Sterilität des Mannes – Differentialdiagnosen
Differenzialdiagnostisch ist bei einer männlichen Infertilität (eingeschränkten männlichen Fruchtbarkeit) zwischen kongenitalen und genetischen, endokrinen, vaskulären, infektiösen, neoplastischen, sexuellen und ejakulatorischen, testikulären, posttestikulär obstruktiven, immunologischen, iatrogenen, medikamentösen sowie umweltbedingten Ursachen zu unterscheiden. Beide Partner sollen grundsätzlich simultan abgeklärt werden [1-4, LL1-LL3]. Die Zuordnung zu den Krankheitskapiteln erfolgt nach ICD-10-GM 2026 [LL5].
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Angeborene Anorchie (angeborenes Fehlen der Hoden) – bilaterales Fehlen funktionsfähigen Hodengewebes mit primärem Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) und Infertilität [1, 4, LL1]
- Angeborene Aplasie bzw. Atresie des Ductus deferens (angeborenes Fehlen bzw. angeborener Verschluss des Samenleiters) (CUAVD/CBAVD) – insbesondere bei Azoospermie (Fehlen von Spermien im Ejakulat), niedrigem Ejakulatvolumen und saurem Ejakulat zu berücksichtigen; CBAVD ist häufig mit pathogenen CFTR-Varianten assoziiert [1, 2, 4, LL1, LL3]
- Chromosomale Strukturaberrationen (strukturelle Veränderungen der Chromosomen) – insbesondere balancierte reziproke bzw. Robertson-Translokationen und andere strukturelle Chromosomenveränderungen; gehäuft bei Azoospermie und schwerer Oligozoospermie (verminderter Spermienzahl) [1, 2, 4, LL1, LL3]
- Klinefelter-Syndrom (angeborene Geschlechtschromosomenstörung) – häufigste numerische Geschlechtschromosomenanomalie bei infertilen Männern; typischerweise hypergonadotroper Hypogonadismus (primäre Hodenunterfunktion) mit schwerer Oligozoospermie bzw. nichtobstruktiver Azoospermie [1, 2, 4, LL1, LL3]
- Kryptorchidismus/Maldeszensus testis (Hodenhochstand) – unilateraler bzw. bilateraler Hodenhochstand mit erhöhtem Risiko einer späteren Störung der Spermatogenese (Spermienbildung); bei bilateraler Erkrankung ist die Fertilitätsbeeinträchtigung ausgeprägter [1, 4, LL1]
- Mikrodeletionen des Y-Chromosoms im Bereich der AZF-Regionen (Verlust kleiner Abschnitte des Y-Chromosoms) – wichtige genetische Ursache insbesondere der nichtobstruktiven Azoospermie und sehr schweren Oligozoospermie; komplette AZFa- und AZFb-Deletionen sind mit praktisch fehlender Wahrscheinlichkeit einer operativen Spermiengewinnung verbunden, während bei AZFc-Deletionen eine Spermiengewinnung möglich sein kann [1, 2, 6, LL1, LL3]
- Primäre ziliäre Dyskinesie (angeborene Funktionsstörung der Flimmerhärchen) – genetisch heterogene Funktionsstörung motiler Zilien und des Spermienflagellums mit ausgeprägter Asthenozoospermie (verminderter Spermienbeweglichkeit) bis zur vollständigen Spermienimmotilität; insbesondere bei chronischer respiratorischer Symptomatik, Bronchiektasen (dauerhaften Erweiterungen der Bronchien) oder Situsanomalien (abweichender Lage innerer Organe) zu berücksichtigen [5]
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Adipositas (Fettleibigkeit) – mit sekundärem Hypogonadismus und ungünstigeren Samenparametern assoziierter modifizierbarer Fertilitätsfaktor [1, 3, 4, LL1, LL2]
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – mögliche Fertilitätsbeeinträchtigung insbesondere durch autonome Neuropathie (Schädigung unwillkürlich arbeitender Nerven) mit Ejakulationsstörung (Störung des Samenergusses), erektile Dysfunktion (Erektionsstörung) und assoziierte metabolisch-endokrine Störungen [1, 4, LL1]
- Hypergonadotroper Hypogonadismus – primäre testikuläre Funktionsstörung mit beeinträchtigter Spermatogenese; insbesondere bei erhöhtem FSH/LH und vermindertem Hodenvolumen zu berücksichtigen [1, 2, 4, LL1, LL3]
- Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel) – Suppression der gonadotropen Achse mit sekundärem Hypogonadismus (zentral bedingter Hodenunterfunktion), Libidoverlust (vermindertem sexuellem Verlangen) und möglicher Beeinträchtigung der Spermatogenese [1, 4, LL1]
- Hypogonadotroper Hypogonadismus – angeborene oder erworbene hypothalamische bzw. hypophysäre Störung mit vermindertem oder inadäquat normalem FSH/LH und beeinträchtigter Spermatogenese [1, 2, 4, LL1, LL3]
- Kallmann-Syndrom (angeborene Störung der Hormonsteuerung mit vermindertem Geruchssinn) – kongenitaler hypogonadotroper Hypogonadismus, typischerweise mit Anosmie (fehlendem Geruchssinn) bzw. Hyposmie (vermindertem Geruchssinn); mögliche Ursache einer ausgeprägten Spermatogenesestörung bis zur Azoospermie [1, 4, LL1]
- Mukoviszidose (zystische Fibrose) bzw. CFTR-assoziierte Erkrankung – männliche Infertilität insbesondere durch kongenitale bilaterale Aplasie des Ductus deferens mit obstruktiver Azoospermie (Fehlen von Spermien im Ejakulat durch Verschluss der Samenwege) [1, 2, 4, LL1, LL3]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Varikozele (Krampfadern des Hodens) – klinische Varikozele als potenziell behandelbare Ursache bzw. Kofaktor einer eingeschränkten Spermatogenese; insbesondere bei pathologischen Samenparametern und ansonsten ungeklärtem männlichem Fertilitätsfaktor zu berücksichtigen [1, 3, 4, LL1, LL2]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Mumpsorchitis (Hodenentzündung bei Mumps) – insbesondere nach postpubertärer bilateraler Orchitis (Hodenentzündung) mögliche Schädigung des Keimepithels mit Hodenatrophie (Schrumpfung des Hodens) und persistierender Einschränkung der Spermatogenese [4, 7]
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Hodentumor (Hodenkrebs) – testikuläre Keimzelltumoren (Tumoren der spermienbildenden Zellen) können bereits vor einer onkologischen Therapie mit beeinträchtigten Samenparametern bis zur Azoospermie einhergehen; bei suspektem klinischem bzw. sonographischem Befund auszuschließen [1, 4, LL1]
- Hypophysenadenom (gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse), insbesondere Prolaktinom (prolaktinbildender Tumor der Hirnanhangsdrüse) – mögliche Ursache einer Hyperprolaktinämie mit Suppression der gonadotropen Achse, sekundärem Hypogonadismus und beeinträchtigter Spermatogenese [1, 4, LL1]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Psychogene Erektions- bzw. Ejakulationsstörung (seelisch bedingte Erektions- bzw. Samenergussstörung) – mögliche funktionelle Ursache einer Infertilität bei ausbleibender ausreichender vaginaler Penetration oder fehlender intravaginaler Ejakulation; von organischen, neurologischen, endokrinen, medikamentösen und iatrogenen Ursachen abzugrenzen [1, 4, LL1]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Epididymitis/Epididymoorchitis (Nebenhodenentzündung/Nebenhoden-Hoden-Entzündung) – insbesondere nach bilateraler Epididymitis mögliche Stenosierung (Verengung) der Nebenhodengänge mit Oligozoospermie bzw. Azoospermie; ein genereller kausaler Zusammenhang unkomplizierter genitaler Infektionen mit eingeschränkter natürlicher Konzeption ist dagegen nicht ausreichend belegt [1, LL1]
- Erektile Dysfunktion organischen Ursprungs – mögliche funktionelle Ursache einer Infertilität bei fehlender oder unzureichender vaginaler Penetration bzw. fehlender intravaginaler Ejakulation [1, 4, LL1]
- Hodentorsion (Hodenverdrehung) – mögliche erworbene testikuläre Schädigung nach Ischämie (Mangeldurchblutung) mit Hodenatrophie und eingeschränkter Spermatogenese, insbesondere nach schwerer oder bilateraler Schädigung [1, 4, LL1]
- Idiopathische männliche Infertilität (männliche Fruchtbarkeitsstörung ohne nachweisbare Ursache) – pathologische Samenparameter bei unauffälliger Anamnese und körperlicher Untersuchung sowie ohne nachweisbare endokrine, genetische, infektiöse, anatomische oder sonstige definierte Ursache nach vollständiger andrologischer Abklärung [1, 4, LL1]
- Immunologisch bedingte Infertilität mit Spermienautoantikörpern (durch Abwehrreaktionen gegen eigene Spermien bedingte Fruchtbarkeitsstörung) – nach Störung der Blut-Hoden-Schranke möglich und als immunologischer Fertilitätsfaktor beschrieben; eine routinemäßige Testung auf Spermienautoantikörper gehört jedoch nicht zur initialen Abklärung der männlichen Infertilität [1, 8, LL1, LL3]
- Obstruktion der ableitenden Samenwege (Verschluss der Samenwege) – intratestikuläre, epididymale, vasale oder distale Obstruktion der Ductus ejaculatorii; angeboren, postinflammatorisch, posttraumatisch oder iatrogen möglich und insbesondere bei Azoospermie abzugrenzen [1, 2, 4, LL1, LL3]
- Ungeklärte männliche Infertilität (männliche Fruchtbarkeitsstörung unklarer Ursache) – ausbleibende Schwangerschaft bei normalen Samenparametern und ohne identifizierbaren männlichen Fertilitätsfaktor nach adäquater Abklärung sowie ohne nachweisbaren relevanten Fertilitätsfaktor der Partnerin [1, 3, LL1, LL2]
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Iatrogene Obstruktion der ableitenden Samenwege (durch medizinische Maßnahmen verursachter Verschluss der Samenwege) – insbesondere nach Vasektomie (Durchtrennung der Samenleiter zur Empfängnisverhütung), Leistenhernienoperation, Orchidopexie (operative Verlagerung und Fixierung des Hodens im Hodensack), Hydrozeleoperation oder anderen inguinalen bzw. skrotalen Eingriffen [1, LL1]
- Iatrogene Schädigung autonomer Nerven (durch medizinische Maßnahmen verursachte Schädigung unwillkürlich arbeitender Nerven) – insbesondere nach retroperitonealen oder pelvinen Eingriffen mit konsekutiver Anejakulation (Ausbleiben des Samenergusses) bzw. retrograder Ejakulation (Samenerguss in die Harnblase) [1, LL1]
- Strahlentherapie (Bestrahlungsbehandlung) – abhängig von Lokalisation und Gonadendosis vorübergehende oder permanente Schädigung der Spermatogenese möglich [1, 4, LL1]
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Hodentrauma (Hodenverletzung) – mögliche Schädigung des Keimepithels bzw. Verlust funktionsfähigen Hodengewebes nach schwerem unilateralem oder bilateralem Trauma [1, 4, LL1]
- Rückenmarkverletzung (Verletzung des Rückenmarks) – mögliche Infertilität insbesondere durch neurogene Erektions- und Ejakulationsstörungen sowie teilweise zusätzlich beeinträchtigte Samenqualität [LL1]
Medikamente
- Anabole androgene Steroide bzw. exogene Testosteronzufuhr – Suppression der hypothalamischen, hypophysären und gonadalen Achse mit Abnahme der intratestikulären Testosteronkonzentration und Beeinträchtigung der Spermatogenese bis zur Azoospermie; eine Testosterontherapie ist bei aktuellem Kinderwunsch kontraindiziert [1, 4, LL1, LL3]
- Gonadotoxische Chemotherapie (keimzellschädigende Krebsmedikamentenbehandlung) – substanz- und dosisabhängige vorübergehende oder permanente Schädigung der Spermatogenese, insbesondere durch alkylierende Substanzen [1, 4, LL1, LL3]
- Medikamentös induzierte Ejakulationsstörung (durch Medikamente verursachte Samenergussstörung) – insbesondere unter α1-Adrenozeptorantagonisten, Antidepressiva, Antipsychotika und weiteren die sympathische bzw. zentrale Ejakulationssteuerung beeinflussenden Arzneimitteln als Ursache einer Anejakulation, verzögerten oder retrograden Ejakulation zu berücksichtigen [LL1]
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Chronisch hoher Alkoholkonsum – mit ungünstigeren Samenparametern und hormonellen Veränderungen assoziierter modifizierbarer Fertilitätsfaktor; für moderaten Konsum ist die Evidenz weniger konsistent [1, 3, LL1, LL2]
- Nikotinkonsum – mit einer Verschlechterung konventioneller Samenparameter assoziierter modifizierbarer Fertilitätsfaktor [1, 3, 9, LL1, LL2]
- Umwelt- bzw. Berufsexposition gegenüber gonadotoxischen Noxen (Belastung durch keimzellschädigende Umwelt- bzw. Arbeitsstoffe) – Exposition gegenüber reproduktionstoxischen Substanzen ist anamnestisch zu erfassen; hierzu zählen insbesondere bestimmte Pestizide, Schwermetalle, organische Lösungsmittel und endokrin wirksame Umweltchemikalien, wobei die individuelle Kausalzuordnung häufig nicht sicher möglich ist [1, 3, LL1, LL2]
Oligozoospermie, Asthenozoospermie, Teratozoospermie (erhöhter Anteil fehlgeformter Spermien), Oligoasthenoteratozoospermie (verminderte Zahl, Beweglichkeit und normale Form der Spermien), Cryptozoospermie (nur sehr wenige nachweisbare Spermien) und Azoospermie sind primär spermiologische Befundkonstellationen und keine ätiologischen Differenzialdiagnosen. Sie dienen der weiteren ursachenorientierten diagnostischen Stratifizierung. Bei Azoospermie ist insbesondere zwischen obstruktiver und nichtobstruktiver Azoospermie zu differenzieren [1, 2, LL1, LL3, LL4]. Ebenso sind Anejakulation und retrograde Ejakulation zunächst funktionelle Befundkonstellationen; entscheidend ist die Zuordnung zur zugrunde liegenden neurologischen, endokrinen, medikamentösen oder iatrogenen Ursache.
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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