Windpocken (Varizellen) – Prävention

Die Varizellen-Impfung (Windpocken-Impfung) ist die wichtigste und wirksamste präventive Maßnahme gegen Varizellen (Windpocken). Die Standardimpfung (empfohlene Grundimpfung) erfolgt als 2-Dosen-Impfung im Kindesalter; sie kann altersabhängig als monovalente Varizellen-Impfung oder in Kombination mit Masern-Mumps-Röteln-Varizellen-Impfstoff durchgeführt werden [LL1, LL2].

Zur Prävention (Vorbeugung) der Varizellen muss des Weiteren auf eine Reduktion individueller Risikofaktoren geachtet werden.

Verhaltensbedingte Risikofaktoren

  • Fehlende oder unvollständige Varizellen-Impfung – Der wichtigste vermeidbare Risikofaktor ist ein fehlender oder inkompletter Impfschutz. Personen ohne gesicherte Immunität (Abwehrschutz) haben nach engem Kontakt mit einem Varizellen-Erkrankten ein hohes Erkrankungsrisiko [LL1, LL2].
  • Nicht überprüfter Immunstatus (Abwehrstatus) vor Schwangerschaft oder Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) – Bei Frauen mit Kinderwunsch, seronegativen Erwachsenen, medizinischem Personal und Patienten vor geplanter Immunsuppression ist die fehlende Klärung des Varizellen-Immunstatus ein relevanter vermeidbarer Risikofaktor. Eine Lebendimpfung (Impfung mit abgeschwächten Erregern) ist während der Schwangerschaft und bei relevanter Immunsuppression kontraindiziert (nicht erlaubt) [LL1, LL3].
  • Kontakt zu erkrankten Personen in der Phase der Ansteckung – Varizellen sind hochkontagiös (sehr ansteckend). Die Ansteckungsfähigkeit beginnt in der Regel 1-2 Tage vor Auftreten des Exanthems (Hautausschlag) und endet, wenn alle Effloreszenzen (Hautveränderungen) verkrustet sind; bei geimpften Personen mit nicht verkrustenden Läsionen (Hautschäden) gilt die Person als ansteckend, bis über 24 Stunden keine neuen Läsionen mehr auftreten [LL2].
  • Enger Haushaltskontakt zu Erkrankten – Haushaltskontakte, Schlafen im selben Raum, Pflege eines Erkrankten oder enger Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt erhöhen das Übertragungsrisiko deutlich. Besonders relevant ist dies für ungeimpfte Kinder, seronegative Erwachsene, Schwangere ohne Immunität und immungeschwächte Personen [LL2, LL3].
  • Aufenthalt in Gemeinschaftseinrichtungen bei unklarem Impfstatus – Kindertagesstätten, Schulen, Internate, Gemeinschaftsunterkünfte und medizinische Einrichtungen begünstigen Ausbrüche, wenn Impflücken bestehen oder Exantheme verspätet erkannt werden [LL1, LL2].
  • Berufliche Exposition (Kontakt mit einem Krankheitserreger) ohne gesicherten Immunschutz – Beschäftigte im Gesundheitsdienst, in Pädiatrie (Kinderheilkunde), Geburtshilfe, Onkologie (Krebsmedizin), Transplantationsmedizin, Pflege, Labor, Kindertagesstätten und Schulen sollten einen dokumentierten Immunschutz haben, da sie sowohl selbst gefährdet sind als auch vulnerable Patienten exponieren können [LL1, LL2].
  • Unzureichende Isolationsmaßnahmen bei Verdacht oder bestätigter Erkrankung – Varizellen werden aerogen (über die Luft), über Tröpfchen/Aerosole (feinste Schwebeteilchen) aus Bläscheninhalt und durch direkten Kontakt übertragen. Reine Flächenhygiene ersetzt daher keine konsequente Kontaktvermeidung und keine Isolation infektiöser Personen [LL2].
  • Ungenügende Händehygiene und Kontaktflächenhygiene – Händehygiene und Reinigung kontaminierter Gegenstände können die Kontaktübertragung reduzieren, verhindern aber allein keine aerogene Übertragung. Sie sind deshalb ergänzende, nicht allein ausreichende Maßnahmen [LL2].
  • Verspätete ärztliche Abklärung nach Exposition – Bei fehlender Immunität, Schwangerschaft, Neugeborenenexposition oder Immunsuppression kann eine verzögerte Vorstellung dazu führen, dass das Zeitfenster für eine wirksame Postexpositionsprophylaxe (Vorbeugung nach Kontakt mit einem Erreger) verpasst wird [LL1-LL3].
  • Genussmittelkonsum – Rauchen, Alkohol und Drogenkonsum sind keine gesicherten spezifischen Risikofaktoren für die Infektion (Ansteckung) mit Varizella-Zoster-Virus (Windpocken-Gürtelrose-Virus). Sie können jedoch den Allgemeinzustand, die Immunfunktion und das Komplikationsrisiko ungünstig beeinflussen.
  • Psychosoziale Situation – Enge Wohnverhältnisse, Betreuung in Gemeinschaftseinrichtungen, fehlender Zugang zu Impfangeboten und geringe Impfakzeptanz können indirekt zu Impflücken und erhöhter Exposition beitragen.

Beachte: Typisch ist ein juckendes Exanthem mit Papeln (Knötchen), Bläschen und Krusten in verschiedenen Entwicklungsstadien („Sternenhimmel“). Es tritt meist zuerst im Gesicht und am Körperstamm auf, später am ganzen Körper einschließlich der Schleimhäute. Bei geimpften Personen können Varizellen abgeschwächt und atypisch (untypisch) verlaufen [LL2].

Postexpositionsprophylaxe (PEP)

Unter einer Postexpositionsprophylaxe versteht man Maßnahmen zur Verhinderung oder Abschwächung einer Erkrankung nach relevantem Kontakt mit Varizella-Zoster-Virus bei Personen ohne gesicherten Immunschutz.

  • Aktive Postexpositionsimpfung (Impfung nach Kontakt mit einem Erreger) – Bei empfänglichen, immunkompetenten Personen ohne Kontraindikation gegen Lebendimpfstoffe sollte eine Varizellen-Impfung möglichst früh, idealerweise innerhalb von 3-5 Tagen nach Exposition, erfolgen. Auch nach Ablauf dieses Zeitfensters kann die Impfung sinnvoll sein, um bei ausbleibender Infektion vor zukünftigen Expositionen zu schützen [LL1, LL2].
  • Passive Immunisierung (Gabe fertiger Abwehrstoffe) – Bei Personen mit hohem Risiko für schwere Verläufe und Kontraindikation gegen die Lebendimpfung, insbesondere Schwangeren ohne Immunität, immungeschwächten Personen, bestimmten Neugeborenen und Frühgeborenen, ist eine Varizella-Zoster-Immunglobulin-Gabe (Gabe von Abwehrstoffen gegen das Windpocken-Gürtelrose-Virus) nach relevanter Exposition zu prüfen [LL1-LL3].
  • Antivirale Postexpositionsstrategie (virushemmende Vorgehensweise nach Kontakt) – In einzelnen Hochrisikokonstellationen kann eine antivirale Prophylaxe oder frühe Therapie mit Aciclovir beziehungsweise Valaciclovir erwogen werden; dies ersetzt jedoch nicht die indikationsgerechte aktive oder passive Immunisierung [LL3].
  • Kontaktmanagement – Nach relevanter Exposition sollten Immunstatus, Schwangerschaft, Immunsuppression, Alter, Expositionsart und Zeitpunkt der Exposition umgehend geklärt werden. Vulnerable Kontaktpersonen müssen besonders geschützt werden [LL1-LL3].

Präventionsfaktoren 

Zur Prävention der Varizellen müssen allgemeine Schutzmaßnahmen gefördert werden. Im Mittelpunkt stehen Impfung, konsequente Schließung von Impflücken, Expositionsvermeidung bei vulnerablen Personen und eine zeitgerechte Postexpositionsprophylaxe.

  • Impfung
    • Varizellen-Impfung – Die Varizellen-Impfung ist die zentrale präventive Maßnahme. Nach STIKO (Ständige Impfkommission) erfolgt die Standardimmunisierung im Kindesalter mit 2 Dosen; fehlende Impfungen sollen nachgeholt werden [LL1].
    • Impfschutz bei Jugendlichen und Erwachsenen – Personen ohne gesicherte Immunität, insbesondere Frauen mit Kinderwunsch, medizinisches Personal, Kontaktpersonen von Immunsupprimierten (Menschen mit unterdrücktem Immunsystem) und Beschäftigte in Gemeinschaftseinrichtungen, sollten hinsichtlich Immunität geprüft und bei fehlendem Schutz geimpft werden, sofern keine Kontraindikation besteht [LL1, LL2].
    • Postexpositionsprophylaxe (PEP) – Bei nicht immunen Personen nach relevantem Kontakt kann eine sofortige aktive Impfung das Erkrankungsrisiko senken oder den Verlauf abschwächen. Bei Hochrisikopersonen mit Kontraindikation gegen Lebendimpfung ist eine passive Immunisierung zu prüfen [LL1-LL3].
  • Hygienemaßnahmen
    • Regelmäßiges Händewaschen – Besonders nach Kontakt mit Erkrankten oder potenziell kontaminierten Gegenständen.
    • Reinigung von Oberflächen und Gegenständen – Ergänzende Maßnahme zur Reduktion von Kontaktübertragungen, insbesondere in Haushalten, Kindertagesstätten und medizinischen Einrichtungen.
    • Keine Überschätzung der Flächendesinfektion – Da Varizellen auch aerogen übertragen werden, sind Kontaktvermeidung und Isolation infektiöser Personen entscheidend [LL2].
  • Aufklärung und Verhaltensanpassung
    • Vermeidung von Kontakt zu infizierten Personen – Besonders wichtig für Schwangere ohne Immunität, Neugeborene, Frühgeborene, immungeschwächte Personen und Patienten unter immunsuppressiver Therapie [LL2, LL3].
    • Frühzeitige Erkennung typischer Symptome – Bei fieberhaftem Exanthem mit Bläschen in verschiedenen Stadien sollte der Kontakt zu vulnerablen Personen sofort vermieden und ärztlich abgeklärt werden.
    • Information von Gemeinschaftseinrichtungen und medizinischen Einrichtungen – Verdachts- und Erkrankungsfälle müssen zeitnah kommuniziert werden, damit Expositionsketten erkannt und Schutzmaßnahmen eingeleitet werden können.

Sekundärprävention

Die Sekundärprävention (frühe Vorbeugung nach ersten Krankheitszeichen) zielt darauf ab, erste Anzeichen von Varizellen frühzeitig zu erkennen und gezielte Maßnahmen einzuleiten, um Komplikationen (Folgeprobleme), Ausbrüche und Infektionen vulnerabler Kontaktpersonen zu verhindern.

  • Früherkennung und Diagnostik (Untersuchung zur Erkennung einer Krankheit)
    • Symptombeobachtung – Überwachung auf typische Hauterscheinungen, Fieber, Krankheitsgefühl, Schleimhautbefall und Zeichen eines schweren Verlaufs.
    • Erhebung von Risikofaktoren – Abklärung von Schwangerschaft, Immunsuppression, Alter, Neugeborenen- oder Frühgeborenenstatus, pulmonaler Grunderkrankung (Lungengrunderkrankung), dermatologischer Grunderkrankung (Hautgrunderkrankung) und Exposition vulnerabler Kontaktpersonen [LL2, LL3].
    • Labordiagnostik (Laboruntersuchungen)
      • PCR-Test (Erbgut-Nachweistest) – Methode der Wahl zum direkten Nachweis von Varizella-Zoster-Virus-DNA (Erbgut des Windpocken-Gürtelrose-Virus), insbesondere bei atypischen Verläufen, Durchbruchvarizellen (Windpocken trotz Impfung), immungeschwächten Patienten und differentialdiagnostischer Unsicherheit [LL2].
      • Serologie (IgG) (Blutuntersuchung auf Abwehrstoffe) – Geeignet zur Klärung des Immunstatus bei Kontaktpersonen, Schwangeren, medizinischem Personal und Patienten vor geplanter Immunsuppression.
      • Serologie (IgM) – Nur eingeschränkt zur Akutdiagnostik (Untersuchung bei akuter Erkrankung) geeignet, da Sensitivität (Treffsicherheit für Erkrankte) und Spezifität (Treffsicherheit für Gesunde) begrenzt sein können; die PCR ist bei klinischer Fragestellung meist aussagekräftiger [LL2].
      • Viruskultur (Anzucht von Viren) – Für die Routinediagnostik nicht mehr Methode der Wahl; allenfalls in speziellen Fragestellungen oder Referenzlabor-Kontext relevant.
  • Antivirale Therapie (virushemmende Behandlung) – Eine frühzeitige antivirale Therapie mit Aciclovir oder Valaciclovir kann bei Jugendlichen, Erwachsenen, Schwangeren, Patienten mit erhöhtem Komplikationsrisiko oder schwerem Verlauf indiziert (angezeigt) sein. Bei immungeschwächten Patienten oder disseminierter Erkrankung (im Körper ausgebreiteter Erkrankung) ist in der Regel eine intravenöse Therapie (Behandlung über die Vene) mit Aciclovir erforderlich [LL3].
  • Symptomkontrolle – Juckreiz, Fieber und Schmerzen sollen symptomatisch behandelt werden. Acetylsalicylsäure soll bei Kindern und Jugendlichen wegen des Risikos eines Reye-Syndroms (seltene schwere Leber-Hirn-Erkrankung) vermieden werden.
  • Vermeidung bakterieller Superinfektionen (zusätzliche bakterielle Entzündungen) – Kratzen sollte reduziert werden; kurze Fingernägel, Hautpflege und Behandlung von Juckreiz senken das Risiko sekundärer bakterieller Hautinfektionen.
  • Ausbruchsmanagement – In Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen sind rasche Fallidentifikation, Isolationsmaßnahmen, Prüfung des Immunstatus von Kontaktpersonen und gezielte Postexpositionsprophylaxe zentral [LL1, LL2].

Tertiärprävention

Die Tertiärprävention (Vorbeugung von Folgeschäden) zielt darauf ab, mögliche Komplikationen der Varizellen langfristig zu minimieren und Folgeschäden nach schweren Verläufen gezielt zu behandeln.

  • Langzeittherapie bei Folgeerkrankungen
    • Behandlung von Komplikationen – Konsequente Therapie bakterieller Superinfektionen der Haut, Varizellen-Pneumonie (Windpocken-Lungenentzündung), Hepatitis (Leberentzündung), Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) sowie neurologischer Komplikationen wie Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung), Zerebellitis (Kleinhirnentzündung) oder Myelitis (Rückenmarksentzündung) [LL2, LL3].
    • Infektiologische Mitbetreuung – Bei immungeschwächten Patienten, disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion, antiviraler Resistenz (Unempfindlichkeit gegen virushemmende Medikamente) oder schwerem Organbefall sollte eine spezialisierte infektiologische Mitbeurteilung erfolgen [LL3].
    • Vermeidung weiterer Expositionen vulnerabler Personen – Nach schweren Verläufen oder Ausbrüchen sollte der Immunstatus enger Kontaktpersonen geprüft und Impflücken sollten geschlossen werden [LL1, LL2].
  • Rehabilitation und Nachsorge
    • Neurologische Nachsorge – Bei bleibenden neurologischen Symptomen nach Enzephalitis, Zerebellitis, Myelitis oder peripheren neurologischen Komplikationen.
    • Physiotherapie (Krankengymnastik) – Bei motorischen Defiziten (Bewegungseinschränkungen), Koordinationsstörungen oder funktionellen Einschränkungen nach neurologischen Komplikationen.
    • Dermatologische Nachsorge (Hautärztliche Nachsorge) – Bei ausgeprägten Hautinfektionen, Narbenbildung oder schweren bakteriellen Superinfektionen.
    • Aufklärung über Hygienemaßnahmen und Impfstatus – Förderung von Präventionswissen, Überprüfung des Impfstatus im Haushalt und bei engen Kontaktpersonen sowie Beratung vulnerabler Kontaktpersonen.

Leitlinien

  1. Robert Koch-Institut, Ständige Impfkommission. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin 2026;4. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2026/04_26.pdf?__blob=publicationFile&v=3
  2. Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber: Windpocken (Varizellen), Gürtelrose (Herpes zoster). Stand: 27.01.2026. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Varizellen.html
  3. Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Guidance for People at Risk for Severe Varicella. Stand: 24.04.2024. https://www.cdc.gov/chickenpox/hcp/clinical-guidance/index.html