Leberkrebs (Leberzellkarzinom) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch das hepatozelluläre Karzinom (Leberzellkarzinom/Leberkrebs) mitbedingt sein können:
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Pfortader-Tumorthrombose (tumorbedingter Verschluss der Pfortader durch ein Blutgerinnsel) bzw. makrovaskuläre Pfortaderinvasion (Einwachsen des Tumors in größere Blutgefäße der Pfortader) – Ausdruck eines fortgeschrittenen Tumorstadiums; kann den portalvenösen Abfluss beeinträchtigen und eine portale Hypertension (Bluthochdruck in der Pfortader) bzw. deren Dekompensation verstärken. Eine makrovaskuläre Invasion ist mit einer deutlich ungünstigeren Prognose verbunden [LL1, LL2].
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Hepatische Dekompensation (Verschlechterung der Leberfunktion) bis hin zur Leberinsuffizienz (Leberschwäche) bzw. zum Leberversagen (Ausfall der Leberfunktion) – insbesondere bei vorbestehender Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber). In einer aktuellen multizentrischen Kohortenstudie war das Auftreten eines hepatozellulären Karzinoms bei zuvor kompensierter Leberzirrhose mit einem etwa vierfach erhöhten Risiko einer ersten hepatischen Dekompensation assoziiert (Hazard Ratio 4,05) [1].
- Hepatische Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörung bei schwerer Lebererkrankung) – mögliche Manifestation der durch das Tumorleiden mitbedingten hepatischen Dekompensation; in der genannten Kohortenstudie war das Risiko bei Patienten mit hepatozellulärem Karzinom erhöht (Hazard Ratio 3,68) [1].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) – insbesondere im Rahmen einer tumorassoziierten Verschlechterung einer portal-hypertensiven Leberzirrhose; bei Patienten mit kompensierter Leberzirrhose und neu aufgetretenem hepatozellulärem Karzinom war das Risiko gastrointestinaler Blutungen erhöht (Hazard Ratio 2,98) [1].
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Intrahepatisches Rezidiv (Wiederauftreten des Tumors in der Leber) bzw. erneute Manifestation eines hepatozellulären Karzinoms – auch nach potenziell kurativer Resektion (operativer Entfernung) oder Ablation (örtlicher Zerstörung des Tumorgewebes) klinisch relevant. Rezidive innerhalb der ersten zwei Jahre werden überwiegend mit aggressiver Tumorbiologie, mikroskopischer Dissemination (Ausbreitung von Tumorzellen) bzw. Residualerkrankung (verbliebene Tumorerkrankung) in Verbindung gebracht; spätere Rezidive nach mehr als zwei Jahren beruhen häufiger zusätzlich auf einer De-novo-Karzinogenese in der chronisch erkrankten Restleber [3].
- Extrahepatische Metastasierung (Absiedelung von Tochtergeschwülsten außerhalb der Leber) – kennzeichnet eine fortgeschrittene Tumorerkrankung und ist prognostisch ungünstig [2, LL1, LL2]. Häufige extrahepatische Metastasierungsorte sind:
- Lunge
- Lymphknoten
- Skelett
- Nebennieren
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Aszites (Bauchwassersucht) – zentrale Manifestation einer hepatischen Dekompensation; bei zuvor kompensierter Leberzirrhose war das Auftreten eines hepatozellulären Karzinoms mit einem deutlich erhöhten Aszitesrisiko verbunden (Hazard Ratio 4,79) [1].
Prognosefaktoren
- Tumorstadium und Leberfunktion – die Prognose wird wesentlich durch das Zusammenspiel von Tumorausdehnung, Leberfunktionsreserve und Allgemeinzustand bestimmt. Die Barcelona-Clinic-Liver-Cancer-Klassifikation berücksichtigt insbesondere Tumorlast, Gefäßinvasion (Einwachsen des Tumors in Blutgefäße) bzw. extrahepatische Ausbreitung, Leberfunktion und körperlichen Leistungsstatus [LL1, LL2].
- Ungünstige tumorbezogene Prognosefaktoren [2, 3, LL1, LL2]:
- makrovaskuläre Gefäßinvasion, insbesondere Pfortader-Tumorthrombose
- extrahepatische Metastasierung
- größerer Tumordurchmesser
- Multifokalität (Auftreten mehrerer Tumorherde) bzw. hohe Tumorzahl
- mikrovaskuläre Invasion (Einwachsen des Tumors in kleinste Blutgefäße)
- Satellitenknoten (kleine Tochtertumoren in unmittelbarer Tumornähe)
- geringe histologische Differenzierung (geringer mikroskopischer Reifegrad der Tumorzellen)
- hohe bzw. dynamisch ansteigende Alpha-Fetoprotein-Konzentration
- Alpha-Fetoprotein-Dynamik – hohe und insbesondere ansteigende Alpha-Fetoprotein-Konzentrationen sind prognostisch ungünstig. Im lebertransplantationsbezogenen Kontext nennt die S3-Leitlinie Alpha-Fetoprotein-Konzentrationen > 500-1.000 ng/ml sowie einen monatlichen Anstieg > 15 ng/ml als ungünstige Parameter; ein einzelner universell anwendbarer Grenzwert für sämtliche klinischen Situationen besteht jedoch nicht [LL1].
- Ungünstige leberbezogene und klinische Prognosefaktoren [1, LL1, LL2]:
- eingeschränkte Leberfunktionsreserve bzw. dekompensierte Leberzirrhose
- portale Hypertension
- Aszites
- hepatische Enzephalopathie
- gastrointestinale Blutung
- eingeschränkter körperlicher Leistungsstatus, insbesondere Eastern Cooperative Oncology Group Performance Status ≥ 2
- Rezidivprognose nach Resektion bzw. Ablation [3]:
- Frührezidiv (frühes Wiederauftreten des Tumors) innerhalb von ≤ 2 Jahren – insbesondere assoziiert mit größerem Tumor, Multifokalität, mikro- bzw. makrovaskulärer Invasion, Satellitenknoten, geringer Differenzierung und erhöhtem Alpha-Fetoprotein
- Spätrezidiv (spätes Wiederauftreten des Tumors) nach > 2 Jahren – stärker durch das zugrunde liegende chronische Leberkrankheitsmilieu geprägt, insbesondere Leberzirrhose und fortbestehende entzündliche bzw. virale Aktivität; pathophysiologisch häufig De-novo-Karzinogenese
- Resektionsbezogene Prognosefaktoren bei mikrovaskulärer Invasion – eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit 12 Studien und 6.747 Patienten zeigte bei mikrovaskulär invasivem hepatozellulärem Karzinom für einen schmalen Resektionsrand ein erhöhtes postoperatives Rezidivrisiko (gepoolte Hazard Ratio 1,76) und eine ungünstigere Gesamtüberlebenszeit (Hazard Ratio 1,99). Auch eine nichtanatomische Resektion (operative Tumorentfernung ohne Orientierung an den anatomischen Lebersegmenten) war mit einem erhöhten Rezidivrisiko (Hazard Ratio 1,33) und einer ungünstigeren Gesamtüberlebenszeit (Hazard Ratio 1,42) assoziiert [4].
Literatur
- Martini A, Iavarone M, D’Ambrosio R et al.: Impact of hepatocellular carcinoma on the risk of liver decompensation: A comparative analysis of patients with and without HCC. JHEP Rep. 2026;8(8):101854. doi: 10.1016/j.jhepr.2026.101854.
- Ielasi L, Tovoli F, Tonnini M et al.: Prognostic Impact of Metastatic Site in Patients Receiving First-Line Sorafenib Therapy for Advanced Hepatocellular Carcinoma. Cancers (Basel). 2023;15(5):1523. doi: 10.3390/cancers15051523.
- Nevola R, Ruocco R, Criscuolo L et al.: Predictors of early and late hepatocellular carcinoma recurrence. World J Gastroenterol. 2023;29(8):1243-1260. doi: 10.3748/wjg.v29.i8.1243.
- Shi S, Cui X, Liu C et al.: Significance of surgical resection and resection margins for hepatocellular carcinoma with microvascular invasion: a systematic review and meta-analysis. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2025;37(11):1283-1291. doi: 10.1097/MEG.0000000000003028.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Hepatozellulären Karzinoms und biliärer Karzinome. (Registernummer 032-053OL) Juni 2025 Langfassung [LL1].
- European Association for the Study of the Liver (EASL): EASL Clinical Practice Guidelines on the management of hepatocellular carcinoma. J Hepatol. 2025;82(2):315-374. doi: 10.1016/j.jhep.2024.08.028 [LL2].