Präalbumin
Präalbumin ist die historische Bezeichnung für Transthyretin (Transporteiweiß), ein tetrameres Transportprotein (aus vier Untereinheiten bestehendes Transporteiweiß), das überwiegend in der Leber (Stoffwechselorgan) synthetisiert (gebildet) wird. Transthyretin transportiert Thyroxin (T4) und bindet Retinol-bindendes Protein, wodurch es indirekt am Transport von Retinol beteiligt ist. Aufgrund seiner kurzen Halbwertszeit (Zeitspanne bis zur Halbierung der Konzentration) von etwa 2-3 Tagen reagiert Präalbumin rascher als Albumin auf Veränderungen von hepatischer Synthese (Bildung in der Leber), Entzündungsaktivität, Katabolismus (Abbaustoffwechsel), Proteinverlust (Eiweißverlust) und Hydratationsstatus (Flüssigkeitshaushalt) [1, 2].
In der klinischen Labordiagnostik kann Präalbumin ergänzend als Verlaufs- und Prognoseparameter bei schwerer Erkrankung, intensivmedizinischer Behandlung, perioperativer Ernährungstherapie (Ernährungsbehandlung im Umfeld einer Operation) und klinischem Ernährungsrisiko eingesetzt werden. Als isolierter Ernährungsmarker ist Präalbumin jedoch nicht geeignet. Nach aktueller evidenzbasierter Bewertung viszeraler Proteine (Eiweiße aus inneren Organen) spiegeln niedrige Konzentrationen von Albumin und Präalbumin häufig Entzündung, Krankheitslast, hepatische Akute-Phase-Reaktion (Entzündungsreaktion der Leber) und Flüssigkeitsverschiebungen stärker wider als eine reine Protein-Energie-Mangelernährung [2-6].
Präalbumin ist ein negatives Akute-Phase-Protein. Bei Entzündung, Infektion, Trauma, Operation, Verbrennung oder Sepsis sinkt die Konzentration unabhängig von der tatsächlichen Energie- und Proteinzufuhr. Die Befundinterpretation (Einordnung des Untersuchungsergebnisses) muss daher immer im Kontext von C-reaktivem Protein (CRP), klinischem Verlauf, Hydratationsstatus, Leberfunktion, Nierenfunktion, Proteinverlusten, Ernährungsanamnese (Erfassung der Ernährungsgeschichte), Muskelmasse und validierten Kriterien zur Diagnostik einer Mangelernährung erfolgen [2-6].
Synonyme
- Transthyretin
- Transthyretin (TTR)
- Präalbumin
- Thyroxin-bindendes Präalbumin
- Thyroxine-binding prealbumin
- TBPA
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- Plasma, methodenabhängig EDTA- oder Heparin-Plasma
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Nüchternblutabnahme nicht obligat
- Bei kombinierter Stoffwechsel-, Leber-, Nieren- oder Ernährungsdiagnostik ist eine standardisierte Blutentnahme sinnvoll
- Bei Verlaufskontrollen sollten Abnahmezeitpunkt, Hydratationsstatus, Entzündungsaktivität und Ernährungstherapie dokumentiert werden
- Störfaktoren
- Akute und chronische Entzündung, Infektion, Sepsis (Blutvergiftung), Trauma (schwere Verletzung), Operation (chirurgischer Eingriff) und Verbrennung – Erniedrigung durch Akute-Phase-Reaktion
- Erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) – eingeschränkte Aussagekraft hinsichtlich Ernährungsstatus
- Leberinsuffizienz (Leberschwäche) – verminderte hepatische Synthese
- Nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit starkem Eiweißverlust) – renaler Proteinverlust
- Protein-losing enteropathy (Eiweißverlust über den Darm) – enteraler Proteinverlust
- Chronische Niereninsuffizienz (chronische Nierenschwäche) – mögliche Erhöhung durch verminderte renale Elimination (Ausscheidung über die Niere) und veränderten Proteinmetabolismus (Eiweißstoffwechsel)
- Hyperthyreose (Überfunktion der Schilddrüse) – mögliche Erniedrigung durch gesteigerten Stoffwechsel und veränderten Transthyretinumsatz
- Glukokortikoide – mögliche Erhöhung
- Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) – mögliche relative Erhöhung durch Hämokonzentration
- Hämodilution, Volumentherapie, Ödeme und Aszites – mögliche relative Erniedrigung
- Hämolyse, Lipämie und Ikterus – methodenabhängige Interferenzen beachten
- Methode
- Immunnephelometrie
- Immunturbidimetrie
- Immunoassay, methodenabhängig
- Massenspektrometrische Verfahren in Spezialfragestellungen, insbesondere zur Charakterisierung von Transthyretin-Varianten, nicht zur Routinebeurteilung des Ernährungsstatus
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Material | Referenzbereich/Bewertung |
|---|---|
| Erwachsene, Serum/Plasma | 0,20-0,40 g/l bzw. 200-400 mg/l |
| Kinder und Jugendliche | Altersabhängige Referenzbereiche des jeweiligen Labors verwenden |
| Ältere Patienten | Referenzbereich des Labors verwenden; niedrigere Werte sind häufiger, aber nicht automatisch physiologisch |
| Klinische Verlaufsbeurteilung | Nur gemeinsam mit C-reaktivem Protein (CRP), klinischem Verlauf, Hydratationsstatus, Organfunktion und dokumentierter Energie-/Proteinzufuhr interpretierbar |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Ergänzende Verlaufsbeurteilung bei klinischem Ernährungsrisiko, insbesondere bei hospitalisierten, geriatrischen, onkologischen, chirurgischen oder kritisch kranken Patienten
- Monitoring im Rahmen enteraler oder parenteraler Ernährungstherapie, sofern Entzündungsaktivität, Hydratationsstatus, Organfunktion und tatsächliche Energie-/Proteinzufuhr parallel bewertet werden
- Ergänzende Beurteilung einer katabolen Stoffwechsellage bei schwerer systemischer Erkrankung
- Prognostische Risikostratifizierung bei Intensivpatienten, schweren Infektionen, Trauma, Verbrennungen, perioperativen Risikokonstellationen oder chronischer Krankheitslast
- Differenzierung zwischen möglicher ernährungsmedizinischer Dynamik und Akute-Phase-Reaktion in Kombination mit C-reaktivem Protein (CRP)
- Abklärung niedriger viszeraler Proteine im Kontext von Lebererkrankung, Nierenerkrankung, Proteinverlustsyndromen, Hyperthyreose oder chronischer Entzündung
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Dehydratation oder Hämokonzentration
- Chronische Niereninsuffizienz, insbesondere bei verminderter renaler Elimination
- Glukokortikoidtherapie
- Anabole Stoffwechsellage oder Rekonvaleszenz nach kataboler Phase
- Rückgang einer Akute-Phase-Reaktion, vor allem bei gleichzeitig fallendem C-reaktivem Protein (CRP)
- Erniedrigte Werte
- Akute Entzündung, chronische Entzündung, Infektion, Sepsis, Trauma, Operation oder Verbrennung
- Protein-Energie-Mangelernährung, insbesondere bei fehlender oder geringer Entzündungsaktivität und passender klinischer Konstellation
- Katabolismus bei schwerer Erkrankung
- Leberinsuffizienz oder verminderte hepatische Syntheseleistung
- Nephrotisches Syndrom
- Protein-losing enteropathy
- Hyperthyreose
- Hämodilution, ausgeprägte Volumentherapie, Ödeme oder Aszites
- Spezifische Konstellationen
- Präalbumin niedrig und C-reaktives Protein (CRP) erhöht – primär vereinbar mit Akute-Phase-Reaktion; eine isolierte ernährungsmedizinische Interpretation ist nicht zulässig
- Präalbumin niedrig und C-reaktives Protein (CRP) nicht erhöht – Mangelernährung, verminderte Proteinzufuhr, Leberinsuffizienz, renaler oder enteraler Proteinverlust sowie Hyperthyreose gezielt abklären
- Präalbumin steigend und C-reaktives Protein (CRP) fallend – vereinbar mit Abklingen der Entzündungsreaktion; nicht automatisch Beweis einer erfolgreichen Ernährungstherapie
- Präalbumin steigend bei stabilem oder niedrigem C-reaktivem Protein (CRP) – im Kontext dokumentierter Energie-/Proteinzufuhr, klinischer Stabilisierung und anaboler Rekonvaleszenz vereinbar mit verbesserter metabolischer Situation
- Präalbumin niedrig bei Leberinsuffizienz – eingeschränkte Aussagekraft für Mangelernährung, da die Synthesestörung dominieren kann
- Präalbumin erhöht bei chronischer Niereninsuffizienz – nicht als sicherer Hinweis auf guten Ernährungsstatus interpretieren
- Verdacht auf Transthyretin-Amyloidose – die quantitative Präalbuminbestimmung ist nicht das diagnostische Standardverfahren; erforderlich sind amyloidspezifische Diagnostik und gegebenenfalls TTR-Genanalyse
Weiterführende Diagnostik
- Klinische Ernährungsdiagnostik
- Gewichtsverlauf und ungewollter Gewichtsverlust
- Body-Mass-Index (BMI)
- Ernährungsanamnese mit Erfassung von Energie- und Proteinzufuhr
- Appetit, Dysphagie, Malabsorption, gastrointestinale Verluste und chronische Entzündung
- Muskelmasse und Muskelkraft, z. B. Handkraftmessung, Bioimpedanzanalyse oder Sonographie der Muskulatur
- Validierte Screening- und Assessmentinstrumente, z. B. Nutritional Risk Screening 2002 (NRS 2002), Malnutrition Universal Screening Tool (MUST), Mini Nutritional Assessment (MNA) oder Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM)-Kriterien
- Ergänzende Laborparameter
- Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) bzw. BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
- Kleines Blutbild
- Differentialblutbild
- Albumin im Serum
- Gesamteiweiß im Serum
- Transferrin
- Retinol-bindendes Protein, nur in Spezialfragestellungen
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, Cystatin C, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR)
- Urinstatus, Albumin/Kreatinin-Quotient (ACR) und Proteinurie-Diagnostik bei Verdacht auf renalen Proteinverlust
- Schilddrüsenparameter – TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), freies Trijodthyronin (fT3), freies Thyroxin (fT4)
- Elektrolyte – Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphat
- Glucose und HbA1c bei metabolischer Fragestellung
- Vitamin- und Spurenelementdiagnostik nur bei klinischem Verdacht, Risikokonstellation, Malabsorption, chronischer Entzündung, Leber-/Nierenerkrankung oder geplanter gezielter Substitution
- Weitere Diagnostik
- Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) bei Verdacht auf Lebererkrankung, Aszites, Tumorerkrankung oder chronische Entzündung
- Stuhldiagnostik bei Verdacht auf enteralen Proteinverlust oder Malabsorption
- Genetische Diagnostik des TTR-Gens und amyloidspezifische Diagnostik bei Verdacht auf hereditäre Transthyretin-Amyloidose
Klinische Hinweise
- Präalbumin darf nicht als isolierter Laborbeweis einer Mangelernährung verwendet werden. Aktuelle Positionspapiere bewerten viszerale Proteine primär als Marker für Entzündung, Krankheitslast und metabolische Stressreaktion [2].
- Die Diagnose einer Mangelernährung sollte nach validierten klinischen Kriterien erfolgen. Die GLIM-Kriterien verlangen mindestens ein phänotypisches Kriterium, z. B. Gewichtsverlust, niedriger Body-Mass-Index oder reduzierte Muskelmasse, und mindestens ein ätiologisches Kriterium, z. B. reduzierte Nahrungsaufnahme, Malabsorption, Entzündung oder Krankheitslast [3, 4].
- Bei erhöhtem C-reaktivem Protein (CRP) ist ein erniedrigtes Präalbumin vorrangig als Ausdruck der Akute-Phase-Reaktion zu interpretieren. Eine ernährungsmedizinische Bewertung bleibt nur im Gesamtzusammenhang möglich [2, 5].
- Serielle Messungen sind aussagekräftiger als Einzelwerte. Bewertet werden sollten Verlauf von Präalbumin, Verlauf von C-reaktivem Protein (CRP), klinische Stabilisierung, Energie-/Proteinzufuhr, Hydratationsstatus, Leberfunktion und Nierenfunktion [1, 2, 6].
- In der Intensivmedizin kann die Dynamik von Präalbumin prognostische Informationen liefern. Der Parameter bleibt jedoch durch Entzündungsgrad, Erkrankungsschwere, Krankheitsphase und Organfunktion limitiert [6].
- Bei chronischer Niereninsuffizienz, Leberinsuffizienz, nephrotischem Syndrom, enteralem Proteinverlust, Hyperthyreose und ausgeprägten Flüssigkeitsverschiebungen ist die Fehlinterpretationsgefahr besonders hoch.
Literatur
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- Jensen GL, Cederholm T, Ballesteros-Pomar MD, Blaauw R, Correia MITD, Cuerda C et al.: Guidance for assessment of the inflammation etiologic criterion for the GLIM diagnosis of malnutrition: A modified Delphi approach. JPEN J Parenter Enteral Nutr. 2024;48(2):145-154. https://doi.org/10.1002/jpen.2590
- Cederholm T, Jensen GL, Ballesteros-Pomar MD, Blaauw R, Correia MITD, Cuerda C et al.: Guidance for assessment of the inflammation etiologic criterion for the GLIM diagnosis of malnutrition: A modified Delphi approach. Clin Nutr. 2024;43(5):1025-1032. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2023.11.026
- Pardo E, Jabaudon M, Godet T, Pereira B, Morand D, Futier E et al.: Dynamic assessment of prealbumin for nutrition support effectiveness in critically ill patients. Clin Nutr. 2024;43(6):1343-1352. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2024.04.015
- Thibault R, Abbasoglu O, Ioannou E, Meija L, Ottens-Oussoren K, Pichard C et al.: ESPEN guideline on hospital nutrition. Clin Nutr. 2021;40(12):5684-5709. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2021.09.039
- Wunderle C, Gomes F, Schuetz P, Stanga Z, Austin P, Ballesteros-Pomar MD et al.: ESPEN practical guideline: Nutritional support for polymorbid medical inpatients. Clin Nutr. 2024;43(3):674-691. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2024.01.008