Coxsackie A/B – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verbesserung der Symptomatik
- Sicherstellung einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr
- Früherkennung und Behandlung von Komplikationen
- Vermeidung nicht indizierter antiinfektiver oder immunmodulatorischer Therapien
Therapieempfehlungen
- Unkomplizierte Coxsackie-A/B-Infektion (Infektion mit Coxsackieviren der Gruppen A oder B): symptomatische Therapie. Die meisten Erkrankungen, insbesondere Herpangina (fieberhafte Virusinfektion mit Bläschen im Mund- und Rachenraum) sowie Hand-Fuß-Mund-Krankheit (Viruskrankheit mit Ausschlag an Händen, Füßen und im Mund), heilen spontan aus.
- Flüssigkeitszufuhr: häufige kleine Mengen kühler Flüssigkeit und gegebenenfalls orale Rehydratationslösung; bei schmerzhaften oralen Läsionen (Schleimhautschädigungen im Mund) weiche, wenig saure Speisen. Bei unzureichender oraler Aufnahme oder klinischer Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) ist eine intravenöse Flüssigkeits- und Elektrolyttherapie erforderlich.
- Schmerzen und Fieber: Paracetamol oder Ibuprofen in alters- und gewichtsadaptierter Dosierung; Antipyretika dienen der Linderung des beeinträchtigten Allgemeinzustands, nicht der alleinigen Normalisierung der Körpertemperatur. Paracetamol und Ibuprofen nicht routinemäßig alternierend oder gleichzeitig verabreichen.
- Acetylsalicylsäure: bei Kindern und Jugendlichen mit fieberhafter Virusinfektion wegen des Risikos eines Reye-Syndroms (seltene schwere Erkrankung von Gehirn und Leber) nicht zur Fieber- oder Schmerzbehandlung einsetzen.
- Virostatika: Für Coxsackie-A/B-Infektionen steht kein zugelassenes, leitliniengerecht empfohlenes spezifisches Virostatikum zur Verfügung. Pleconaril und weitere Enterovirushemmer sind experimentell und keine Routinetherapie. Eine kleine randomisierte Studie bei neonataler Enterovirussepsis (lebensbedrohliche Organfunktionsstörung bei Neugeborenen durch eine Enterovirusinfektion) ergab Signale für eine mögliche Wirksamkeit von Pleconaril, jedoch keinen hinreichenden Wirksamkeitsnachweis für eine reguläre Anwendung [1].
- Intravenöse Immunglobuline: keine routinemäßige Gabe bei unkomplizierter Infektion, aseptischer Meningitis (nicht bakteriell bedingte Hirnhautentzündung) oder vermuteter viraler Myokarditis (virusbedingte Herzmuskelentzündung). Eine kleine randomisierte Studie bei neonataler Enterovirusinfektion zeigte insgesamt keine Verkürzung von Virämie (Viren im Blut) oder Virurie (Viren im Urin) [2]. Bei schwerer neonataler systemischer Enterovirusinfektion oder schwerer pädiatrischer Myokarditis kann eine individualisierte Anwendung ausschließlich interdisziplinär in einem spezialisierten Zentrum erwogen werden; die 2025-ESC-Leitlinie bewertet die Evidenz bei vermuteter viraler Myokarditis als unzureichend [LL1]. Präparate aus Rekonvaleszentenseren sind keine etablierte Therapie.
- Interferon beta: keine Therapie der akuten unkomplizierten Coxsackie-A/B-Infektion und keine Routinetherapie der akuten Myokarditis. Bei chronischer inflammatorischer Kardiomyopathie (entzündliche Herzmuskelerkrankung) mit endomyokardbioptisch nachgewiesener Enteroviruspersistenz (Fortbestehen von Enteroviren im Herzmuskelgewebe) wurde eine erhöhte Viruselimination beschrieben [3, 4]. Wegen fehlender großer konfirmatorischer Studien kommt eine Behandlung allenfalls als Off-Label-Use in einem spezialisierten Zentrum nach infektiologischer und kardiologischer Einzelfallentscheidung infrage [LL1].
- Antibiotika: nicht gegen Coxsackieviren wirksam. Sie sind ausschließlich bei begründetem Verdacht auf oder Nachweis einer bakteriellen Koinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion) beziehungsweise initial empirisch bei noch nicht ausgeschlossener invasiver bakterieller Infektion indiziert; nach gesichertem Enterovirusnachweis ist eine nicht mehr begründete empirische Antibiose zu beenden.
Therapie bei Organmanifestationen (Beteiligung einzelner Organe)
- Aseptische Meningitis: symptomatische analgetische und antipyretische Therapie sowie Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich [LL2]. Bei Enzephalitis (Gehirnentzündung), Bewusstseinsstörung (Störung der Wachheit oder Wahrnehmung), Krampfanfällen oder Hirndruckzeichen (Anzeichen eines erhöhten Drucks im Schädel) stationäre, gegebenenfalls intensivmedizinische Behandlung; Antikonvulsiva erst bei epileptischen Anfällen oder Status epilepticus (lang anhaltender oder wiederholt auftretender epileptischer Anfall ohne zwischenzeitliche Erholung).
- Myokarditis: stationäre Risikostratifizierung bei klinischem Verdacht; Behandlung von Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags) nach den entsprechenden Leitlinien. Bei kardiogenem Schock (Kreislaufversagen durch unzureichende Herzleistung) sind Inotropika, Vasopressoren und gegebenenfalls mechanische Kreislaufunterstützung erforderlich. NSAR sind bei isolierter Myokarditis keine antiinflammatorische Routinetherapie; bei unkomplizierter Myokarditis können sie bei Bedarf kurzzeitig zur Kontrolle von Brustschmerzen eingesetzt werden [LL1].
- Perikarditis (Herzbeutelentzündung) oder perikarditisches Schmerzsyndrom (Brustschmerzen durch eine Herzbeutelreizung): Acetylsalicylsäure oder ein NSAR plus Colchicin entsprechend der Perikarditisleitlinie und unter Berücksichtigung von Alter, Nierenfunktion, Volumenstatus sowie gastrointestinalem und kardiovaskulärem Risiko [LL1]. Bei Kindern und Jugendlichen mit fieberhafter Virusinfektion keine Acetylsalicylsäure zur symptomatischen Fieberbehandlung.
- Neonatale Sepsis, Hepatitis (Leberentzündung) oder Koagulopathie (Störung der Blutgerinnung): unverzügliche stationäre, in der Regel intensivmedizinische Behandlung mit organunterstützender Therapie, Gerinnungsmanagement und engmaschiger kardialer Überwachung. Eine spezifische antivirale Standardtherapie existiert nicht.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Analgetika und Antipyretika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Paracetamol | Bevorzugte Option bei Dehydratationsrisiko oder Kontraindikation gegen NSAR. Keine gleichzeitige Einnahme weiterer paracetamolhaltiger Präparate. Bei KG unter 50 kg, chronischem Alkoholkonsum, Dehydratation, chronischer Mangelernährung (unzureichende Versorgung mit Nährstoffen) sowie Leber- oder Nierenfunktionsstörung (eingeschränkte Funktion von Leber oder Nieren) Dosis reduzieren beziehungsweise Dosierungsintervall verlängern. |
| Ibuprofen | Niedrigste wirksame Dosis für die kürzest mögliche Dauer. Nicht bei Dehydratation, relevanter Nierenfunktionsstörung, aktiver gastrointestinaler Ulkuskrankheit (Geschwürerkrankung des Magen-Darm-Trakts) oder Blutung, schwerer Herzinsuffizienz, NSAR-Überempfindlichkeit oder im dritten Trimenon der Schwangerschaft. Keine Kombination mit anderen NSAR. |
- Wirkweise: Paracetamol wirkt analgetisch und antipyretisch, jedoch kaum peripher antiphlogistisch. Ibuprofen hemmt Cyclooxygenase-1 und Cyclooxygenase-2 reversibel und wirkt analgetisch, antipyretisch und antiphlogistisch.
- Indikationen: symptomatische Behandlung von leichten bis mäßig starken Schmerzen und Fieber bei beeinträchtigtem Allgemeinzustand.
- Kontraindikationen: Paracetamol bei schwerer hepatozellulärer Insuffizienz (schwere Funktionsschwäche der Leberzellen); Ibuprofen insbesondere bei aktiver gastrointestinaler Blutung oder Ulkuskrankheit, schwerer Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz, schwerer Dehydratation, NSAR-Überempfindlichkeit und im dritten Trimenon der Schwangerschaft.
- Nebenwirkungen: Paracetamol selten Überempfindlichkeitsreaktionen (allergieähnliche Reaktionen) und Blutbildveränderungen, bei Überdosierung schwere Hepatotoxizität (Leberschädigung); Ibuprofen insbesondere gastrointestinale Beschwerden, Ulzera (Geschwüre) und Blutungen, Nierenfunktionsstörung, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung), Blutdruckanstieg, Überempfindlichkeitsreaktionen und sehr selten schwere Hautreaktionen.
Beachte
- Dringliche stationäre Abklärung: Neugeborene und junge Säuglinge mit Fieber oder reduziertem Allgemeinzustand; Trinkverweigerung oder Dehydratationszeichen; Bewusstseinsstörung, Meningismus (schmerzhafte Nackensteife durch Reizung der Hirnhäute), Krampfanfall oder fokal-neurologisches Defizit (örtlich begrenzter Ausfall einer Nervenfunktion); Brustschmerz, Dyspnoe (Atemnot), Palpitationen (Herzklopfen) oder Synkope (kurzzeitige Ohnmacht); Hypotonie (niedriger Blutdruck), schlechte periphere Perfusion (unzureichende Durchblutung der äußeren Körperbereiche), Blutungszeichen oder Ikterus (Gelbsucht).
- Myokarditisverdacht: körperliche Belastung und Sport sofort pausieren. Die Wiederaufnahme erfolgt erst nach kardiologischer Verlaufsbeurteilung entsprechend der Myokarditisleitlinie.
- Ibuprofen bei Exsikkose (Austrocknung des Körpers): Wegen des erhöhten Risikos einer akuten Nierenschädigung (plötzliche Verschlechterung der Nierenfunktion) ist Ibuprofen bei relevantem Flüssigkeitsmangel zu vermeiden.
- Lokalanästhetika im Mund: keine unkritische Anwendung lidocainhaltiger oder benzocainhaltiger Präparate bei Säuglingen und Kleinkindern; Dosierungsfehler und systemische Toxizität (Vergiftung des gesamten Körpers) sind möglich.
Weitere Hinweise
- Eine positive Enterovirus-PCR aus Rachen oder Stuhl allein begründet keine antivirale oder immunmodulatorische Therapie.
- Bei Verdacht auf Herpesenzephalitis (Gehirnentzündung durch Herpesviren) oder bakterielle Meningitis (Hirnhautentzündung durch Bakterien) ist die leitliniengerechte empirische Therapie unverzüglich einzuleiten und nach gesicherter Diagnose gezielt anzupassen [LL2].
- Antiemetika sind nicht regelhaft erforderlich; ihre Anwendung richtet sich nach Alter, Ursache und Schwere des Erbrechens sowie nach dem Risiko von Nebenwirkungen.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- BICC: Betaferon in Chronic Viral Cardiomyopathy
- d: Tag
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- ESC: European Society of Cardiology
- KG: Körpergewicht
- LL: Leitlinie
- mg: Milligramm
- NSAR: nicht-steroidale Antirheumatika
- PCR: Polymerase-Kettenreaktion
- S1: Stufe 1 der AWMF-Leitlinienklassifikation
Literatur
- Abzug MJ, Michaels MG, Wald E et al.: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial of Pleconaril for the Treatment of Neonates With Enterovirus Sepsis. J Pediatric Infect Dis Soc. 2016;5(1):53 bis 62. doi: 10.1093/jpids/piv015
- Abzug MJ, Keyserling HL, Lee ML et al.: Neonatal enterovirus infection: virology, serology, and effects of intravenous immune globulin. Clin Infect Dis. 1995;20(5):1201 bis 1206. doi: 10.1093/clinids/20.5.1201
- Kühl U, Pauschinger M, Schwimmbeck PL et al.: Interferon-beta treatment eliminates cardiotropic viruses and improves left ventricular function in patients with myocardial persistence of viral genomes and left ventricular dysfunction. Circulation. 2003;107(22):2793 bis 2798. doi: 10.1161/01.CIR.0000072766.67150.51
- Schultheiss HP, Piper C, Sowade O et al.: Betaferon in chronic viral cardiomyopathy (BICC) trial: Effects of interferon-β treatment in patients with chronic viral cardiomyopathy. Clin Res Cardiol. 2016;105(9):763 bis 773. doi: 10.1007/s00392-016-0986-9
Leitlinien
- Schulz-Menger J, Collini V, Gröschel J et al.: 2025 ESC Guidelines for the management of myocarditis and pericarditis. Eur Heart J. 2025;46(40):3952 bis 4041. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf192 [LL1]
- S1-Leitlinie: Virale Meningoenzephalitis. (AWMF-Registernummer: 030-100), Version 7.0, Januar 2025. Langfassung [LL2]
Fachinformationen
- Fachinformation Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. ratiopharm GmbH, aktueller Stand.
- Fachinformation Nurofen Junior Fiebersaft Orange 20 mg/ml Suspension zum Einnehmen. Reckitt Benckiser Deutschland GmbH, Oktober 2022.