Achillessehnenschmerz (Achillodynie) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verminderung der Schmerzen und Verbesserung der belastungsabhängigen Funktion
- Wiederherstellung der Belastbarkeit der Achillessehne
- Schrittweise Wiederaufnahme der sportlichen beziehungsweise beruflichen Aktivität
Therapieempfehlungen
- Basistherapie (grundlegende Behandlung): Die Behandlung der ersten Wahl ist ein an die individuelle Belastbarkeit angepasstes, progressives Sehnenbelastungsprogramm über mindestens 12 Wochen. Medikamente sind allenfalls eine zeitlich begrenzte symptomatische Begleittherapie (zusätzliche Behandlung der Beschwerden) und ersetzen die aktive Rehabilitation nicht [1, 11, LL1, LL2].
- Paracetamol: Kann bei behandlungsbedürftigen Schmerzen kurzfristig erwogen werden, insbesondere wenn nicht-steroidale Antirheumatika (entzündungshemmende Schmerzmittel; NSAR) kontraindiziert sind (nicht angewendet werden dürfen). Eine spezifische Wirksamkeit bei Achillessehnen-Tendinopathie ist nicht durch kontrollierte Studien belegt; die Anwendung stellt eine Extrapolation aus der allgemeinen Schmerztherapie dar [1, 11, LL2, FI1].
- Nicht-steroidale Antirheumatika: Falls erforderlich, nur in der niedrigsten wirksamen Dosis und über den kürzestmöglichen Zeitraum anwenden. Randomisierte Studien zu Piroxicam, oralem Ibuprofen und topischem Diclofenac zeigten bei chronischer Achillessehnen-Tendinopathie keinen klinisch relevanten Zusatznutzen gegenüber Placebo. Ein krankheitsmodifizierender (den Krankheitsverlauf verändernder) oder sehnenheilender Effekt ist nicht belegt [2-4, LL2].
- Eine routinemäßige oder längerfristige NSAR-Therapie wird nicht empfohlen.
- Topisches Diclofenac wird aufgrund der negativen achillesspezifischen Studie nicht als regelhafte Behandlung der chronischen Achillessehnen-Tendinopathie empfohlen [4].
- Corticosteroidinjektionen: Keine routinemäßige Behandlung. Eine randomisierte Studie zeigte bei langjähriger Midportion-Achillessehnen-Tendinopathie einen klinisch relevanten Zusatznutzen einer ultraschallgesteuerten, peritendinösen (um die Sehne herum erfolgenden) Kortikosteroidinjektion in Kombination mit einem strukturierten Belastungsprogramm. Die Evidenz ist auf dieses selektierte Patientenkollektiv und das untersuchte Verfahren begrenzt [5].
- Eine Anwendung kommt allenfalls nach gesicherter Diagnose, unzureichendem Erfolg der Basistherapie und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung durch einen erfahrenen Arzt in Betracht.
- Im untersuchten Protokoll erfolgte die Injektion peritendinös anterior (vor der Sehne) und nicht intratendinös (in die Sehne hinein).
- Intratendinöse Kortikosteroidinjektionen sind wegen möglicher Sehnenschädigung beziehungsweise Ruptur zu vermeiden. Die ältere Gesamtevidenz reicht nicht für eine generelle Empfehlung von Injektionstherapien aus [5, 9, LL2].
- Lokalanästhetika (örtliche Betäubungsmittel): Für eine alleinige therapeutische Infiltration besteht kein belastbarer Wirksamkeitsnachweis. Ein Lokalanästhetikum kann Bestandteil eines spezifischen ultraschallgesteuerten Injektionsprotokolls sein, ist aber keine eigenständige, leitliniengerechte Therapie. Eine intratendinöse Injektion ist zu vermeiden [5, 9, LL2].
- Platelet-rich Plasma (plättchenreiches Plasma): PRP-Injektionen werden nicht empfohlen. Eine große randomisierte Studie sowie die aktuelle Meta-Analyse placebokontrollierter Studien zeigten weder einen klinisch relevanten noch einen bildmorphologischen (in bildgebenden Untersuchungen sichtbaren) Nutzen [6, 7, 9, LL2].
- High-volume-Injektionen: Eine High-volume-Injektion ohne Kortikosteroid zeigte gegenüber Placebo keinen Nutzen und wird nicht empfohlen [8, LL2].
- Glyceroltrinitrat: Topisches Glyceroltrinitrat zusätzlich zu einem exzentrischen Trainingsprogramm verbesserte die klinischen Ergebnisse in der NEAT-Studie nicht und wird nicht empfohlen [10].
- NeyChondrin®: In der systematischen Literatur- und Leitlinienrecherche fand sich kein kontrollierter klinischer Wirksamkeitsnachweis für Achillodynie beziehungsweise Achillessehnen-Tendinopathie. Eine Empfehlung kann daher nicht ausgesprochen werden [1, 9, 11, LL2].
Wirkstoffe zur symptomatischen Begleittherapie
| Wirkstoffgruppe | Wirkstoff | Besonderheiten |
| Nichtopioides Analgetikum (Schmerzmittel ohne Opioidwirkung) | Paracetamol | Nur kurzfristige symptomatische Anwendung; keine antiphlogistische (entzündungshemmende) oder sehnenheilende Wirkung. Bei Leber- oder Nierenfunktionsstörung (eingeschränkter Funktion von Leber oder Nieren), Gilbert-Syndrom (angeborene Störung des Leberstoffwechsels), chronischem Alkoholkonsum, Mangelernährung, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder KG unter 50 kg Dosisreduktion beziehungsweise Verlängerung des Dosierungsintervalls; ohne ärztliche Anweisung maximal 2.000 mg/d. Gleichzeitige Anwendung weiterer paracetamolhaltiger Arzneimittel vermeiden [FI1]. |
| Nicht-steroidales Antirheumatikum | Ibuprofen | Nur falls eine kurzfristige Analgesie (Schmerzlinderung) erforderlich ist; keine achillesspezifische Wirksamkeit belegt. Ohne ärztlichen Rat bei Schmerzen höchstens 4 Tage anwenden. Gastrointestinale (Magen und Darm betreffende), renale (die Nieren betreffende), kardiovaskuläre (Herz und Blutgefäße betreffende) und allergische Risiken sowie Wechselwirkungen beachten [2, 3, LL2, FI2]. |
Pharmakologische Hinweise und Sicherheit
- Paracetamol: Der analgetische (schmerzlindernde) und antipyretische (fiebersenkende) Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt; die periphere antiphlogistische Wirkung ist gering. Eine Überdosierung kann zu schwerer, potenziell tödlicher Hepatotoxizität (Leberschädigung) führen [FI1].
- Ibuprofen: Reversible Hemmung der Cyclooxygenasen (Enzyme der Prostaglandinbildung) und damit der Prostaglandinsynthese (Bildung schmerz- und entzündungsvermittelnder Botenstoffe). Mögliche Nebenwirkungen umfassen insbesondere Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), Ulzera (Geschwüre), gastrointestinale Blutungen, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung), Blutdruckanstieg, Nierenfunktionsstörungen und Überempfindlichkeitsreaktionen (allergieähnliche Reaktionen) [FI2].
- Risikokonstellationen: NSAR sind unter anderem bei aktiven oder rezidivierenden (wiederkehrenden) peptischen Ulzera (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren) beziehungsweise Blutungen, schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung, schwerer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und früheren NSAR-induzierten Überempfindlichkeitsreaktionen kontraindiziert. Die gleichzeitige Einnahme verschiedener NSAR ist zu vermeiden [FI2].
- Schwangerschaft: Systemische (im ganzen Körper wirkende) NSAR ab der 20. Schwangerschaftswoche nur anwenden, wenn dies klinisch erforderlich ist, und dann in niedrigster Dosis über den kürzestmöglichen Zeitraum. Im dritten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) sind sie kontraindiziert [B1, FI2].
- Fluorchinolone: Fluorchinolon-Antibiotika können Tendinitis (Sehnenentzündung) und Sehnenrupturen verursachen. Das Risiko ist insbesondere im höheren Lebensalter, bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), nach Organtransplantation und bei gleichzeitiger Kortikosteroidtherapie erhöht. Bei neu auftretenden Sehnenschmerzen oder Schwellung ist die betroffene Region zu entlasten und die antibiotische Behandlung unverzüglich ärztlich zu überprüfen [B2].
Beachte: Eine medikamentöse Schmerzlinderung darf nicht dazu führen, dass die Sehne vorzeitig wieder hoch belastet wird. Bei plötzlich einsetzendem Schmerz, Knall- oder Peitschenhiebgefühl, Kraftverlust, tastbarer Kontinuitätsunterbrechung (fühlbare Lücke im Sehnenverlauf) oder positivem Thompson-Test ist eine Achillessehnenruptur umgehend auszuschließen.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Sehnen, Bändern und Faszien sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)) [komplementäre Maßnahme]
- Aminosäuren: L-Arginin
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Curcumin, Bromelain aus Ananas-Extrakt)
- Weitere Vitalstoffe (Chondroitinsulfat, Glucosaminsulfat, gemischte Polyphenole, Kollagene, L-Arginin)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- B – behördliche und regulatorische Quelle
- DHA – Docosahexaensäure
- EMA – European Medicines Agency
- EPA – Eicosapentaensäure
- FI – Fachinformation
- GTN – Glyceroltrinitrat
- KG – Körpergewicht
- LL – Leitlinie
- MHRA – Medicines and Healthcare products Regulatory Agency
- NEAT – Bezeichnung der zitierten Studie zu Glyceroltrinitrat
- NSAR – nicht-steroidale Antirheumatika
- PRP – Platelet-rich Plasma
Literatur
- van der Vlist AC, Winters M, Weir A et al.: Which treatment is most effective for patients with Achilles tendinopathy? A living systematic review with network meta-analysis of 29 randomised controlled trials. Br J Sports Med 2021;55(5):249-256. doi:10.1136/bjsports-2019-101872
- Åström M, Westlin N: No effect of piroxicam on achilles tendinopathy. A randomized study of 70 patients. Acta Orthop Scand 1992;63(6):631-634. doi:10.1080/17453679209169724
- Heinemeier KM, Øhlenschlæger TF, Mikkelsen UR et al.: Effects of anti-inflammatory (NSAID) treatment on human tendinopathic tissue. J Appl Physiol 2017;123(5):1397-1405. doi:10.1152/japplphysiol.00281.2017
- Bussin E, Cairns B, Gerschman T et al.: Topical diclofenac vs placebo for the treatment of chronic Achilles tendinopathy: A randomized controlled clinical trial. PLoS One 2021;16(3):e0247663. doi:10.1371/journal.pone.0247663
- Johannsen F, Olesen JL, Øhlenschläger TF et al.: Effect of Ultrasonography-Guided Corticosteroid Injection vs Placebo Added to Exercise Therapy for Achilles Tendinopathy: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open 2022;5(7):e2219661. doi:10.1001/jamanetworkopen.2022.19661
- Kearney RS, Ji C, Warwick J et al.: Effect of Platelet-Rich Plasma Injection vs Sham Injection on Tendon Dysfunction in Patients With Chronic Midportion Achilles Tendinopathy: A Randomized Clinical Trial. JAMA 2021;326(2):137-144. doi:10.1001/jama.2021.6986
- Assi A, Hamyeh A, Mohanna R et al.: Platelet-rich plasma vs. placebo injections in achilles tendinopathy: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Foot Ankle Surg. 2026 Apr 15:S1067-2516(26)00101-8. doi:10.1053/j.jfas.2026.04.005
- van der Vlist AC, van Oosterom RF, van Veldhoven PLJ et al.: Effectiveness of a high volume injection as treatment for chronic Achilles tendinopathy: randomised controlled trial. BMJ 2020;370:m3027. doi:10.1136/bmj.m3027
- Kearney RS, Parsons N, Metcalfe D, Costa ML: Injection therapies for Achilles tendinopathy. Cochrane Database Syst Rev 2015;(5):CD010960. doi:10.1002/14651858.CD010960.pub2
- Kirwan PD, Duffy T, French HP: Topical glyceryl trinitrate (GTN) and eccentric exercises in the treatment of mid-portion achilles tendinopathy (the NEAT trial): a randomised double-blind placebo-controlled trial. Br J Sports Med 2024;58(18):1035-1043. doi:10.1136/bjsports-2023-108043
- Judd A, Wild K, Puxley L, Barker-Davies R: UK defence rehabilitation review of Achilles and patellar tendinopathy conservative management: a systematic review. BMJ Mil Health 2026;172(2):107-114. doi:10.1136/military-2024-002892
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Chimenti RL, Neville C, Houck J et al.: Achilles Pain, Stiffness, and Muscle Power Deficits: Midportion Achilles Tendinopathy Revision - 2024. J Orthop Sports Phys Ther 2024;54(12):CPG1-CPG32. doi:10.2519/jospt.2024.0302 [LL1]
- de Vos RJ, van der Vlist AC, Zwerver J et al.: Dutch multidisciplinary guideline on Achilles tendinopathy. Br J Sports Med 2021;55(20):1125-1134. doi:10.1136/bjsports-2020-103867 [LL2]
Eine aktuelle AWMF-Leitlinie zur Achillessehnen-Tendinopathie liegt nicht vor (Recherche: September 2026).
Behördliche und regulatorische Quellen
- Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA): Non-steroidal anti-inflammatory drugs (NSAIDs): potential risks following prolonged use after 20 weeks of pregnancy. Drug Safety Update, 27 June 2023. [B1]
- European Medicines Agency (EMA): Fluoroquinolone antibiotics: reminder of measures to reduce the risk of long-lasting, disabling and potentially irreversible side effects. 12 May 2023. [B2]
Fachinformationen
- Fachinformation ben-u-ron® 500 mg Tabletten, bene-Arzneimittel GmbH, Stand Januar 2025. [FI1]
- Fachinformation IBU-ratiopharm® 400 mg akut Schmerztabletten, ratiopharm GmbH, Stand Juni 2026. [FI2]