Tripper (Gonorrhoe) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Eliminierung von Neisseria gonorrhoeae
- Vermeidung lokaler und systemischer Komplikationen sowie reproduktionsmedizinischer Folgeschäden
- Unterbrechung der Übertragung durch frühzeitige Behandlung, Partnermanagement und vorübergehende sexuelle Abstinenz
- Vermeidung unnötiger Antibiotikagaben und weiterer Resistenzentwicklung
Therapieempfehlungen
Die nachfolgenden Dosierungen beziehen sich grundsätzlich auf Erwachsene. Bei Jugendlichen, Schwangerschaft, Organfunktionsstörungen (Störungen der Arbeitsfähigkeit von Organen) und komplizierten Infektionen sind individuelle Anpassungen beziehungsweise eine spezialärztliche Mitbehandlung erforderlich.
- Erregernachweis und Resistenztestung: Vor Beginn der Antibiotikatherapie möglichst Material für Kultur und Empfindlichkeitsprüfung gewinnen; zusätzlich Nukleinsäure-Amplifikationstechniken (NAAT) einsetzen. Die Probenentnahme richtet sich nach den betroffenen beziehungsweise exponierten Lokalisationen. Eine dringliche Behandlung darf durch die Diagnostik nicht verzögert werden [LL1, LL3].
- Unkomplizierte urogenitale, rektale oder pharyngeale Gonorrhoe (Tripper der Harn- und Geschlechtsorgane, des Enddarms oder des Rachens): Ceftriaxon ist das Mittel der ersten Wahl. WHO 2024 und BASHH 2025 empfehlen 1 g i.m. einmalig als Monotherapie. Die deutsche S3-Leitlinie zur gonorrhoischen Urethritis (durch Gonokokken verursachten Harnröhrenentzündung) empfiehlt 1-2 g i.v. oder i.m. einmalig; die Dosierung oberhalb von 1 g beruht auf Expertenkonsens und wurde für diese Indikation nicht in kontrollierten Studien untersucht [LL1-LL3].
- Empirische Kombinationstherapie: Keine routinemäßige zusätzliche Gabe von Azithromycin allein zur vermeintlichen Absicherung gegen Gonokokkenresistenzen. Bei nicht ausgeschlossener Chlamydieninfektion (Infektion durch Chlamydienbakterien) ist eine zusätzliche antichlamydiale Therapie zu berücksichtigen. Bei gonorrhoischer Urethritis empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie Doxycyclin 100 mg p.o. zweimal täglich für 7 Tage, sofern eine zeitnahe Wiedervorstellung zur gegebenenfalls erforderlichen Behandlung der Koinfektion (gleichzeitig bestehenden weiteren Infektion) nicht gesichert ist [LL1].
- Gezielte Therapie: Alternative Antibiotika anhand der Empfindlichkeitsprüfung, Infektionslokalisation und individuellen Gegenanzeigen auswählen. Ciprofloxacin darf wegen der hohen Resistenzprävalenz nicht empirisch eingesetzt werden. Azithromycin und Doxycyclin sind keine geeigneten Monotherapien zur Gonokokkeneradikation [4] [LL1-LL3].
- Orale Alternative bei nicht möglicher Ceftriaxongabe: Cefixim 800 mg p.o. einmalig kann nach WHO-Empfehlung eingesetzt werden, wenn Ceftriaxon nicht verfügbar ist oder abgelehnt wird; eine mikrobiologische Heilungskontrolle ist erforderlich. Bei pharyngealer Infektion ist Ceftriaxon deutlich zu bevorzugen. Cefixim-Monotherapie ist für diese Lokalisation wegen dokumentierten Therapieversagens keine verlässliche Standardalternative [LL2, LL3].
- Schwere Betalaktamallergie (schwere allergische Reaktion auf eine bestimmte Antibiotikagruppe): Nach sorgfältiger Prüfung der Allergieanamnese kann Gentamicin 240 mg i.m. einmalig plus Azithromycin 2 g p.o. einmalig als Ausweichregime erwogen werden. Insbesondere bei pharyngealer Infektion, Schwangerschaft oder vermuteter Multiresistenz ist eine infektiologische beziehungsweise STI-spezialisierte Mitbehandlung erforderlich [LL2-LL4].
- Gonokokken-Konjunktivitis (durch Gonokokken verursachte Bindehautentzündung) beziehungsweise Ophthalmoblenorrhoe (eitrige Augenentzündung durch Gonokokken): Diese Bezeichnungen beschreiben dieselbe okuläre Infektion und begründen keine getrennten Standardregime. Ceftriaxon 1 g i.m. einmalig; zusätzlich Augenspülung mit steriler Kochsalzlösung erwägen. Sofortige augenärztliche Mitbehandlung wegen drohender Hornhautschädigung. Bei Keratitis (Hornhautentzündung), Hornhautulzeration (Geschwürbildung an der Hornhaut) oder schwerem Verlauf müssen die weitere systemische und lokale Therapie individuell festgelegt werden [LL3, LL4].
- Disseminierte Gonokokkeninfektion (über den ursprünglichen Infektionsort hinaus im Körper ausgebreitete Gonokokkeninfektion): Initial stationäre Behandlung. Bei Arthritis (Gelenkentzündung) beziehungsweise Arthritis-Dermatitis-Syndrom (Krankheitsbild mit Gelenkentzündung und entzündlichen Hautveränderungen) Ceftriaxon 1 g i.v. oder i.m. alle 24 Stunden. Nach deutlicher klinischer Besserung kann nach 24-48 Stunden auf eine anhand der Empfindlichkeit ausgewählte orale Therapie umgestellt werden; Gesamtbehandlungsdauer mindestens 7 Tage [LL4].
- Gonokokken-Meningitis (Hirnhautentzündung durch Gonokokken) oder -Endokarditis (Herzinnenhautentzündung durch Gonokokken): Ceftriaxon 1-2 g i.v. alle 12-24 Stunden unter infektiologischer Mitbehandlung. Bei Meningitis parenterale Therapie für 10-14 Tage; bei Endokarditis länger als 4 Wochen. Dosierung und Dauer nach klinischem Verlauf und Empfindlichkeitsprüfung festlegen [LL4].
- Aufsteigende Genitalinfektionen: Bei Adnexitis (Entzündung von Eileitern und Eierstöcken) beziehungsweise pelviner entzündlicher Erkrankung (Entzündung der inneren weiblichen Geschlechtsorgane im Becken) oder Epididymitis (Nebenhodenentzündung) reicht eine Gonorrhoe-Einmaltherapie nicht aus. Ergänzende Behandlung entsprechend dem jeweiligen Krankheitsbild und dem zusätzlich zu erfassenden Erregerspektrum durchführen [LL3, LL4].
- Schwangerschaft: Ceftriaxon bleibt bevorzugt. Eine notwendige Behandlung einer Chlamydienkoinfektion muss mit einem schwangerschaftsgeeigneten Regime erfolgen; Doxycyclin hierfür nicht einsetzen [LL2, LL4].
Wirkstoffe nach Wirkstoffgruppen
Cephalosporine der dritten Generation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ceftriaxon | Erstwahl, insbesondere bei pharyngealer Infektion. Indikationsabhängige Therapiedauer beachten. Leitliniendosierung bei unkomplizierter Gonorrhoe kann von der produktbezogenen Fachinformation abweichen; Off-Label-Anwendung beachten [LL1-LL4] [F1]. |
| Cefixim | Für die unkomplizierte Gonorrhoe nur bei begründetem Verzicht auf Ceftriaxon und gesicherter Heilungskontrolle. Keine bevorzugte Behandlung pharyngealer Infektionen. Bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) produktbezogene Dosisanpassung prüfen. Die orale Fortführung einer disseminierten Infektion erfordert einen Empfindlichkeitsnachweis [LL2, LL3]. |
| Cefotaxim | Parenterale Alternative bei disseminierter Infektion; nach Empfindlichkeit und klinischem Verlauf auswählen. Bei Niereninsuffizienz Dosisanpassung erforderlich [LL4]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese durch Bindung an Penicillin-bindende Proteine; bakterizide Wirkung.
- Indikationen: Ceftriaxon zur unkomplizierten und komplizierten Gonorrhoe; Cefixim als ausgewählte orale Alternative; Cefotaxim als Alternative bei disseminierter Infektion.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen das jeweilige Cephalosporin beziehungsweise vorausgegangene schwere Überempfindlichkeitsreaktion auf andere Betalaktamantibiotika. Eine unspezifische Penicillinallergieangabe erfordert eine differenzierte Bewertung. Lidocainhaltige Ceftriaxonlösungen ausschließlich i.m. anwenden [F1].
- Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen, Diarrhoe (Durchfall) einschließlich Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch das Bakterium Clostridioides difficile), Blutbildveränderungen und Leberenzymanstieg; unter Ceftriaxon zusätzlich biliäre Ausfällungen, selten Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) [F1].
Bei alleiniger Nierenfunktionsstörung ist für Ceftriaxon bei erhaltener Leberfunktion grundsätzlich keine Dosisreduktion erforderlich. Bei Kreatinin-Clearance unter 10 ml/min darf die Tagesdosis 2 g nicht überschreiten. Bei gleichzeitiger schwerer Nieren- und Leberfunktionsstörung ist eine engmaschige klinische Überwachung erforderlich [F1].
Fluorchinolone
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ciprofloxacin | Ausschließlich bei nachgewiesener Empfindlichkeit. Keine empirische Anwendung. Wegen potenziell schwerer, lang anhaltender Nebenwirkungen nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung; bei Niereninsuffizienz Dosisanpassung prüfen [LL1, LL3] [F2]. |
- Wirkweise: Hemmung bakterieller DNA-Gyrase und Topoisomerase IV; bakterizide Wirkung.
- Indikationen: Gezielte Behandlung empfindlicher Gonokokken, wenn bevorzugte Behandlungsoptionen nicht geeignet sind.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Chinolone und gleichzeitige Einnahme von Tizanidin. In Schwangerschaft und Stillzeit vermeiden; vorausgegangene schwere Fluorchinolonreaktionen und individuelle Risikofaktoren berücksichtigen [F2].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Tendinitis (Sehnenentzündung) und Sehnenruptur (Sehnenriss), periphere Neuropathie (Schädigung der Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark), neuropsychiatrische Störungen (Störungen des Nervensystems und der seelischen Funktionen), Dysglykämie (Störung der Blutzuckerregulation) und QT-Verlängerung; selten lang anhaltende oder irreversible Schäden [F2].
Aminoglykoside
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Gentamicin | Ausweichregime bei nicht möglicher Cephalosporintherapie, insbesondere schwerer Allergie. Keine Monotherapie. Nierenfunktion und Begleitmedikation berücksichtigen; in der Schwangerschaft möglichst vermeiden. Heilungskontrolle erforderlich [LL2-LL4] [F3]. |
- Wirkweise: Bindung an die bakterielle 30S-Ribosomenuntereinheit mit Störung der Proteinsynthese; bakterizide Wirkung.
- Indikationen: Bestandteil eines alternativen Kombinationsregimes bei unkomplizierter Gonorrhoe.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Aminoglykoside; Myasthenia gravis (Erkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche) nach produktbezogener Fachinformation. Besondere Vorsicht bei Nierenfunktionsstörung und gleichzeitiger Anwendung nephro- oder ototoxischer Arzneimittel [F3].
- Nebenwirkungen: Nephrotoxizität (nierenschädigende Wirkung), vestibuläre beziehungsweise cochleäre Ototoxizität (Schädigung des Gleichgewichtsorgans beziehungsweise des Hörorgans im Innenohr) und neuromuskuläre Blockade (Blockierung der Signalübertragung von Nerven auf Muskeln) [F3].
Makrolide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Azithromycin | Keine Gonorrhoe-Monotherapie. Das 4-Tage-Regime ist nach deutscher S3-Leitlinie eine erwägbare Off-Label-Alternative, wenn eine Wiedervorstellung nicht gesichert ist. Es ersetzt keine gezielte Therapie einer nachgewiesenen Mycoplasma-genitalium-Infektion (Infektion durch das Bakterium Mycoplasma genitalium) [LL1]. Die früher pauschal angegebene Einmaldosis von 1,5 g ist keine aktuelle allgemeine Standardempfehlung. |
- Wirkweise: Bindung an die bakterielle 50S-Ribosomenuntereinheit und Hemmung der Proteinsynthese.
- Indikationen: Bestandteil ausgewählter Ausweichkombinationen beziehungsweise Alternative zur notwendigen antichlamydialen Behandlung; keine routinemäßige Ergänzung einer wirksamen Ceftriaxontherapie.
- Kontraindikationen: Makrolidüberempfindlichkeit. Bei schwerer Leberfunktionsstörung, QT-Verlängerung, relevanten Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) und gleichzeitiger Einnahme QT-verlängernder Arzneimittel individuelle Risikoprüfung [F4].
- Nebenwirkungen: Diarrhoe, Übelkeit und Erbrechen, besonders bei 2-g-Einmaldosis; Leberfunktionsstörungen, QT-Verlängerung und selten schwere Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) oder Hörstörungen [F4].
Tetracycline – Behandlung einer Chlamydienkoinfektion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Doxycyclin | Zusätzlich zur wirksamen Gonokokkentherapie bei nachgewiesener beziehungsweise behandlungsbedürftig nicht ausgeschlossener Chlamydieninfektion. Keine Gonokokken-Monotherapie. Bei Lymphogranuloma venereum (sexuell übertragbarer Chlamydieninfektion mit möglichem Befall der Lymphknoten und des Enddarms) ist eine längere Behandlung erforderlich [LL1, LL4]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese an der 30S-Ribosomenuntereinheit; überwiegend bakteriostatische Wirkung.
- Indikationen: Begleitende Chlamydieninfektion; keine ausreichende Wirksamkeit zur empirischen Gonokokkeneradikation.
- Kontraindikationen: Tetracyclinüberempfindlichkeit; in Schwangerschaft und Stillzeit für diese Indikation nicht anwenden. Weitere produktbezogene Gegenanzeigen beachten [F5].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung), Photosensibilisierung (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut) und selten Hepatotoxizität (leberschädigende Wirkung). Mit ausreichend Wasser und nicht unmittelbar vor dem Hinlegen einnehmen; Abstand zu polyvalenten Kationen einhalten [F5].
Neue orale Therapieoptionen
Gepotidacin und Zoliflodacin sind von der US-amerikanischen Food and Drug Administration für definierte Anwendungen bei unkomplizierter urogenitaler Gonorrhoe zugelassen. Eine US-Zulassung ist nicht mit einer Zulassung oder regulären Verfügbarkeit in Deutschland gleichzusetzen. Vor einer Anwendung müssen der aktuelle europäische beziehungsweise deutsche Zulassungsstatus und die Bezugsfähigkeit geprüft werden. Die nachfolgenden Angaben begründen keine routinemäßige Ablösung von Ceftriaxon [F6, F7].
Triazaacenaphthylen-Antibiotika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Gepotidacin | US-Indikation: unkomplizierte urogenitale Gonorrhoe ab 12 Jahren und mindestens 45 kg Körpergewicht bei begrenzten oder fehlenden Alternativen. Nicht als Standardtherapie pharyngealer, okulärer oder disseminierter Infektionen übertragen. Zulassungsrelevante Gonorrhoe-Studie: EAGLE-1 [5] [F6]. |
- Wirkweise: Hemmung bakterieller Typ-II-Topoisomerasen mit einem von Fluorchinolonen unterschiedlichen Bindungsmechanismus.
- Indikationen: Definierte Fälle unkomplizierter urogenitaler Gonorrhoe gemäß US-Zulassung.
- Kontraindikationen: Schwere Überempfindlichkeit. Anwendung bei QT-Verlängerung, relevanter Herzerkrankung, schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung sowie relevanten CYP3A4-Interaktionen vermeiden. Zusätzliche Expositionsrisiken des Gonorrhoe-Regimes beachten [F6].
- Nebenwirkungen: Vor allem gastrointestinale Beschwerden einschließlich Diarrhoe und Übelkeit; QT-Verlängerung und cholinerge Effekte möglich [F6].
Spiropyrimidintrion-Antibiotika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Zoliflodacin | US-Indikation: unkomplizierte urogenitale Gonorrhoe ab 12 Jahren und mindestens 35 kg Körpergewicht. Bei 35 bis unter 50 kg nüchtern, ab 50 kg mit Nahrung einnehmen. Vor Behandlung Schwangerschaft ausschließen. Keine Übertragung auf komplizierte oder ausschließlich extragenitale Infektionen [6] [F7]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen DNA-Gyrase mit Angriff an der GyrB-Untereinheit.
- Indikationen: Unkomplizierte urogenitale Gonorrhoe entsprechend der jeweiligen Zulassung.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und gleichzeitige Anwendung moderater oder starker CYP3A4-Induktoren. In der Schwangerschaft vermeiden [F7].
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Diarrhoe sowie Neutropenie beziehungsweise Leukopenie. Tierexperimentelle Hinweise auf testikuläre Toxizität (hodenschädigende Wirkung) und Fertilitätsbeeinträchtigung (Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit) beachten; Männern mit Partnerinnen im gebärfähigen Alter wird wirksame Kontrazeption (Empfängnisverhütung) für mindestens 3 Monate nach Einnahme empfohlen [F7].
Weitere Hinweise
- Aktuelle Resistenzlage: In der deutschen Surveillance lagen 2024 die Resistenzanteile für Ciprofloxacin bei 72,1 %, Cefixim bei 0,3 % und Ceftriaxon bei 0,1 %. Für Azithromycin lagen 16,7 % der Isolate oberhalb des epidemiologischen Grenzwertes von 1 mg/l; diese Einstufung ist von einem klinischen Resistenzgrenzwert zu unterscheiden. Die Sentinel-Daten sind keine individuelle Empfindlichkeitsprüfung [4].
- Historische Resistenzberichte: Die Euro-GASP-Daten aus 2017 und der deutsche Bericht über einen hochgradig azithromycinresistenten Stamm aus 2019 bleiben als historische Belege erhalten, dürfen aber nicht zur Beschreibung der aktuellen Resistenzlage verwendet werden [2,3].
- Pharyngeale Gonorrhoe: Besonders sorgfältige Heilungskontrolle, da diese Lokalisation schwieriger zu eradizieren ist und bei dokumentiertem Ceftriaxon-Therapieversagen eine wesentliche Rolle spielt [LL3].
- Antiseptische Mundspülungen: Die ursprüngliche Studie zeigte eine kurzfristige Verminderung kultivierbarer Gonokokken [1]. Daraus lässt sich keine gesicherte Verhinderung der Übertragung ableiten. Die OMEGA-Studie belegte keinen präventiven Nutzen; Mundspülungen ersetzen weder Antibiotikatherapie noch Partnermanagement [7].
- Korrektur des Studienbezugs: EAGLE-1 untersuchte Gepotidacin bei unkomplizierter urogenitaler Gonorrhoe und zeigte Nichtunterlegenheit gegenüber Ceftriaxon plus Azithromycin [5]. EAGLE-2 und EAGLE-3 untersuchten unkomplizierte Harnwegsinfektionen; deren Nebenwirkungsraten dürfen nicht als Gonorrhoe-spezifische Studienergebnisse angegeben werden.
- Depo-Didazin: Unter dieser Bezeichnung konnte kein belastbarer Wirkstoff-, Präparate-, Indikations- oder Studiennachweis identifiziert werden. Die Bezeichnung wird deshalb nicht als Therapieoption geführt. Eine Gleichsetzung mit Gepotidacin ist ohne Klärung der ursprünglichen Quelle nicht zulässig.
- Weitere frühere Alternativen: Ofloxacin wird nicht als gleichrangige aktuelle Standardalternative geführt. Spectinomycin ist kein Standardregime für disseminierte Gonokokkeninfektionen und bei pharyngealer Gonorrhoe unzureichend wirksam; seine Verfügbarkeit ist zudem eingeschränkt [LL2, LL3].
Heilungskontrolle und Partnermanagement
- Mikrobiologische Heilungskontrolle: Im deutschen Versorgungskontext nach jeder Behandlung vorsehen, insbesondere bei pharyngealer Infektion, unbekannter Empfindlichkeit, alternativen Regimen, Schwangerschaft oder fortbestehenden Beschwerden. Eine NAAT-Kontrolle frühestens 14 Tage nach Behandlung durchführen; ein früher positiver Befund kann verbliebenes Erregermaterial widerspiegeln. Bei Beschwerden Kultur und Empfindlichkeitsprüfung veranlassen, ohne eine starre Vier-Wochen-Frist abzuwarten [LL3, LL5].
- Verdacht auf Therapieversagen: Reinfektion (erneute Ansteckung), Adhärenz, Erbrechen nach oraler Gabe und Resistenz prüfen. Vor erneuter Antibiotikagabe möglichst Kultur einschließlich Empfindlichkeitsprüfung gewinnen; spezialärztliche Rücksprache und die geltenden Meldepflichten beachten [LL4].
- Reinfektionskontrolle: Erneute Untersuchung etwa 3 Monate nach Behandlung anbieten; sie ersetzt die frühe Heilungskontrolle nicht [LL4].
- Partnerinformation: Bei asymptomatischer oder nicht urethraler Infektion Partner der vergangenen 3 Monate berücksichtigen. Bei symptomatischer peniler Urethritis empfiehlt BASHH die Rückverfolgung bis 2 Wochen vor Symptombeginn beziehungsweise zum letzten Partner, falls der letzte Kontakt länger zurückliegt [LL3].
- Partnerbehandlung: Partner zeitnah untersuchen und bei nachgewiesener Infektion behandeln. Eine empirische Behandlung kann bei kürzlich erfolgter Exposition oder unsicherer Wiedervorstellung erforderlich sein; die Entscheidung richtet sich nach Expositionszeitpunkt, Symptomen und Nachsorgemöglichkeit [LL3].
- Sexuelle Abstinenz: Bis mindestens 7 Tage nach Abschluss der Behandlung, bis zum Abklingen der Beschwerden und bis zur Behandlung der relevanten Partner auf sexuelle Kontakte verzichten [LL4].
- Weitere sexuell übertragbare Infektionen: Untersuchung auf Chlamydien, Syphilis (Lues) und HIV anbieten; weitere Diagnostik nach Anamnese und Befund [LL3, LL4].
Red Flags (Warnzeichen) bei Gonorrhoe
- Augenschmerzen, ausgeprägte eitrige Konjunktivitis, Photophobie (Lichtscheu) oder Visusminderung (Verschlechterung des Sehvermögens): Sofortige augenärztliche Beurteilung wegen möglicher Hornhautulzeration und Perforation (Durchbruch der Hornhaut).
- Fieber mit Gelenkschwellung, wandernden Gelenkschmerzen, Tenosynovitis (Sehnenscheidenentzündung) oder pustulösen Hautveränderungen (Hautveränderungen mit Eiterbläschen): Verdacht auf disseminierte Gonokokkeninfektion; dringliche stationäre Abklärung.
- Starke Unterbauchschmerzen oder akute Skrotalschmerzen (Schmerzen im Hodensack): Unverzügliche Abklärung einer aufsteigenden Infektion beziehungsweise einer anderen dringlichen Ursache.
- Meningismus (Nackensteifigkeit durch Reizung der Hirnhäute), Bewusstseinsstörung, Kreislaufinstabilität oder Hinweise auf Endokarditis: Notfallmäßige stationäre Behandlung.
- Fortbestehende oder erneut auftretende Beschwerden nach Behandlung: Zeitnahe erneute Untersuchung einschließlich Kultur und Resistenztestung.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- BASHH: British Association for Sexual Health and HIV – britische Fachgesellschaft für sexuelle Gesundheit und HIV.
- CYP3A4: Cytochrom P450 3A4 – Enzym, das am Abbau zahlreicher Arzneimittel beteiligt ist.
- DNA: Desoxyribonukleinsäure – Träger der Erbinformation.
- EAGLE: Efficacy of Antibacterial Gepotidacin Evaluated – Bezeichnung des klinischen Studienprogramms zu Gepotidacin; EAGLE-1, EAGLE-2 und EAGLE-3 bezeichnen einzelne Studien.
- ECDC: European Centre for Disease Prevention and Control – Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten.
- Euro-GASP: European Gonococcal Antimicrobial Surveillance Programme – europäisches Programm zur Überwachung der Antibiotikaempfindlichkeit von Gonokokken.
- GyrB: B-Untereinheit der bakteriellen DNA-Gyrase.
- HIV: Humanes Immundefizienzvirus.
- i.m.: intramuskulär – in einen Muskel.
- i.v.: intravenös – in eine Vene.
- NAAT: Nucleic Acid Amplification Test – Nukleinsäure-Amplifikationstest zum Nachweis von Erregererbgut.
- OMEGA: Oral Mouthwash use to Eradicate GonorrhoeA – Bezeichnung einer Studie zu antiseptischen Mundspülungen und Gonorrhoe.
- p.o.: per os – Einnahme über den Mund.
- QT: Zeitintervall zwischen dem Beginn der Q-Zacke und dem Ende der T-Welle im Elektrokardiogramm; beschreibt einen Abschnitt der elektrischen Herzaktion.
- S2k: Leitlinienklasse mit strukturierter Konsensfindung.
- S3: Leitlinienklasse mit systematischer Bewertung der wissenschaftlichen Evidenz und strukturierter Konsensfindung.
- STI: Sexually Transmitted Infection – sexuell übertragbare Infektion.
- US: United States – Vereinigte Staaten von Amerika.
- WHO: World Health Organization – Weltgesundheitsorganisation.
Literatur
- Chow EPF, Howden BP, Walker S, Lee D, Bradshaw CS, Chen MY et al.: Antiseptic mouthwash against pharyngeal Neisseria gonorrhoeae: a randomised controlled trial and an in vitro study. Sex Transm Infect. 2017;93(2):88-93. doi: 10.1136/sextrans-2016-052753.
- European Centre for Disease Prevention and Control: Gonorrhoea: drug resistance compromises recommended treatment in Europe. Stockholm: ECDC; 28. Februar 2019. Historische Surveillance-Mitteilung.
- Buder S, Heuer D, Guhl E, Graeber I, Eicke S, Obermeier M et al.: Gonorrhö mit einem high-level-Azithromycin-resistenten Erreger in Deutschland. Epidemiol Bull. 2019;32/33. doi: 10.25646/6211.
- Selb R, Tlapák H, Klaper K, Buder S, Bremer V, Heuer D et al.: Epidemiologie und Resistenzlage der Gonorrhö in Deutschland in den Jahren 2023 und 2024. Epidemiol Bull. 2025;38. doi: 10.25646/13419.
- Ross JDC, Wilson J, Workowski KA, Taylor SN, Lewis DA, Gatsi S et al.: Oral gepotidacin for the treatment of uncomplicated urogenital gonorrhoea (EAGLE-1): a phase 3 randomised, open-label, non-inferiority, multicentre study. Lancet. 2025;405(10489):1608-1620. doi: 10.1016/S0140-6736(25)00628-2.
- Luckey A et al.: Zoliflodacin versus ceftriaxone plus azithromycin for treatment of uncomplicated urogenital gonorrhoea: an international, randomised, controlled, open-label, phase 3, non-inferiority clinical trial. Lancet. Online veröffentlicht am 11. Dezember 2025. doi: 10.1016/S0140-6736(25)01953-1.
- Chow EPF, Williamson DA, Hocking JS, Law MG, Maddaford K, Bradshaw CS et al.: Antiseptic mouthwash for gonorrhoea prevention (OMEGA): a randomised, double-blind, parallel-group, multicentre trial. Lancet Infect Dis. 2021;21(5):647-656. doi: 10.1016/S1473-3099(20)30704-0.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Management der Urethritis bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen. (AWMF-Registernummer: 013 - 099), September 2024 Langfassung [LL1]
- World Health Organization: Updated recommendations for the treatment of Neisseria gonorrhoeae, Chlamydia trachomatis, and Treponema pallidum (syphilis) and new recommendations on syphilis testing and partner services. Juli 2024. Leitlinie Langfassung [LL2]
- British Association for Sexual Health and HIV: National Guideline for the Management of Infection with Neisseria gonorrhoeae. April 2025. Langfassung [LL3]
- Centers for Disease Control and Prevention: Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines, 2021: Gonococcal Infections Among Adolescents and Adults. Leitlinienkapitel [LL4]
- S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Gonorrhoe. (AWMF-Registernummer: 059 - 004), Dezember 2018 Langfassung. Ältere Fassung; Aktualisierung angemeldet. Historische Kombinationsempfehlungen wurden anhand der neueren Empfehlungen überprüft [LL5].
Fachinformationen
- Ceftriaxon Viatris 1 g Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Fachinformation [F1]
- Ciprobay 250 mg Filmtabletten. Fachinformation [F2]
- Gentamicin PANPHARMA. Fachinformation [F3]
- Zithromax 250/500 mg Filmtabletten. Fachinformation [F4]
- Doxycyclin 200-1A Pharma Tabletten. Produktbezogene Fachinformation; insbesondere Gegenanzeigen, Einnahmehinweise und Wechselwirkungen beachten [F5].
- BLUJEPA (gepotidacin), tablets. US Prescribing Information mit Gonorrhoe-Indikation, Änderung Dezember 2025. US-amerikanische Produktinformation [F6]
- NUZOLVENCE (zoliflodacin), for oral suspension. US Prescribing Information, Dezember 2025. US-amerikanische Produktinformation [F7]