Hodenentzündung (Orchitis) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Orchitis (Hodenentzündung) mitbedingt sein können:
Einordnung – Die Evidenz zu Folgeerkrankungen ist für die isolierte Orchitis begrenzt. Belastbar ist sie vor allem für die postpubertäre (nach der Pubertät auftretende) Mumps-Orchitis (Hodenentzündung bei Mumps) sowie für die bakterielle (durch Bakterien verursachte) bzw. STI (sexuell übertragbare Infektion)-assoziierte Epididymitis (Nebenhodenentzündung)/Epididymo-Orchitis (Nebenhoden- und Hodenentzündung). Komplikationen, deren Evidenz primär aus Daten zur Epididymo-Orchitis stammt, sind daher ausdrücklich als solche gekennzeichnet.
Endokrine (hormonelle), Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Primärer Hypogonadismus (Unterfunktion der Hoden mit verminderter Testosteronbildung) – seltene Folge, v. a. bei bilateraler (beidseitiger) schwerer Orchitis mit testikulärer Atrophie (Gewebeschwund des Hodens) bzw. ausgedehnter Parenchymschädigung (Schädigung des Hodengewebes); die Evidenz ist vor allem für postpubertäre Mumps-Orchitis plausibel, aber klinisch nicht für jede isolierte Orchitis gesichert [1, 2, 5]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Skrotalabszess (Eiteransammlung im Hodensack) bzw. intratestikulärer Abszess (Eiteransammlung im Hoden) – seltene, aber schwere Komplikation der akuten bakteriellen Epididymo-Orchitis; für die isolierte Orchitis nur eingeschränkt belegt [3, LL 1, LL 2, LL 3]
- Urosepsis (Blutvergiftung ausgehend von den Harnwegen) bzw. systemische (den ganzen Körper betreffende) Infektion – seltene schwere Komplikation, vor allem bei uropathogenassoziierter (mit Harnwegserregern verbundener) Epididymo-Orchitis, Obstruktion (Abflussbehinderung), urologischer Instrumentierung (urologischem Eingriff mit Instrumenten), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder Immunsuppression (Schwächung des Immunsystems); nicht als typische Folge einer unkomplizierten isolierten Orchitis zu werten [LL 1, LL 3]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Chronische Orchialgie (langanhaltender Hodenschmerz) bzw. chronischer Skrotalschmerz (langanhaltender Schmerz im Hodensack) – mögliche Folge nach Epididymitis/Epididymo-Orchitis; die Evidenz bezieht sich überwiegend auf Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis und nicht auf die isolierte Orchitis [LL 3]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Epididymo-Orchitis – häufige Begleit- bzw. Ausbreitungsmanifestation, da bakterielle Hodenbeteiligung klinisch meist im Rahmen einer Epididymitis/Epididymo-Orchitis auftritt; isolierte Orchitis ist eher viral (durch Viren verursacht), klassisch bei Mumps [1, LL 1, LL 2, LL 3]
- Reaktive Hydrozele (Flüssigkeitsansammlung um den Hoden) bzw. Pyozele (Eiteransammlung in den Hodenhüllen) – als Begleitbefund/Komplikation der akuten Epididymitis/Epididymo-Orchitis beschrieben; nicht als spezifische Spätfolge einer isolierten Orchitis zu werten [LL 2, LL 3]
- Hodeninfarkt (Durchblutungsstörung mit Absterben von Hodengewebe) bzw. Hodennekrose (Absterben von Hodengewebe) – seltene, schwerwiegende Komplikation der komplizierten Epididymo-Orchitis mit möglichem Hodenverlust; für isolierte Orchitis nur kasuistisch (in Einzelfallberichten) bzw. indirekt belegt [3, LL 1, LL 2, LL 3]
- Hodenatrophie – relevante Folge vor allem nach postpubertärer Mumps-Orchitis; auch nach schwerer Epididymo-Orchitis mit Hodenverlust/Atrophie beschrieben, jedoch ist die mumpsassoziierte Evidenz spezifischer [1-3, 5]
- Spermatogenesestörung (Störung der Spermienbildung) – Oligozoospermie (verminderte Spermienzahl), Asthenozoospermie (verminderte Spermienbeweglichkeit) bis Azoospermie (Fehlen von Spermien im Ejakulat); am besten belegt nach postpubertärer Mumps-Orchitis, während Daten nach bakterieller Epididymitis/Epididymo-Orchitis heterogener sind und teils reversible (rückbildungsfähige) Veränderungen zeigen [1, 4-6, LL 1, LL 4]
- Azoospermie – seltene, klinisch relevante Folgekonstellation, v. a. bei bilateraler schwerer Mumps-Orchitis oder bei narbiger Nebenhoden-/Samenwegsobstruktion (Verengung oder Verschluss der Nebenhoden-/Samenwege durch Narbenbildung) nach rezidivierender (wiederkehrender) bzw. chronischer Epididymitis/Epididymo-Orchitis; nicht als typische Folge einer unkomplizierten einseitigen isolierten Orchitis zu werten [1, 4-6, LL 4]
- Männliche Fertilitätsstörung (Störung der männlichen Fruchtbarkeit) bzw. Sterilität (Unfruchtbarkeit) – klinisch relevant v. a. bei bilateraler postpubertärer Mumps-Orchitis, Hodenatrophie, abszedierender (mit Abszessbildung einhergehender) bzw. infarzierender (mit einem Durchblutungsinfarkt einhergehender) Epididymo-Orchitis oder vorbestehender testikulärer Vorschädigung; bei unilateraler (einseitiger) Orchitis ist eher Subfertilität (eingeschränkte Fruchtbarkeit) als definitive Sterilität anzunehmen [1-6, LL 4]
Prognosefaktoren
- Bilaterale Orchitis – erhöhtes Risiko für persistierende (anhaltende) Spermatogenesestörung, Azoospermie und Fertilitätsstörung, besonders bei postpubertärer Mumps-Orchitis [1, 2, 5]
- Postpubertäre Mumps-Orchitis – stärkere Evidenz für Hodenatrophie und Fertilitätsfolgen als bei unkomplizierten bakteriellen Verlaufsformen [1, 2, 5]
- Sonographische (im Ultraschall erkennbare) Hodenatrophie oder Volumenminderung (Größenabnahme) – ungünstiger Marker für testikuläre Funktion und Spermienparameter (Spermienwerte) [2]
- Abszess, Infarkt oder reduzierte testikuläre Perfusion (Durchblutung des Hodens) – Risikokonstellation für operative Intervention (operativen Eingriff), Hodenverlust und persistierende Funktionseinschränkung; Evidenz vor allem aus Epididymo-Orchitis-Daten [3, LL 1, LL 2, LL 3]
- Uropathogenassoziierte Epididymo-Orchitis – höheres Risiko für komplizierte Verläufe als bei unkomplizierter STI-assoziierter Epididymitis, insbesondere bei Obstruktion oder Instrumentierung [LL 1, LL 3]
- Diabetes mellitus, Immunsuppression, obstruktive Uropathie (Harnabflussstörung) oder urologische Instrumentierung – erhöhtes Risiko für schweren Verlauf, systemische Infektion und Hospitalisierung (Krankenhausaufnahme) [LL 1, LL 3]
- Fehlende klinische Besserung innerhalb von 48-72 Stunden – Anlass zur erneuten urologischen Beurteilung inkl. Doppler-Sonographie (Ultraschalluntersuchung der Durchblutung) zum Ausschluss von Abszess, Infarkt, Hodentorsion (Hodenverdrehung) oder alternativer Diagnose [LL 1, LL 3]
- Vorbestehende Subfertilität, kontralaterale (gegenseitige) testikuläre Vorschädigung oder Einzelhoden – erhöhtes klinisches Gewicht selbst einseitiger Orchitis- bzw. Epididymo-Orchitis-Folgen [LL 4]
Literatur
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- Prasanth C, Vickram AS, Bharath S, Sowndharya BB, Muthu CMM, Chopra H: Viral orchitis and male infertility: A comprehensive review of pathogenic mechanisms and outcomes. J Reprod Immunol. 2026;175:104910. doi: 10.1016/j.jri.2026.104910
- Pilatz A, Lochnit G, Karnati S, Paradowska-Dogan A, Lang T, Schultheiss D et al.: Acute epididymitis induces alterations in sperm protein composition. Fertil Steril. 2014;101(6):1609-1617.e1-5. doi: 10.1016/j.fertnstert.2014.03.011
Leitlinien
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Infections. Limited Update March 2026. Leitlinie
- Justice ED, Fricker J, Ross JDC, Kopa Z, Skerlev M, Patel R: The 2024 European guideline on the management of epididymo-orchitis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2026;40(2):166-173. doi: 10.1111/jdv.20865
- Centers for Disease Control and Prevention: Epididymitis. In: Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines, 2021. Leitlinie
- American Urological Association; American Society for Reproductive Medicine: Diagnosis and Treatment of Infertility in Men: AUA/ASRM Guideline. 2020; amended 2024. Leitlinie