Quallenstich – Therapie

Allgemeine Maßnahmen

  • Nach Quallenverletzung sofort das Wasser verlassen; bei Bewusstseinsstörung (Störung der Wachheit), Dyspnoe (Atemnot), Thoraxschmerz (Brustschmerz), Kreislaufsymptomen (Anzeichen einer Kreislaufschwäche), generalisierter Symptomatik (den ganzen Körper betreffenden Beschwerden), großflächiger Vernesselung (großflächigem Kontakt mit Nesselfäden der Qualle) oder Verdacht auf Würfelqualle/Irukandji-Syndrom (schwere Vergiftungsreaktion nach bestimmten Quallenstichen) sofort den Rettungsdienst alarmieren [2, 3, LL1, LL2].
  • Abspülen der betroffenen Stelle ohne zu reiben: primär mit Meerwasser oder steriler/isotoner Kochsalzlösung (keimfreier Salzlösung mit körperähnlichem Salzgehalt); die Wahl der Spülflüssigkeit richtet sich nach Quallenart und Region (siehe Tabelle unten) [1, 2, LL1, LL2].
  • Nicht verwenden: Süßwasser, Alkohol/Spiritus, Isopropanol, Ammoniak, Urin, nasser Sand, Rasierschaum oder mechanisches Reiben, da hierdurch verbliebene Nesselzellen (Giftzellen der Qualle) ausgelöst oder Schmerzen verstärkt werden können [1, 2, 4, LL1, LL2].
  • Helfer sollten sich durch Gummihandschuhe oder andere geeignete Barrieren schützen [3, LL2].
  • Tentakelreste (Reste von Fangarmen) entfernen
    • Nach geeigneter Spülung sichtbare Tentakel mit Pinzette oder behandschuhter Hand vorsichtig abheben [3, LL2].
    • Kein routinemäßiges Abschaben mit Messerrücken/Kreditkarte und keine Entfernung mit Sand oder Rasierschaum; für diese Verfahren fehlt ein belastbarer klinischer Nutzen (medizinischer Nutzen), und Reibung kann die Entladung von Nesselzellen begünstigen [2, 4, 6, 7, LL1].
  • Schmerzstillung
    • Bei nicht lebensbedrohlichen Quallenstichen nach initialer Spülung bevorzugt Wärmeanwendung: 40-45 °C, soweit sicher toleriert, als Warmwasserbad, Spülung, Dusche oder Wärmepackung; Verbrennungen vermeiden [1, 2, LL1, LL2].
    • Falls Wärmeanwendung nicht verfügbar, nicht toleriert oder nach lokalem Rettungsdienstprotokoll nicht empfohlen ist: Kühlung mit eingepacktem Kühlpack/Eisbeutel [1, 2, LL2].
    • Bei Bedarf Analgetika, z. B. Paracetamol oder nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR); bei schweren Schmerzen ärztlich kontrollierte Opioidanalgesie [3, LL2].
  • Bei Juckreiz, urtikarieller Reaktion (nesselsuchtartiger Hautreaktion) oder persistierender lokaler Entzündungsreaktion (anhaltender örtlicher Entzündungsreaktion): topische (auf der Haut angewendete) Glucocorticoide und/oder Antihistaminikum; systemische (den ganzen Körper betreffende) Glucocorticoide nur bei ausgeprägter Reaktion nach ärztlicher Bewertung [3, 8].
  • Bei Zeichen einer Anaphylaxie (schweren allergischen Sofortreaktion): leitliniengerechte Notfalltherapie und sofortige notfallmedizinische Versorgung [2, 3, LL2].
  • Bei sekundärer bakterieller Infektion (zusätzlicher Infektion durch Bakterien): antiseptische Wundbehandlung (keimhemmende Wundbehandlung) und gezielte antibiotische Therapie; keine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe [3].
  • Tetanusimpfschutz (Impfschutz gegen Wundstarrkrampf) prüfen und bei Bedarf aktualisieren [3].
Quallenart Spülflüssigkeit Weitere Therapie
Unbekannte Quallenart/nicht sicher identifizierter Stich Meerwasser oder sterile/isotone Kochsalzlösung; keine Süßwasser-, Alkohol-, Ammoniak- oder Urinspülung. In tropischen/subtropischen Hochrisikogebieten bei möglicher lebensbedrohlicher Würfelquallen- oder Irukandji-Exposition (Kontakt mit Irukandji-auslösenden Quallen) nach lokalem Protokoll Essig 4-6 % erwägen [1, 2, LL1, LL2].
  • Tentakelreste vorsichtig mit Pinzette oder behandschuhter Hand entfernen
  • Bei nicht lebensbedrohlicher Exposition Analgesie (Schmerzbehandlung) bevorzugt durch Wärmeanwendung 40-45 °C, alternativ Kühlung [1, 2, LL1, LL2]
  • Bei systemischen Symptomen (den ganzen Körper betreffenden Beschwerden), Kindern, Schwangerschaft, großflächiger Vernesselung oder unklarer Hochrisikoexposition ärztliche Vorstellung [3, LL2]
Haar- oder Nesselquallen
(gelbe Haarqualle; umgangssprachlich "Feuerqualle")

Feuerquallen in der Nord- und Ostsee (u. a. gelbe Haarqualle (Cyanea capillata), Kompassqualle (Chrysaora hysoscella))
Meerwasser oder sterile/isotone Kochsalzlösung nach allgemeiner Leitlinienempfehlung; keine mechanische Reibung. Für Cyanea capillata liegen experimentelle Daten (Versuchsdaten) mit artspezifischen Unterschieden vor, die keine pauschale Übertragung auf alle Quallenstiche erlauben [2, 7, LL1].
  • Analgesie bevorzugt durch Wärmeanwendung 40-45 °C, soweit sicher toleriert; alternativ Kühlung mit eingepacktem Kühlpack/Eisbeutel [1, 2, LL1, LL2]
  • ggf. topische Glucocorticoide, z. B. Hydrocortison, bei persistierender lokaler Entzündungsreaktion [3]
  • bei starkem Juckreiz: Antihistaminikum [3]
  • bei großflächigen Vernesselungen, ausgeprägten Schmerzen oder Allgemeinsymptomen ärztliche Vorstellung bzw. Überwachung [3, LL2]
Leuchtqualle (Pelagia noctiluca; Mittelmeer) Meerwasser oder sterile/isotone Kochsalzlösung; Essig nicht routinemäßig anwenden, da für Pelagia noctiluca eine Aktivierung von Nesselzellen durch Essig beschrieben ist [4, 5].
Kompassqualle (Chrysaora hysoscella) Meerwasser oder sterile/isotone Kochsalzlösung; keine Süßwasser-, Alkohol- oder Urinspülung [2, 4, LL1].
Feuer- und Leuchtquallen (Mittelmeerquallen) Meerwasser oder sterile/isotone Kochsalzlösung; keine pauschale Essigspülung, da die Wirkung artspezifisch unterschiedlich ist [4, 5].
Fingerhutqualle (Linuche unguiculata; häufige Ursache der Meeresbadedermatitis/Seabather's eruption (Hautausschlag nach dem Meeresbad)) Badekleidung rasch entfernen; Haut zunächst ohne Reiben mit Meerwasser abspülen. Süßwasserdusche erst nach Entfernung kontaminierter Badekleidung, da unter der Kleidung verbliebene Nesselzellen ausgelöst werden können [8].
  • Symptomatische Therapie (Behandlung nach Beschwerden) mit topischen Glucocorticoiden und Antihistaminikum [8]
  • Kühlung gegen Juckreiz und Brennen [8]
  • Kontaminierte Badekleidung heiß waschen; Wiederexposition vermeiden [8]
Portugiesische Galeere (Physalia physalis) Meerwasser oder sterile/isotone Kochsalzlösung; keine Süßwasser-, Alkohol- oder Urinspülung. Die Essigempfehlung ist bei Physalia artspezifisch und regional kontrovers: ANZCOR rät bei Bluebottle-Stichen von Essig ab, während experimentelle Physalia-physalis-Daten eine Hemmung der Nesselzellaktivierung durch Essig bzw. warme Meerwasserspülung beschreiben; daher lokale Protokolle beachten [6, 9, LL2].
  • Analgesie bevorzugt durch Wärmeanwendung 40-45 °C, soweit sicher toleriert; alternativ Kühlung [1, 2, LL1, LL2]
  • Analgetika, bei starken Schmerzen ggf. Opioide unter ärztlicher Kontrolle [3]
  • Antihistaminikum bei Juckreiz/urtikarieller Reaktion [3]
  • bei systemischen Symptomen, Dyspnoe, Thoraxschmerz oder Kreislaufreaktion: Notfallüberwachung und Schocktherapie [3, LL2]
Mittelmeer-Würfelqualle (Carybdea marsupialis) Haushaltsessig 4-6 % für etwa 30 Sekunden kann bei sicherer Identifikation angewendet werden; für Carybdea marsupialis ist eine Hemmung der Nesselzellentladung durch Essig experimentell belegt [5].
  • Anschließend Tentakelreste vorsichtig entfernen [5]
  • Analgesie durch Wärmeanwendung 40-45 °C, soweit sicher toleriert; alternativ Kühlung [1, 2, LL1]
  • Ärztliche Vorstellung bei starker Lokalreaktion (Reaktion an der betroffenen Körperstelle) oder Allgemeinsymptomen [3]
Tropische Würfelquallen (Cubomedusae; insbesondere Chironex fleckeri; Synonym: Seewespe) und Irukandji-auslösende Quallen Haushaltsessig 4-6 % für etwa 30 Sekunden zur Hemmung verbliebener Nesselzellen nach lokalem Hochrisiko-Protokoll; falls Essig nicht verfügbar ist: Tentakel vorsichtig entfernen und mit Meerwasser spülen. Keine Süßwasser-, Alkohol- oder Urinspülung [3, LL2].
  • Sofortige notfallmedizinische Versorgung, Monitoring (laufende Überwachung) und Transport in eine geeignete Notfalleinrichtung [3, LL2]
  • Bei Bewusstlosigkeit oder Atemstillstand: kardiopulmonale Reanimation (Herz-Lungen-Wiederbelebung) [LL2]
  • Bei Chironex-fleckeri-Verdacht und schwerer Envenomation (Vergiftung durch Quallengift): spezifisches Antiserum (Gegengiftserum) nach lokalem Notfallprotokoll [3, LL2]
  • Schmerztherapie, ggf. Opioide; bei Irukandji-Syndrom Überwachung auf Hypertonie (Bluthochdruck), Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) und kardiale Komplikationen (Herzkomplikationen) [3, LL2]
  • Zinkgluconat intravenös (in die Vene verabreicht) ist keine etablierte Routinetherapie [LL1, LL2]

Notfallmedizinische Therapie (medizinische Akutbehandlung im Notfall)

  • Indikationen für sofortige Notfallversorgung: Kreislaufinstabilität (instabiler Kreislauf), Synkope (kurzzeitige Ohnmacht), Dyspnoe, Thoraxschmerz, neurologische Symptome (Beschwerden des Nervensystems), progrediente Schmerzen (zunehmende Schmerzen), generalisierte Muskelkrämpfe (Muskelkrämpfe am ganzen Körper), Erbrechen, Schweißausbruch, ausgeprägte Unruhe, großflächige Vernesselung, Stich durch potenziell lebensbedrohliche Quallenart oder Stich bei Kindern [2, 3, LL2].
  • Anaphylaxie: sofortige notfallmedizinische Versorgung nach Anaphylaxie-Algorithmus (standardisiertem Ablaufplan zur Behandlung einer schweren allergischen Sofortreaktion); Antihistaminika und Glucocorticoide ersetzen nicht die Akuttherapie bei vitaler Bedrohung (Lebensgefahr) [2, 3].
  • Schwere Würfelquallen-Envenomation: Priorität haben Eigenschutz, Rettung aus dem Wasser, kardiopulmonale Reanimation bei Kreislaufstillstand (Herz-Kreislauf-Stillstand), rascher Transport und spezifisches Antiserum nach regionalem Protokoll [3, LL2].
  • Irukandji-Syndrom: stationäres Monitoring, suffiziente Analgesie, Antiemese (Behandlung von Übelkeit und Erbrechen), Blutdruckkontrolle und Behandlung kardiorespiratorischer Komplikationen (Herz- und Atemkomplikationen); Magnesiumsulfat ist keine gesicherte Standardtherapie (übliche Behandlung) und nur nach lokalem Protokoll bzw. spezialistischer Indikation zu erwägen [3, LL2].

Nachsorge und Verlaufskontrolle

  • Erneute ärztliche Vorstellung bei zunehmender Rötung, Schwellung, Überwärmung, Fieber, Lymphangitis (Entzündung der Lymphbahnen), Nekrose (Gewebeuntergang), persistierenden Schmerzen, Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen) oder verzögerten Allgemeinsymptomen (später auftretenden allgemeinen Beschwerden) [3].
  • Persistierende Hyperpigmentierung (anhaltende dunklere Hautverfärbung), Narbenbildung, Pruritus (Juckreiz) oder ekzematöse Reaktionen (entzündliche Hautreaktionen) können nach Quallenstichen auftreten und werden symptomorientiert dermatologisch (auf die Beschwerden ausgerichtet hautärztlich) behandelt [2, 3].

Literatur

  1. McGee RG, Webster AC, Lewis SR, Welsford M: Interventions for the symptoms and signs resulting from jellyfish stings. Cochrane Database Syst Rev. 2023;6(6):CD009688. doi: 10.1002/14651858.CD009688.pub3
  2. Pek JH, Lim SH, Ong GY et al.: First Aid Treatment of Jellyfish Stings: A Systematic Review. Cureus. 2025;17(5):e84289. doi: 10.7759/cureus.84289
  3. Lakkis NA, Maalouf GJ, Mahmassani DM: Jellyfish Stings: A Practical Approach. Wilderness Environ Med. 2015;26(3):422-429. doi: 10.1016/j.wem.2015.01.003
  4. Montgomery L, Seys J, Mees J: To Pee, or Not to Pee: A Review on Envenomation and Treatment in European Jellyfish Species. Mar Drugs. 2016;14(7):127. doi: 10.3390/md14070127
  5. Ballesteros A, Marambio M, Fuentes V, Narda M, Santín A, Gili J-M: Differing Effects of Vinegar on Pelagia noctiluca (Cnidaria: Scyphozoa) and Carybdea marsupialis (Cnidaria: Cubozoa) Stings—Implications for First Aid Protocols. Toxins (Basel). 2021;13(8):509. doi: 10.3390/toxins13080509
  6. Wilcox CL, Headlam JL, Doyle TK, Yanagihara AA: Assessing the Efficacy of First-Aid Measures in Physalia sp. Envenomation, Using Solution- and Blood Agarose-Based Models. Toxins (Basel). 2017;9(5):149. doi: 10.3390/toxins9050149
  7. Doyle TK, Headlam JL, Wilcox CL, MacLoughlin E, Yanagihara AA: Evaluation of Cyanea capillata Sting Management Protocols Using Ex Vivo and In Vitro Envenomation Models. Toxins (Basel). 2017;9(7):215. doi: 10.3390/toxins9070215
  8. Sil A, Panigrahi A, Chakraborty S: Seabather's Eruption. Am J Med Sci. 2020;360(1):81. doi: 10.1016/j.amjms.2020.03.015
  9. Bañón-Boulet E, González-Arnay E: The toxicity of Physalia physalis: systematic review and experimental study. Int Marit Health. 2025;76(1):42-62. PMID: 40248951. doi: 10.5603/imh.101435.

Leitlinien

  1. International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR): First Aid: 2025 International Consensus on First Aid Science With Treatment Recommendations. 2025. Konsensusfassung.
  2. Australian and New Zealand Committee on Resuscitation (ANZCOR): Guideline 9.4.5 - First Aid Management of Marine Envenomation. Approved June 2025. Guideline.