Rotavirusinfektion – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Rehydratation (Ausgleich eines Flüssigkeitsmangels) und Ausgleich von Elektrolytverlusten (Verlusten von Körpersalzen).
- Symptomlinderung und Vermeidung dehydrationsbedingter Komplikationen (Folgen des Flüssigkeitsmangels).
Therapieempfehlungen
- Die Behandlung ist symptomatisch. Eine zugelassene spezifische antivirale Therapie (gezielte Behandlung gegen Viren) steht nicht zur Verfügung; Antibiotika sind bei alleiniger Rotavirusinfektion nicht indiziert [2, LL2].
- Hypoosmolare (mit geringerer Konzentration gelöster Teilchen als Blutplasma) orale Rehydrationslösungen (ORL) sind die Basistherapie. Bereits laufende Verluste sollen ersetzt werden; bei klinischer Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) ist zusätzlich das Flüssigkeitsdefizit auszugleichen. Erbrechen allein schließt eine orale Rehydratation nicht aus [LL1, LL2].
- ORL häufig in kleinen Portionen anbieten. Stillen fortsetzen; nach der initialen Rehydratation die altersübliche Ernährung frühzeitig wieder aufnehmen. Keine verordneten „Teepausen“, keine länger dauernde Nahrungskarenz (Essensverzicht) und keine routinemäßige Verdünnung von Säuglingsnahrung. Cola, unverdünnte Säfte und Tee allein sind kein geeigneter Ersatz für ORL [LL1].
- Bei unzureichender oraler Aufnahme kann unter medizinischer Überwachung eine nasogastrale Rehydratation erfolgen. Bei Schock, Bewusstseinsstörung, Ileus (Darmverschluss) oder Scheitern der enteralen Rehydratation ist eine intravenöse Flüssigkeitstherapie erforderlich [LL1, LL2].
- Antiemetika (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen) nicht routinemäßig bei Kindern einsetzen. Bei starkem Erbrechen, das die Rehydratation verhindert, kann ärztlich Ondansetron im Off-Label-Use erwogen werden; bei Erwachsenen ist eine kurzfristige antiemetische Behandlung nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung möglich [LL1, LL2, LL3].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Glucose-Elektrolyt-Kombinationen zur oralen Rehydratation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Glucose, Natriumchlorid, Kaliumchlorid und Citrat als standardisierte ORL | Hypoosmolare Lösung; Zubereitung exakt nach Produktinformation. Keine zusätzlichen Salze, Zucker oder Säfte zugeben. Bei Säuglingen und Kleinkindern ärztliche Mitbehandlung [FI1]. |
- Wirkweise: Glucosegekoppelter Natriumtransport unterstützt die Wasseraufnahme im Dünndarm; Ersatz verlorener Elektrolyte [LL1].
- Indikation: Ersatz von Wasser- und Salzverlusten bei Diarrhö (Durchfall); bevorzugte Therapie bei leichter bis mittelschwerer Dehydratation [LL1, FI1].
- Kontraindikationen (Gründe gegen die Anwendung): Für das genannte Präparat unter anderem akute oder chronische Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion), unstillbares Erbrechen, Bewusstseinstrübung oder Schock sowie Störungen der intestinalen Monosaccharidresorption (Aufnahme einfacher Zucker im Darm). Bei Darmverschluss ist eine orale Behandlung ungeeignet [FI1].
- Nebenwirkungen: Übelkeit oder Erbrechen durch kaliumbedingte Magenreizung, Häufigkeit nicht bekannt; bei Fehlzubereitung beziehungsweise unzureichender Ausscheidung Gefahr von Elektrolytstörungen. Volumen- und Natriumzufuhr bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) besonders überwachen [FI1].
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Antiemetika dienen ausschließlich der symptomatischen Begleitbehandlung und ersetzen keine Rehydratation.
5-HT3-Rezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ondansetron | Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung): Off-Label-Use mit Aufklärung. Altersgerechte Darreichungsform wählen; pädiatrisches Dosierungsschema nicht auf Erwachsene übertragen. Keine automatische Wiederholungsverordnung [LL2, LL3, FI2]. |
- Wirkweise: Selektive Blockade von 5-HT3-Rezeptoren [FI2].
- Indikation: Ausgewählte Kinder mit anhaltendem starkem Erbrechen und gefährdeter oraler Rehydratation; Anwendung nach ärztlicher Untersuchung [LL1, LL3].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und gleichzeitige Anwendung von Apomorphin. Bei angeborenem Long-QT‑Syndrom (angeborene Störung der elektrischen Erregungsrückbildung des Herzens) vermeiden; Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut) und Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) vor Anwendung korrigieren. Begleitmedikation mit QT-verlängernden oder serotonergen Arzneimitteln prüfen [FI2].
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Obstipation (Verstopfung), bei Gastroenteritis auch vermehrte Diarrhö; QT-Verlängerung und selten schwerwiegende Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen). Serotoninsyndrom (gefährliche Übersteigerung der Serotoninwirkung) bei entsprechender Begleitmedikation möglich [LL3, FI2].
Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Domperidon | Keine bevorzugte Therapie der Rotavirusinfektion. Zulassungsbezogene Alters-/Gewichtsgrenze: ab 12 Jahren und mindestens 35 kg; daraus folgt keine Routineempfehlung bei pädiatrischer Gastroenteritis. Besonders ungünstiges kardiales Risikoprofil bei Personen über 60 Jahren [LL1, FI3]. |
- Wirkweise: Überwiegend periphere Dopamin-D2-Rezeptorblockade [FI3].
- Indikation: Kurzfristige Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Erwachsenen nach individueller Abwägung [LL2, FI3].
- Kontraindikationen: QTc-Verlängerung, relevante Elektrolytstörungen, bedeutsame Herzerkrankungen, mäßige oder schwere Leberfunktionsstörung, Prolaktinom (Prolaktin bildender Tumor der Hirnanhangsdrüse); gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), mechanische Obstruktion (Verschluss durch ein Hindernis) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand). Nicht mit starken CYP3A4-Hemmern oder QT-verlängernden Arzneimitteln kombinieren [FI3].
- Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Hyperprolaktinämie (krankhafte Erhöhung des Hormons Prolaktin); ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen der Herzkammern) einschließlich Torsade-de-pointes-Tachykardien (bestimmter gefährlicher schneller Herzrhythmusstörungen) und plötzlicher Herztod [FI3].
H1-Antihistaminika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dimenhydrinat | Keine Routinebehandlung bei Kindern. Insbesondere bei Kindern bis 3 Jahre nicht zur Behandlung einer banalen Gastroenteritis einsetzen. Bei schwerer Niereninsuffizienz oder Leberinsuffizienz (eingeschränkter Leberfunktion) besondere Vorsicht. Eine allgemein gültige Dosisreduktion ist hierfür nicht festgelegt [FI4]. |
- Wirkweise: H1-Rezeptorblockade mit anticholinerger (die Wirkung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin hemmender) und zentral sedierender (müde machender) Wirkung [FI4].
- Indikation: Allenfalls kurzfristige symptomatische Behandlung ausgeprägten Erbrechens bei Erwachsenen nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung [LL2, FI4].
- Kontraindikationen: Unter anderem akuter Asthmaanfall, Engwinkelglaukom (Augenerkrankung mit behindertem Abfluss des Augenkammerwassers), Phäochromozytom (bestimmter hormonbildender Tumor), Porphyrie (Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs), Prostatahyperplasie mit Restharnbildung (Prostatavergrößerung mit unvollständiger Blasenentleerung), Krampfanfälle und bestimmte Herzrhythmusstörungen [FI4].
- Nebenwirkungen: Schläfrigkeit, Benommenheit, Mundtrockenheit, Obstipation und Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Blase zu entleeren); paradoxe Erregung und Krampfanfälle insbesondere bei Kindern. QT-Verlängerung, Abhängigkeit und bei Überdosierung lebensbedrohliche Vergiftung möglich [FI4].
Beachte
- Rehydratationserfolg anhand von Allgemeinzustand, Kreislauf, Körpergewicht und Urinausscheidung kontrollieren. Bei stark verminderter Urinausscheidung, zunehmender Schläfrigkeit, Kreislaufstörung oder unstillbarem Erbrechen unverzüglich ärztlich beurteilen; bei Säuglingen und vulnerablen älteren Menschen frühzeitig eskalieren [LL1, LL2].
- Eine randomisierte Studie von 2025 mit 1.030 Kindern ab 6 Monaten bis unter 18 Jahren untersuchte zusätzliche Ondansetron-Bedarfsdosen während 48 Stunden nach einer Notaufnahmebehandlung: Eine mittelschwere bis schwere Gastroenteritis trat bei 5,1 % gegenüber 12,5 % unter Placebo auf. Ungeplante Arztkontakte und intravenöse Flüssigkeitsgaben unterschieden sich nicht wesentlich. Die Studie war nicht rotavirusspezifisch; sie begründet keine pauschale Selbstmedikation oder deutsche Zulassung [1].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- CYP3A4: Cytochrom P450 3A4
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- ORL: orale Rehydrationslösungen
- QTc: frequenzkorrigierte QT-Zeit
Literatur
- Freedman SB, Williamson-Urquhart S, Plint AC et al.: Multidose Ondansetron after Emergency Visits in Children with Gastroenteritis. N Engl J Med. 2025;393(3):255-266. doi: 10.1056/nejmoa2503596.
- Robert Koch-Institut: Rotaviren-Gastroenteritis. RKI-Ratgeber, Stand: 2. Dezember 2019. RKI-Ratgeber.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung und beteiligte Fachgesellschaften. (AWMF-Registernummer: 068-003), Juni 2024, Version 4.1. Langfassung. Publizierte Leitlinienfassung: Z Gastroenterol. 2024;62(9):1574-1643. doi: 10.1055/a-2327-6247 [LL1]
- S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. (AWMF-Registernummer: 021-024), November 2023, Version 2.1. Leitlinie und Langfassung [LL2]
- Canadian Paediatric Society: Emergency department use of oral ondansetron for acute gastroenteritis-related vomiting in infants and children. Practice Point, 19. Dezember 2018. Praxisempfehlung [LL3]
Fachinformationen
- STADA: Oralpädon 240. Fachinformation, Stand: Januar 2026. Fachinformation [FI1]
- ratiopharm: Ondansetron-ratiopharm 8 mg Filmtabletten. Fachinformation, Stand: August 2022, Version 5. Fachinformation [FI2]
- AbZ-Pharma: Domperidon AbZ 10 mg Filmtabletten. Fachinformation, Stand: April 2024, Version 6. Fachinformation [FI3]
- Klinge Pharma: Vomex A Suppositorien. Fachinformation, Stand: Februar 2025. Fachinformation [FI4]