Sarkopenie – Differentialdiagnosen
Atmungssystem (J00-J99)
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) (dauerhafte verengende Lungenerkrankung) – chronisch-entzündliche Lungenerkrankung mit Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung), körperlicher Inaktivität, systemischer Inflammation (Entzündung im ganzen Körper) und sekundärem Muskelabbau
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Anämie (Blutarmut) – verminderte körperliche Leistungsfähigkeit mit Fatigue (Erschöpfung), Belastungsintoleranz und sekundärer Inaktivität als Sarkopenie-Imitat (Nachahmung von Muskelschwund) oder Cofaktor
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Adipositas sarcopenica (Fettleibigkeit mit Muskelschwund) – Kombination aus erhöhter Fettmasse und verminderter Muskelmasse beziehungsweise Muskelkraft; Körpergewicht kann die Sarkopenie maskieren
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung), diabetische Neuropathie (Nervenschädigung bei Zuckerkrankheit), Inflammation und reduzierte körperliche Aktivität als Ursachen von Muskelfunktionsverlust
- Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) – gesteigerter Proteinumsatz mit proximaler Myopathie (Muskelerkrankung körpernaher Muskeln), Muskelschwäche und Gewichtsverlust
- Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) – verminderte anabole Hormonwirkung mit Abnahme von Muskelmasse, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit
- Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – Myopathie, Muskelschwäche, Myalgien (Muskelschmerzen) und reduzierte Leistungsfähigkeit als Sarkopenie-Imitat
- Malabsorptionssyndrome (Störungen der Nährstoffaufnahme) – unzureichende Aufnahme von Energie, Protein und Mikronährstoffen mit sekundärem Muskelabbau
- Osteomalazie/Vitamin-D-Mangel (Knochenerweichung/Vitamin-D-Mangel) – proximale Muskelschwäche, Gangunsicherheit und Sturzrisiko als wichtige Differenzialdiagnose funktioneller Sarkopenie
- Protein-Energie-Malnutrition (Eiweiß-Energie-Mangelernährung) – Verlust von fettfreier Masse mit Gewichtsverlust, reduzierter Muskelkraft und erhöhter Morbidität
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – kardiale Kachexie (herzbedingte Auszehrung), Inaktivität, Inflammation und neurohumorale Aktivierung mit Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beine) – belastungsabhängige Schmerzen mit Gehstreckenlimitierung, Immobilisation und sekundärer Muskelatrophie (Muskelschwund)
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Chronische HIV-Infektion (dauerhafte Infektion mit dem menschlichen Immunschwächevirus) – chronische Inflammation, Hypogonadismus, Wasting (Auszehrung) und reduzierte körperliche Aktivität als Ursachen von Muskelverlust
- Tuberkulose (Schwindsucht) – chronisch-konsumierende Infektion mit Gewichtsverlust, Muskelabbau und Fatigue
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Chronische Leberinsuffizienz/Leberzirrhose (dauerhafte Leberfunktionsschwäche/Leberverhärtung) – häufige Ursache sekundärer Sarkopenie durch Hypermetabolismus (gesteigerten Stoffwechsel), reduzierte Proteinsynthese, Inflammation und reduzierte Nahrungsaufnahme
- Chronische Pankreatitis (dauerhafte Bauchspeicheldrüsenentzündung) mit exokriner Pankreasinsuffizienz (Verdauungsschwäche der Bauchspeicheldrüse) – Maldigestion (gestörte Verdauung), Steatorrhoe (Fettstuhl), Gewichtsverlust und Protein-Energie-Malnutrition mit sekundärem Muskelabbau
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (dauerhaft entzündliche Darmerkrankungen) – systemische Inflammation, reduzierte Nahrungsaufnahme, Malabsorption und Glucocorticoidtherapie als Ursachen sekundärer Sarkopenie
- Dysphagie (Schluckstörung) – verminderte orale Energie- und Proteinzufuhr mit Mangelernährung und Muskelabbau
- Kurzdarmsyndrom (verkürzter Darm) – Malabsorption mit Energie-, Protein- und Mikronährstoffdefiziten
- Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) – Malabsorption mit Gewichtsverlust, Mikronährstoffmangel und sekundärer Muskelschwäche
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Dermatomyositis (entzündliche Muskel-Haut-Erkrankung) – entzündliche Myopathie mit proximaler Muskelschwäche, Myalgien und erhöhter Creatinkinase (CK)
- Immobilisationsatrophie (Muskelschwund durch Ruhigstellung) – Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft nach Bettlägerigkeit, Fraktur (Knochenbruch), Operation oder längerer körperlicher Inaktivität
- Osteoporose (Knochenschwund) mit Frakturfolgen (Folgen eines Knochenbruchs) – Schmerz, Immobilisation und Funktionsverlust mit sekundärem Muskelabbau
- Polymyalgia rheumatica (entzündlicher Muskelschmerz) – Schmerzen und Steifigkeit im Schulter- und Beckengürtel mit funktioneller Schwäche als Sarkopenie-Imitat
- Polymyositis (entzündliche Muskelerkrankung) – entzündliche Myopathie mit symmetrischer proximaler Muskelschwäche
- Rheumatoide Arthritis (entzündliches Gelenkrheuma) – chronische Inflammation, Schmerz, Immobilität und Glucocorticoidexposition mit sekundärer Sarkopenie
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Hämatologische Neoplasien (Blut- und Lymphdrüsenkrebserkrankungen) – systemische Entzündung, Fatigue, Anämie, Appetitverlust und katabole Stoffwechsellage mit Muskelabbau
- Solide Tumoren (feste Tumoren) – insbesondere fortgeschrittene Tumorerkrankungen mit Anorexie (Appetitlosigkeit), Inflammation, Therapiebelastung und Muskelverlust
- Tumorkachexie (Tumorauszehrung) – tumorassoziiertes metabolisches Syndrom (stoffwechselbedingter Symptomkomplex) mit Gewichtsverlust, systemischer Inflammation und ausgeprägtem Verlust von Skelettmuskelmasse
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS; fortschreitende Nervenerkrankung mit Muskelschwund) – progrediente neurogene Muskelatrophie (nervenbedingter Muskelschwund) mit Muskelschwäche, Faszikulationen (Muskelzuckungen) und Funktionsverlust
- Depression (Niedergeschlagenheit) – Antriebsminderung, reduzierte körperliche Aktivität, Appetitminderung und Gewichtsverlust als Cofaktoren sekundärer Sarkopenie
- Frailty-Syndrom (Gebrechlichkeitssyndrom) – geriatrisches Syndrom (Alterssyndrom) mit Schwäche, Erschöpfbarkeit, Gangverlangsamung und Gewichtsverlust; klinische Überlappung mit Sarkopenie
- Morbus Parkinson (Schüttellähmung) – Bradykinese (Bewegungsverlangsamung), Rigor (Muskelsteifigkeit), Gangstörung, Dysphagie und reduzierte körperliche Aktivität mit sekundärem Muskelabbau
- Periphere Neuropathie (Nervenschädigung außerhalb von Gehirn und Rückenmark) – distale Schwäche, Gangunsicherheit und reduzierte Mobilität als Sarkopenie-Imitat oder Cofaktor
- Polyneuropathie bei Diabetes mellitus (Nervenschädigung bei Zuckerkrankheit) – sensorische und motorische Funktionsstörung mit Gangunsicherheit und verminderter Muskelaktivierung
- Schlaganfallfolgen (Folgen eines Hirnschlags) – Paresen (Lähmungen), Immobilität und einseitige Muskelatrophie mit sekundärem Kraftverlust
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Asthenie (Kraftlosigkeit) – unspezifische Schwäche ohne gesicherten Verlust von Muskelmasse; differentialdiagnostisch von Sarkopenie abzugrenzen
- Fatigue – subjektive Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit ohne obligaten Muskelmassenverlust
- Kachexie – krankheitsassoziiertes Wasting-Syndrom mit Gewichtsverlust, Inflammation und Muskelverlust; nicht identisch mit altersassoziierter Sarkopenie
- Unbeabsichtigter Gewichtsverlust – Leitsymptom zahlreicher konsumierender, endokriner, gastrointestinaler, psychischer und maligner Erkrankungen
- Wasting – klinisches Syndrom mit ausgeprägtem Verlust von Körpergewicht und fettfreier Masse, häufig bei chronischer Erkrankung oder Mangelernährung
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Chronische Nierenkrankheit (CKD; dauerhafte Nierenerkrankung) – urämische Toxine (harnpflichtige Giftstoffe), metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung), Inflammation, Anämie und reduzierte körperliche Aktivität mit sekundärem Muskelabbau
- Dialysepflichtige Niereninsuffizienz (Nierenschwäche mit Blutwäschepflicht) – Protein-Energie-Wasting (Eiweiß-Energie-Auszehrung), Inflammation und Immobilität mit hohem Risiko für Sarkopenie
Medikamente
- Androgendeprivationstherapie (Hormonentzugstherapie) – iatrogener Hypogonadismus (ärztlich verursachte Unterfunktion der Keimdrüsen) mit Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft
- Glucocorticoide (Cortisonpräparate) – steroidinduzierte Myopathie (durch Steroide verursachte Muskelerkrankung) mit proximaler Muskelschwäche und Muskelatrophie
- Onkologische Systemtherapien (Krebstherapien im ganzen Körper) – Chemotherapie (Zellgifttherapie), Immuntherapie (Behandlung des Immunsystems) oder zielgerichtete Therapien mit Appetitverlust, Fatigue, Inflammation und Muskelabbau
- Statine (Cholesterinsenker) – selten statinassoziierte Myopathie (durch Statine mitbedingte Muskelerkrankung) mit Muskelschmerz oder Muskelschwäche; differentialdiagnostisch bei neu aufgetretener Schwäche zu berücksichtigen
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Alkoholkonsum, chronisch schädlicher – alkoholassoziierte Myopathie (alkoholbedingte Muskelerkrankung), Mangelernährung und Lebererkrankung mit sekundärem Muskelabbau
Wichtige Parameter zur Differenzierung von Kachexie, Wasting und Sarkopenie
Die Tabelle ist strikt nach Konsensusdefinitionen geschärft: Kachexie ist ein krankheitsassoziiertes metabolisches Syndrom mit Muskelverlust und meist inflammatorischer Komponente; Tumorkachexie ist durch fortschreitenden Skelettmuskelverlust gekennzeichnet, der durch konventionelle Ernährungstherapie nicht vollständig reversibel ist; Sarkopenie wird nach EWGSOP2 primär über reduzierte Muskelkraft erfasst, wobei reduzierte Muskelmasse die Diagnose bestätigt und reduzierte Leistungsfähigkeit die Schwere markiert. Wasting bleibt demgegenüber ein klinischer Oberbegriff für ungewollten Gewichts- und Gewebeverlust, ohne einheitliche krankheitsübergreifende Konsensusdefinition.
| Parameter | Kachexie | Wasting | Sarkopenie |
|---|---|---|---|
| Kernkonzept | Krankheitsassoziiertes metabolisches Syndrom mit Verlust von Muskelmasse mit oder ohne Verlust von Fettmasse; meist mit Inflammation, Anorexie, Insulinresistenz und erhöhter Muskelproteolyse assoziiert | Klinischer Begriff für ungewollten Gewichts- und Gewebeverlust; Ursache heterogen, z. B. unzureichende Zufuhr, Malabsorption, chronische Infektion, HIV-Infektion, schwere Grunderkrankung oder kritische Krankheit | Progressive und generalisierte Muskelerkrankung; reduzierte Muskelkraft ist der zentrale Einstiegsparameter, reduzierte Muskelmasse bestätigt die Diagnose |
| Gewicht | Meist ↓; kann durch Ödeme, Aszites oder Tumormasse maskiert sein | ↓; meist klinisch führendes Merkmal | = bis ↓; Sarkopenie kann auch bei normalem oder erhöhtem Körpergewicht auftreten |
| Muskelmasse | ↓; zentrales Merkmal | ↓ möglich, aber nicht zwingend formal nachgewiesen | ↓; diagnostisch bestätigender Parameter |
| Fettmasse | = bis ↓; abhängig von Stadium und Grunderkrankung | Häufig ↓, besonders bei Hungerzustand, Malabsorption oder fortgeschrittener Erkrankung | = bis ↓; nicht definitionsentscheidend |
| Muskelkraft | Häufig ↓; funktionell und prognostisch relevant | = bis ↓; abhängig von Dauer, Schweregrad und Immobilität | ↓; zentraler diagnostischer Einstiegsparameter |
| Körperliche Leistungsfähigkeit | Häufig ↓; Ausdruck funktioneller Beeinträchtigung | = bis ↓; abhängig von Ursache und Schweregrad | ↓ bei schwerer Sarkopenie |
| Inflammation | Typischerweise vorhanden; zentral für die Abgrenzung zur einfachen Mangelernährung | Nicht obligat; kann bei HIV-Infektion, Tumor, Infektion, Trauma, kritischer Krankheit oder Organversagen vorhanden sein | Nicht obligat; kann bei sekundärer Sarkopenie im Rahmen chronischer Erkrankungen bestehen |
| Appetit/Anorexie | Häufig ↓; Anorexie ist häufig assoziiert, aber nicht obligat | Häufig ↓, wenn unzureichende Zufuhr, Infektion, Malabsorption oder schwere Grunderkrankung vorliegt | Variabel; Appetitminderung ist nicht definitionsbestimmend |
| Energieumsatz | = bis ↑; krankheitsabhängig, z. B. bei Tumorerkrankungen, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung oder chronischer Infektion | ↓ bis = bei Hungerzustand; ↑ möglich bei Infektion, Trauma, Verbrennung, kritischer Krankheit oder Tumorerkrankung | Meist = bis ↓; ↑ nicht typisch, außer bei begleitender kataboler Erkrankung |
| Proteinkatabolismus | ↑; erhöhter Muskelproteinabbau ist typisch | Variabel; ↑ bei schwerer Erkrankung, Infektion, Immobilität, Stressmetabolismus oder Cortisolwirkung möglich | Variabel; bei altersassoziierter Sarkopenie eher chronisch-progredient, bei sekundärer Sarkopenie krankheitsabhängig |
| Reversibilität durch Ernährung allein | Meist unvollständig, solange Grunderkrankung und Inflammation aktiv sind | Häufig besser reversibel, wenn Zufuhrdefizit, Malabsorption oder auslösende Ursache korrigiert werden | Ernährung allein meist unzureichend; relevant sind insbesondere Krafttraining, ausreichende Proteinzufuhr und Behandlung auslösender Faktoren |
| Immunfunktion | Häufig beeinträchtigt durch Grunderkrankung, Inflammation und Mangelernährung | Kann beeinträchtigt sein, besonders bei Protein-Energie-Mangel, HIV-Infektion, chronischer Infektion oder kritischer Krankheit | Nicht primär immunologisch definiert |
| Mortalität/Prognose | ↑; ausgeprägter negativer Prognosemarker, besonders bei Tumor-, Herz-, Lungen-, Nieren- und Lebererkrankungen | ↑ abhängig von Ursache, Schweregrad und Begleiterkrankungen | ↑; assoziiert mit Stürzen, Frakturen, Behinderung, Hospitalisierung und Mortalität |
| Typische Beispiele | Tumorkachexie, kardiale Kachexie bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz, pulmonale Kachexie bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Kachexie bei chronischer Niereninsuffizienz, Leberzirrhose oder chronisch entzündlichen Erkrankungen | HIV-Wasting-Syndrom, Hunger-/Mangelernährung, Malabsorption, fortgeschrittene Infektionen, kritische Krankheit, schwere Dysphagie | Altersassoziierte Sarkopenie, immobilitätsbedingte Sarkopenie, Sarkopenie bei chronischer Erkrankung, glucocorticoidassoziierte Sarkopenie |
| Abgrenzender Merksatz | Muskelverlust plus aktive Grunderkrankung und inflammatorisch-metabolische Katabolie | Gewichts-/Gewebeverlust als klinisches Verlustphänomen; Inflammation ist nicht zwingend | Muskelkraft ↓ zuerst denken; Muskelmasse ↓ bestätigt; Leistungsfähigkeit ↓ bedeutet schwere Sarkopenie |
Literatur
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