Ventrikuläre Tachykardie – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine ventrikuläre Tachykardie (VT, schnelle Herzrhythmusstörung aus den Herzkammern) mitbedingt sein können:

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Kammerflimmern/ventrikuläre Fibrillation (VF, lebensgefährliches Flimmern der Herzkammern) – potenziell letale Degeneration (Entartung) einer anhaltenden, polymorphen oder hämodynamisch instabilen VT in ein chaotisches ventrikuläres Erregungsmuster (ungeordnetes elektrisches Erregungsmuster der Herzkammern) mit Verlust einer wirksamen Auswurfleistung; besonders relevant bei struktureller Herzerkrankung (krankhafter Veränderung des Herzmuskels oder der Herzstruktur), akutem Koronarsyndrom (akuter Durchblutungsstörung des Herzens), reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (verminderter Auswurfleistung der linken Herzkammer), Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze), QT-Verlängerung (verlängerter elektrischer Erholungszeit des Herzens) oder primärer elektrischer Herzerkrankung (angeborener oder erworbener Störung der elektrischen Herzfunktion) [LL1-3].
  • Plötzlicher Herzstillstand/plötzlicher Herztod – zentrale lebensbedrohliche Komplikation einer anhaltenden VT bzw. einer VT mit Übergang in VF; das Risiko ist besonders hoch bei struktureller Herzerkrankung, reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion, vorausgegangenem Herzstillstand oder elektrischem Sturm [LL1-3].
  • Elektrischer Sturm (gehäuft auftretende lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen; electrical storm) – definiert als mindestens 3 Episoden anhaltender ventrikulärer Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) innerhalb von 24 Stunden, getrennt durch mindestens 5 Minuten und mit notwendiger Terminierung (Beendigung) durch Intervention (medizinisches Eingreifen). Der elektrische Sturm umfasst rezidivierende VT, VF oder adäquate ICD-Therapien (angemessene Behandlungen durch einen implantierten Defibrillator) und ist ein Hochrisikosyndrom (Krankheitsbild mit hohem Risiko) mit erhöhter Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) [2, LL2].
  • Tachykardieinduzierte Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung durch schnellen Herzschlag) und Herzinsuffizienzdekompensation (Entgleisung einer Herzschwäche) – bei persistierender oder häufig rezidivierender VT kann eine arrhythmieinduzierte systolische Funktionsstörung (durch Herzrhythmusstörung ausgelöste Pumpschwäche) entstehen oder eine vorbestehende Herzinsuffizienz (Herzschwäche) dekompensieren; relevant sind Dauer, Frequenz, VT-Burden (Belastung durch VT-Episoden) und kardiale Ausgangsfunktion (ursprüngliche Herzfunktion) [1, 3, LL1-3].
  • Kardiogener Schock (kreislaufbedrohlicher Schock durch Pumpversagen des Herzens)/hämodynamischer Kollaps (Kreislaufzusammenbruch) – bei schlecht tolerierter VT mit kritischem Abfall des Herzzeitvolumens (vom Herzen pro Minute ausgeworfene Blutmenge), Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Zeichen der Organhypoperfusion (Minderdurchblutung der Organe) und potenzieller Progression (Fortschreiten) zum Herzstillstand; besonders relevant bei struktureller Herzerkrankung, reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion, sehr hoher Frequenz oder länger anhaltender VT [LL1-3].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (Hirnschädigung durch Sauerstoffmangel und Minderdurchblutung)/anoxische Hirnschädigung (Hirnschädigung durch fehlende Sauerstoffversorgung) – mögliche Folge eines VT-/VF-bedingten Herzstillstands mit zerebraler Minderperfusion (verminderter Durchblutung des Gehirns); Ausmaß und Reversibilität (Rückbildungsfähigkeit) hängen wesentlich von No-flow-/Low-flow-Zeit (Zeit ohne bzw. mit zu geringer Durchblutung), Reanimationsqualität (Qualität der Wiederbelebung), Defibrillationszeitpunkt (Zeitpunkt der Elektroschockbehandlung) und postreanimationsmedizinischer Versorgung (medizinischer Versorgung nach der Wiederbelebung) ab [LL1].
  • Angststörungen, depressive Störungen und posttraumatische Belastungsstörung (seelische Folgestörung nach einem belastenden Ereignis) – vor allem bei Patienten mit ICD (implantierbarem Kardioverter-Defibrillator) und adäquaten Schockereignissen infolge rezidivierender VT/VF klinisch relevant; eine systematische Übersicht und Metaanalyse (zusammenfassende Auswertung mehrerer Studien) mit 39.954 ICD-Patienten zeigte eine hohe Prävalenz (Häufigkeit) klinisch relevanter Angst, Depression und posttraumatischer Belastung, mit höherem Risiko bei Patienten mit Schockereignissen [4].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit)/präsynkopaler Kreislaufkollaps (Beinahe-Ohnmacht) – durch abrupt vermindertes Herzzeitvolumen bei anhaltender oder schneller VT; klinisch relevant wegen unmittelbarer Verletzungsgefahr und weil eine arrhythmogene Synkope (durch Herzrhythmusstörung ausgelöste Ohnmacht) prognostisch ungünstiger ist als viele nichtkardiale Synkopenformen (nicht vom Herzen ausgehende Ohnmachtsformen) [5, LL1-3].

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Sturz- und Anprallverletzungen bei VT-bedingter Synkope – insbesondere Kopfverletzungen, Frakturen (Knochenbrüche) und Weichteilverletzungen bei plötzlichem Bewusstseinsverlust; diagnostisch wichtig ist, dass die Verletzung nicht als rein mechanischer Sturz fehlinterpretiert wird, wenn eine kardiale Synkope (vom Herzen ausgelöste Ohnmacht) zugrunde liegen kann [5].

Weiteres

  • Adäquate ICD-Therapien/ICD-Schocks (Elektroschocks durch einen implantierten Defibrillator) – keine eigenständige Folgeerkrankung im engeren ICD-10-Sinn, aber eine klinisch relevante Komplikation rezidivierender VT/VF; wiederholte adäquate ICD-Schocks zeigen eine hohe Arrhythmielast (Belastung durch Herzrhythmusstörungen) an und sind ein wesentlicher Auslöser psychischer Folgestörungen [3, 4, LL2, LL3].

Prognosefaktoren

  • Strukturelle Herzerkrankung – insbesondere ischämische Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung durch Durchblutungsstörung), nichtischämische Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung ohne Durchblutungsstörung als Hauptursache), Myokardnarbe (Herzmuskelvernarbung), entzündliche Myokarderkrankung (entzündliche Herzmuskelerkrankung) oder infiltrative Herzerkrankung (Herzerkrankung durch Einlagerungen im Herzmuskel); sie bestimmt wesentlich Rezidivrisiko (Rückfallrisiko), plötzlichen Herztod und Gesamtmortalität [LL1-3].
  • Linksventrikuläre Ejektionsfraktion – reduzierte linksventrikuläre Ejektionsfraktion ist einer der wichtigsten Risikomarker (Hinweiszeichen für ein erhöhtes Risiko) für VT-Rezidive, elektrische Instabilität, Herzinsuffizienzdekompensation und Mortalität [2, LL1-3].
  • VT-Burden – hohe kumulative Zahl rezidivierender VT-Episoden oder ICD-Therapien ist prognostisch ungünstig; die aktuelle Evidenz spricht vor allem für eine Assoziation (statistischen Zusammenhang) mit erhöhter Mortalität, nicht für eine gesicherte eigenständige Kausalität (ursächlichen Zusammenhang) [3].
  • Elektrischer Sturm – besonders ungünstiger Prognosemarker; in einer Metaanalyse war elektrischer Sturm mit erhöhter Gesamtmortalität sowie erhöhtem kombiniertem Risiko aus Tod, Herztransplantation (Verpflanzung eines Spenderherzens) und Hospitalisierung (Krankenhausaufnahme) wegen akuter Herzinsuffizienz assoziiert [2].
  • Hämodynamische Toleranz (Kreislaufverträglichkeit) der VT – Synkope, Hypotonie, kardiogener Schock oder Herzstillstand zeigen eine klinisch hochriskante VT an und verschlechtern die Prognose [LL1-3].
  • VT-Form und Auslöser – polymorphe VT (VT mit wechselnder Form im Elektrokardiogramm), Torsade-de-pointes-Tachykardie (spezielle Form einer lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung), akute Ischämie (akute Minderdurchblutung), Elektrolytstörungen, QT-verlängernde Medikamente und primäre elektrische Herzerkrankungen sind prognostisch und therapeutisch anders zu bewerten als idiopathische monomorphe VT (VT ohne erkennbare Ursache und mit gleichförmiger Form) ohne strukturelle Herzerkrankung [LL1-3].
  • Therapieansprechen (Ansprechen auf die Behandlung) – Rezidive trotz optimierter Herzinsuffizienztherapie (Behandlung der Herzschwäche), Betablockertherapie (Behandlung mit herzfrequenzsenkenden Medikamenten), Antiarrhythmika (Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen), Katheterablation (Verödung krankhafter Erregungsherde über einen Herzkatheter) oder ICD-Programmierung sprechen für eine höhere Arrhythmielast und ein höheres Komplikationsrisiko [3, LL1-3].

Literatur

  1. Shoureshi P, Tan AY, Koneru JN et al.: Arrhythmia-Induced Cardiomyopathy: JACC State-of-the-Art Review. J Am Coll Cardiol. 2024;83(22):2214-2232. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2024.03.416
  2. Guerra F, Shkoza M, Scappini L et al.: Role of electrical storm as a mortality and morbidity risk factor and its clinical predictors: a meta-analysis. Europace. 2014;16(3):347-353. https://doi.org/10.1093/europace/eut304
  3. Samuel M, Elsokkari I, Sapp JL: Ventricular Tachycardia Burden and Mortality: Association or Causality? Can J Cardiol. 2022;38(4):454-464. https://doi.org/10.1016/j.cjca.2022.01.016
  4. Ghezzi ES, Sharman RLS, Selvanayagam JB et al.: Burden of mood symptoms and disorders in implantable cardioverter defibrillator patients: a systematic review and meta-analysis of 39 954 patients. Europace. 2023;25(6):euad130. https://doi.org/10.1093/europace/euad130
  5. Kavi KS, Gall NP: Trauma and syncope: looking beyond the injury. Trauma Surg Acute Care Open. 2023;8(1):e001036. https://doi.org/10.1136/tsaco-2022-001036

Leitlinien

  1. Zeppenfeld K, Tfelt-Hansen J, de Riva M et al.: 2022 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death. Eur Heart J. 2022;43(40):3997-4126. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehac262
  2. Lenarczyk R, Zeppenfeld K, Tfelt-Hansen J et al.: Management of patients with an electrical storm or clustered ventricular arrhythmias: a clinical consensus statement of the European Heart Rhythm Association of the ESC-endorsed by the Asia-Pacific Heart Rhythm Society, Heart Rhythm Society, and Latin-American Heart Rhythm Society. Europace. 2024;26(4):euae049. https://doi.org/10.1093/europace/euae049
  3. Deyell MW, AbdelWahab A, Angaran P et al.: 2020 Canadian Cardiovascular Society/Canadian Heart Rhythm Society Position Statement on the Management of Ventricular Tachycardia and Fibrillation in Patients With Structural Heart Disease. Can J Cardiol. 2020;36(6):822-836. https://doi.org/10.1016/j.cjca.2020.04.004