Sinuatrialer Block – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Beim sinuatrialen Block (Störung der elektrischen Weiterleitung vom Sinusknoten zu den Herzvorhöfen) (SA-Block) sollen eine ausreichende Organperfusion (Durchblutung der Organe) gesichert, eine symptomatische Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) stabilisiert und reversible Ursachen behandelt werden. Bei persistierender symptomatischer Sinusknotendysfunktion (Funktionsstörung des natürlichen Taktgebers des Herzens) ist gegebenenfalls eine dauerhafte Schrittmachertherapie erforderlich. Eine kurative chronische Arzneimitteltherapie des SA-Blocks besteht nicht [LL1, LL2].
Therapieempfehlungen
Die Behandlung richtet sich nach Beschwerden und Kreislaufzustand. Eine Herzfrequenz von beispielsweise 40-50/min ist allein keine Behandlungsgrenze. Für die langfristige Therapie ist die dokumentierte zeitliche Beziehung zwischen Bradykardie und Symptomen entscheidend [LL2, LL3].
| Klinische Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Asymptomatisch (ohne Beschwerden) und kreislaufstabil, ohne Risikobefunde | Ursachenabklärung und Verlaufskontrolle; meist weder Medikamente noch Schrittmacher erforderlich. |
| Hypotonie (niedriger Blutdruck) mit Minderperfusion (unzureichender Durchblutung)/Schock (schwerem Kreislaufversagen), Synkope (kurzzeitige Ohnmacht) oder Bewusstseinsstörung, Ischämie (Minderdurchblutung), akute schwere Herzinsuffizienz (Herzschwäche) | Notfallbehandlung; Atropin bei geeigneter Konstellation, Pacing früh vorbereiten. |
| Persistierende Instabilität trotz Atropin | Unverzüglich transkutanes Pacing bis zum frühzeitigen transvenösen Pacing; gegebenenfalls katecholaminerge Überbrückung. |
| Persistierende, dokumentiert symptomatische Bradykardie nach Ursachenbehandlung | Indikation zur dauerhaften Schrittmachertherapie prüfen. |
Die Akutentscheidung folgt dem Bradykardiealgorithmus [LL4].
Bei Instabilität sind kontinuierliches EKG, Blutdruck- und SpO₂-Monitoring sowie ein i.v. Zugang erforderlich; Sauerstoff bei Hypoxämie (zu niedrigem Sauerstoffgehalt im Blut). Ursachen werden parallel behandelt. Auch stabile Patienten mit rezenter Asystolie (Aussetzen der elektrischen Herztätigkeit) oder relevanten Pausen benötigen dringliche überwachte Abklärung und fachärztliche Beurteilung. Medikamente dürfen Pacing nicht verzögern. Bei Pulslosigkeit gilt der Reanimationsalgorithmus; Atropin ist keine Routinetherapie des Herzstillstands [LL1, LL4].
Zu prüfen sind Betablocker einschließlich Augentropfen, Verapamil, Diltiazem, Digoxin, Antiarrhythmika und Ivabradin sowie Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) und Myokardischämie (Minderdurchblutung des Herzmuskels). Medikamente werden ausschließlich ärztlich pausiert oder umgestellt [LL2, LL3].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Die folgenden Erwachsenendosen gelten für die überwachte Akutversorgung nach ERC 2025. Arzneimittel dienen der kurzfristigen Stabilisierung. Die Atropindosierung folgt dem ERC-Protokoll; das Wiederholungsintervall der genannten Fachinformation weicht davon ab [LL1, FI1].
Parasympatholytika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Atropin | Keine Initialdosis unter 0,5 mg: paradoxe Bradykardie möglich. Bei persistierender Instabilität unverzüglich Pacing [LL1]. |
- Wirkweise: Kompetitive muskarinische Rezeptorblockade, am Herzen insbesondere M₂; Abschwächung des vagalen Einflusses (Einflusses des herzfrequenzsenkenden Vagusnervs).
- Indikation: Akute symptomatische Bradykardie mit Kreislaufbeeinträchtigung, insbesondere bei vagaler Beteiligung [LL1].
- Kontraindikationen: Unter anderem Engwinkelglaukom (bestimmte Form des Grünen Stars), mechanischer gastrointestinaler Verschluss (Verschluss im Magen-Darm-Trakt), obstruktive Harnwegserkrankung (Erkrankung mit Abflussbehinderung des Urins) und tachykarde Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen mit beschleunigtem Herzschlag); im vitalen Notfall ärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung. Nicht bei Herztransplantierten oder hochgradigem AV-Block (Störung der elektrischen Weiterleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern) mit breitem QRS-Komplex einsetzen [LL1, FI1].
- Nebenwirkungen: Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Mundtrockenheit, Mydriasis (Pupillenerweiterung), Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Blase zu entleeren), Hyperthermie (übermäßig erhöhte Körpertemperatur) und Delir (akuter Verwirrtheitszustand) [FI1].
Sympathomimetika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Adrenalin | Bei vorhandenem Puls als Infusion, nicht als Reanimationsbolus [LL1]. |
| Isoprenalin | Nur kurzfristige Überbrückung; nicht gleichzeitig mit Adrenalin [LL1, FI2]. |
- Wirkweise: β₁-vermittelte Steigerung von Frequenz und Kontraktilität (Zusammenziehungsfähigkeit des Herzmuskels). Adrenalin wirkt zusätzlich dosisabhängig an α-Rezeptoren, Isoprenalin über β₂-Rezeptoren vasodilatierend (gefäßerweiternd) [FI2, FI3].
- Indikation: Überbrückung bei persistierender symptomatischer Bradykardie und unzureichender Atropinwirkung während der Pacingvorbereitung; keine Dauertherapie [LL1].
- Kontraindikationen: Isoprenalin ist bei Myokardinfarkt (Herzinfarkt)/Angina pectoris (anfallsartigem Brustschmerz durch Minderdurchblutung des Herzens), ventrikulären Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) und Digitalisintoxikation (Vergiftung durch Digitalispräparate) kontraindiziert. Nicht mit Adrenalin kombinieren. Adrenalin erfordert bei Ischämie und Tachyarrhythmien (Herzrhythmusstörungen mit beschleunigtem Herzschlag) besonders strenge Nutzen-Risiko-Abwägung [FI2, FI3].
- Nebenwirkungen: Tachyarrhythmien und Myokardischämie; bei Isoprenalin außerdem Hypotonie, bei Adrenalin insbesondere Hypertonie (Bluthochdruck) [FI2, FI3].
Beachte
SA-Block I. Grades: verzögerte Überleitung, im Oberflächen-EKG nicht erkennbar. II. Grad: intermittierender Überleitungsausfall. III. Grad: vollständige Unterbrechung, gegebenenfalls Ersatzrhythmus (Herzrhythmus eines anderen Taktgebers als des Sinusknotens); im Oberflächen-EKG nicht sicher vom Sinusarrest (Aussetzen der Impulsbildung im Sinusknoten) unterscheidbar. Eine starre Ersatzfrequenz darf nicht vorausgesetzt werden. Ein hochgradiger AV-Block mit breitem QRS-Komplex ist davon abzugrenzen [LL3]. Theophyllin ersetzt einen indizierten Schrittmacher nicht routinemäßig [1, LL2].
Abkürzungen
- SA: sinuatrial; zwischen Sinusknoten und Herzvorhof.
- AV: atrioventrikulär; zwischen Herzvorhof und Herzkammer.
- EKG: Elektrokardiogramm; Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität.
- QRS-Komplex: Abschnitt des EKG, der die elektrische Erregung der Herzkammern abbildet.
- SpO₂: pulsoxymetrisch gemessene Sauerstoffsättigung des Blutes.
- i.v.: intravenös; in eine Vene.
Literatur
- Alboni P, Menozzi C, Brignole M et al.: Effects of permanent pacemaker and oral theophylline in sick sinus syndrome: the THEOPACE study: a randomized controlled trial. Circulation. 1997;96(1):260-266. doi:10.1161/01.CIR.96.1.260.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Soar J, Böttiger BW, Carli P et al.: European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation. 2025;215 Suppl 1:110769. doi:10.1016/j.resuscitation.2025.110769; Langfassung [LL1].
- Glikson M, Nielsen JC, Kronborg MB et al.: 2021 ESC Guidelines on cardiac pacing and cardiac resynchronization therapy. Eur Heart J. 2021;42:3427-3520. doi:10.1093/eurheartj/ehab364 [LL2].
- Kusumoto FM, Schoenfeld MH, Barrett C et al.: 2018 ACC/AHA/HRS Guideline on the Evaluation and Management of Patients With Bradycardia and Cardiac Conduction Delay. Circulation. 2019;140:e382-e482. doi:10.1161/CIR.0000000000000628 [LL3].
- Resuscitation Council UK: Adult bradyarrhythmia. Guidelines 2025. Algorithmus [LL4].
Produktinformationen
- B. Braun Melsungen AG: Atropinsulfat B. Braun 0,5 mg/ml Injektionslösung. Fachinformation, Stand Mai 2015. Fachinformation [FI1].
- Macure Pharma: Isoprenaline Macure 0.2 mg/ml concentrate for solution for infusion. Britische SmPC, Stand 29. Dezember 2020. Produktinformation [FI2].
- Laboratoire Aguettant / Aguettant Ltd: Adrenaline 1 mg/10 ml (1:10,000), solution for injection in pre-filled syringe. Britische SmPC, Stand 11. März 2019. Produktinformation [FI3].