  • Beurteilung bei Hyperfibrinolyse und schwerer Blutung
  • Verlaufskontrolle unter Asparaginase-Therapie
  • Kontrolle unter fibrinolytischer/thrombolytischer Therapie
  • Einordnung bei schwerer Lebererkrankung oder Verdacht auf Synthesestörung
  • Ergänzende Diagnostik bei Diskrepanz zwischen Gerinnungsaktivität und Antigenkonzentration

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Akute und chronische Entzündungen
    • Postoperativer Zustand, Gewebetrauma, Verbrennungen
    • Maligne Erkrankungen (bösartige Tumorerkrankungen)
    • Schwangerschaft
    • Nephrotisches Syndrom (starker Eiweißverlust über die Nieren) bzw. kompensatorische Steigerung bei Proteinverlusten
    • Metabolische und kardiovaskuläre Risikokonstellationen
    • Erhöhtes Fibrinogen ist mit Atherosklerose und einem erhöhten Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall assoziiert; die Aussage ist prognostisch und nicht krankheitsspezifisch.
  • Erniedrigte Werte
    • Kongenitale Afibrinogenämie oder Hypofibrinogenämie
    • Qualitative Fibrinogenstörungen mit verminderter Aktivität
    • Disseminierte intravasale Gerinnung mit Verbrauch
    • Schwere Leberfunktionsstörung mit verminderter Synthese
    • Hyperfibrinolyse
    • Massive Blutung, Hämodilution (Verdünnung des Blutes), Massivtransfusion (große Bluttransfusion)
    • Asparaginase-Therapie
    • Thrombolytische Therapie
  • Spezifische Konstellationen
    • Niedrige Fibrinogen-Aktivität bei normalem oder nur gering vermindertem Fibrinogen-Antigen spricht für Dysfibrinogenämie
    • Bei kongenitalen Fibrinogenstörungen sind Blutungen und Thrombosen (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) beide möglich; der Phänotyp (Erscheinungsbild) ist heterogen.
    • Bei DIC ist Fibrinogen ein Verlaufsparameter, jedoch nicht in jeder Frühphase erniedrigt, insbesondere bei ausgeprägter Akute-Phase-Reaktion.

Weiterführende Diagnostik

  • Thrombinzeit
  • Reptilasezeit
  • Fibrinogen-Antigen
  • Prothrombinzeit/International Normalized Ratio (INR), aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT), D-Dimere, Thrombozytenzahl
  • Viskoelastische Verfahren in Akutsituationen
  • Leberparameter bei Verdacht auf Synthesestörung
  • Molekulargenetische Untersuchung bei Verdacht auf kongenitale Fibrinogenstörung

Literatur

  1. Mackie I, Casini A, Pieters M, Pruthi R, Reilly-Stitt C, Suzuki A. International council for standardisation in haematology recommendations on fibrinogen assays, thrombin clotting time and related tests in the investigation of bleeding disorders. Int J Lab Hematol. 2024;46(1):20-32. https://doi.org/10.1111/ijlh.14201
  2. Undas A. Laboratory Testing for Fibrinogen Disorders: From Routine Investigations to Research Studies. Semin Thromb Hemost. 2025;51(6):651-659. https://doi.org/10.1055/s-0044-1787725
  3. Yan J, Liao L, Deng D, Zhou W, Cheng P, Xiang L et al.: Guideline for diagnosis and management of congenital dysfibrinogenemia. Clin Chim Acta. 2024;561:119680. https://doi.org/10.1016/j.cca.2024.119680
  4. Lan H, Zhao S, Xiong Y, Yan XZ. The emerging role of fibrin(ogen) in cardiovascular disease. Inflamm Res. 2024;73(9):1435-1444. https://doi.org/10.1007/s00011-024-01916-2
  5. Iba T, Levy JH, Maier CL, Helms J, Umemura Y, Moore H et al.: Updated definition and scoring of disseminated intravascular coagulation in 2025: communication from the ISTH SSC Subcommittee on Disseminated Intravascular Coagulation. J Thromb Haemost. 2025;23(7):2356-2362. https://doi.org/10.1016/j.jtha.2025.03.038
  6. Mohsenian S, Casini A, Yan M, Stieltjes N, Albisetti M, de Moerloose P et al.: Congenital fibrinogen disorders: a retrospective clinical and genetic analysis of the Prospective Rare Bleeding Disorders Database. Blood Adv. 2024;8(6):1392-1404. https://doi.org/10.1182/bloodadvances.2023012186