Ischialgie/Lumboischialgie – Differentialdiagnosen

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Koagulopathie (Blutgerinnungsstörung) – kann spontane spinale epidurale (im Wirbelkanal gelegene) oder retroperitoneale (hinter dem Bauchfell gelegene) Blutungen mit akuter radikulärer Symptomatik (von einer Nervenwurzel ausgehende Beschwerden) begünstigen

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetische lumbosakrale Radikuloplexusneuropathie (durch Zuckerkrankheit bedingte Nervenschädigung im Lenden-Kreuzbein-Nervengeflecht) – schmerzhafte, meist asymmetrische proximale Bein- und Hüftgürtelsymptomatik mit Schwäche und Gewichtsverlust
  • Diabetische Polyneuropathie (durch Zuckerkrankheit bedingte Nervenschädigung vieler Nerven) – distal-symmetrische neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen) und Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen); wichtige Abgrenzung zur echten lumbalen Radikulopathie (Nervenwurzelreizung im Lendenbereich)

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Abdominelles Aortenaneurysma (Aussackung der Bauchschlagader) – Red-Flag-Differentialdiagnose (Warnzeichen-Abgrenzungsdiagnose) bei akuten oder progredienten Rücken-, Flanken- oder Beinschmerzen, insbesondere bei vaskulärem Risikoprofil (gefäßbezogenem Risikoprofil)
  • Aortendissektion (Einriss der Hauptschlagader-Innenwand) – akute, potenziell lebensbedrohliche Ursache von Rücken-/Flankenschmerz mit möglicher Beinausstrahlung
  • Iliakalarterienaneurysma/Iliakalarteriendissektion (Aussackung/Einriss einer Beckenarterie) – seltene vaskuläre Ursache glutealer (das Gesäß betreffender), pelviner (das Becken betreffender) oder ischiasähnlicher Schmerzen
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beinarterien) – vaskuläre Claudicatio (gefäßbedingtes Hinken) als wichtige Abgrenzung zur neurogenen Claudicatio (nervenbedingtes Hinken) bei lumbaler Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals im Lendenbereich)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Borrelien-Radikulitis (Bannwarth-Syndrom) (Borrelien-bedingte Nervenwurzelentzündung) – schmerzhafte lymphozytäre Meningoradikulitis (Entzündung von Hirnhäuten und Nervenwurzeln) mit nächtlich betonten radikulären Schmerzen und möglichen Paresen (Lähmungen)
  • Herpes zoster-Radikulitis (Gürtelrose-bedingte Nervenwurzelentzündung) – dermatombezogener Schmerz (auf ein Hautnervengebiet bezogener Schmerz), gegebenenfalls vor Exanthem (Hautausschlag) oder als Zoster sine herpete (Gürtelrose ohne Hautausschlag)
  • Spinale Tuberkulose (Tuberkulose der Wirbelsäule) – seltene infektiöse Ursache von Wirbelsäulenschmerz, Deformität (Verformung), epiduraler Ausbreitung und radikulärer Symptomatik

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Axiale Spondyloarthritis (entzündliche Wirbelsäulenerkrankung) – entzündlicher Rückenschmerz mit möglicher Gesäßschmerz-Symptomatik, Sakroiliitis (Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke) und Morgensteifigkeit
  • Coxarthrose (Hüftgelenkverschleiß) – Hüftgelenkserkrankung mit Leisten-, Gesäß- oder Oberschenkelschmerz; wichtige pseudoradikuläre Differentialdiagnose (scheinbar von einer Nervenwurzel ausgehende Abgrenzungsdiagnose)
  • Facettengelenksyndrom (Schmerzsyndrom der kleinen Wirbelgelenke) – lokaler lumbaler Kreuzschmerz mit möglicher pseudoradikulärer Ausstrahlung
  • Iliosakralgelenk-Dysfunktion (Funktionsstörung des Kreuz-Darmbein-Gelenks) – Gesäß- und dorsaler (rückseitiger) Oberschenkelschmerz, häufig pseudoradikulär ohne dermatombezogene Neurologie (nervenärztliche Ausfallszeichen)
  • Lumbaler Bandscheibenprolaps/-extrusion (Bandscheibenvorfall/-austritt im Lendenbereich) – häufige strukturelle Ursache einer akuten lumbalen Radikulopathie mit dermatombezogenem Schmerz, Sensibilitätsstörung oder motorischem Defizit (Bewegungsausfall)
  • Lumbale Foraminalstenose/Rezessusstenose (Einengung des Nervenaustrittslochs/des seitlichen Wirbelkanalbereichs im Lendenbereich) – degenerative (verschleißbedingte) oder spondylotische (wirbelsäulenverschleißbedingte) Nervenwurzelkompression (Druck auf eine Nervenwurzel) mit belastungsabhängiger oder lageabhängiger Radikulopathie
  • Lumbale Spinalkanalstenose – neurogene Claudicatio mit Rückenschmerz, ein- oder beidseitiger Beinausstrahlung, Parästhesien (Missempfindungen), Schwäche oder Schweregefühl der Beine
  • Myofasziales lumbogluteales Schmerzsyndrom (muskulär-bindegewebiges Schmerzsyndrom im Lenden-Gesäß-Bereich) – muskulär ausgelöster Schmerz mit Triggerpunkten (Schmerzpunkten) und pseudoradikulärer Ausstrahlung
  • Osteoporotische Wirbelkörper-/Sakruminsuffizienzfraktur (durch Knochenschwund bedingter Wirbelkörper-/Kreuzbeinbruch bei verminderter Belastbarkeit) – Red-Flag-Differentialdiagnose bei Alter, Osteoporose (Knochenschwund), Corticoidtherapie (Kortisonbehandlung) oder Bagatelltrauma (geringfügiger Verletzung)
  • Spondylodiszitis/vertebrale Osteomyelitis (Entzündung von Bandscheibe und Wirbelkörper/Knochenentzündung der Wirbelsäule) – infektiöse Wirbelsäulenerkrankung mit Rückenschmerz, Fieber kann fehlen; radikuläre Symptome bei epiduraler oder foraminaler (im Nervenaustrittsloch gelegener) Ausbreitung
  • Spondylolisthesis/Spondylolyse (Wirbelgleiten/Wirbelbogenunterbrechung) – segmentale Instabilität (Instabilität eines Wirbelsäulenabschnitts) mit Rückenschmerz und möglicher foraminaler Nervenwurzelkompression
  • Trochanterisches Schmerzsyndrom (Schmerzsyndrom am großen Rollhügel des Oberschenkelknochens) – lateraler (seitlicher) Hüft- und Oberschenkelschmerz; häufige Abgrenzung zur L5-Radikulopathie

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Intraspinale Tumoren der Cauda equina oder des Konus (Tumoren im Wirbelkanal im Bereich der Nervenwurzelfasern oder des Rückenmarksendes) – z. B. Ependymom (Tumor aus Zellen des Nervenwasserkanals), Meningeom (Hirnhauttumor), Schwannom (Nervenscheidentumor); progrediente radikuläre Schmerzen, neurologische Defizite (nervenbedingte Ausfälle) oder Blasen-/Mastdarmstörung möglich
  • Lymphom/Leukämie (Lymphdrüsenkrebs/Blutkrebs) mit spinaler oder epiduraler Infiltration (Einwachsen in den Wirbelsäulen- oder Wirbelkanalbereich) – seltene, aber relevante Ursache radikulärer Schmerzen oder Rückenmark-/Cauda-Kompression (Druck auf Rückenmark oder Nervenwurzelfasern)
  • Metastasen (Tochtergeschwülste) – vertebral (die Wirbel betreffend), epidural, retroperitoneal oder pelvin; Red-Flag-Differentialdiagnose bei Tumoranamnese (Vorgeschichte mit Tumorerkrankung), Nachtschmerz, Ruheschmerz oder Gewichtsverlust
  • Multiples Myelom/Plasmozytom (Knochenmarkkrebs/Plasmazelltumor) – vertebrale Osteolysen (Knochenauflösungen), pathologische Frakturen (krankheitsbedingte Knochenbrüche) oder epidurale Raumforderung (Gewebevermehrung im Wirbelkanal) mit radikulärer Symptomatik möglich
  • Primäre Wirbelsäulen- oder Beckentumoren (ursprünglich von Wirbelsäule oder Becken ausgehende Geschwülste) – seltene Ursache lokaler und radikulärer Schmerzen
  • Retroperitoneale und pelvine Tumoren (hinter dem Bauchfell und im Becken gelegene Geschwülste) – können den Plexus lumbosacralis (Lenden-Kreuzbein-Nervengeflecht) oder den Nervus ischiadicus (Ischiasnerv) infiltrieren oder komprimieren (zusammendrücken)

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Cauda-equina-Syndrom (Druckschädigung der Nervenwurzelfasern am unteren Ende des Wirbelkanals) – Notfall bei beidseitiger Ischialgie (Ischiasschmerz), Reithosenanästhesie (Gefühlsstörung im Sitzbereich), Blasen-/Mastdarmstörung oder progredienter motorischer Schwäche
  • Funktionelle neurologische Störung/somatische Belastungsstörung (funktionelle Nervenstörung/körperbezogene Belastungsstörung) – Diagnose nur nach Ausschluss struktureller, infektiöser, vaskulärer und tumoröser Ursachen
  • Kompressionsneuropathie des Nervus peroneus communis (Druckschädigung des gemeinsamen Wadenbeinnervs) – Fußheberschwäche und sensible Störung am lateralen Unterschenkel/Fußrücken als Abgrenzung zur L5-Radikulopathie
  • Lumbosakrale Plexopathie (Schädigung des Lenden-Kreuzbein-Nervengeflechts) – Schmerzen, Paresen und Sensibilitätsstörungen über mehrere Nervenwurzelterritorien (Nervenwurzelgebiete); Ursachen können diabetisch, tumorös, postradiogen (nach Bestrahlung), traumatisch oder entzündlich sein
  • Meralgia paraesthetica (Nervenengpass am seitlichen Oberschenkelhautnerv) – Kompression des Nervus cutaneus femoris lateralis (seitlicher Oberschenkelhautnerv) mit brennendem lateralen Oberschenkelschmerz; Abgrenzung zur L2/L3-Radikulopathie
  • Nichtdiabetische Polyneuropathien (nicht durch Zuckerkrankheit bedingte Nervenschädigungen vieler Nerven) – distal-symmetrische neuropathische Beschwerden, meist nicht dermatombezogen
  • Periphere Läsion des Nervus ischiadicus (Schädigung des Ischiasnervs außerhalb des Wirbelkanals) – traumatisch, kompressiv (durch Druck), iatrogen (durch medizinische Maßnahmen verursacht) oder tumorbedingt; kann eine lumbale Radikulopathie imitieren
  • Spinaler Epiduralabszess (Eiteransammlung im Wirbelkanal) – Notfalldifferentialdiagnose bei Rückenschmerz, radikulären Schmerzen, neurologischem Defizit, Fieber oder Risikofaktoren wie Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder intravenösem Drogenkonsum
  • Spinales epidurales Hämatom (Bluterguss im Wirbelkanal) – akute radikuläre Schmerzen oder Querschnittssymptomatik (Beschwerden durch Rückenmarksschädigung), insbesondere bei Antikoagulation (Blutverdünnung), Koagulopathie, Trauma oder nach Interventionen (Eingriffen)

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Geburtshilfliche lumbosakrale Plexopathie (geburtsbedingte Schädigung des Lenden-Kreuzbein-Nervengeflechts) – seltene postpartale (nach der Geburt auftretende) Ursache von Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder Paresen im Bein
  • Schwangerschaftsassoziierter Beckengürtelschmerz (mit der Schwangerschaft verbundener Schmerz im Beckenring) – sakroiliakale (das Kreuz-Darmbein-Gelenk betreffende), symphysäre (die Schambeinfuge betreffende) oder lumbopelvine (Lenden-Becken-betreffende) Schmerzen mit möglicher pseudoradikulärer Ausstrahlung

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Adnexitis/Pelvic inflammatory disease (Eileiter-/Eierstockentzündung/entzündliche Beckenerkrankung) – Unterbauch-, Becken- und Rückenschmerz; gynäkologische Differentialdiagnose (frauenheilkundliche Abgrenzungsdiagnose) bei entsprechender Klinik
  • Endometriose (Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter) – zyklusabhängiger Becken-, Rücken- oder Beinschmerz; selten auch neurogene Symptomatik (nervenbedingte Beschwerden) bei pelviner Ausbreitung
  • Prostatitis (Prostataentzündung) – Becken-, Perineal- und Rückenschmerz mit urogenitalen Begleitsymptomen (Begleitsymptomen von Harn- und Geschlechtsorganen)
  • Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) – Flanken-/Rückenschmerz, Fieber und Harnwegsbeschwerden; keine echte Radikulopathie, aber wichtige klinische Abgrenzung
  • Ureterolithiasis (Harnleiterstein) – kolikartiger Flanken-/Rückenschmerz mit Ausstrahlung in Leiste oder Genitalregion

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Iatrogene Nervenwurzel-, Plexus- oder Ischiadicusläsion (durch medizinische Maßnahmen verursachte Schädigung von Nervenwurzel, Nervengeflecht oder Ischiasnerv) – nach Wirbelsäulen-, Becken-, Hüft-, Gefäß- oder gynäkologischen Eingriffen möglich
  • Injektionsbedingte Nervus-ischiadicus-Läsion (durch Spritze verursachte Schädigung des Ischiasnervs) – seltene Ursache akuter ischiasähnlicher Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder Paresen

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Becken-/Sakrumfraktur (Becken-/Kreuzbeinbruch) – traumatische Ursache von Gesäß-, Rücken- und Beinschmerz mit möglicher Plexus- oder Nervenwurzelbeteiligung
  • Hüftluxation/hüftnahe Fraktur (Hüftausrenkung/Knochenbruch nahe der Hüfte) – relevante traumatische Differentialdiagnose bei Gesäß-, Leisten- oder Oberschenkelschmerz
  • Lumbale Wirbelkörperfraktur (Wirbelkörperbruch im Lendenbereich) – nach adäquatem Trauma oder Bagatelltrauma bei Osteoporose; radikuläre Symptome bei Hinterkantenbeteiligung oder Einengung neuraler Strukturen (Nervenstrukturen)
  • Muskel-/Bandverletzung der Lenden-/Beckenregion – akuter lokaler oder pseudoradikulärer Schmerz nach Überlastung oder Trauma
  • Traumatische Nervenwurzel-, Plexus- oder Ischiadicusläsion – nach Becken-, Hüft- oder Wirbelsäulentrauma möglich

Medikamente

  • Antikoagulantien/Thrombozytenaggregationshemmer (blutgerinnungshemmende Medikamente/Blutplättchenhemmer) – erhöhen bei entsprechender Konstellation das Risiko spinaler epiduraler oder retroperitonealer Hämatome mit radikulärer Symptomatik
  • Glucocorticoide (Kortisonpräparate) – Langzeittherapie erhöht das Risiko osteoporotischer Wirbelkörper- und Sakruminsuffizienzfrakturen; außerdem mögliche Begünstigung einer epiduralen Lipomatose (Fettgewebsvermehrung im Wirbelkanal)