Yersiniose – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Yersiniose (Yersinien-Infektion) mitbedingt sein können:

Hinweis zur Evidenz: Am besten belegt sind die reaktive Arthritis (Gelenkentzündung nach Infektion) und das Erythema nodosum (Knotenrose). Invasive Komplikationen wie Bakteriämie/Sepsis (Bakterien im Blut/Blutvergiftung), Leber-/Milzabszesse (Eiteransammlungen in Leber und Milz), Endokarditis (Herzinnenhautentzündung), infiziertes Aneurysma (entzündete Gefäßaussackung), septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung) und Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung) sind selten bis sehr selten; die Evidenz beruht hier überwiegend auf Leitlinie, systematischen Fallübersichten, Fallserien und Fallberichten [1-7, LL1].

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Uveitis anterior (vordere Entzündung der mittleren Augenhaut) – seltene extraintestinale (außerhalb des Darms auftretende) bzw. immunreaktive (durch eine Immunreaktion bedingte) Manifestation (Krankheitserscheinung); leitlinienbasiert als Yersinien-assoziierte (mit Yersinien zusammenhängende) Komplikation beschrieben, vor allem im Kontext einer reaktiven Arthritis bzw. Spondyloarthritis (entzündliche Wirbelsäulen-/Gelenkerkrankung) zu berücksichtigen [LL1]

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Hämolytische Anämie (Blutarmut durch Zerfall roter Blutkörperchen) – seltene immunvermittelte (durch das Immunsystem vermittelte) extraintestinale Komplikation; leitlinienbasiert beschrieben, populationsbezogene Risikozahlen fehlen [LL1]
  • Milzabszess – sehr seltene fokale (örtlich begrenzte) Manifestation einer disseminierten Yersiniose (im Körper ausgebreiteten Yersinien-Infektion) bzw. Sepsis; insbesondere bei Eisenüberladung (zu hoher Eisenspeicherung), Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit), Leberzirrhose (Leberschrumpfung) oder Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) beschrieben [6, LL1]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Erythema nodosum – immunreaktive Pannikulitis (Entzündung des Unterhautfettgewebes) nach Yersinia-enterocolitica-Infektion (Infektion mit dem Bakterium Yersinia enterocolitica); typischerweise schmerzhafte, erythematöse (gerötete) bis livide (bläulich-rote) Knoten, bevorzugt an den Streckseiten der Unterschenkel; in einer deutschen populationsbasierten Studie bei 3 % der Yersiniose-Fälle gegenüber 0,1 % der Referenzpersonen berichtet, Häufigkeit abhängig von Kollektiv und Falldefinition [2, LL1]

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Endokarditis – sehr seltene invasive Komplikation durch Yersinia-Spezies (Yersinia-Arten); systematische Fallübersicht mit 12 publizierten Fällen, daher nur bei Yersinien-Bakteriämie, Fieber, Emboliezeichen (Hinweise auf einen Gefäßverschluss durch verschlepptes Material) oder kardialer Risikokonstellation (das Herz betreffende Risikosituation) zu berücksichtigen [4]
  • Infiziertes Aneurysma bzw. mykotisches Aneurysma (infektionsbedingte Gefäßaussackung) – sehr seltene, potenziell lebensbedrohliche Komplikation bei Yersinia-enterocolitica-Septikämie (Blutvergiftung durch Yersinia enterocolitica); vor allem bei vorbestehender Gefäßpathologie (Gefäßerkrankung), abdominalem Aortenaneurysma (Aussackung der Hauptschlagader im Bauchraum) oder kardiovaskulären Risikofaktoren (Herz-Kreislauf-Risikofaktoren) fallbasiert beschrieben [7]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Bakteriämie/Sepsis – seltene, aber schwere Komplikation; bei Säuglingen unter 3 Monaten, Yersinia pseudotuberculosis (Yersinien-Bakterienart Yersinia pseudotuberculosis), Eisenüberladung, Hämochromatose, Leberzirrhose, Immunsuppression oder schwerer/protrahierter Symptomatik (schwerer/länger anhaltender Beschwerden) besonders relevant; bei Bakteriämie/Sepsis leitliniengerecht antimikrobiell (gegen Krankheitserreger gerichtet) zu behandeln [6, LL1]
  • Disseminierte Yersiniose – systemische Streuung (Ausbreitung im Körper) mit fokalen Organmanifestationen (örtlich begrenzten Krankheitserscheinungen an Organen), insbesondere Leber- und Milzabszessen; sehr selten, aber prognostisch relevant (für den Krankheitsverlauf bedeutsam) bei Eisenüberladung, Hämochromatose, Leberzirrhose und Immunsuppression [6, LL1]

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Leberabszess – seltene fokale Manifestation einer invasiven Yersinia-enterocolitica-Infektion; in einer Fallserie mit Literaturreview waren Yersinien-Leberabszesse besonders häufig mit Hämochromatose bzw. Eisenüberladung assoziiert [6, LL1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Intestinale Blutung (Darmblutung) – seltene Komplikation der Yersinienenterokolitis (Dünn-/Dickdarmentzündung durch Yersinien) bzw. terminalen Ileitis (Entzündung des letzten Dünndarmabschnitts); leitlinienbasiert beschrieben [LL1]
  • Invagination (Darmeinstülpung) – seltene intestinale Komplikation, insbesondere im pädiatrischen Kontext (kinderheilkundlichen Zusammenhang) bei lymphatischer Beteiligung (Beteiligung des Lymphsystems) des terminalen Ileums (letzten Dünndarmabschnitts) bzw. der ileozökalen Region (Übergang von Dünn- zu Dickdarm) beschrieben [LL1]
  • Ileumperforation (Dünndarmdurchbruch) – seltene schwere Komplikation bei ausgeprägter terminaler Ileitis bzw. schwerem invasivem Verlauf [LL1]
  • Mesenteriale Lymphadenitis/terminale Ileitis mit Pseudoappendizitis (Lymphknotenentzündung im Gekröse/Entzündung des letzten Dünndarmabschnitts mit scheinbarer Blinddarmentzündung) – typische Komplikationskonstellation der Yersiniose mit rechtsseitigen Unterbauchschmerzen; kann klinisch eine Appendicitis (Blinddarmentzündung) imitieren und zu unnötiger Appendektomie (operativer Entfernung des Wurmfortsatzes) führen [2, LL1]
  • Protrahierte Enterokolitis (lang anhaltende Dünn-/Dickdarmentzündung) – anhaltende Diarrhoe (Durchfall) und Schmerzsymptomatik (Schmerzbeschwerden) nach Yersinieninfektion; in der Leitlinie als möglicher Ausdruck einer protrahierten Symptomatik bzw. Erregerpersistenz (Fortbestehen des Erregers) beschrieben [LL1]
  • Postinfektiöses Reizdarmsyndrom (Reizdarmbeschwerden nach Infektion) – nach infektiöser Enteritis (infektiöser Darmentzündung) metaanalytisch belegt; für Yersiniose plausibel, aber weniger spezifisch quantifiziert als für infektiöse Enteritis insgesamt, daher defensiv zuzuordnen [3]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Reaktive Arthritis – sterile postinfektiöse Arthritis (keimfreie Gelenkentzündung nach Infektion) nach Yersinienenteritis (Darmentzündung durch Yersinien); typischerweise asymmetrische Oligoarthritis (entzündliche Beteiligung weniger, ungleich verteilter Gelenke) der unteren Extremität (Beinregion), teils mit Enthesitis (Entzündung von Sehnenansätzen); in einer aktuellen Metaanalyse lag die gepoolte Yersinien-assoziierte Rate bei 5 %, bei hoher Heterogenität [1-2, LL1]
  • Chronische reaktive Arthritis/Spondyloarthritis – persistierender oder rezidivierender Verlauf (anhaltender oder wiederkehrender Verlauf) nach Yersiniose, insbesondere bei Positivität für humanes Leukozytenantigen B27 (HLA-B27; genetischer Gewebemarker); möglich sind Sakroiliitis (Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke), Enthesitis und prolongierte Gelenkbeschwerden (verlängert anhaltende Gelenkbeschwerden) [1, LL1]
  • Septische Arthritis – seltene invasive Komplikation durch direkte bakterielle Gelenkinfektion; strikt von der reaktiven Arthritis abzugrenzen, meist im Kontext von Bakteriämie oder tiefer Skelettinfektion (Knochen-/Gelenkinfektion) zu bewerten [5]
  • Osteomyelitis/Spondylodiszitis (Knochenmarkentzündung/Entzündung von Bandscheibe und angrenzendem Wirbelkörper) – sehr seltene tiefe Skelettinfektion durch Yersinia enterocolitica; in Fallserie und Literaturreview beschrieben, insbesondere bei invasiver Infektion oder Bakteriämie zu berücksichtigen [5]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Glomerulonephritis (Nierenkörperchenentzündung) – seltene immunreaktive extraintestinale Komplikation; leitlinienbasiert beschrieben, aber ohne robuste populationsbezogene Risikozahlen [LL1]
  • Tubulo-interstitielle Nephritis (Entzündung von Nierenkanälchen und Nierenzwischengewebe) – seltene extraintestinale Manifestation der Yersiniose; leitlinienbasiert beschrieben und nur bei passender klinischer und laborchemischer Konstellation (zu den Beschwerden und Laborwerten passender Situation) zuzuordnen [LL1]

Prognosefaktoren

  • Positivität für humanes Leukozytenantigen B27 (HLA-B27) – Risikofaktor für reaktive Arthritis, prolongierte Gelenkbeschwerden und spondyloarthritische Manifestationen nach Yersiniose [1, LL1]
  • Eisenüberladung/Hämochromatose – zentraler Risikofaktor für invasive Yersiniose, Bakteriämie, Sepsis sowie Leber- und Milzabszesse [6, LL1]
  • Leberzirrhose/chronische Lebererkrankung – Risikokonstellation für schwere und disseminierte Verläufe [6, LL1]
  • Immunsuppression – Risikokonstellation für invasive Yersiniose, Bakteriämie und fokale Organmanifestationen [LL1]
  • Säuglingsalter unter 3 Monaten – Risikokonstellation für Bakteriämie; leitlinienbasiert werden bei Säuglingen unter 3 Monaten Bakteriämieraten bis 30 % genannt [LL1]
  • Yersinia pseudotuberculosis – seltener als Yersinia enterocolitica, aber bei septischem Krankheitsbild (Blutvergiftungsbild), Abszessbildung (Bildung von Eiteransammlungen) und lebensbedrohlichem Verlauf besonders zu berücksichtigen [LL1]
  • Schwere oder protrahierte Symptomatik – klinische Risikokonstellation, bei der eine antimikrobielle Therapie erwogen werden kann; bei Bakteriämie/Sepsis soll eine antimikrobielle Therapie erfolgen [LL1]
  • Frühe Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) – bei unkomplizierter akuter Yersinieninfektion ohne Hinweis auf Sepsis oder komplizierten Verlauf nicht routinemäßig indiziert; ein gesicherter präventiver Effekt (vorbeugende Wirkung) auf reaktive Arthritis oder Erythema nodosum besteht nicht [LL1]
  • Postinfektiöses Reizdarmsyndrom nach infektiöser Enteritis insgesamt – metaanalytisch mit weiblichem Geschlecht, schwerer Enteritis, psychischer Belastung (seelischer Belastung) und Antibiotikagebrauch während der Enteritis assoziiert; diese Risikofaktoren sind nicht Yersinia-spezifisch [3]

Literatur

  1. Shafiee D, Salpynov Z, Gusmanov A et al.: Enteric Infection-Associated Reactive Arthritis: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Clinical Medicine. 2024;13(12):3433. https://doi.org/10.3390/jcm13123433
  2. Rosner BM, Werber D, Höhle M, Stark K: Clinical aspects and self-reported symptoms of sequelae of Yersinia enterocolitica infections in a population-based study, Germany 2009-2010. BMC Infectious Diseases. 2013;13:236. https://doi.org/10.1186/1471-2334-13-236
  3. Klem F, Wadhwa A, Prokop LJ et al.: Prevalence, Risk Factors, and Outcomes of Irritable Bowel Syndrome After Infectious Enteritis: A Systematic Review and Meta-analysis. Gastroenterology. 2017;152(5):1042-1054.e1. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2016.12.039
  4. Ioannou P, Vougiouklakis G, Baliou S et al.: Infective Endocarditis by Yersinia Species: A Systematic Review. Tropical Medicine and Infectious Disease. 2021;6(1):19. https://doi.org/10.3390/tropicalmed6010019
  5. Crowe M, Ashford K, Ispahani P: Clinical features and antibiotic treatment of septic arthritis and osteomyelitis due to Yersinia enterocolitica. Journal of Medical Microbiology. 1996;45(4):302-309. https://doi.org/10.1099/00222615-45-4-302
  6. Vadillo M, Corbella X, Fernandez-Viladrich P et al.: Multiple Liver Abscesses Due to Yersinia enterocolitica Discloses Primary Hemochromatosis: Three Case Reports and Review. Clinical Infectious Diseases. 1994;18(6):938-941. https://doi.org/10.1093/clinids/18.6.938
  7. Rodio DM, Bressan A, Ambrosi C et al.: Yersinia enterocolitica in Italy: A Case of Septicemia and Abdominal Aortic Aneurysm Infection. Frontiers in Medicine. 2018;5:156. https://doi.org/10.3389/fmed.2018.00156

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen. (AWMF-Registernummer 021-024) November 2023 Langfassung