Kreuzbandriss (Kreuzbandruptur) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Kreuzbandruptur (Kreuzbandriss) – insbesondere eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes – mitbedingt sein können:
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Chronische Kniegelenkinstabilität (anhaltende Instabilität des Kniegelenks) – anteriore bzw. posteriore Instabilität in Abhängigkeit vom betroffenen Kreuzband; bei persistierender Instabilität bzw. wiederholten Giving-way-Ereignissen können sekundäre Meniskus- und Knorpelschäden begünstigt werden [3, LL1]
- Posttraumatische Gonarthrose (Kniegelenkverschleiß nach Verletzung) – langfristig relevantes Risiko insbesondere nach Ruptur des vorderen Kreuzbandes; eine Kreuzbandrekonstruktion beseitigt das Arthroserisiko nicht. Das Risiko wird wesentlich durch begleitende bzw. sekundäre Meniskus- und Knorpelschäden sowie weitere Gelenkverletzungen beeinflusst [1, 2]
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Knorpel- bzw. osteochondrale Schäden (Schäden an Knorpel bzw. Knorpel und darunterliegendem Knochen) des Kniegelenks – können bereits beim Primärtrauma bestehen oder sich bei persistierender Instabilität sekundär entwickeln; bei länger bestehender Insuffizienz des vorderen Kreuzbandes nimmt die Prävalenz von Knorpelläsionen zu [3, LL1]
- Meniskusverletzungen (Verletzungen der Knorpelscheiben im Kniegelenk) – häufige Begleitverletzungen einer Ruptur des vorderen Kreuzbandes; bei chronischer Instabilität steigt insbesondere das Risiko sekundärer Läsionen des medialen Meniskus. Die Metaanalyse von Mehl et al. zeigte eine deutliche zeitabhängige Zunahme von Meniskusläsionen ab etwa 6 Monaten und von Knorpelläsionen ab etwa 12 Monaten nach Ruptur [3]. Die AAOS-Leitlinie weist darauf hin, dass bei bestehender Operationsindikation das Risiko zusätzlicher Meniskus- und Knorpelschäden bereits innerhalb der ersten 3 Monate anzusteigen beginnt [LL1]
- Weitere Bandverletzungen (Verletzungen weiterer stabilisierender Bänder) – insbesondere Verletzungen des medialen Kollateralbandes können gemeinsam mit einer Ruptur des vorderen Kreuzbandes auftreten
- Unhappy-Triad-Verletzung („unglückliche Triade“) – klassische Kombinationsverletzung aus Ruptur des vorderen Kreuzbandes, Verletzung des medialen Kollateralbandes und Meniskusverletzung; keine eigentliche Spätfolge, sondern komplexe Begleitverletzung des Primärtraumas
- Knöcherne Begleitverletzungen (zusätzliche Verletzungen der Knochen) – insbesondere Segond-Fraktur als knöcherne Avulsionsverletzung (Abrissverletzung eines Knochenstücks) am lateralen Tibiaplateau (äußeren oberen Schienbeinanteil); bei komplexen bzw. hochenergetischen Knieverletzungen können zusätzlich Tibiakopffrakturen (Brüche des Schienbeinkopfes) auftreten
- Erneute Ruptur des vorderen Kreuzbandes nach Rekonstruktion bzw. kontralaterale Ruptur (Riss des vorderen Kreuzbandes am gegenüberliegenden Knie) – das Risiko ist stark alters-, sportart- und aktivitätsabhängig. Eine Metaanalyse von 34 Studien mit 16.905 Fußballspielern ergab nach Rekonstruktion eine gepoolte Rate zweiter Kreuzbandverletzungen von 21,6 %; ipsilaterale Transplantatrupturen (Risse des eingesetzten Kreuzbandersatzes am operierten Knie) traten bei 10,4 % und kontralaterale Rupturen bei 10,6 % auf. Bei Spielern unter 21 Jahren betrug die gepoolte Rate 31,9 %. Aufgrund der erheblichen Studienheterogenität sind diese Werte nicht auf sämtliche Patienten mit Kreuzbandrekonstruktion übertragbar [4]
Prognosefaktoren
- Meniskusverletzung bzw. Meniskektomie (operative Entfernung von Meniskusgewebe) – gehören zu den wichtigsten Prädiktoren einer späteren Gonarthrose. In einer aktuellen Metaanalyse nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes waren Meniskusverletzungen mit einer Odds-Ratio (OR) von 3,35 und eine Meniskektomie mit einer OR von 2,42 für eine Gonarthrose assoziiert [2]
- Knorpelschäden und zusätzliche Knieverletzungen – chondrale Läsionen (Schäden am Gelenkknorpel) zum Zeitpunkt der Kreuzbandrekonstruktion waren mit einem erhöhten Gonarthroserisiko assoziiert (OR 2,15); zusätzliche Begleitverletzungen zeigten eine OR von 3,65 [2]
- Dauer der Instabilität bzw. Intervall zwischen Ruptur und Rekonstruktion – bei bestehender Operationsindikation nimmt mit zunehmender Verzögerung das Risiko zusätzlicher Meniskus- und Knorpelschäden zu [3, LL1]. Eine Metaanalyse von 2026 fand bei früherer gegenüber verzögerter Rekonstruktion eine um etwa 10 % niedrigere langfristige Arthroseinzidenz (Häufigkeit eines neu auftretenden Gelenkverschleißes); aufgrund überwiegend nicht randomisierter Daten ist dies als Assoziation und nicht als gesicherter kausaler Präventionseffekt der frühen Operation zu interpretieren [5]
- Höheres Alter und erhöhter Body-Mass-Index (BMI) – mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Gonarthrose nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes assoziiert [2]
- Junges Alter und Rückkehr zu pivotierenden Hochrisikosportarten – wesentliche Risikofaktoren für eine erneute ipsilaterale (auf derselben Körperseite auftretende) oder kontralaterale Ruptur; besonders hohe Raten werden bei jungen Fußballspielern und bei hoher Return-to-Play-Rate beobachtet [4]
- Erhalt des Meniskus und Vermeidung weiterer Instabilitätsereignisse – für die langfristige Gelenkprognose von besonderer Bedeutung, da sekundäre Meniskus- und Knorpelschäden wesentliche Determinanten der posttraumatischen Gonarthrose darstellen [2, 3]
Literatur
- Webster KE, Hewett TE: Anterior Cruciate Ligament Injury and Knee Osteoarthritis: An Umbrella Systematic Review and Meta-analysis. Clin J Sport Med 2022;32(2):145-152. doi: 10.1097/JSM.0000000000000894
- Zhang L, Xu T, Xiong Q et al.: Risk Factors for Knee Osteoarthritis After Anterior Cruciate Ligament Reconstruction: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Sports Med 2026;54(4):955-968. doi: 10.1177/03635465251380285
- Mehl J, Otto A, Baldino JB et al.: The ACL-deficient knee and the prevalence of meniscus and cartilage lesions: a systematic review and meta-analysis (CRD42017076897). Arch Orthop Trauma Surg 2019;139:819-841. doi: 10.1007/s00402-019-03128-4
- López Personat A, Mariscal G, Stålman A et al.: Second ACL injuries in football players after ACL reconstruction: A systematic review and meta-analysis. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2026;1-25. doi: 10.1002/ksa.70471
- van der List JP, Meixner C, Kaeding CC et al.: Early Anterior Cruciate Ligament Reconstruction Is Associated With Decreased Risk of Osteoarthritis Compared With Delayed Reconstruction: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Sports Med 2026;54(2):447-456. doi: 10.1177/03635465251371330
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS): Management of Anterior Cruciate Ligament Injuries. Clinical Practice Guideline. 2022. Volltext. [LL1]
- S1-Leitlinie: Vordere Kreuzbandruptur. (Registernummer 187-012) September 2018; Gültigkeit abgelaufen, derzeit in Überarbeitung. [LL2]