Osteosarkom – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein Osteosarkom (bösartiger Knochentumor) oder dessen multimodale Therapie (Behandlung mit mehreren aufeinander abgestimmten Therapieverfahren) mitbedingt sein können:

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Therapieassoziierte Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung)/Herzinsuffizienz (Herzschwäche) Anthrazykline, insbesondere Doxorubicin, können eine persistierende bzw. spät manifeste linksventrikuläre Dysfunktion (Funktionsstörung der linken Herzkammer) bis hin zur klinischen Herzinsuffizienz verursachen. Langzeituntersuchungen von Überlebenden eines Osteosarkoms bzw. anderer Knochensarkome (bösartiger Knochentumoren) zeigen eine erhöhte Belastung durch Kardiomyopathien; die kardiale Langzeitnachsorge ist daher Bestandteil der Survivorship-Versorgung [2, 3, 5].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Pathologische Fraktur (Knochenbruch infolge einer krankheitsbedingten Knochenschwächung) Folge der tumorbedingten Destruktion (Zerstörung) und mechanischen Schwächung des betroffenen Knochens; bei etwa 10 % der Patienten besteht bereits bei Erstdiagnose eine pathologische Fraktur [LL1].
  • Chronische funktionelle Einschränkungen des Bewegungsapparates nach weiter Tumorresektion (operativer Entfernung des Tumors), Rekonstruktion (Wiederherstellung), Umkehrplastik (operative Gliedmaßenrekonstruktion mit Drehung des Unterschenkels) oder Amputation (operative Abtrennung eines Körperteils) können dauerhaft Einschränkungen von Mobilität, Gangfunktion, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit verbleiben [2, 3].
  • Verminderte Knochenmineraldichte (verminderter Mineralgehalt des Knochens) und Störung der Knochenmikroarchitektur (Störung des inneren Knochenaufbaus) eine reduzierte Knochenmineraldichte und mikroarchitektonische Veränderungen des Knochens sind als mögliche Langzeitfolgen nach Behandlung von Knochensarkomen beschrieben. Die quantitative Risikobewertung speziell für Osteosarkom-Überlebende ist aufgrund heterogener Therapieexpositionen und teilweise gemischter Knochensarkom-Kohorten eingeschränkt [2].

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Pulmonale Metastasen (Tochtergeschwülste in der Lunge) die Lunge ist das mit Abstand häufigste Zielorgan der hämatogenen Metastasierung (Ausbreitung von Tumorzellen über das Blut). Bei etwa 10-20 % der Patienten sind bereits bei Erstdiagnose Makrometastasen (mit bildgebenden Verfahren erkennbare Tochtergeschwülste) nachweisbar; pulmonale Metastasen dominieren auch bei Rezidiven (Wiederauftreten der Erkrankung) [LL1, LL2].
  • Skelettmetastasen (Tochtergeschwülste im Knochen) nach der Lunge die zweithäufigste Lokalisation von Fernmetastasen (Tochtergeschwülsten in entfernten Organen). Eine Knochenmetastasierung bzw. eine extrapulmonale metastatische Erkrankung (Tumorausbreitung außerhalb der Lunge) ist prognostisch ungünstiger als eine ausschließlich pulmonale, vollständig resektable Metastasierung (vollständig operativ entfernbare Tumorausbreitung) [LL1, LL2].
  • Lokalrezidiv (Wiederauftreten des Tumors am ursprünglichen Erkrankungsort) klinisch relevante Manifestation eines Therapieversagens mit deutlicher Verschlechterung der Prognose. Bei resektabler Erkrankung besitzt die vollständige chirurgische Entfernung des Lokalrezidivs den größten therapeutischen und prognostischen Stellenwert [LL1, LL2].
  • Therapieassoziierte Zweitmalignome (durch die Behandlung mitbedingte neue bösartige Tumorerkrankungen) nach multimodaler Osteosarkomtherapie besteht langfristig ein erhöhtes Risiko für sekundäre maligne Neoplasien (nachfolgend auftretende bösartige Neubildungen). Beschrieben sind sowohl solide als auch hämatologische Zweitmalignome (bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems); das Risiko kann über Jahrzehnte persistieren und wird durch Art und kumulative Exposition der vorausgegangenen Tumortherapie beeinflusst [2, 5].

Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)

  • Cisplatininduzierte sensorineurale Schwerhörigkeit (durch Cisplatin verursachte Innenohrschwerhörigkeit)/Ototoxizität (Schädigung des Innenohrs durch Medikamente) Cisplatin kann eine dosisabhängige, typischerweise hochfrequenzbetonte und potenziell irreversible Innenohrschädigung verursachen. In einer prospektiven osteosarkomspezifischen Untersuchung nahm die Häufigkeit und Ausprägung der Hörminderung mit steigender kumulativer Cisplatin-Dosis zu [7].

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Nierenschädigung/tubuläre Dysfunktion (Funktionsstörung der Nierenkanälchen) nephrotoxische Chemotherapeutika (nierenschädigende Krebsmedikamente), insbesondere Cisplatin und Ifosfamid, können langfristige glomeruläre (die Nierenkörperchen betreffende) und tubuläre Funktionsstörungen verursachen. In einer 2026 publizierten multizentrischen Langzeitkohorte pädiatrischer Osteosarkom-Überlebender waren chronische Nierenschädigungen und Tubulopathien (Erkrankungen der Nierenkanälchen) häufig; Hypomagnesiämie war die häufigste tubuläre Manifestation. Eine eindeutige dosisabhängige Beziehung zu Cisplatin oder Ifosfamid ließ sich in dieser Kohorte jedoch nicht nachweisen [2, 4].
  • Beeinträchtigung der Gonadenfunktion (Funktionsstörung der Keimdrüsen)/Fertilitätsstörung (Störung der Fruchtbarkeit) nach Chemotherapie des Osteosarkoms kann die Fertilität dauerhaft beeinträchtigt sein. Ein systematischer Review zeigte Hinweise auf ein klinisch relevantes Infertilitätsrisiko (Risiko einer Unfruchtbarkeit), insbesondere bei männlichen Überlebenden; aufgrund kleiner, heterogener und überwiegend methodisch limitierter Studien ist eine präzise substanz- bzw. dosisbezogene Risikoberechnung derzeit nicht möglich [5, 6].

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Mechanische Komplikationen von Tumorendoprothesen (künstlichen Gelenk- oder Knochenersatzimplantaten nach Tumoroperation) nach extremitätenerhaltender Resektion (operativer Tumorentfernung unter Erhalt der Gliedmaße) und endoprothetischer Rekonstruktion (Wiederherstellung mit einem künstlichen Implantat) können aseptische Lockerung (nicht durch eine Infektion bedingte Implantatlockerung), Implantatverschleiß oder -bruch, periprothetische Fraktur (Knochenbruch im Bereich einer Prothese) sowie Weichteilversagen (Funktionsverlust der umgebenden Muskeln und Weichteile) auftreten und Revisionsoperationen (erneute operative Eingriffe) erforderlich machen. Die hierzu verfügbare systematische Evidenz umfasst überwiegend gemischte Kollektive primärer maligner Knochentumoren und ist daher nicht ausschließlich osteosarkomspezifisch [8].
  • Tiefe Infektion von Tumorendoprothesen klinisch bedeutsame Komplikation nach endoprothetischer Rekonstruktion mit möglicher Notwendigkeit der Prothesenentfernung, mehrzeitiger Revisionen oder eines Prothesenwechsels. Bei schwer beherrschbarer periprothetischer Infektion (Infektion im Bereich einer Prothese) kann eine sekundäre Amputation erforderlich werden [8, LL1].

Prognosefaktoren

  • Metastasierung bei Erstdiagnose einer der am besten belegten negativen prätherapeutischen Prognosefaktoren. Patienten mit ausschließlich pulmonalen und vollständig resektablen Metastasen haben eine günstigere Prognose als Patienten mit Knochenmetastasen oder anderen extrapulmonalen Manifestationen (Tumorabsiedlungen außerhalb der Lunge) [1, LL1, LL2].
  • Primärtumorgröße (Größe des ursprünglichen Tumors) eine größere Tumorausdehnung ist mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert; optimale Grenzwerte sind populations- und studienabhängig und nicht abschließend standardisiert [1].
  • Tumorlokalisation (Lage des Tumors) eine axiale Lokalisation (Lage am Körperstamm) ist gegenüber einer appendikulären Lokalisation (Lage an Armen oder Beinen) mit einer ungünstigeren Prognose assoziiert [1].
  • Alter höheres Alter bei Erstdiagnose ist in der aktuellen systematischen Evidenz mit einem ungünstigeren Outcome assoziiert; ein allgemeingültiger optimaler Altersgrenzwert ist nicht etabliert [1].
  • Histopathologisches Ansprechen (mikroskopisch beurteilbares Ansprechen des Tumorgewebes) auf die neoadjuvante Chemotherapie (Chemotherapie vor der Operation) ein gutes histopathologisches Ansprechen mit > 90 % Tumornekrose (Absterben von Tumorgewebe) ist mit einem deutlich günstigeren Überleben assoziiert als ein geringeres Ansprechen [LL1, LL2].
  • Vollständige Resektabilität (vollständige operative Entfernbarkeit)/R0-Resektion (vollständige Tumorentfernung ohne mikroskopisch nachweisbare Tumorreste) die vollständige chirurgische Entfernung des Primärtumors sowie sämtlicher resektabler Metastasen bzw. Rezidivmanifestationen ist einer der zentralen prognostischen Faktoren. Dies gilt insbesondere auch für pulmonale Metastasen und resektable Rezidive [LL1, LL2].
  • Rezidivzeitpunkt und Rezidivmuster ein krankheitsfreies Intervall von > 18-24 Monaten, höchstens zwei Lungenmetastasen sowie ein einseitiger pulmonaler Befall ohne Pleurabeteiligung (Beteiligung des Brustfells) gelten als günstige Faktoren. Ein frühes Rezidiv, multiple Metastasen, Pleurabeteiligung oder extrapulmonale Metastasen sind prognostisch ungünstig [LL1].
  • Alkalische Phosphatase und Lactatdehydrogenase erhöhte Serumkonzentrationen sind in zahlreichen Studien mit ungünstigeren Verläufen assoziiert; nach aktueller systematischer Bewertung ist jedoch nicht ausreichend geklärt, ob beide Parameter unabhängig von etablierten klinischen Prognosefaktoren prognostisch sind [1].
  • Pathologische Fraktur klinisch bedeutsame Komplikation; ihre unabhängige prognostische Relevanz bleibt trotz früherer Assoziationsstudien nach aktueller systematischer Evidenz unklar [1].
  • Molekulare Biomarker bislang ist kein molekularer Tumorbiomarker für die routinemäßige prognostische Stratifizierung (Einteilung nach dem zu erwartenden Krankheitsverlauf) des neu diagnostizierten hochgradigen Osteosarkoms ausreichend validiert [1].

Literatur

  1. Tirtei E, Michelsen SW, Haveman LM et al.: Prognostic Factors in Newly Diagnosed High-Grade Osteosarcoma-A Systematic Review. Cancer Med. 2025;14(14):e71044. doi: 10.1002/cam4.71044
  2. Khan K, Kane K, Davison Z et al.: Post-treatment late and long-term effects in bone sarcoma: A scoping review. J Bone Oncol. 2025;52:100671. doi: 10.1016/j.jbo.2025.100671
  3. Bishop MW, Ness KK, Li C et al.: Cumulative Burden of Chronic Health Conditions in Adult Survivors of Osteosarcoma and Ewing Sarcoma: A Report from the St. Jude Lifetime Cohort Study. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2020;29(8):1627-1638. doi: 10.1158/1055-9965.EPI-20-0076
  4. Mak CYK, Ku DTL, Liu APY et al.: Long-Term Kidney Outcomes in Paediatric Osteosarcoma Survivors: A 20-Year Multi-Centre Study. Cancers (Basel). 2026;18(9):1391. doi: 10.3390/cancers18091391
  5. Longhi A, Ferrari S, Tamburini A et al.: Late effects of chemotherapy and radiotherapy in osteosarcoma and Ewing sarcoma patients: the Italian Sarcoma Group Experience (1983-2006). Cancer. 2012;118(20):5050-5059. doi: 10.1002/cncr.27493
  6. Weidlinger S, Graber S, Bratschi I et al.: A Systematic Review of the Gonadotoxicity of Osteosarcoma and Ewing's Sarcoma Chemotherapies in Postpubertal Females and Males. J Adolesc Young Adult Oncol. 2024;13(4):597-606. doi: 10.1089/jayao.2023.0185
  7. Stöhr W, Langer T, Kremers A et al.: Cisplatin-induced ototoxicity in osteosarcoma patients: a report from the late effects surveillance system. Cancer Invest. 2005;23(3):201-207. doi: 10.1081/CNV-200055951
  8. Thornley P, Vicente M, MacDonald A et al.: Causes and Frequencies of Reoperations After Endoprosthetic Reconstructions for Extremity Tumor Surgery: A Systematic Review. Clin Orthop Relat Res. 2019;477(4):894-902. doi: 10.1097/CORR.0000000000000630

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Lindner LH, Andreou D, Bauer S et al.: Osteosarkome. Onkopedia-Leitlinie. Stand April 2026. Onkopedia. [LL1]
  2. Strauss SJ, Frezza AM, Abecassis N et al.: Bone sarcomas: ESMO-EURACAN-GENTURIS-ERN PaedCan Clinical Practice Guideline for diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol. 2021;32(12):1520-1536. doi: 10.1016/j.annonc.2021.08.1995. [LL2]
  3. van Ewijk R, Herold N, Baecklund F et al.: European standard clinical practice recommendations for children and adolescents with primary and recurrent osteosarcoma. EJC Paediatr Oncol. 2023;2:100029. doi: 10.1016/j.ejcped.2023.100029. [LL3]