Syphilis – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Eliminierung von Treponema pallidum und klinische sowie serologische Heilung [LL1, LL3, LL6]
  • Vermeidung von Komplikationen, insbesondere neurologischer, ophthalmologischer, otologischer, kardiovaskulärer und konnataler Manifestationen [LL1, LL2, LL6]
  • Verhinderung der Transmission, einschließlich der vertikalen Übertragung in der Schwangerschaft [LL1, LL5, LL6]
  • Partnermanagement und Vermeidung von Reinfektionen (erneuten Ansteckungen) durch Partnerbenachrichtigung, Untersuchung, gegebenenfalls epidemiologische Behandlung und strukturierte Verlaufskontrollen [LL1, LL4, LL6]

Therapieempfehlungen

  • Stadiengerechte Behandlung: Auswahl von Penicillinpräparat, Applikationsweg und Therapiedauer nach Infektionsdauer und Organbeteiligung. Benzathin-Benzylpenicillin, wasserlösliches Benzylpenicillin und Procain-Benzylpenicillin sind nicht austauschbar [4, LL1, LL2, LL6].
  • Frühsyphilis (frühe Form der Geschlechtskrankheit Syphilis): Primärsyphilis (erstes Krankheitsstadium), Sekundärsyphilis (zweites Krankheitsstadium) oder gesichert früh latente Syphilis (frühe Infektion ohne erkennbare Beschwerden) mit Erwerb innerhalb der letzten zwölf Monate; Standard ist Benzathin-Benzylpenicillin 2,4 Mio. IE tief i. m. einmalig. Zusätzliche wöchentliche Dosen verbessern bei unkomplizierter Frühsyphilis das serologische Ansprechen nicht; die Nichtunterlegenheit der Einmalgabe wurde 2025 randomisiert auch bei Patienten mit HIV-Koinfektion (gleichzeitig bestehender HIV-Infektion) bestätigt [1, LL3, LL6].
  • Spät latente Syphilis (länger bestehende Infektion ohne erkennbare Beschwerden) oder unbekannte Infektionsdauer: Benzathin-Benzylpenicillin 2,4 Mio. IE tief i. m. einmal wöchentlich für drei Wochen, entsprechend den Tagen 1, 8 und 15 [LL1, LL3, LL6]. Ein hoher RPR- oder VDRL-Titer allein rechtfertigt keine Einstufung als früh latent.
  • Gummatöse (mit entzündlichen Gewebeknoten einhergehende) oder kardiovaskuläre Syphilis (Syphilis mit Beteiligung von Herz und Blutgefäßen): spezialärztliche Behandlung; vor Festlegung des Regimes Liquordiagnostik zum Ausschluss einer begleitenden Neurosyphilis (Syphilis mit Beteiligung des Nervensystems). Bei unauffälligem Liquor und fehlender Neuro-, Augen- oder Ohrbeteiligung grundsätzlich das Benzathin-Benzylpenicillinregime der Spätsyphilis (späte Form der Syphilis); bei Neurosyphilis intravenöse Behandlung [LL2, LL6].
  • Neurosyphilis, okuläre Syphilis (Syphilis mit Beteiligung der Augen) und Otosyphilis (Syphilis mit Beteiligung der Ohren): wasserlösliches Penicillin G intravenös; Ceftriaxon ist eine parenterale Alternative. Benzathin-Benzylpenicillin erreicht keine ausreichenden Liquorkonzentrationen und ist hierfür ungeeignet. Augen- und Ohrsyphilis werden auch bei normalem Liquor wie Neurosyphilis behandelt [LL2, LL6].
  • Alternativen bei Neurosyphilis: Doxycyclin ist keine gleichwertig belegte Standardalternative. Nach deutscher S1-Leitlinie 2026 kommt es bei Erwachsenen ausschließlich bei Kontraindikationen gegen Penicillin G und Ceftriaxon nach Ausschluss einer Schwangerschaft infrage; engmaschige fachärztliche Kontrolle erforderlich [LL2].
  • Schwangerschaft: Penicillin stadiengerecht einsetzen. Keine Alternative ist hinsichtlich der zuverlässigen Behandlung des Fetus und der Prävention konnataler Syphilis (von der Mutter auf das Kind übertragener Syphilis) gleichwertig belegt. Bei bestätigter Penicillinallergie (allergischer Überempfindlichkeit gegen Penicillin) spezialisierte allergologische und geburtshilflich-infektiologische Entscheidung; die CDC empfiehlt Desensibilisierung (überwachte vorübergehende Gewöhnung an das allergieauslösende Arzneimittel) und anschließende Penicillintherapie [3, LL5, LL6].
  • HIV-Koinfektion: Internationale Leitlinien empfehlen ohne Neuro-, Augen- oder Ohrbeteiligung dieselben stadiengerechten Regime wie ohne HIV. Die deutsche S1-Leitlinie Neurosyphilis 2026 empfiehlt im Therapiekapitel dagegen das intravenöse Penicillinregime bei allen Syphilisformen mit HIV-Koinfektion. Diese Leitliniendivergenz erfordert eine dokumentierte fachärztliche Entscheidung; HIV-Koinfektion allein begründet nach internationalen Empfehlungen keine routinemäßige Liquorpunktion (Entnahme von Nervenwasser durch einen Einstich) [1, LL2, LL3, LL4, LL6].
  • Penicillinallergie: Reaktionstyp und Schweregrad überprüfen; eine ungesicherte Allergieangabe möglichst allergologisch abklären. Eine Toleranzinduktion (überwachte Herstellung einer vorübergehenden Verträglichkeit des Arzneimittels) ist keine Routineintervention und erfolgt ausschließlich bei geeigneter Indikation unter spezialisierter Überwachung. Bei schweren verzögerten Arzneimittelreaktionen ist sie keine geeignete Strategie [3, LL6].
  • Makrolide: Azithromycin und Erythromycin nicht als reguläre Therapiealternativen einsetzen; Resistenzproblematik und unzuverlässige Wirksamkeit, insbesondere für fetale und neurologische Infektionen, beachten [LL3, LL6].
  • Begleitdiagnostik: HIV-Test und risikoadaptierte Untersuchung auf weitere sexuell übertragbare Infektionen (STI), einschließlich Hepatitis B und C (durch Viren verursachter Leberentzündungen); neurologische, psychiatrische, ophthalmologische und otologische Beschwerden aktiv erfragen [LL3, LL6].
  • Infektionsschutz: Bei infektiöser Frühsyphilis bis zur vollständigen Abheilung der Läsionen (Gewebeschädigungen) und mindestens zwei Wochen nach Therapieabschluss auf sexuelle Kontakte verzichten; Partnerbehandlung berücksichtigen [LL4].

Diagnostische und stadienbezogene Hinweise

  • Früher Primäraffekt (erste örtliche Krankheitsveränderung an der Eintrittsstelle des Erregers): Serologie kann noch negativ sein. Ergänzend direkter Erregernachweis mittels PCR aus Läsionsmaterial; bei fortbestehendem Verdacht Wiederholung der Serologie. Ein negativer Direktnachweis schließt Syphilis nicht aus [LL3, LL4].
  • Früh latente Syphilis: gesicherte Serokonversion, eindeutige frühsyphilitische Symptome oder belastbare Expositionsdaten innerhalb der letzten zwölf Monate. Bei nicht sicher rekonstruierbarer Infektionsdauer Behandlung wie Spätsyphilis [LL3, LL6].
  • Liquordiagnostik: bei neurologischen oder psychiatrischen Symptomen sowie begründetem Verdacht auf ZNS-Beteiligung; zusätzlich bei kardiovaskulärer Tertiärsyphilis (drittem Krankheitsstadium mit Beteiligung von Herz und Blutgefäßen) oder unzureichendem Therapieansprechen nach individueller Bewertung. Bei bestätigter isolierter okulärer oder otologischer Syphilis ohne zusätzliche neurologische Zeichen kann darauf verzichtet werden [LL2, LL6].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Die folgenden Dosierungen gelten für Erwachsene; neonatale Regime sind gesondert aufgeführt.

Penicilline

Wirkstoff Besonderheiten
Benzathin-Benzylpenicillin
  • Depotpenicillin; Standard ohne Neuro-, Augen- oder Ohrbeteiligung.
  • Erwachsenendosis üblicherweise auf zwei Injektionsorte mit jeweils 1,2 Mio. IE verteilen; präparatespezifische Fachinformation beachten [F1].
  • Ausschließlich tief intramuskulär; niemals intravasal oder intrathekal.
  • Wöchentlichen Abstand einhalten. Außerhalb der Schwangerschaft bei einem Abstand von mehr als 14 Tagen die gesamte Serie neu beginnen; in der Schwangerschaft bereits bei mehr als neun Tagen [LL1, LL6].
  • Keine Behandlung der Neurosyphilis.
Benzylpenicillin, wasserlöslich-kristallin, als Natrium- oder Kaliumsalz; Penicillin G
  • Standard bei Neurosyphilis, okulärer Syphilis und Otosyphilis.
  • Die angegebenen deutschen und internationalen Dosierungsvarianten sind eigenständige Regime; ihre Tagesdosen nicht als rechnerisch identisch darstellen.
  • Bei eingeschränkter Nierenfunktion Dosis und Intervall anpassen; Elektrolytbelastung durch das verwendete Salz berücksichtigen [F2].
  • Bei Spätsyphilis kann nach abgeschlossenem Neurosyphilisregime nach CDC ergänzend Benzathin-Benzylpenicillin 2,4 Mio. IE i. m. einmal wöchentlich für ein bis drei Wochen erwogen werden; dies ersetzt niemals die intravenöse Therapie [LL6].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
  • Indikation: Benzathin-Benzylpenicillin bei Syphilis ohne Neuro-, Augen- oder Ohrbeteiligung; wasserlösliches Penicillin G bei entsprechender Organbeteiligung und bei konnataler Syphilis [LL1, LL2, LL6].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen das Penicillin oder relevante Hilfsstoffe; insbesondere bestätigte schwere Sofortreaktionen und schwere verzögerte Arzneimittelreaktionen. Eine überwachte Toleranzinduktion bei Soforttypallergie (unmittelbar einsetzender allergischer Reaktion) ist eine spezialisierte Ausnahme [3, F1, F2].
  • Nebenwirkungen: allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (schweren, potenziell lebensbedrohlichen allergischen Reaktion), gastrointestinale Beschwerden und lokale Injektionsreaktionen; bei hoch dosiertem Penicillin G zusätzlich Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts), Zytopenien (Verminderung von Blutzellen) und Neurotoxizität (schädlicher Wirkung auf das Nervensystem) mit Krampfanfällen, insbesondere bei Nierenfunktionsstörung (eingeschränkter Arbeitsfähigkeit der Nieren). Eine Jarisch-Herxheimer-Reaktion (vorübergehende Entzündungsreaktion nach Beginn der Antibiotikabehandlung) ist von einer Arzneimittelallergie (allergischen Überempfindlichkeit gegen ein Arzneimittel) abzugrenzen [F1, F2].

Cephalosporine der dritten Generation

Wirkstoff Besonderheiten
Ceftriaxon
  • Parenterale Alternative; bei Spätsyphilis schwächere Evidenz und kein international einheitlich festgelegtes Regime. Die CDC empfiehlt hierfür eine spezialärztliche Entscheidung [LL6].
  • Bei Neurosyphilis keine zusätzliche Initialdosis von 4 g erforderlich [LL2].
  • Die Fachinformation nennt bei Syphilis überwiegend 0,5-1 g/Tag, bei Neurosyphilis 2 g/Tag für 10-14 Tage und verweist auf nationale Leitlinien. Präparatespezifische Zulassung und Dosierungsabweichungen beachten [F3].
  • Bei schwerer Betalaktamallergie (allergischer Überempfindlichkeit gegen bestimmte Antibiotika) vor Anwendung allergologische Bewertung.
  • In der Schwangerschaft keine gleichwertig belegte Standardalternative zu Penicillin [LL5, LL6].
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
  • Indikation: ausgewählte Fälle erworbener Syphilis bei ungeeignetem oder nicht verfügbarem Standardpräparat; parenterale Alternative bei Neurosyphilis [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Cephalosporine oder schwere Überempfindlichkeit gegen andere Betalaktamantibiotika; bei Neugeborenen insbesondere Hyperbilirubinämie (erhöhten Gallenfarbstoff im Blut) sowie erforderliche intravenöse calciumhaltige Lösungen berücksichtigen [F3].
  • Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, Diarrhoe (Durchfall) einschließlich Clostridioides-difficile-assoziierter Erkrankung (durch das Bakterium Clostridioides difficile verursachter Darmerkrankung), biliärer Sludge (Gallengrieß) beziehungsweise Pseudolithiasis (vorübergehende steinähnliche Ablagerungen in der Gallenblase), Zytopenien und lokale Infusionsreaktionen [F3].

Tetrazykline

Wirkstoff Besonderheiten
Doxycyclin
  • Alternative außerhalb der Schwangerschaft bei Penicillinallergie; sichere Einnahme und Nachsorge erforderlich.
  • Bei Neurosyphilis nur bei Kontraindikationen gegen Penicillin G und Ceftriaxon; fehlende randomisierte Vergleichsstudien. Die CDC und die europäische Leitlinie empfehlen dieses Regime nicht als Standard [LL2, LL3, LL6].
  • Neurosyphilisregime als Off-Label-Use; auch andere Leitlinienregime können von der jeweiligen Zulassung abweichen. Doxy-M-ratiopharm nennt für primäre und sekundäre Syphilis bei Penicillinallergie 300 mg/Tag für 15 Tage [F4].
  • Mit reichlich Wasser in aufrechter Position einnehmen; Abstand zu Eisen, Calcium, Magnesium und aluminiumhaltigen Antazida gemäß Fachinformation.
  • Wirkweise: bakteriostatische Hemmung der Proteinsynthese an der bakteriellen 30S-Ribosomenuntereinheit.
  • Indikation: Alternative bei Frühsyphilis und spät latenter Syphilis außerhalb der Schwangerschaft; bei Neurosyphilis ausschließlich die genannte Reservekonstellation [LL2, LL3, LL6].
  • Kontraindikationen: Tetrazyklinüberempfindlichkeit, Schwangerschaft und Stillzeit; für die Syphilistherapie bei Kindern unter acht Jahren ungeeignet. Weitere präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [F4].
  • Nebenwirkungen: gastrointestinale Beschwerden, Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung) und Ösophagusulzerationen (Geschwüre der Speiseröhre), Photosensibilisierung (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut), allergische Reaktionen und selten intrakranielle Drucksteigerung (erhöhter Druck im Schädelinneren) [F4].

Syphilis in der Schwangerschaft

  • Standardtherapie: Benzathin-Benzylpenicillin entsprechend dem Stadium; bei Neuro-, Augen- oder Ohrsyphilis wasserlösliches Penicillin G intravenös. Dosierungen siehe Penicillintabelle [LL1, LL2, LL5, LL6].
  • Zusätzliche Dosis bei Frühsyphilis: Nach CDC kann sieben Tage nach der ersten Gabe eine zweite Dosis Benzathin-Benzylpenicillin 2,4 Mio. IE i. m. erwogen werden. Dies ist eine schwangerschaftsspezifische Option und keine generelle Empfehlung für unkomplizierte Frühsyphilis [LL6].
  • Penicillinallergie: keine pauschale Ausweichtherapie mit Doxycyclin oder Makroliden. Allergologische Abklärung; bei bestätigter Soforttypallergie Nutzen und Risiken einer überwachten Toleranzinduktion interdisziplinär beurteilen. Ceftriaxon bleibt eine Ausnahme mit unzureichend gesicherter fetaler Wirksamkeit [3, LL1, LL5, LL6].
  • Geburtshilfliche Überwachung: Bei Diagnose in der zweiten Schwangerschaftshälfte fetale Sonographie, ohne die Behandlung zu verzögern. Über mögliche Wehen und fetale Bewegungsabnahme im Rahmen einer Jarisch-Herxheimer-Reaktion aufklären [LL6].
  • Verlaufskontrolle: schwangerschaftsspezifisch mit der Geburtshilfe abstimmen. Ein ausbleibender vierfacher Titerabfall bis zur Geburt bedeutet allein kein Therapieversagen; ausreichender zeitlicher Abstand zwischen Therapie und Geburt ist zu berücksichtigen [LL6].

Konnatale Syphilis

Behandlung durch ein pädiatrisch-infektiologisches Zentrum. Die folgenden neonatalen Regime entsprechen der CDC-Leitlinie; die deutsche S2k-Leitlinie nennt bei intravenöser Behandlung 10-14 Tage. Bei älteren Säuglingen und Kindern sind altersgerechte Regime erforderlich [LL1, LL6].

Penicilline

Wirkstoff Besonderheiten
Wasserlösliches, kristallines Penicillin G Standard bei nachgewiesener oder hochwahrscheinlicher konnataler Syphilis. Bei Unterbrechung von mehr als einem Tag gesamte Behandlungsserie neu beginnen.
Procain-Benzylpenicillin; Procain-Penicillin G Alternative bei gesicherter Verfügbarkeit und zuverlässiger täglicher Applikation. Nicht durch Benzathin-Benzylpenicillin ersetzen. Bei Unterbrechung von mehr als einem Tag gesamte Serie neu beginnen.
Benzathin-Benzylpenicillin Nur für ausgewählte risikoabhängige Konstellationen gemäß neonatalem Algorithmus; bei möglicher konnataler Syphilis vollständige unauffällige Evaluation und sichere Nachsorge erforderlich. Nicht bei nachgewiesener oder hochwahrscheinlicher konnataler Syphilis.
  • Wirkweise: bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
  • Indikation: nachgewiesene, hochwahrscheinliche oder mögliche konnatale Syphilis beziehungsweise risikoadaptierte Behandlung exponierter Neugeborener [LL6].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Hilfsstoffe. Bei Penicillinallergie des Kindes spezialisierte Strategie; Penicillin bleibt die bevorzugte Behandlung [LL6].
  • Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, lokale Injektionsreaktionen, Jarisch-Herxheimer-Reaktion; bei intravenöser Hochdosistherapie Elektrolytbelastung und Neurotoxizität [F1, F2].

Jarisch-Herxheimer-Reaktion

  • Einordnung: akute inflammatorische Reaktion nach Beginn einer wirksamen antibiotischen Therapie, meist innerhalb von 24 Stunden; keine Penicillinallergie. Typisch sind Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Muskelschmerzen sowie vorübergehende Verschlechterung vorhandener Manifestationen [LL6].
  • Behandlung: symptomatisch mit Antipyretika, bedarfsgerechter Flüssigkeitsgabe und klinischer Überwachung. Antipyretika lindern Beschwerden, verhindern die Reaktion aber nicht zuverlässig. Antibiotikatherapie grundsätzlich fortführen [LL2, LL6].
  • Keine pauschale Steroidprophylaxe: Für die routinemäßige Prävention schwerer Komplikationen ist kein belastbarer Nutzen nachgewiesen. Eine allgemeine prophylaktische Prednisolongabe gehört daher nicht zum Standard jeder Syphilisbehandlung [LL2, LL6].
  • Leitlinienunterschied: Die BASHH-Leitlinie 2024 empfiehlt bei Neuro- und kardiovaskulärer Syphilis Prednisolon 40-60 mg p. o. einmal täglich für drei Tage, beginnend 24 Stunden vor dem Antibiotikum. Die deutsche S1-Leitlinie verweist auf fehlende Studien; auch die CDC sieht keinen nachgewiesenen Nutzen systemischer Steroide bei Augen- oder Ohrsyphilis [LL2, LL4, LL6].
  • Individuelle Organindikation: Eine ophthalmologisch, otologisch oder anderweitig begründete antiinflammatorische Begleittherapie ist gesondert fachärztlich festzulegen. Steroide ersetzen keine Antibiotikatherapie und dürfen eine dringliche Behandlung nicht verzögern.
  • Schwangerschaft: Wehentätigkeit und fetaler Distress (Gefährdung des ungeborenen Kindes) sind möglich; risikoadaptierte geburtshilfliche Überwachung. Die notwendige Behandlung darf wegen dieses Risikos nicht unterbleiben [LL6].

Partnermanagement

  • Partnerbenachrichtigung: Rückblick nach Stadium, Symptomdauer und vermutetem Infektionszeitpunkt. Nach deutscher S2k-Leitlinie bei Primärsyphilis mindestens drei Monate, bei Sekundärsyphilis und früh latenter Syphilis zwölf Monate; längeren Rückblick bei entsprechender Anamnese berücksichtigen [LL1].
  • Epidemiologische Behandlung: Sexualkontakte innerhalb von 90 Tagen vor Diagnose einer Frühsyphilis auch bei negativer initialer Serologie presumptiv wie Frühsyphilis behandeln. Bei länger zurückliegendem Kontakt behandeln, wenn Testergebnisse nicht rechtzeitig verfügbar und die Nachsorge unsicher sind [LL6].
  • Spät latente Syphilis: langfristige Sexualpartner klinisch und serologisch untersuchen; Behandlung nach Befund [LL6].
  • Nachtestung: Bei zunächst negativer Serologie das diagnostische Fenster berücksichtigen und Wiederholungstestungen nach Expositionszeitpunkt planen.

Doxycyclin-Postexpositionsprophylaxe

  • Abgrenzung: Doxy-PEP ersetzt weder die Behandlung einer nachgewiesenen Syphilis noch die epidemiologische Therapie nach dokumentiertem Kontakt zu Frühsyphilis.
  • Regime: Doxycyclin 200 mg p. o. möglichst innerhalb von 24 Stunden, spätestens innerhalb von 72 Stunden nach Sexualkontakt; maximal 200 mg innerhalb von 24 Stunden [2, LL7, LL8].
  • Indikation: keine generelle populationsbezogene Empfehlung. Individuell erwägbarer Off-Label-Use bei Männern, die Sex mit Männern haben, und trans Frauen mit hohem STI-Risiko. Die CDC empfiehlt die Beratung insbesondere bei mindestens einer bakteriellen STI innerhalb der letzten zwölf Monate; die ECDC betont individuelle Entscheidungen und den Schwerpunkt der Syphilisprävention [LL7, LL8].
  • Begleitung: STI-Testung an allen Expositionsorten und Überprüfung der Indikation alle drei bis sechs Monate; HIV-Prävention, Impfstatus, Einnahmehinweise, Nebenwirkungen sowie mögliche Resistenz- und Mikrobiomeffekte besprechen [LL8].
  • Kontraindikationen und Nebenwirkungen: siehe Doxycyclintabelle; keine Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit.

Serologische und klinische Verlaufskontrolle

  • Ausgangswert: quantitativen RPR- oder VDRL-Titer unmittelbar vor beziehungsweise bei Therapiebeginn bestimmen. Nicht erst mehrere Wochen nach Behandlung einen Ausgangstiter erheben. Verlauf möglichst mit derselben Methode und im selben Labor [LL6].
  • Kontrollintervalle: Frühsyphilis ohne HIV mindestens nach sechs und zwölf Monaten; eine zusätzliche Kontrolle nach drei Monaten ist sinnvoll. Latente Syphilis nach sechs, zwölf und 24 Monaten [LL6].
  • HIV-Koinfektion: bei primärer oder sekundärer Syphilis nach drei, sechs, neun, zwölf und 24 Monaten; bei latenter Syphilis nach sechs, zwölf, 18 und 24 Monaten [LL6].
  • Serologisches Ansprechen: vierfacher RPR- oder VDRL-Titerabfall entspricht zwei Verdünnungsstufen. Bei Frühsyphilis üblicherweise innerhalb von zwölf Monaten; bei spät latenter Syphilis Beurteilung über bis zu 24 Monate [LL6].
  • Unzureichender Titerabfall: beweist allein kein Therapieversagen. Ausgangstiter, Vorbehandlungen und persistierende niedrige Titer berücksichtigen. Ein über mehr als zwei Wochen anhaltender vierfacher Titeranstieg oder erneute Symptome erfordern Abklärung auf Reinfektion oder Therapieversagen und gegebenenfalls Liquordiagnostik sowie erneute Behandlung [LL6].
  • Treponemale Tests: bleiben häufig dauerhaft positiv und eignen sich nicht zur routinemäßigen Therapiekontrolle [LL6].
  • Neurosyphilis: klinisches und serologisches Ansprechen beurteilen. Keine routinemäßige Kontrollpunktion bei gutem Ansprechen; bei fehlender Besserung oder Behandlung mit unzureichend validierter Reserveoption Liquorkontrolle nach etwa vier bis sechs Monaten, bei Verschlechterung früher [LL2, LL6].
  • Konnatale Syphilis: pädiatrische klinische und serologische Nachsorge; bei reaktiven nicht treponemalen Tests Kontrolle alle zwei bis drei Monate bis zur Negativierung [LL6].

Weitere Hinweise

  • Versorgungslage: Im Januar 2026 wurde ein Versorgungsmangel für parenterales Benzathin-Benzylpenicillin bekannt gegeben. Importpräparate und ihre Verfügbarkeit anhand der aktuellen BfArM-Information prüfen; daraus folgt keine sichere kontinuierliche Lieferbarkeit [BI1].
  • Injektionstechnik: Depotpenicillin ausschließlich nach präparatespezifischer Anleitung durch erfahrenes Personal mit Möglichkeit zur sofortigen Anaphylaxiebehandlung applizieren [F1].
  • Meldepflicht: Der direkte oder indirekte Erregernachweis einer behandlungsbedürftigen Syphilis ist in Deutschland gemäß § 7 Absatz 3 IfSG nichtnamentlich an das Robert Koch-Institut zu melden [BI2].
  • Leitlinienstatus: Die deutsche S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Syphilis ist abgelaufen. Ihre Empfehlungen zusammen mit der S1-Leitlinie Neurosyphilis 2026 und den internationalen Leitlinien bewerten; relevante Unterschiede sind oben ausgewiesen [LL1-LL6].

Red Flags (Warnzeichen) bei Syphilis

  • Neue Sehverschlechterung, Augenschmerzen oder Photophobie (Lichtscheu): sofortige ophthalmologische Abklärung und bei okulärer Syphilis Behandlung wie Neurosyphilis [LL6].
  • Plötzlicher Hörverlust oder neue vestibuläre Beschwerden (Beschwerden des Gleichgewichtsorgans): dringliche otologische Abklärung [LL6].
  • Meningismus (Nackensteifigkeit als Zeichen einer Hirnhautreizung), fokale neurologische Ausfälle (örtlich begrenzte Störungen von Nervenfunktionen) oder psychiatrische Veränderungen: dringlicher Verdacht auf Neurosyphilis [LL2].
  • Schwangerschaft mit Wehen, Fieber oder verminderten Kindsbewegungen nach Therapiebeginn: sofortige geburtshilfliche Beurteilung [LL6].
  • Dyspnoe (Atemnot), generalisierte Urtikaria (am ganzen Körper auftretende Nesselsucht) oder Kreislaufkollaps nach Antibiotikagabe: Anaphylaxie ausschließen und unverzüglich behandeln; nicht als Jarisch-Herxheimer-Reaktion fehlinterpretieren [F1-F3].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BASHH: British Association for Sexual Health and HIV
  • BfArM: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
  • CDC: Centers for Disease Control and Prevention
  • ECDC: European Centre for Disease Prevention and Control
  • EU: Europäische Union
  • EEA: European Economic Area; Europäischer Wirtschaftsraum
  • HIV: Humanes Immundefizienz-Virus
  • i. m.: intramuskulär
  • i. v.: intravenös
  • IE: Internationale Einheiten
  • IfSG: Infektionsschutzgesetz
  • KG: Körpergewicht
  • Mio.: Millionen
  • PCR: Polymerase-Kettenreaktion
  • PEP: Postexpositionsprophylaxe
  • Doxy-PEP: Doxycyclin-Postexpositionsprophylaxe
  • p. o.: per os
  • RPR: Rapid-Plasma-Reagin-Test
  • STI: sexuell übertragbare Infektion
  • VDRL: Venereal-Disease-Research-Laboratory-Test
  • WHO: World Health Organization
  • ZNS: Zentralnervensystem

Literatur

  1. Hook EW 3rd et al.: One Dose versus Three Doses of Benzathine Penicillin G in Early Syphilis. N Engl J Med. 2025;393:869-878. doi: 10.1056/NEJMoa2401802
  2. Luetkemeyer AF et al.: Postexposure Doxycycline to Prevent Bacterial Sexually Transmitted Infections. N Engl J Med. 2023;388:1296-1306. doi: 10.1056/NEJMoa2211934
  3. Wedi B et al.: Penicillin-Toleranzinduktion in der Schwangerschaft: Allergologische Stellungnahme zur Empfehlung der aktuellen Leitlinie Diagnostik und Therapie der Syphilis (AWMF-Register-Nr. 059-002). Hautarzt. 2021;72:349-353. doi: 10.1007/s00105-021-04772-x
  4. Clement ME, Okeke NL, Hicks CB: Treatment of Syphilis: A Systematic Review. JAMA. 2014;312:1905-1917. doi: 10.1001/jama.2014.13259

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Syphilis. (AWMF-Registernummer: 059 - 002), Juni 2021; Gültigkeit abgelaufen, historische deutsche Referenz Langfassung [LL1]
  2. S1-Leitlinie: Neurosyphilis. (AWMF-Registernummer: 030 - 101), März 2026, Version 6.0; gültig bis März 2031 Langfassung [LL2]
  3. Janier M et al.: 2020 European guideline on the management of syphilis. International Union against Sexually Transmitted Infections. 2020. Langfassung [LL3]
  4. British Association for Sexual Health and HIV: BASHH UK guidelines for the management of syphilis 2024. 2024. Langfassung [LL4]
  5. World Health Organization: Updated recommendations for the treatment of Neisseria gonorrhoeae, Chlamydia trachomatis, and Treponema pallidum (syphilis) and new recommendations on syphilis testing and partner services. Juli 2024. Publikation [LL5]
  6. Centers for Disease Control and Prevention: Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines, 2021: Syphilis und zugehörige Kapitel. Syphilis; Neurosyphilis, okuläre Syphilis und Otosyphilis; Schwangerschaft; Konnatale Syphilis; HIV-Koinfektion; Latente Syphilis [LL6]
  7. European Centre for Disease Prevention and Control: Public health considerations on the use of doxycycline for post-exposure prophylaxis for bacterial sexually transmitted infections in the EU/EEA. Januar 2026. Langfassung [LL7]
  8. Centers for Disease Control and Prevention: CDC Clinical Guidelines on the Use of Doxycycline Postexposure Prophylaxis for Bacterial Sexually Transmitted Infection Prevention, United States, 2024. MMWR Recomm Rep. 2024;73(2):1-8. Langfassung [LL8]

Behördliche Informationen

  1. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Informationen zur Verfügbarkeit von benzathin-benzylpenicillinhaltigen Arzneimitteln in parenteraler Darreichungsform und Empfehlung zur Abmilderung möglicher Engpässe. Behördliche Information [BI1]
  2. Robert Koch-Institut: Umsetzung der Meldung gemäß § 7 Absatz 3 IfSG. Meldeinformationen [BI2]

Fachinformationen

  1. Lentocilin S 1200 und Lentocilin S 2400. Deutsche Übersetzung der portugiesischen Fachinformation; ausgewiesener Stand der Information: 30. Juli 2024. Fachinformation [F1]
  2. InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH: Penicillin G INFECTOPHARM. März 2025. Fachinformation [F2]
  3. ratiopharm GmbH: Ceftriaxon-ratiopharm 1,0 g und 2,0 g. Oktober 2024. Fachinformation [F3]
  4. ratiopharm GmbH: Doxy-M-ratiopharm 100 mg und 200 mg Tabletten. Juni 2025. Fachinformation [F4]