Schlüsselbeinbruch (Klavikulafraktur) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Schmerzlinderung: ausreichende kurzfristige Analgesie (Schmerzbehandlung) bei möglichst geringer Arzneimittelbelastung.
  • Funktionelle Wiederherstellung: schmerzadaptierte Mobilisation unter Schutz der Fraktur (Knochenbruch).
  • Komplikationsvermeidung: indikationsgerechte perioperative Begleitmedikation; keine routinemäßige medikamentöse Thromboseprophylaxe (Vorbeugung gegen Blutgerinnsel) allein aufgrund einer isolierten Klavikulafraktur (Schlüsselbeinbruch) oder einer Armschlinge.

Therapieempfehlungen

Die Pharmakotherapie der Klavikulafraktur ist eine ergänzende symptomatische Behandlung. Sie ersetzt weder die Entscheidung zwischen konservativer (nicht operativer) und operativer Versorgung noch die Kontrolle der Frakturheilung. Eine spezifische medikamentöse Therapie zur Beschleunigung der Heilung einer unkomplizierten Klavikulafraktur ist nicht etabliert.

  • Kurzfristige Analgesie
    • Die Auswahl richtet sich nach Schmerzintensität, Alter, Begleiterkrankungen, Organfunktion und Begleitmedikation. Bei leichten bis mäßigen Schmerzen kommen Paracetamol oder kurzzeitig Ibuprofen infrage; bei unzureichender Wirkung kann nach individueller Prüfung eine Kombination beider Wirkstoffe eingesetzt werden. Doppelverordnungen durch zusätzliche Kombinationspräparate vermeiden [FI1, FI2].
    • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) können bei Erwachsenen mit traumatischen Frakturen (unfallbedingten Knochenbrüchen) kurzfristig eingesetzt werden. Die EAST/OTA-Leitlinie empfiehlt ihren Einsatz bedingt, da sie Schmerzen und Opioidbedarf reduzieren; ein kleiner möglicher Einfluss auf das Risiko einer ausbleibenden Frakturheilung rechtfertigt keinen generellen Verzicht. Eine längerfristige Anwendung ohne erneute Indikationsprüfung sollte vermieden werden [LL2].
    • Metamizol ist eine mögliche Alternative bei starken posttraumatischen (nach einer Verletzung auftretenden) oder postoperativen (nach einer Operation auftretenden) Schmerzen. Es ist kein Standardmittel für leichte Beschwerden [FI3].
    • Bei starken, durch Nichtopioidanalgetika unzureichend kontrollierten Schmerzen kann vorübergehend ein nicht retardiertes Opioid erforderlich sein. Verordnung mit klarer Bedarfsregelung, zeitnaher Überprüfung und Absetzplan [FI4].
    • Analgetika in der niedrigsten wirksamen Dosis und für die kürzest notwendige Dauer einsetzen. Bei zunehmenden oder ungewöhnlich anhaltenden Schmerzen die Fraktur und mögliche Komplikationen erneut beurteilen, statt lediglich die Medikation zu steigern [2].
  • Perioperative Begleitmedikation
    • Bei operativer Versorgung mit Implantation von Osteosynthesematerial (Material zur operativen Stabilisierung des Knochenbruchs) ist eine perioperative Antibiotikaprophylaxe nach lokalem Standard vorgesehen. Auswahl, Zeitpunkt und gegebenenfalls Wiederholungsdosis richten sich nach Eingriff, Allergieanamnese und individuellen Risiken [LL3].
    • Eine unkomplizierte geschlossene Fraktur (Knochenbruch ohne offene Verbindung zur Hautoberfläche) unter konservativer Behandlung benötigt keine Antibiotikatherapie. Eine offene Fraktur (Knochenbruch mit offener Verbindung zur Hautoberfläche) oder eine manifeste Infektion erfordert ein gesondertes chirurgisches und antiinfektives Vorgehen [LL3].
    • Eine medikamentöse Prophylaxe postoperativer Übelkeit und Erbrechen erfolgt nach anästhesiologischer Risikobeurteilung. Bei wiederholter Opioidgabe ist die Notwendigkeit einer Obstipationsprophylaxe (Vorbeugung gegen Verstopfung) zu prüfen.
    • Ein Protonenpumpenhemmer ist bei einer kurzen NSAR-Behandlung nicht automatisch erforderlich; die Indikation richtet sich insbesondere nach gastrointestinalem Risiko und Begleitmedikation.
  • Thromboseprophylaxe
    • Bei isolierter Klavikulafraktur, erhaltener Gehfähigkeit und fehlenden zusätzlichen Risikofaktoren besteht keine regelhafte Indikation zur medikamentösen Prophylaxe einer venösen Thromboembolie (VTE) (Verschluss einer Vene oder eines Lungengefäßes durch ein Blutgerinnsel). Auch die Ruhigstellung des Arms begründet für sich allein keine Antikoagulation (Hemmung der Blutgerinnung) [LL4].
    • Vor einer Operation sind VTE- und Blutungsrisiko individuell zu beurteilen. Frühere VTE, aktive Tumorerkrankung, relevante Thrombophilie (erhöhte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln), ausgeprägte Einschränkung der Gesamtmobilität oder zusätzliche Verletzungen können eine Prophylaxe rechtfertigen [LL4].
    • Nach NICE soll bei Eingriffen an der oberen Extremität eine Prophylaxe erwogen werden, wenn die Allgemeinanästhesie (Vollnarkose) insgesamt länger als 90 Minuten dauert oder der Eingriff die Mobilisation wesentlich erschwert. Dies ist eine Aufforderung zur Risikobeurteilung und keine automatische Heparinindikation bei jeder Klavikulaosteosynthese (operativen Stabilisierung des Schlüsselbeinbruchs) [LL5].
    • Bei begründeter Indikation werden Präparat, Dosierung und Dauer nach individuellem Risiko, Nierenfunktion, Blutungsrisiko und gegebenenfalls regionalanästhesiologischem Verfahren festgelegt [LL4].

Konservative Therapie

Eine konservative Behandlung kommt insbesondere bei nicht oder wenig dislozierten (verschobenen), stabilen Klavikulafrakturen infrage. Bei deutlich dislozierten Schaftfrakturen (Brüchen im mittleren Knochenabschnitt) und instabilen lateralen Frakturen (Brüchen am äußeren Schlüsselbeinende) ist die operative Behandlungsoption individuell zu prüfen [LL1].

  • Ruhigstellung und Verbandswahl
    • Eine einfache Armschlinge beziehungsweise ein Gilchrist-Verband wird in der Regel gegenüber dem Rucksackverband bevorzugt. Ein routinemäßiger späterer Wechsel in einen Rucksackverband ist nicht erforderlich [LL1].
    • Die erhaltene randomisierte Studie zeigte eine bessere frühe Verträglichkeit der Armschlinge, ohne einen relevanten Vorteil des Rucksackverbandes hinsichtlich der verbleibenden Verkürzung [1].
  • Therapiedauer und Mobilisation
    • Die Dauer der Ruhigstellung richtet sich nach Stabilität und Schmerzen. Eine für alle Patienten verbindliche Ruhigstellung von genau sieben Tagen mit anschließend festgelegter sechswöchiger Physiotherapie ist nicht sachgerecht [2].
    • Hand, Handgelenk und Ellenbogen sollen frühzeitig bewegt werden. Die Schulter wird schmerzadaptiert und entsprechend dem Heilungsverlauf mobilisiert; forcierte Bewegungen und frühe Belastung vermeiden [2].
    • Die Belastungsfreigabe richtet sich nach klinischer und radiologischer Konsolidierung (knöcherner Heilung). Eine abgeschlossene Frakturheilung spätestens nach acht Wochen kann insbesondere bei dislozierten Erwachsenenfrakturen nicht vorausgesetzt werden [2].
  • Verlaufskontrollen
    • Klinische und radiologische Kontrollen erfolgen abhängig von Frakturtyp und Verlauf. Unerwartete Schmerzen erfordern eine erneute Beurteilung auf sekundäre Dislokation (nachträgliche Verschiebung der Bruchstücke) oder Heilungsstörung [2].
    • Pauschale Heilungs- und spätere Operationsraten sind ohne Angabe des untersuchten Frakturtyps und Patientenkollektivs nicht auf alle Klavikulafrakturen übertragbar [LL1].

Wirkstoffe

Die nachfolgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Bei Kindern, Jugendlichen, geringem Körpergewicht sowie eingeschränkter Organfunktion sind alters-, gewichts- und präparatgerechte Anpassungen erforderlich. Die Besonderheiten nennen wesentliche Auswahlkriterien; ergänzend ist die vollständige Fachinformation zu beachten.

Nichtopioidanalgetika: Paracetamol

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Bei Lebererkrankung, Unterernährung, chronischem Alkoholkonsum oder geringem Körpergewicht Dosis reduzieren. Doppelmedikation vermeiden [FI1].
  • Wirkweise: analgetisch und antipyretisch.
  • Indikationen: leichte bis mäßige Schmerzen.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; schwere hepatozelluläre Insuffizienz (schwere Funktionsstörung der Leberzellen).
  • Nebenwirkungen: insbesondere Hepatotoxizität (Leberschädigung) bei Überdosierung; selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen [FI1].

Nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Keine Kombination mehrerer NSAR. Bei fortbestehendem Bedarf nach wenigen Tagen erneut beurteilen; Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und Begleitmedikation berücksichtigen [LL2, FI2].
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung; analgetisch und antiphlogistisch.
  • Indikationen: kurzfristige Behandlung akuter Frakturschmerzen.
  • Kontraindikationen: aktive oder rezidivierende Ulzera (wiederkehrende Geschwüre) beziehungsweise Blutungen, schwere Organinsuffizienz (schwere Einschränkung einer Organfunktion), NSAR-Überempfindlichkeit, drittes Schwangerschaftstrimenon.
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt), Nierenfunktionsstörungen, Flüssigkeitsretention (Flüssigkeitseinlagerung) und kardiovaskuläre Ereignisse [FI2].

Pyrazolon-Derivate

Wirkstoff Besonderheiten
Metamizol Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen sofort absetzen und unverzüglich Differenzialblutbild veranlassen [FI3].
  • Wirkweise: analgetisch, antipyretisch und spasmolytisch.
  • Indikationen: starke posttraumatische oder postoperative Schmerzen.
  • Kontraindikationen: frühere metamizolbedingte Agranulozytose (starker Abfall bestimmter weißer Blutkörperchen), Knochenmarkfunktionsstörungen, relevante Überempfindlichkeit, drittes Schwangerschaftstrimenon.
  • Nebenwirkungen: Agranulozytose, Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion), Hypotonie (niedriger Blutdruck) und arzneimittelbedingte Leberschädigung [FI3].

Eine Agranulozytose kann unabhängig von der Dosis und auch nach früherer problemloser Anwendung auftreten. Die Aufklärung über Warnzeichen ist erforderlich; routinemäßige Blutbildkontrollen werden zur Früherkennung nicht mehr empfohlen [FI3].

Opioidanalgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Oxycodon, nicht retardiert Bei gebrechlichen Patienten oder Organfunktionsstörungen niedriger beginnen. Zeitlich begrenzte Verordnung mit Absetzplan; Alkohol und zusätzliche Sedativa vermeiden [FI4].
  • Wirkweise: Agonismus an Opioidrezeptoren.
  • Indikationen: starke Schmerzen mit erforderlicher Opioidbehandlung.
  • Kontraindikationen: schwere Atemdepression (Unterdrückung der Atmung), schweres Asthma bronchiale (chronische Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Atemnot), paralytischer Ileus (Darmverschluss durch Darmlähmung).
  • Nebenwirkungen: Sedierung, Atemdepression, Übelkeit, Obstipation (Verstopfung) und Abhängigkeit [FI4].

Perioperative Antibiotikaprophylaxe: Cephalosporine

Wirkstoff Besonderheiten
Cefazolin In der Regel Einmalgabe. Intraoperative Wiederholung bei langer Eingriffsdauer oder relevantem Blutverlust nach Standard; keine routinemäßige postoperative Fortführung [LL3, FI5].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese.
  • Indikationen: perioperative Infektionsprophylaxe bei entsprechender Operationsindikation.
  • Kontraindikationen: Cephalosporin-Überempfindlichkeit; schwere Betalaktam-Allergie gesondert beurteilen.
  • Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, Diarrhoe (Durchfall) und antibiotikaassoziierte Kolitis (durch Antibiotika begünstigte Dickdarmentzündung) [FI5].

Cephalosporine werden im Allgemeinen innerhalb von 30 bis maximal 60 Minuten vor der Inzision verabreicht; die konkrete Applikation richtet sich nach Präparat und lokalem Standard. Bei offener Fraktur oder bestehender Infektion ist das dargestellte Prophylaxeregime nicht als vollständige Behandlung anzusehen [LL3].

Beachte

  • Erneute ärztliche Beurteilung: zunehmende Schmerzen, neue Sensibilitätsstörungen (Störungen des Hautgefühls), Durchblutungsstörungen, ausgeprägte Hautspannung über einem Fragment oder Atembeschwerden erfordern eine zeitnahe beziehungsweise notfallmäßige Kontrolle.
  • Arzneimittelsicherheit: bestehende Antikoagulation, Nieren- oder Lebererkrankung und Schwangerschaft bei der Auswahl der Analgesie berücksichtigen. Eine bereits verordnete Antikoagulation wird perioperativ individuell geplant.
  • Keine routinemäßige Antikoagulation: Weder Armschlinge noch Klavikulafraktur allein begründen eine medikamentöse VTE-Prophylaxe. Maßgeblich sind die individuellen zusätzlichen Risiken [LL4, LL5].

Abkürzungen

  • AAOS: American Academy of Orthopaedic Surgeons; amerikanische Fachgesellschaft für Orthopädie.
  • AO: Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen.
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • BfArM: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
  • EAST: Eastern Association for the Surgery of Trauma; Fachgesellschaft für Unfallchirurgie.
  • FI: Fachinformation.
  • i.v.: intravenös; Verabreichung in eine Vene.
  • LL: Leitlinie.
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence; britische Institution für evidenzbasierte Versorgungsempfehlungen.
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika.
  • OTA: Orthopedic Trauma Association; Fachgesellschaft für orthopädische Unfallchirurgie.
  • p.o.: per os; Einnahme über den Mund.
  • VTE: venöse Thromboembolie.

Literatur

  1. Ersen A et al.: Comparison of simple arm sling and figure of eight clavicular bandage for midshaft clavicular fractures: a randomised controlled study. Bone Joint J 2015;97-B(11):1562 bis 1565. doi: 10.1302/0301-620X.97B11.35588.
  2. AO Foundation: Nonoperative treatment of clavicle fractures. AO Surgery Reference, Online-Fachreferenz. Volltext. Abruf: 10. Oktober 2026.

Leitlinien

  1. American Academy of Orthopaedic Surgeons: Treatment of Clavicle Fractures. Evidence-Based Clinical Practice Guideline. 2. Dezember 2022. Leitlinienübersicht; Langfassung [LL1].
  2. Eastern Association for the Surgery of Trauma und Orthopedic Trauma Association: Efficacy and safety of non-steroidal anti-inflammatory drugs (NSAIDs) for the treatment of acute pain after orthopedic trauma: a practice management guideline. Trauma Surg Acute Care Open 2023;8:e001056. doi: 10.1136/tsaco-2022-001056 [LL2].
  3. S3-Leitlinie: Perioperative und Periinterventionelle Antibiotikaprophylaxe. (AWMF-Registernummer: 067-009). Version 5.0, Aktualisierung 2024, veröffentlichte Langfassung Februar 2025. Langfassung [LL3].
  4. S3-Leitlinie: Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). (AWMF-Registernummer: 003-001). Version 4.1, Januar 2026. Langfassung [LL4].
  5. National Institute for Health and Care Excellence: Venous thromboembolism in over 16s: reducing the risk of hospital-acquired deep vein thrombosis or pulmonary embolism. NICE Guideline NG89, 2018, aktualisiert 2019. Leitlinienübersicht; Empfehlungen, insbesondere 1.11.15 und 1.11.16 [LL5].

Fachinformationen

  1. Paracetamol dura 500 mg Tabletten. Fachinformation [FI1].
  2. IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation [FI2].
  3. Novalgin Filmtabletten. Fachinformation. Ergänzend: BfArM, Rote-Hand-Brief zu metamizolhaltigen Arzneimitteln vom 9. Dezember 2024 [FI3].
  4. Oxycodon-HCl-ratiopharm akut Hartkapseln. Fachinformation [FI4].
  5. Cephazolin Fresenius 2 g. Fachinformation [FI5].