Tuberkulose – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Atemfrequenz, Körpergewicht und Körpergröße; Beurteilung von Allgemein- und Ernährungszustand sowie Gewichtsverlauf. Auf Fieber, reduzierten Ernährungszustand, ausgeprägte Abmagerung und Kreislaufinstabilität achten. Bei Atembeschwerden zusätzlich Bestimmung der Sauerstoffsättigung mittels Pulsoxymetrie.
    • Inspektion
      • Haut, Schleimhäute und Skleren (das Weiße der Augen): Beurteilung auf Blässe, Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten) und auffällige Hautveränderungen. Bei verdächtigen Hautbefunden auf chronische Knoten, Ulzerationen (Geschwüre), Fistelöffnungen (Öffnungen krankhafter Verbindungsgänge) und narbige Einziehungen achten. Blässe allein belegt keine Anämie (Blutarmut); Trommelschlegelfinger (kolbenförmig verdickte Fingerendglieder) sind kein typischer Leitbefund der Tuberkulose.
      • Thorax (Brustkorb) und Atmung: Atemarbeit, Atemhilfsmuskeleinsatz, seitengleiche Atemexkursionen (Bewegungen des Brustkorbs beim Atmen) und Schonatmung beurteilen; auf Tachypnoe (beschleunigte Atmung) und sichtbare Dyspnoe (Atemnot) achten.
      • Abdomen (Bauch): Form und Umfang, Hautbeschaffenheit, Narben, Hernien (Gewebebrüche), sichtbare Gefäße, Pulsationen und Darmbewegungen beurteilen. Eine Umfangszunahme kann auf Aszites (Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle) hinweisen.
    • Untersuchung der Lymphknoten
      • Systematische Palpation der zervikalen (am Hals gelegenen), supraklavikulären (oberhalb des Schlüsselbeins gelegenen), axillären (in den Achselhöhlen gelegenen) und inguinalen (in den Leisten gelegenen) Lymphknoten; Größe, Konsistenz, Druckschmerz, Verschieblichkeit, Verbackung (Verwachsung miteinander oder mit dem umgebenden Gewebe) und Hautveränderungen dokumentieren.
      • Bei Lymphknotentuberkulose (Tuberkulose der Lymphknoten) können langsam zunehmende, häufig schmerzarme Lymphknotenvergrößerungen, insbesondere am Hals, mit Verbackung, späterer Erweichung und Fistelbildung (Entstehung krankhafter Verbindungsgänge) auftreten. Diese Befunde sind nicht beweisend.
    • Untersuchung der Lunge
      • Palpation: Seitengleiche Thoraxexkursion (Bewegung des Brustkorbs beim Atmen) und gegebenenfalls lokale Druckschmerzen prüfen.
      • Auskultation: Beide Lungen vollständig im Seitenvergleich untersuchen, einschließlich der Spitzenregionen. Möglich sind umschriebene Rasselgeräusche oder bronchiales Atemgeräusch (röhrenartig klingendes Atemgeräusch); bei Pleurabeteiligung (Beteiligung des Brust- und Lungenfells) gegebenenfalls Pleurareiben (Reibegeräusch entzündeter Brust- und Lungenfellblätter). Bei Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) kann das Atemgeräusch abgeschwächt oder aufgehoben sein. Dyspnoe wird klinisch beurteilt und ist kein Auskultationsbefund.
      • Perkussion: Auf umschriebene oder basale Klopfschalldämpfung (gedämpften Klopfschall über den unteren Lungenabschnitten) als möglichen Hinweis auf eine Verdichtung des Lungengewebes beziehungsweise einen Pleuraerguss achten.
      • Bronchophonie bei entsprechendem klinischem Verdacht: Der Patient spricht mehrfach mit hoher Stimme „66“, während die Lunge im Seitenvergleich auskultiert wird. Eine verstärkte Übertragung kann auf eine Verdichtung des Lungengewebes bei offenem zuführendem Bronchus (Luftweg zur betroffenen Lungenregion) hinweisen; über einem Pleuraerguss ist sie meist vermindert.
      • Stimmfremitus bei entsprechendem klinischem Verdacht: Der Patient spricht mehrfach mit tiefer Stimme „99“, während die Schwingungen am Thorax im Seitenvergleich palpiert werden. Verstärkte Schwingungen können bei verdichtetem Lungengewebe mit offenem zuführendem Bronchus, verminderte Schwingungen bei Pleuraerguss auftreten.
    • Untersuchung des Abdomens
      • Auskultation und vorsichtige Palpation auf Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchmuskulatur), tastbare Resistenzen (Verhärtungen oder Raumforderungen) sowie Leber- und Milzvergrößerung; bei Verdacht auf freie Flüssigkeit ergänzende Perkussion.
      • Bei abdominaler (den Bauch betreffender) oder disseminierter Tuberkulose (im Körper ausgebreiteter Tuberkulose) können Aszites, Druckschmerz, tastbare Resistenzen oder Hepatosplenomegalie (Vergrößerung von Leber und Milz) vorkommen. Nierenlagerklopfschmerz (Schmerz beim Beklopfen der Nierengegend) bei entsprechenden Beschwerden prüfen.
    • Gezielte ergänzende Untersuchung bei Hinweisen auf extrapulmonalen Befall (Befall außerhalb der Lunge)
      • Wirbelsäule und Gelenke: Bei Rücken- oder Gelenkbeschwerden Untersuchung auf lokalen Druck- und Klopfschmerz, Bewegungseinschränkung, Schwellung, Erguss (Flüssigkeitsansammlung im Gelenk) und Fehlstellung. Bei Wirbelsäulenbefall auf umschriebene Kyphose (nach hinten gerichtete Krümmung der Wirbelsäule) sowie motorische (die Bewegung betreffende) oder sensible (die Empfindungsfähigkeit betreffende) Ausfälle achten.
      • Neurologischer Status: Bei Kopfschmerzen, Bewusstseinsveränderungen oder neurologischen (das Nervensystem betreffenden) Beschwerden Prüfung von Bewusstseinslage, Meningismus (Nackensteifigkeit als Zeichen einer Hirnhautreizung), Hirnnervenfunktion (Funktion der direkt vom Gehirn ausgehenden Nerven) und fokal-neurologischen Ausfällen (örtlich begrenzten Störungen von Nervenfunktionen). Fehlender Meningismus schließt eine tuberkulöse Meningitis (durch Tuberkulose verursachte Hirnhautentzündung) nicht aus.
      • Herz-Kreislauf-System: Bei Verdacht auf Perikardbeteiligung (Beteiligung des Herzbeutels) Auskultation des Herzens und Beurteilung von Halsvenenfüllung, Blutdruck und peripheren Ödemen (Flüssigkeitseinlagerungen beispielsweise an den Beinen); auf Perikardreiben (Reibegeräusch entzündeter Herzbeutelblätter) und Zeichen einer hämodynamischen Beeinträchtigung (Störung der Blutströmung und Kreislauffunktion) achten.
      • Urogenitalregion (Bereich der Harn- und Geschlechtsorgane): Bei entsprechenden Beschwerden gezielte Untersuchung einschließlich der äußeren Genitalien (Geschlechtsorgane); bei Männern insbesondere auf schmerzarme Nebenhodenschwellung oder Fistelbildung achten. Eine gynäkologische (frauenärztliche) Untersuchung erfolgt bei entsprechenden Beschwerden oder begründetem Verdacht auf Genitaltuberkulose (Tuberkulose der Geschlechtsorgane).

Klinische Einordnung: Der körperliche Untersuchungsbefund kann auch bei aktiver Tuberkulose unauffällig sein. Kein einzelner körperlicher Befund bestätigt oder widerlegt die Erkrankung. Die beschriebenen Auffälligkeiten sind nicht tuberkulosespezifisch und werden deshalb nicht in eckige Klammern gesetzt.

Dringliche Warnzeichen: Ausgeprägte Atemnot, erhebliche Hämoptyse (Abhusten von Blut), Kreislaufinstabilität, Bewusstseinsstörung oder neue neurologische Ausfälle erfordern eine unverzügliche notfallmäßige Beurteilung.

Infektionsschutz bei der Untersuchung: Bei Verdacht auf ansteckungsfähige Lungentuberkulose oder Kehlkopftuberkulose erfolgt die Untersuchung unter Maßnahmen zum Schutz vor luftübertragener Infektion: räumliche Trennung, ausreichende Lüftung, geeigneter Atemschutz für das Personal, mindestens FFP2, situationsabhängig FFP3, sowie medizinischer Mund-Nasen-Schutz für den Patienten, soweit toleriert.

Abkürzungsverzeichnis

  • FFP2: Filtering Face Piece, Schutzklasse 2; partikelfiltrierende Atemschutzmaske.
  • FFP3: Filtering Face Piece, Schutzklasse 3; partikelfiltrierende Atemschutzmaske mit höherer Schutzwirkung.