Mikroskopische Polyangiitis (MPA) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch die Mikroskopische Polyangiitis (Entzündung kleiner Blutgefäße) (MPA) mitbedingt sein können:
Die Mikroskopische Polyangiitis ist eine nekrotisierende, überwiegend mit antineutrophilen zytoplasmatischen Antikörpern (ANCA), insbesondere Myeloperoxidase-ANCA (MPO-ANCA), assoziierte systemische Kleingefäßvaskulitis (Entzündung kleiner Blutgefäße im gesamten Körper). Prognostisch besonders relevant sind die renale und pulmonale Beteiligung sowie Infektionen und irreversible Organschäden infolge der Vaskulitis bzw. ihrer immunsuppressiven Therapie [1-4, LL1-LL4].
Atmungssystem (J00-J99)
- Diffuse alveoläre Hämorrhagie (Blutung in die Lungenbläschen) (DAH) – Folge einer pulmonalen Kapillaritis (Entzündung kleinster Lungengefäße) mit intraalveolärer Blutung (Blutung innerhalb der Lungenbläschen); potenziell lebensbedrohlich durch akute hypoxämische respiratorische Insuffizienz (akutes Lungenversagen mit Sauerstoffmangel). In einer großen MPA-spezifischen Langzeitkohorte lag bei Diagnosestellung bei 16 % eine alveoläre Hämorrhagie vor [1, LL1].
- Interstitielle Lungenerkrankung (Erkrankung des Lungenstützgewebes) (ILD) bzw. pulmonale Fibrose (Lungenvernarbung) – insbesondere bei MPO-ANCA-positiver MPA relevante pulmonale Manifestation; häufig mit fibrosierendem bzw. Usual-Interstitial-Pneumonia(UIP)-Muster. Mögliche Folgen sind progrediente Lungenfibrose, Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung), chronische respiratorische Insuffizienz (chronische Atemschwäche) und akute Exazerbationen (akute Verschlechterungsschübe) [3, 4].
- Respiratorische Komplikationen bei MPA-assoziierter ILD – respiratorische Infektionen (Infektionen der Atemwege), akute ILD-Exazerbationen und diffuse alveoläre Hämorrhagien sind wesentliche Ursachen pulmonal bedingter Mortalität. In der REVEAL-Kohorte entfielen 69 % der respiratorischen Todesfälle auf Infektionen, 19 % auf ILD-Exazerbationen und 12 % auf diffuse alveoläre Hämorrhagien [3].
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Leukopenie (Mangel an weißen Blutkörperchen) und weitere Zytopenien (Verminderung von Blutzellen) – insbesondere als therapieassoziierte Komplikationen unter Cyclophosphamid und anderen immunsuppressiven Therapien; eine Leukopenie erhöht zusätzlich das Risiko schwerer Infektionen [6, LL1].
- Sekundäre Hypogammaglobulinämie (Mangel an bestimmten Abwehr-Eiweißen) – insbesondere unter wiederholter bzw. längerfristiger Rituximabtherapie möglich; ausgeprägte oder persistierende Immunglobulin-G-Erniedrigungen können mit einer erhöhten Infektionsanfälligkeit einhergehen [LL1, LL3].
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Kutane Kleingefäßvaskulitis (Entzündung kleiner Hautgefäße) – die Haut ist eine häufige extrarenale Manifestationsregion der MPA; Hautmanifestationen wurden in der großen französischen MPA-Kohorte bei 41 % der Patienten bei Diagnosestellung dokumentiert. Klinisch können insbesondere palpable Purpura (tastbare Hautblutungen) sowie weitere vaskulitische Hautläsionen (durch Gefäßentzündung verursachte Hautveränderungen) bis hin zu Ulzerationen (Geschwürbildungen) oder Nekrosen (Absterben von Gewebe) auftreten [1, LL1].
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Kardiale Beteiligung – seltene, jedoch prognostisch relevante Organmanifestation; eine Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung) wurde in einer großen MPA-Kohorte bei etwa 5 % der Patienten beschrieben [1]. Eine schwere kardiale Beteiligung gilt bei ANCA-assoziierten Vaskulitiden als organbedrohliche Manifestation [LL1].
- Ischämische Herz-Kreislauf-Erkrankungen (durch Durchblutungsstörungen bedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen) – für ANCA-assoziierte Vaskulitiden insgesamt, einschließlich MPA, besteht ein erhöhtes Risiko für Myokardinfarkt (Herzinfarkt), ischämische Herzerkrankung, Schlaganfall und Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Eine aktuelle Metaanalyse zeigte gegenüber Kontrollpopulationen ein erhöhtes Risiko für Myokardinfarkt (RR 1,49), Schlaganfall (RR 1,43) und Herzinsuffizienz (RR 1,63) [5].
- Venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in Venen mit möglicher Verschleppung) – tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) und Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel) treten bei ANCA-assoziierten Vaskulitiden vermehrt auf. In der Metaanalyse betrug das relative Risiko für venöse Thromboembolien 2,57, für Lungenembolien 3,53 und für tiefe Venenthrombosen 4,21 gegenüber Kontrollpersonen [5]. Diese Daten beziehen sich auf ANCA-assoziierte Vaskulitiden insgesamt und sind nicht MPA-spezifisch.
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Schwere bakterielle, virale und opportunistische Infektionen (Infektionen bei geschwächtem Immunsystem) – klinisch besonders relevant unter Glucocorticoiden, Cyclophosphamid, Rituximab und bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz. Häufig betroffen ist der Respirationstrakt; möglich sind darüber hinaus Sepsis (Blutvergiftung), Harnwegsinfektionen, Herpes zoster (Gürtelrose), Cytomegalievirusinfektionen (Infektionen mit dem Cytomegalievirus), Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie (Lungenentzündung durch Pneumocystis jirovecii), invasive Aspergillose (schwere Pilzinfektion durch Aspergillus) und Candidose (Pilzinfektion durch Candida) [6, LL1-LL4].
- Infektionsbedingte Mortalität – Infektionen gehören zu den wichtigsten Todesursachen bei MPA. In der MPA-spezifischen REVEAL-Kohorte waren 50 % der Todesfälle infektionsbedingt; auch in der französischen Langzeitkohorte waren Infektionen eine führende Todesursache [1, 2].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Mesenteriale bzw. gastrointestinale Vaskulitis (Gefäßentzündung im Bauchraum bzw. Magen-Darm-Trakt) – seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Organmanifestation; mögliche schwere Komplikationen sind mesenteriale Ischämie (Durchblutungsstörung des Darms), gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) und Darmperforation (Darmdurchbruch) [LL1]. Schwere gastrointestinale Manifestationen lagen in der großen französischen MPA-Kohorte bei etwa 4 % vor und waren unabhängig mit einer erhöhten Mortalität assoziiert [1].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Glucocorticoidinduzierte Osteoporose (durch Glucocorticoide verursachter Knochenschwund) und osteoporotische Frakturen (Knochenbrüche infolge Osteoporose) – relevante therapieassoziierte Langzeitkomplikationen insbesondere bei kumulativ hoher bzw. länger dauernder Glucocorticoidexposition. Eine konsequente Osteoporoserisikobeurteilung und gegebenenfalls Prophylaxe bzw. Therapie gehören zum Langzeitmanagement immunsuppressiv behandelter Patienten [LL1, LL4].
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Therapieassoziierte maligne Erkrankungen (durch die Behandlung mitbedingte Krebserkrankungen) – insbesondere nach höherer kumulativer Cyclophosphamidexposition besteht ein erhöhtes Langzeitrisiko für Urothel- bzw. Harnblasenkarzinome (Krebs der Harnwegsschleimhaut bzw. Harnblase), Leukämien (Blutkrebs) bzw. myelodysplastische Syndrome (Erkrankungen der Blutbildung im Knochenmark) und nichtmelanotische Hauttumoren (Hautkrebsformen ohne schwarzen Hautkrebs) [LL1].
- Erhöhtes Malignomrisiko bei ANCA-assoziierten Vaskulitiden – eine Metaanalyse von 14 Studien mit 5.553 Patienten zeigte für ANCA-assoziierte Vaskulitiden insgesamt ein erhöhtes Krebsrisiko (standardisierte Inzidenzratio 1,77), besonders für Harnblasenkarzinome, Leukämien und nichtmelanotische Hauttumoren [7]. Die Ergebnisse sind nicht ausschließlich MPA-spezifisch und spiegeln teilweise die kumulative Exposition gegenüber Cyclophosphamid in historischen Behandlungskohorten wider [7, LL1].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Mononeuritis multiplex (Schädigung mehrerer einzelner Nerven) bzw. vaskulitische Polyneuropathie (Nervenschädigung durch Gefäßentzündung) – typische neurologische Organmanifestation durch Ischämie peripherer Nerven (Minderdurchblutung außerhalb von Gehirn und Rückenmark gelegener Nerven); in der großen französischen MPA-Kohorte bei 32 % der Patienten dokumentiert [1]. Mögliche dauerhafte Folgen sind Paresen (Lähmungserscheinungen), Fuß- oder Handheberparesen (Schwäche beim Anheben des Fußes oder der Hand), Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen) und neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen). Eine Mononeuritis multiplex gilt als organbedrohliche Manifestation [LL1].
- Zentralnervöse Vaskulitis (Gefäßentzündung im Gehirn und Rückenmark) – seltene schwere Manifestation mit möglichen zerebralen Ischämien (Durchblutungsstörungen des Gehirns), Blutungen oder meningealer Beteiligung (Beteiligung der Hirn- und Rückenmarkshäute); eine Beteiligung des zentralen Nervensystems wird leitliniengemäß als organbedrohlich eingestuft [LL1].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Pauci-immune nekrotisierende und extrakapillär proliferative Glomerulonephritis (schwere Entzündung der Nierenkörperchen mit Gewebeschädigung) – zentrale Organmanifestation der MPA; eine Nierenbeteiligung bestand in der großen französischen Kohorte bei 74 % der Patienten [1]. Klinische Folgen reichen von Hämaturie (Blut im Urin) und Proteinurie (Eiweiß im Urin) über eine rasch progrediente Glomerulonephritis (rasch fortschreitende Nierenkörperchenentzündung) und akute Nierenschädigung (plötzliche Verschlechterung der Nierenfunktion) bis zur chronischen Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) und terminalen Niereninsuffizienz (Nierenversagen im Endstadium) mit Dialysepflichtigkeit (Notwendigkeit einer Blutwäsche) [1, 9, LL3].
- Chronische Nierenkrankheit nach ANCA-assoziierter Glomerulonephritis – persistierende Einschränkungen der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) können trotz immunologischer Remission bestehen bleiben und stellen einen irreversiblen Organschaden (bleibende Organschädigung) dar. Das Risiko einer terminalen Niereninsuffizienz hängt wesentlich vom Ausgangsniveau der Nierenfunktion sowie vom Ausmaß histologischer Chronizitätsschäden ab [9, LL2, LL3].
- Hämorrhagische Zystitis (blutige Harnblasenentzündung) und Urotoxizität (Schädigung der Harnwege durch Medikamente) – dosisabhängige therapieassoziierte Komplikationen einer Cyclophosphamidbehandlung; eine kumulative Exposition erhöht zusätzlich das spätere Risiko eines Urothelkarzinoms [LL1].
- Gonadotoxizität (Schädigung der Keimdrüsen) und Fertilitätseinschränkung (eingeschränkte Fruchtbarkeit) – insbesondere unter Cyclophosphamid möglich; das Risiko nimmt mit kumulativer Dosis und Alter zu. Bei Patienten mit Kinderwunsch ist vor einer entsprechenden Behandlung die Möglichkeit fertilitätserhaltender Maßnahmen zu berücksichtigen [LL1, LL2, LL4].
Weiteres
- Rezidive der MPA (Rückfälle der MPA) – bleiben trotz erfolgreicher Remissionsinduktion klinisch relevant. In der französischen MPA-Kohorte erlitten 34,7 % der Patienten während einer mittleren Nachbeobachtung von 5,5 Jahren mindestens ein Rezidiv; die 5-Jahres-rezidivfreie Überlebensrate betrug 60,4 % [1].
- Kumulativer irreversibler Organschaden – kann sowohl durch wiederholte oder persistierende vaskulitische Aktivität als auch durch therapiebedingte Toxizität entstehen. Besonders relevant sind chronische Nierenschädigung, pulmonale Fibrose, persistierende neurologische Defizite, kardiovaskuläre Erkrankungen, Infektionen und therapieassoziierte Schäden [1-6, LL1-LL4].
Prognosefaktoren
- Ungünstige Faktoren für das Gesamtüberleben
- Höheres Lebensalter; in der französischen MPA-Kohorte war ein Alter > 65 Jahre unabhängig mit erhöhter Mortalität assoziiert [1].
- Ausgeprägte Nierenfunktionsstörung; in der französischen Kohorte war ein Kreatinin > 130 µmol/l ein unabhängiger Mortalitätsprädiktor [1].
- Schwere gastrointestinale Beteiligung und Mononeuritis multiplex als unabhängige MPA-spezifische Mortalitätsprädiktoren [1].
- Hohe Krankheitsaktivität; im MPA-spezifischen REVEAL-Kollektiv waren ein hoher Birmingham Vasculitis Activity Score (BVAS) und eine schwere Krankheitskategorie nach European Vasculitis Study Group (EUVAS) unabhängig mit erhöhter Mortalität assoziiert [2].
- Schwere Infektionen; sie stellen in aktuellen MPA-Kohorten eine der wichtigsten und teilweise die häufigste Todesursache dar [1, 2, 6].
- Ungünstige renale Prognose
- Niedrige eGFR bei Diagnosestellung [9, LL3].
- Geringer Anteil histologisch normaler Glomeruli (Nierenkörperchen); dieser war im validierten ANCA Renal Risk Score der stärkste histologische Prädiktor einer terminalen Niereninsuffizienz [9].
- Ausgeprägte tubuläre Atrophie (Rückbildung der Nierenkanälchen) und interstitielle Fibrose (Vernarbung des Nierenzwischengewebes) als Zeichen irreversibler chronischer Nierenschädigung [9, LL3].
- Ungünstige pulmonale Prognose bei MPA-assoziierter ILD
- Reduzierte forcierte Vitalkapazität (FVC) [3].
- Reduzierte Diffusionskapazität für Kohlenmonoxid (DLCO) [3].
- Vorliegen von Honeycombing im rechten Unterlappen in der hochauflösenden Computertomographie als unabhängiger Prädiktor respiratorisch bedingter Mortalität [3].
- Erhöhtes Krebs-von-den-Lungen-6 (KL-6) ≥ 430 U/ml bei Diagnosestellung als unabhängiger Risikofaktor für ein Rezidiv der MPA-assoziierten ILD [4].
- Erhöhtes Surfactant-Protein D (SP-D) ≥ 89,5 ng/ml bei Diagnosestellung als unabhängiger Risikofaktor für ein ILD-Rezidiv [4].
- UIP-Muster in der hochauflösenden Computertomographie als unabhängiger Risikofaktor für ein ILD-Rezidiv [4].
- ILD-Rezidiv; in der REVEAL-Kohorte mit erhöhter Gesamtmortalität und respiratorisch bedingter Mortalität assoziiert [4].
- Erhöhtes Rezidivrisiko der systemischen Vaskulitis
- Proteinase-3-ANCA(PR3-ANCA)-Positivität; in einem validierten, aus GPA- und MPA-Patienten entwickelten Rezidivscore unabhängig mit einem erhöhten Rezidivrisiko assoziiert [8].
- Alter ≤ 75 Jahre und eGFR ≥ 30 ml/min/1,73 m² waren im selben kombinierten GPA/MPA-Modell ebenfalls mit einem höheren Rezidivrisiko verbunden [8]. Diese Faktoren sind als populationsbasierte Risikostratifikation und nicht als isolierte Therapieentscheidung zu verstehen.
- Eine ausgeprägte renale Beteiligung und MPO-ANCA-Positivität gehen demgegenüber tendenziell mit einem geringeren Rezidivrisiko einher; in der französischen MPA-Kohorte war eine Nierenfunktionsstörung mit einem niedrigeren Rezidivrisiko assoziiert [1, LL3].
- Erhöhtes Risiko schwerer Infektionen
- Höheres Lebensalter, terminale Niereninsuffizienz bzw. Dialysepflichtigkeit, Nieren- und Lungenbeteiligung, Leukopenie und hohe Krankheitsaktivität [6].
- Höhere Glucocorticoidexposition, Glucocorticoid-Pulstherapie und Cyclophosphamidtherapie sind mit einem erhöhten Infektionsrisiko assoziiert [6, LL1, LL4].
- Persistierende Hypogammaglobulinämie unter Rituximab kann das Infektionsrisiko zusätzlich erhöhen [LL1, LL3].
Literatur
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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