Kahnbeinbruch (Skaphoidfraktur) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Skaphoidfraktur (Kahnbeinbruch) mitbedingt sein können:
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Frakturheilung in Fehlstellung (Heilung des Knochenbruchs in Fehlstellung) (Malunion) – insbesondere Verkürzung bzw. Flexionsfehlstellung (Beugungsfehlstellung) des Skaphoids („Humpback-Deformität“) mit möglicher Störung der karpalen Biomechanik (Bewegungsmechanik der Handwurzel). Die klinische Relevanz einer allein radiologisch definierten Fehlheilung ist jedoch nicht eindeutig: In einem systematischen Review fanden vier von fünf auswertbaren Studien keine signifikante Assoziation zwischen dem Ausmaß der radiologischen Fehlstellung und den klinischen Ergebnissen [2].
- Osteonekrose des proximalen Skaphoidfragments (Absterben von Knochengewebe im körpernahen Anteil des Kahnbeins) – gefürchtete Komplikation insbesondere proximaler Skaphoidfrakturen; eine gestörte Perfusion (Durchblutung) kann die knöcherne Konsolidierung (Knochenheilung) beeinträchtigen und eine Pseudarthrose (Falschgelenkbildung) begünstigen [1].
- Posttraumatische Arthrose des Handgelenks (Gelenkverschleiß des Handgelenks nach einer Verletzung) – insbesondere als Spätfolge einer persistierenden Pseudarthrose mit sekundärer karpaler Fehlstellung (Fehlstellung der Handwurzel) bzw. einem Scaphoid Nonunion Advanced Collapse (SNAC-Wrist) [1, 5]. In einer populationsbasierten schweizerischen Unfallversicherungskohorte entwickelten etwa 3 % der erfassten Skaphoidfrakturen eine posttraumatische Arthrose [3].
- Pseudarthrose des Skaphoids – zentrale strukturelle Langzeitkomplikation; kann mit chronischen Schmerzen, Funktionseinschränkung (eingeschränkter Funktion) und fortschreitenden degenerativen Veränderungen (Verschleißveränderungen) des Handgelenks einhergehen [1, 3, 5]. Die Häufigkeit variiert deutlich mit Frakturlokalisation (Lage des Knochenbruchs), Dislokation (Verschiebung der Bruchstücke), Patientenkollektiv und Therapie. In einer populationsbasierten schweizerischen Unfallversicherungskohorte mit 16.691 Skaphoidfrakturen entwickelten etwa 14 % eine Pseudarthrose [3].
- Scaphoid Nonunion Advanced Collapse (SNAC-Wrist) – fortschreitender karpaler Kollaps (Zusammensinken der Handwurzel) infolge einer chronischen Skaphoidpseudarthrose mit charakteristischer Entwicklung degenerativer Veränderungen im radio- und mediokarpalen Gelenk (Gelenke zwischen Speiche und Handwurzel sowie innerhalb der Handwurzel); im fortgeschrittenen Stadium können gelenkerhaltende Rekonstruktionen (Operationen zum Erhalt des Gelenks) nicht mehr möglich sein und Salvage-Verfahren erforderlich werden [5].
- Verzögerte Frakturheilung (verzögerte Heilung des Knochenbruchs) – ausbleibende bzw. verzögerte knöcherne Konsolidierung mit Risiko des Übergangs in eine Pseudarthrose; besondere Aufmerksamkeit erfordern proximale, dislozierte bzw. instabile Frakturen (Knochenbrüche) sowie eine verzögert eingeleitete adäquate Versorgung [1, 4, LL1].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Chronische bzw. persistierende Handgelenksschmerzen (lang anhaltende bzw. fortbestehende Schmerzen im Handgelenk) – insbesondere bei Pseudarthrose, SNAC-Wrist und posttraumatischer Arthrose [3, 5].
- Persistierende Funktionsbeeinträchtigung des Handgelenks (fortbestehende Einschränkung der Handgelenksfunktion) – Einschränkung von Beweglichkeit, Griffkraft und Belastbarkeit, insbesondere bei ausbleibender Frakturheilung und sekundären degenerativen Veränderungen [3, 5].
Prognosefaktoren
- Ungünstige Prognosefaktoren
- Proximale Frakturlokalisation – in einer Metaanalyse akut proximal gelegener, nicht operativ behandelter Skaphoidfrakturen entwickelten 34 % eine Pseudarthrose; das relative Risiko einer Pseudarthrose war gegenüber weiter distal gelegenen, ebenfalls nicht operativ behandelten Frakturen um den Faktor 7,5 erhöht [4].
- Frakturdislokation bzw. karpale Instabilität (Instabilität der Handwurzel) – kennzeichnen eine ungünstigere Frakturmorphologie (Form und Beschaffenheit des Knochenbruchs); die aktuellen BSSH-Standards sehen bei Taillenfrakturen (Brüchen im mittleren Abschnitt des Kahnbeins) mit einer Dislokation > 2 mm sowie bei dislozierten Frakturen des proximalen Pols (körpernahen Kahnbeinpols) eine Indikation zur akuten operativen Stabilisierung (Notwendigkeit einer zeitnahen operativen Fixierung) [LL1].
- Verzögerte Immobilisation (verzögerte Ruhigstellung) bzw. verzögerte adäquate Versorgung – bei einer Verzögerung der Immobilisation um mehr als vier Wochen empfehlen die BSSH-Standards bei gering dislozierten Taillenfrakturen eine computertomographische Kontrolle (Kontrolle mittels Schichtröntgen) der Konsolidierung und bei fehlender Heilung die Prüfung einer operativen Stabilisierung [LL1].
- Rauchen – ein aktueller systematischer Review ergab bei akuten Skaphoidfrakturen für Raucher ein relatives Risiko für eine Pseudarthrose von 1,68 (95%-Konfidenzintervall 1,46-1,93). Bei der Behandlung einer bereits bestehenden Skaphoidpseudarthrose betrug das relative Risiko einer erneuten Nichtvereinigung 2,03 (95%-Konfidenzintervall 1,70-2,43) [6].
- Persistierende Pseudarthrose – erhöht das Risiko für chronische Schmerzen, Funktionseinschränkung, SNAC-Wrist und posttraumatische Arthrose [1, 3, 5].
- Günstige Prognosefaktoren
- Frühzeitige Diagnosestellung und zeitgerechte adäquate Immobilisation bzw. Stabilisierung (operative oder nichtoperative Festigung des Knochenbruchs) [1, LL1]
- Nicht bzw. gering dislozierte Fraktur ohne karpale Instabilität [LL1]
- Nichtproximale Frakturlokalisation – geringeres Pseudarthroserisiko als bei proximalen Frakturen [4]
- Nichtraucherstatus [6]
Literatur
- Gray RRL, Halpern AL, King SR et al.: Scaphoid fracture and nonunion: new directions. J Hand Surg Eur Vol. 2023;48(2 Suppl):4S-10S. doi: 10.1177/17531934231165419.
- Xiao M, Welch JM, Cohen SA et al.: How Is Scaphoid Malunion Defined: A Systematic Review. Hand (N Y). 2023;18(2 Suppl):38S-45S. doi: 10.1177/15589447211038678.
- Rothenfluh E, Vögelin E, Scholz SM: The epidemiology of scaphoid fractures and non-unions in Switzerland: a nationwide analysis of the socioeconomic impact. Sci Rep. 2025;15:40888. doi: 10.1038/s41598-025-24729-7.
- Eastley N, Singh H, Dias JJ et al.: Union rates after proximal scaphoid fractures; meta-analyses and review of available evidence. J Hand Surg Eur Vol. 2013;38(8):888-897. doi: 10.1177/1753193412451424.
- Maris S, Apergis E, Apostolopoulos A et al.: Scapholunate Advanced Collapse (SLAC) and Scaphoid Nonunion Advanced Collapse (SNAC): A Review of Treatment Options for Stage II. Cureus. 2024;16(4):e59014. doi: 10.7759/cureus.59014.
- Mistry D, Poole H, Jordan R et al.: The effects of smoking on the management of scaphoid acute fractures and non-unions–a systematic review. Eur J Orthop Surg Traumatol. 2026;36:8. doi: 10.1007/s00590-025-04570-4.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- British Society for Surgery of the Hand (BSSH): Scaphoid fractures. Standards of Care in Hand Trauma. Aktuell abrufbarer Versorgungsstandard; Revision des Dokuments für 2027 vorgesehen. Langfassung [LL1].
- Leitlinienanmeldung S3: Skaphoidfraktur. (Registernummer 187-070) August 2025; geplante Fertigstellung Dezember 2028. Eine publizierte Langfassung der neu angemeldeten S3-Leitlinie liegt derzeit nicht vor.