Kreuzbandriss (Kreuzbandruptur) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
- Inspektion
- Beurteilung beider Kniegelenke im Seitenvergleich hinsichtlich Kontur, Schwellung, Hämatomen (Blutergüssen) und Hautverletzungen [Gelenkschwellung bzw. Gelenkerguss (Flüssigkeitsansammlung im Gelenk)/Hämarthros (Blutansammlung im Gelenk), ggf. periartikuläre Hämatome bei akuter Kreuzbandruptur (Kreuzbandriss)]
- Beinachse und Gelenkstellung [Schonhaltung mit leichter Kniebeugung bei akuter schmerzhafter Verletzung]
- Gangbild, soweit eine Belastung vertretbar ist [Schonhinken; subjektive oder objektivierbare Instabilität bzw. Giving-way-Phänomen, insbesondere bei Insuffizienz (Funktionsschwäche) des vorderen Kreuzbandes]
- Muskulatur im Seitenvergleich [Quadrizepsatrophie (Rückbildung des vorderen Oberschenkelmuskels) bei chronischer Kreuzbandinsuffizienz]
- Palpation (Abtasten)
- Palpation des Kniegelenks und der periartikulären Strukturen im Seitenvergleich [Gelenkerguss bzw. Hämarthros]
- Palpation des medialen (inneren) und lateralen (äußeren) Gelenkspalts [Druckschmerz bei begleitender Meniskusläsion (Meniskusverletzung)]
- Palpation des Verlaufs und der Ansätze von medialem und lateralem Kollateralband (Seitenband) [Druckschmerz bzw. tastbarer Defekt bei begleitender Kollateralbandverletzung (Seitenbandverletzung)]
- Palpation von Patella (Kniescheibe), Tibiakopf (Schienbeinkopf), Fibulakopf (Wadenbeinkopf) und knöchernen Gelenkstrukturen zum Ausschluss begleitender Verletzungen
- Messung der Gelenkbeweglichkeit und des Bewegungsumfangs des Kniegelenks nach der Neutral-Null-Methode sowie stets im Seitenvergleich
- Aktive und passive Extension (Streckung) und Flexion (Beugung) [schmerz- oder ergussbedingtes Streck- und/oder Beugedefizit (eingeschränkte Streckung und/oder Beugung) bei akuter Kreuzbandruptur]
- Beurteilung einer mechanischen Bewegungsblockade [Streckblockade bei begleitender dislozierter Meniskusläsion, insbesondere Korbhenkelläsion (verschobener länglicher Meniskusriss)]
- Funktionsprüfungen
- Prüfung des vorderen Kreuzbandes
- Lachman-Test: Untersuchung in Rückenlage bei etwa 20-30° Knieflexion; Stabilisierung des distalen (körperfernen) Femurs (Oberschenkelknochens) und Zug der proximalen (körpernahen) Tibia (Schienbein) nach ventral (vorn); Beurteilung der Seitendifferenz der anterioren (vorderen) Tibiatranslation (Verschiebung des Schienbeins) und der Qualität des Endpunkts [vermehrte anteriore Translation (Verschiebung nach vorn) und weicher bzw. fehlender ligamentärer (bandbedingter) Endpunkt bei Ruptur (Riss) des vorderen Kreuzbandes]. Der Test ist insbesondere bei der akuten vorderen Kreuzbandverletzung von zentraler Bedeutung.
- Vorderer Schubladentest: Untersuchung in Rückenlage bei etwa 90° Knieflexion und fixiertem Fuß; die Tibia wird nach ventral gezogen. Vor der Beurteilung ist eine mögliche posteriore (hintere) Ausgangssubluxation (unvollständige Ausrenkung) der Tibia auszuschließen [vermehrte anteriore Translation im Seitenvergleich bei Insuffizienz des vorderen Kreuzbandes]. In der Akutphase kann die Aussagekraft durch Schmerzen, Erguss und muskuläre Abwehrspannung eingeschränkt sein.
- Pivot-Shift-Test: Prüfung der anterolateralen Rotationsinstabilität (Drehinstabilität nach vorne-außen) unter Valgusstress und Innenrotation der Tibia während der Flexion des Kniegelenks [Subluxation des lateralen Tibiaplateaus (äußerer Anteil der Schienbeingelenkfläche) in Extensionsnähe mit tast- bzw. sichtbarer Reposition (Wiedereinrenkung) typischerweise bei etwa 20-40° Flexion bei funktioneller Insuffizienz des vorderen Kreuzbandes]. In der Akutphase kann der Test aufgrund von Schmerzen und muskulärer Abwehrspannung erschwert sein.
- Prüfung des hinteren Kreuzbandes
- Posterior-Sag-Zeichen/Godfrey-Zeichen: Untersuchung in Rückenlage bei etwa 90° Flexion von Hüft- und Kniegelenk und entspanntem Unterschenkel [sichtbares Zurücksinken der proximalen Tibia gegenüber dem Femur bei Insuffizienz des hinteren Kreuzbandes].
- Hinterer Schubladentest: Untersuchung in Rückenlage bei etwa 90° Knieflexion; die proximale Tibia wird nach dorsal (hinten) verschoben [vermehrte posteriore Tibiatranslation im Seitenvergleich bei Ruptur bzw. Insuffizienz des hinteren Kreuzbandes].
- Quadrizeps-Aktiv-Test: bei etwa 90° Knieflexion und fixiertem Fuß aktive Anspannung des M. quadriceps femoris (vorderer Oberschenkelmuskel) [anteriore Reposition einer zuvor posterior subluxierten Tibia bei Insuffizienz des hinteren Kreuzbandes].
- Prüfung der Kollateralbänder (Seitenbänder) zur Erfassung kombinierter Bandverletzungen
- Valgusstresstest in Streckstellung sowie bei etwa 20-30° Knieflexion [vermehrte mediale Aufklappbarkeit bei begleitender Verletzung des medialen Kollateralbandkomplexes (innerer Seitenbandkomplex); Aufklappbarkeit bereits in voller Extension als Hinweis auf eine komplexere kapsuloligamentäre (Gelenkkapsel und Bänder betreffende) Verletzung].
- Varusstresstest in Streckstellung sowie bei etwa 20-30° Knieflexion [vermehrte laterale Aufklappbarkeit bei begleitender Verletzung des lateralen Kollateralbandes bzw. posterolateraler (hinten-außen gelegener) Strukturen].
- Prüfung auf posterolaterale Rotationsinstabilität bei entsprechendem Verletzungsmechanismus oder klinischem Verdacht
- Dial-Test mit Vergleich der Außenrotation beider Unterschenkel bei etwa 30° und 90° Knieflexion [vermehrte Außenrotation bei Verletzung des posterolateralen Komplexes (hinten-außen gelegener Band- und Kapselstrukturen); Auffälligkeit bei 30° und 90° kann auf eine kombinierte Verletzung des posterolateralen Komplexes und des hinteren Kreuzbandes hinweisen].
- Meniskusdiagnostik (Untersuchung der Menisken) zur Erfassung häufiger Begleitverletzungen
- Gelenkspaltdruckschmerz sowie, soweit aufgrund von Schmerzen und Erguss durchführbar, Meniskusprovokationstests, z. B. McMurray-Test oder Thessaly-Test [reproduzierbarer Gelenkspaltschmerz bzw. Schnappphänomen bei begleitender Meniskusläsion].
- Prüfung des vorderen Kreuzbandes
- Neurovaskuläre Untersuchung (Untersuchung von Nerven und Blutgefäßen)
- Kontrolle der peripheren Pulse (Pulse an den körperfernen Arterien), insbesondere A. dorsalis pedis und A. tibialis posterior, der Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederauffüllung der kleinen Blutgefäße) sowie der Hauttemperatur und -farbe
- Prüfung von Sensibilität (Empfindungsvermögen) und Motorik (Bewegungsfunktion), insbesondere im Versorgungsgebiet des N. fibularis communis und N. tibialis [Pulsdefizit (fehlender oder abgeschwächter Puls), Durchblutungsstörung oder neurologisches Defizit (Störung der Nervenfunktion) bei begleitender Gefäß-/Nervenverletzung, insbesondere nach Knieluxation (Ausrenkung des Kniegelenks) oder komplexer Mehrbandverletzung (Verletzung mehrerer Bänder)]
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.