Lepra – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Lepra (Morbus Hansen) mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Chronische Rhinitis (chronische Nasenschleimhautentzündung) bzw. nasale Schleimhautschädigung (Schädigung der Nasenschleimhaut) – insbesondere bei multibazillärer/lepromatöser Lepra mit Krustenbildung, Ulzerationen (Geschwürbildungen) und Epistaxis (Nasenbluten); fortgeschritten sind Septumperforationen (Durchbrüche der Nasenscheidewand) und destruktive Veränderungen des Nasengerüsts bis zur Sattelnasendeformität (eingesunkene Verformung des Nasenrückens) möglich [8, 9].
Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)
- Hornhauthypästhesie bzw. -anästhesie (vermindertes bzw. fehlendes Hornhautempfinden) – infolge Beteiligung sensibler Trigeminusfasern mit erhöhtem Risiko unbemerkter Hornhautverletzungen [2].
- Iridozyklitis/Uveitis anterior (Entzündung von Regenbogenhaut und vorderem Augenabschnitt) – insbesondere bei multibazillärer Lepra bzw. im Rahmen von Leprareaktionen; rezidivierende Entzündungen können zu Synechien (Verklebungen im Auge), sekundärem Glaukom (Grüner Star infolge einer anderen Augenerkrankung) und Visusverlust (Verlust der Sehfähigkeit) führen [2, LL2].
- Keratitis (Hornhautentzündung), Hornhautulkus (Hornhautgeschwür) und Hornhauttrübung – insbesondere infolge von Lagophthalmus (unvollständiger Lidschluss), verminderter Hornhautsensibilität und gestörter Protektion der Augenoberfläche [2, LL2].
- Lagophthalmus – durch Schädigung des N. facialis; unzureichender Lidschluss kann zu Expositionskeratopathie (Hornhautschädigung durch unzureichenden Lidschluss) und irreversibler Hornhautschädigung führen [2, LL2].
- Sekundäre Katarakt (Grauer Star infolge einer anderen Erkrankung) – insbesondere im Zusammenhang mit chronischer intraokularer Entzündung und deren Behandlung; mögliche zusätzliche Ursache einer Visusminderung (verminderten Sehschärfe) [2].
- Schwere Sehbehinderung bis Erblindung – mögliche Endstrecke fortgeschrittener kornealer oder intraokularer Komplikationen [2, LL2].
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Primärer Hypogonadismus (Unterfunktion der Hoden) beim Mann – insbesondere bei multibazillärer/lepromatöser Lepra infolge testikulärer Beteiligung (Hodenbeteiligung) mit Beeinträchtigung der endokrinen Hodenfunktion [6, 7].
- Sekundäre Amyloidose (Eiweißablagerungserkrankung infolge chronischer Entzündung) mit Nierenbeteiligung – beschriebene Spätkomplikation chronisch-entzündlicher Krankheitsverläufe; kann eine relevante Nierenfunktionsstörung verursachen [4].
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Chronische neuropathische bzw. trophische Ulzera (durch Nervenschädigung bzw. gestörte Gewebeversorgung bedingte Geschwüre) – vor allem plantar, seltener an den Händen; Folge von Sensibilitätsverlust (Verlust des Empfindungsvermögens), autonomer Dysfunktion (Störung unwillkürlicher Nervenfunktionen), Fehl- bzw. Druckbelastung und wiederholten unbemerkten Mikrotraumata (kleinsten Verletzungen); sekundäre Infektionen können die Gewebeschädigung verstärken [3, 9, LL2].
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Leprareaktion Typ 1 (akute Entzündungsreaktion des Immunsystems) (Reversal-Reaktion) – akut entzündliche Immunreaktion insbesondere bei Borderline-Formen; kann vor, während oder nach der antimikrobiellen Therapie auftreten und durch akute Neuritis (Nervenentzündung) irreversible Nervenfunktionsstörungen verursachen [9, LL2].
- Leprareaktion Typ 2 (Erythema nodosum leprosum, ENL) (knotige entzündliche Hautreaktion bei Lepra) – systemische, häufig rezidivierende Entzündungsreaktion insbesondere bei lepromatöser bzw. borderline-lepromatöser Lepra; neben entzündlichen Hautknoten sind Neuritis, Augenbeteiligung, Arthritis (Gelenkentzündung) und Orchitis (Hodenentzündung) bzw. Epididymo-Orchitis (Entzündung von Nebenhoden und Hoden) möglich [9, LL2].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Beugekontrakturen (dauerhafte Beugeverkürzungen) und Gelenkfehlstellungen – Folge chronischer motorischer Denervierung (Verlust der Nervenversorgung), muskulärer Dysbalance (Ungleichgewicht der Muskelkräfte) und sekundärer Weichteilverkürzungen [9, LL2].
- Fallfuß (Fußheberschwäche) – infolge motorischer Neuropathie (Nervenschädigung mit Bewegungsstörung), insbesondere bei Schädigung des N. fibularis communis; führt zu Gangstörung, Fehlbelastung und erhöhtem Verletzungsrisiko [9, LL2].
- Krallenhand (krallenartige Fehlstellung der Finger) – charakteristische bleibende Deformität bei fortgeschrittener Ulnaris- bzw. kombinierter Ulnaris-/Medianusneuropathie (Schädigung des Ellennervs bzw. des Ellennervs und Mittelnervs) [9, LL2].
- Neuropathisch bedingte Knochen- und Gelenkschäden (durch Nervenschädigung bedingte Knochen- und Gelenkschäden) – bei ausgeprägtem Sensibilitätsverlust können wiederholte Traumata, chronische Ulzerationen und sekundäre Infektionen zu destruktiven osteoartikulären Veränderungen (zerstörenden Knochen- und Gelenkveränderungen) führen [3, 9, LL2].
- Resorption bzw. Verkürzung von Fingern und Zehen – Spätfolge wiederholter unbemerkter Traumata, chronischer Ulzerationen, Infektionen und trophischer Gewebeschädigung (Gewebeschädigung durch gestörte Versorgung); keine primäre „Abstoßung“ der Akren durch die Lepra [9, LL2].
- Wrist drop – bei ausgeprägter Radialisneuropathie (Schädigung des Speichennervs) mit motorischem Funktionsverlust [LL2].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Angststörungen – bei Menschen mit Lepra gehäuft beschrieben; Behinderung, sichtbare Deformitäten, Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung tragen wesentlich zur psychischen Belastung bei [5].
- Chronische periphere Neuropathie (chronische Schädigung peripherer Nerven) – wichtigste Ursache der leprabedingten Langzeitmorbidität; häufig als asymmetrische Mononeuropathie (Schädigung eines einzelnen peripheren Nervs) bzw. Mononeuropathia multiplex (Schädigung mehrerer einzelner peripherer Nerven) mit sensiblen, motorischen und autonomen Funktionsstörungen [9, LL2].
- Depressive Störungen – bei Menschen mit Lepra gehäuft; körperliche Behinderung, Stigmatisierung und Diskriminierung sind wesentliche mitwirkende Faktoren [5].
- Motorische Paresen (Lähmungserscheinungen) und Muskelatrophien (Muskelschwund) – insbesondere bei Schädigung von N. ulnaris, N. medianus, N. radialis, N. fibularis communis bzw. N. facialis; können bleibende Fehlstellungen und Funktionsverluste verursachen [9, LL2].
- Neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen) – können bei entzündlicher Neuritis auftreten und nach struktureller Nervenschädigung persistieren [LL2].
- Persistierende Sensibilitätsstörungen (anhaltende Empfindungsstörungen) bis Anästhesie (Gefühllosigkeit) – Verlust von Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfinden erhöht das Risiko wiederholter unbemerkter Verletzungen, Ulzerationen und sekundärer Behinderungen [3, 9, LL2].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Fertilitätsstörung des Mannes (eingeschränkte Zeugungsfähigkeit) – testikuläre Beteiligung kann die Spermatogenese (Spermienbildung) beeinträchtigen; Oligozoospermie (verminderte Spermienzahl) bzw. Azoospermie (Fehlen von Spermien im Ejakulat) und Infertilität (Unfruchtbarkeit) wurden insbesondere bei multibazillärer/lepromatöser Lepra beschrieben [6].
- Glomerulonephritis (Entzündung der Nierenkörperchen) – wichtigste beschriebene renale Manifestation der Lepra; insbesondere immunologisch vermittelte glomeruläre Erkrankungen (durch das Immunsystem verursachte Erkrankungen der Nierenkörperchen) können im Zusammenhang mit multibazillärer Lepra und Leprareaktionen auftreten [4].
- Interstitielle Nephritis (Entzündung des Nierenzwischengewebes) – beschriebene, deutlich seltenere renale Manifestation [4].
- Testisatrophie (Hodenschrumpfung) – insbesondere bei multibazillärer/lepromatöser Lepra; die Hodenbeteiligung kann klinisch weitgehend stumm verlaufen und mit Störungen der Testosteronproduktion und Spermatogenese einhergehen [6, 7].
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Rezidivierende Schnitt-, Druck- und Stichverletzungen sowie Verbrennungen – infolge des Verlusts von Schmerz- und Temperaturempfinden häufig zunächst unbemerkt; können Ausgangspunkt chronischer Ulzera, Infektionen und fortschreitender Gewebeschädigung sein [3, 9, LL2].
Prognosefaktoren
- Diagnoseverzögerung – eine verlängerte unbehandelte Krankheitsdauer erhöht das Risiko irreversibler Nervenschädigung und bleibender Behinderung; frühe Diagnose und unverzügliche Therapie sind daher prognostisch entscheidend [LL1, LL2].
- Multibazilläre Lepra – gegenüber paucibazillärer Lepra mit deutlich höheren Odds für körperliche Behinderung assoziiert; gepoolte OR 4,32 (95-%-KI 3,37-5,53) [1].
- Lepromatöse Krankheitsform – mit besonders hohem Behinderungsrisiko assoziiert; je nach Vergleichsgruppe zeigten sich in der Metaanalyse etwa 5- bis 12-fach erhöhte Odds für körperliche Behinderung [1].
- Leprareaktionen – Typ-1- und Typ-2-Reaktionen stellen einen zentralen Mechanismus akuter Nervenschädigung dar; in der Metaanalyse waren Leprareaktionen mit erhöhten Odds für körperliche Behinderung assoziiert (gepoolte OR 2,43; 95-%-KI 1,35-4,36) [1, LL2].
- Neuritis bzw. bestehende Nervenfunktionsstörung – insbesondere unbehandelte oder verzögert behandelte Nervenentzündung begünstigt dauerhafte sensible, motorische und autonome Funktionsverluste [LL2].
- Bereits vorhandene sichtbare Deformität bzw. WHO-Behinderungsgrad 2 – kennzeichnet fortgeschrittene strukturelle Schädigung und einen erhöhten Bedarf an langfristiger Wundversorgung, Rehabilitation (Wiederherstellung von Funktion und Teilhabe) und Sekundärprävention (Vorbeugung weiterer Folgeschäden) [1, LL2].
- Männliches Geschlecht – in der Metaanalyse mit höheren Odds für körperliche Behinderung assoziiert (gepoolte OR 1,66; 95-%-KI 1,43-1,93) [1].
- Rezidivierende bzw. chronische Leprareaktionen – wiederholte entzündliche Episoden können auch nach Abschluss der antimikrobiellen Therapie zusätzliche Nervenschäden und neue Behinderungen verursachen [LL2].
Literatur
- de Paula HL, de Souza CDF, Silva SR et al.: Risk Factors for Physical Disability in Patients With Leprosy: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Dermatol. 2019;155(10):1120-1128. doi: 10.1001/jamadermatol.2019.1768.
- Grzybowski A, Nita M, Virmond M: Ocular leprosy. Clin Dermatol. 2015;33(1):79-89. doi: 10.1016/j.clindermatol.2014.07.003.
- Reinar LM, Forsetlund L, Lehman LF et al.: Interventions for ulceration and other skin changes caused by nerve damage in leprosy. Cochrane Database Syst Rev. 2019;7:CD012235. doi: 10.1002/14651858.CD012235.pub2.
- Silva Junior GB, Daher EF, Pires Neto RJ et al.: Leprosy nephropathy: a review of clinical and histopathological features. Rev Inst Med Trop Sao Paulo. 2015;57(1):15-20. doi: 10.1590/S0036-46652015000100002.
- Somar PMW, Waltz MM, van Brakel WH: The impact of leprosy on the mental wellbeing of leprosy-affected persons and their family members – a systematic review. Glob Ment Health (Camb). 2020;7:e15. doi: 10.1017/gmh.2020.3.
- Gunawan H, Achdiat PA, Rahardjo RM et al.: Frequent testicular involvement in multibacillary leprosy. Int J Infect Dis. 2020;90:60-64. doi: 10.1016/j.ijid.2019.10.013.
- Urgie NT, Surur MO, Nigussie S et al.: Hypogonadism and associated factors among male Leprosy patients. PLoS Negl Trop Dis. 2024;18(8):e0012374. doi: 10.1371/journal.pntd.0012374.
- Kim JH, Lee OJ, Lee JJ et al.: Analysis of facial deformities in Korean leprosy. Clin Exp Otorhinolaryngol. 2013;6(2):78-81. doi: 10.3342/ceo.2013.6.2.78.
- Chen KH, Lin CY, Su SB et al.: Leprosy: A Review of Epidemiology, Clinical Diagnosis, and Management. J Trop Med. 2022;2022:8652062. doi: 10.1155/2022/8652062.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- World Health Organization: Guidelines for the diagnosis, treatment and prevention of leprosy. 2018. WHO-Publikationsseite. Volltext. [LL1]
- World Health Organization: Leprosy/Hansen disease: management of reactions and prevention of disabilities: technical guidance. 2020. WHO-Publikationsseite. Volltext. [LL2]
- World Health Organization: Towards zero leprosy. Global leprosy (Hansen's disease) strategy 2021-2030. 2021. WHO-Publikationsseite. [LL3]