Rückfallfieber – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Rückfallfieber mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Akutes Atemnotsyndrom (schwere akute Schädigung der Lunge mit Sauerstoffmangel) (Acute Respiratory Distress Syndrome; ARDS) – seltene, potenziell lebensbedrohliche pulmonale Komplikation insbesondere des Zeckenrückfallfiebers (durch Zecken übertragenes Rückfallfieber); ein Auftreten nach Beginn der antibiotischen Therapie ist beschrieben [1, 4, 5, LL1]
- Akutes Lungenödem (akute Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) – insbesondere bei schwerer kardialer Beteiligung mit Myokarditis (Herzmuskelentzündung) bzw. akuter myokardialer Dysfunktion (akuter Funktionsstörung des Herzmuskels) beschrieben [4]
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Konnatale bzw. neonatale Borrelieninfektion (angeborene bzw. beim Neugeborenen auftretende Infektion mit Borrelien) – eine transplazentare Übertragung (Erregerübertragung über den Mutterkuchen) von Rückfallfieber-Borrelien ist dokumentiert; mögliche Folgen sind Frühgeburtlichkeit (Geburt vor dem errechneten Termin), schwere neonatale Infektion (schwere Infektion des Neugeborenen) und neonataler Tod (Tod des Neugeborenen) [1, 2, 5]
Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)
- Uveitis (Entzündung der mittleren Augenhaut), insbesondere Iritis (Entzündung der Regenbogenhaut) bzw. Iridozyklitis (Entzündung von Regenbogenhaut und Strahlenkörper) – seltene okuläre Manifestation, vor allem beim Zeckenrückfallfieber beschrieben; kann mit Augenschmerzen, Photophobie (Lichtscheu) und Visusminderung (Sehverschlechterung) einhergehen [1]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Disseminierte intravasale Koagulopathie (schwere Störung der Blutgerinnung mit Gerinnselbildung und Blutungsneigung) (DIC) – schwere Gerinnungsstörung insbesondere bei ausgeprägtem Läuserückfallfieber (durch Kleiderläuse übertragenes Rückfallfieber); kann zu gastrointestinalen, pulmonalen oder intrakraniellen Blutungen (Blutungen im Schädelinneren) führen [4]
- Milzruptur (Milzriss) – seltene, aber potenziell letale Komplikation bei ausgeprägter Milzbeteiligung; massive intraabdominelle Blutungen (starke Blutungen in die Bauchhöhle) sind beschrieben [4]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Myokarditis bzw. akute myokardiale Schädigung (akute Schädigung des Herzmuskels) – seltene schwere Organmanifestation; mögliche Folgen sind Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen), akute Herzinsuffizienz (akute Herzschwäche) und Lungenödem [4]
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Hepatitis (Leberentzündung) bzw. hepatische Dysfunktion (Funktionsstörung der Leber) – Leberbeteiligung mit Hepatomegalie (Lebervergrößerung), erhöhten Leberwerten und Ikterus (Gelbsucht) ist insbesondere bei schweren Verläufen beschrieben [4]
- Akutes Leberversagen (plötzlicher Ausfall der Leberfunktion) – seltene, prognostisch ungünstige Komplikation eines schweren Rückfallfiebers [4]
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) – insbesondere bei schwerem Läuserückfallfieber und ausgeprägter Gerinnungsstörung bzw. disseminierter intravasaler Koagulopathie beschrieben [4]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Meningitis (Hirnhautentzündung) bzw. Meningoenzephalitis (Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten) – neurologische Komplikationen sind insbesondere beim Zeckenrückfallfieber beschrieben; bei Hard Tick Relapsing Fever durch Borrelia miyamotoi können schwere Verläufe eine stationäre Behandlung erfordern [1, 3, LL2]
- Hirnnerven-Neuritis (Entzündung eines Hirnnervs), insbesondere Fazialisparese (Lähmung des Gesichtsnervs) – charakteristische neurologische Komplikation des Zeckenrückfallfiebers; die berichtete Häufigkeit variiert erheblich zwischen den ursächlichen Borrelienarten und den untersuchten Populationen [1]
- Radikulitis (Entzündung einer Nervenwurzel) bzw. Radikulomyelitis (Entzündung von Nervenwurzeln und Rückenmark) – seltene neuroinvasive Manifestationen des Zeckenrückfallfiebers [1]
- Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns), Krampfanfälle und Bewusstseinsstörungen bis zum Koma (tiefe Bewusstlosigkeit) – insbesondere bei schweren systemischen bzw. neuroinvasiven Verläufen beschrieben [1, 4]
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Abort bzw. Fehlgeburt (vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft) – charakteristische schwerwiegende Schwangerschaftskomplikation; systematische Analysen zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko ungünstiger Schwangerschaftsausgänge sowohl beim Zecken- als auch beim Läuserückfallfieber [1, 2]
- Intrauteriner Fruchttod (Tod des Kindes im Mutterleib) bzw. Totgeburt – infolge maternaler Infektion und möglicher transplazentarer Erregerübertragung beschrieben [1, 2]
- Frühgeburt – erhöhtes Risiko bei Rückfallfieber während der Schwangerschaft; uterine Kontraktionen (Zusammenziehungen der Gebärmutter) können auch im Rahmen einer Jarisch-Herxheimer-Reaktion (akute Reaktion auf den Zerfall von Erregern nach Beginn einer Antibiotikatherapie) auftreten [1, 2]
- Fetale Wachstumsrestriktion (unzureichendes Wachstum des ungeborenen Kindes) bzw. vermindertes Geburtsgewicht – bei betroffenen Schwangerschaften beschrieben [1]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Hypotensiver Schock (Kreislaufschock mit starkem Blutdruckabfall) bzw. Kreislaufkollaps – möglich im Rahmen eines schweren systemischen Krankheitsverlaufs oder einer ausgeprägten Jarisch-Herxheimer-Reaktion [2, 4, LL1, LL3]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Akute Nierenschädigung (plötzliche Verschlechterung der Nierenfunktion) bzw. Nierenfunktionsstörung – insbesondere bei schweren Verläufen mit Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Schock oder Multiorganbeteiligung (Beteiligung mehrerer Organe) beschrieben [2, 4]
Prognosefaktoren
- Verzögerte oder fehlende antibiotische Therapie – mit einem erhöhten Risiko schwerer bzw. komplizierter Verläufe verbunden; die Letalität (Sterblichkeit) ist unter adäquater antibiotischer Therapie deutlich geringer [1, 2, 4]
- Läuserückfallfieber durch Borrelia recurrentis – kann insbesondere bei schwerem Allgemeinzustand ausgeprägt verlaufen; historische hohe Letalitätsraten sind teilweise durch Mangelernährung, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Koinfektionen (gleichzeitige Infektionen mit weiteren Erregern) mitbedingt [2, 4]
- Schwere Organmanifestationen – Bewusstseinsstörung bzw. Koma, ausgeprägter Ikterus oder Leberversagen, schwere Blutungen bzw. disseminierte intravasale Koagulopathie, Myokarditis, akutes Atemnotsyndrom und Schock kennzeichnen einen prognostisch ungünstigen Verlauf [4, LL1]
- Schwangerschaft – deutlich erhöhtes Risiko für Abort, Totgeburt, Frühgeburt, konnatale Infektion und perinatale Mortalität (Sterblichkeit des Kindes kurz vor, während oder nach der Geburt); die publizierten Risiken sind insbesondere beim Läuserückfallfieber hoch [1, 2]
- Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr) – insbesondere bei Hard Tick Relapsing Fever durch Borrelia miyamotoi erhöhtes Risiko schwerer Verläufe; eine Meningoenzephalitis ist als schwere neuroinvasive Manifestation beschrieben [1, 3, LL2]
- Jarisch-Herxheimer-Reaktion – klinisch relevante akute Komplikation nach Beginn der antibiotischen Therapie; sie kann mit Schüttelfrost, hohem Fieber und Hypotonie einhergehen, tritt beim Soft Tick Relapsing Fever bei bis zu etwa 50 % und beim Läuserückfallfieber bei mehr als der Hälfte der behandelten Patienten auf und kann beim Läuserückfallfieber lebensbedrohlich verlaufen [2, 4, LL1, LL3]
- Reduzierter Allgemein- und Ernährungszustand sowie Koinfektionen – insbesondere beim epidemischen Läuserückfallfieber mit erhöhter Morbidität (Krankheitshäufigkeit und Krankheitslast) und Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert [2, 4]
Literatur
- Jakab Á, Kahlig P, Kuenzli E et al.: Tick borne relapsing fever - a systematic review and analysis of the literature. PLoS Negl Trop Dis. 2022;16(2):e0010212. doi: 10.1371/journal.pntd.0010212.
- Kahlig P, Neumayr A, Paris DH: Louse-borne relapsing fever—A systematic review and analysis of the literature: Part 2—Mortality, Jarisch–Herxheimer reaction, impact on pregnancy. PLoS Negl Trop Dis. 2021;15(3):e0008656. doi: 10.1371/journal.pntd.0008656.
- Hoornstra D, Azagi T, van Eck JA et al.: Prevalence and clinical manifestation of Borrelia miyamotoi in Ixodes ticks and humans in the northern hemisphere: a systematic review and meta-analysis. Lancet Microbe. 2022;3(10):e772-e786. doi: 10.1016/S2666-5247(22)00157-4.
- Warrell DA: Louse-borne relapsing fever (Borrelia recurrentis infection). Epidemiol Infect. 2019;147:e106. doi: 10.1017/S0950268819000116.
- Beeson AM, Kjemtrup A, Oltean H et al.: Soft Tick Relapsing Fever — United States, 2012-2021. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2023;72:777-781. doi: 10.15585/mmwr.mm7229a1.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Clinical Guidance for Soft Tick Relapsing Fever (STRF). Juli 2026. Clinical Guidance. [LL1]
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Clinical Guidance for Hard Tick Relapsing Fever (HTRF). Mai 2024. Clinical Guidance. [LL2]
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Clinical Guidance for Louse-borne Relapsing Fever (LBRF). Mai 2024. Clinical Guidance. [LL3]