Quallenstich – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Quallenstiche mitbedingt sein können:
Quallenstiche sind keine einheitliche Krankheitsentität (eigenständige Krankheitseinheit), sondern Nesselzellverletzungen (Verletzungen durch Brennzellen) durch unterschiedliche Cnidaria (Nesseltiere). Klinisch relevant ist deshalb nicht nur der Stich selbst, sondern vor allem die artspezifische Toxizität (Giftwirkung je nach Art). Das Spektrum reicht von lokaler schmerzhafter Dermatitis (Hautentzündung) bis zu Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion), Irukandji-Syndrom (schwere Vergiftung durch bestimmte Würfelquallen), kardiorespiratorischem Arrest (Herz-Kreislauf- und Atemstillstand) und Tod. Die Portugiesische Galeere ist streng genommen keine echte Qualle, sondern ein Hydrozoon (Nesseltiergruppe)/Siphonophor (Staatsqualle); wegen der ähnlichen Expositionssituation (Kontaktsituation) und der klinischen Relevanz wird sie hier mit aufgeführt [1-4, 6, 7, 10, LL1-2].
Artenbezogene Folgeerkrankungen und Komplikationen
| Quallenart/klinische Entität (eigenständiges Krankheitsbild) | Typische Folgeerkrankungen bzw. Komplikationen |
| Haar- oder Nesselquallen/Feuerquallen in Nord- und Ostsee, insbesondere Gelbe Haarqualle bzw. Feuerqualle (Cyanea capillata), Kompassqualle (Chrysaora hysoscella) und gelegentlich Leuchtqualle (Pelagia noctiluca) |
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| Feuerqualle/Gelbe Haarqualle (Cyanea capillata), Atlantik, Ärmelkanal sowie Nord- und Ostsee |
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| Kompassqualle (Chrysaora hysoscella), Atlantik, Mittelmeer, Nordsee und Kattegat |
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| Leuchtqualle (Pelagia noctiluca), Mittelmeer und tropischer Atlantik |
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| Fingerhutqualle (Linuche unguiculata), tropischer und subtropischer westlicher Atlantik, insbesondere Karibik, Westindische Inseln und Bahamas |
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| Portugiesische Galeere (Physalia physalis), Pazifik, Atlantik, Karibik, Kanaren, Portugal, spanische Atlantikküste, gelegentlich westliches Mittelmeer und Balearen |
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| Würfelquallen/Cubomedusae, insbesondere Seewespe (Chironex fleckeri) und Irukandji-auslösende Arten wie Carukia barnesi, vor allem tropische und subtropische Gewässer des Indopazifiks |
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Artenübergreifende Folgeerkrankungen und Komplikationen
- Augen und Augenanhangsgebilde
- Konjunktivitis (Bindehautentzündung), Keratitis (Hornhautentzündung), Hornhauterosion (oberflächliche Hornhautverletzung) und persistierende Reizung nach direktem Kontakt von Tentakeln oder Nesselzellmaterial mit dem Auge; diese Konstellation ist selten, aber wegen potenzieller Visusgefährdung (Gefährdung des Sehvermögens) klinisch relevant [3, 10].
- Haut und Unterhaut
- Akute toxisch-irritative Dermatitis (giftbedingte reizende Hautentzündung), Urtikaria, Erythem, Ödem, Blasenbildung, bullöse Reaktion (blasenbildende Reaktion), Ulzeration und Hautnekrose [3, 4, 10].
- Verzögerte Hypersensitivitätsreaktion (Überempfindlichkeitsreaktion), persistierende oder rezidivierende Dermatitis, postinflammatorische Hyperpigmentierung, Hypopigmentierung, Narbenbildung und Keloidbildung (überschießende Narbenbildung) [3, 5, 8, 10].
- Herzkreislaufsystem und Atmungssystem
- Synkope, Hypotonie, Hypertonie, Tachykardie, hypertensive Krise, Dyspnoe, Lungenödem, kardiale Dysfunktion, Herzinsuffizienz, kardiorespiratorischer Arrest und Tod; besonders relevant bei Würfelquallen, Irukandji-Syndrom und schweren Physalia-Stichen [3, 4, 6, 7, 9, 10, LL1-2].
- Immunsystem
- Soforttypreaktion (rasch einsetzende allergische Reaktion), Anaphylaxie, anaphylaktoide Reaktion, verzögerte allergische Dermatitis und rezidivierende immunologische Hautreaktion; das Risiko kann bei wiederholter Exposition und Sensibilisierung (Entwicklung einer Überempfindlichkeit) steigen [3-5, 10].
- Infektiöse Folgekomplikationen
- Sekundäre bakterielle Infektion durch Kratzen, Blasenruptur, Ulzeration oder kontaminiertes Meerwasser; klinisch relevant sind Impetiginisierung (oberflächliche eitrige Hautinfektion), Zellulitis (bakterielle Entzündung des Unterhautgewebes) und verzögerte Wundheilung [3, 10].
- Psyche – Nervensystem
- Starkes akutes Schmerzsyndrom (Schmerzbild), persistierende Schmerzen, Parästhesien (Missempfindungen), Kopfschmerz, Angst, Agitation und vegetative Entgleisung (Fehlsteuerung unwillkürlicher Körperfunktionen) [3, 9, 10, LL2].
- Beim Irukandji-Syndrom steht eine ausgeprägte sympathomimetische Symptomatik (Beschwerden durch starke Aktivierung des Stressnervensystems) mit schweren Schmerzen, Tachykardie, Hypertonie, Schwitzen, Übelkeit und Agitation im Vordergrund [9, LL2].
- Weiteres
- Beinahe-Ertrinken, Ertrinken, Sturz- oder Panikverletzungen als indirekte Folge starker Schmerzen, Synkope, Atemnot oder Kreislaufinstabilität im Wasser; diese Komplikationen sind nicht toxinspezifisch (giftspezifisch), aber notfallmedizinisch (in der Notfallversorgung) bedeutsam [LL1].
Evidenzbewertung
Die Evidenz (wissenschaftliche Beleglage) zu Quallenstichen ist heterogen (uneinheitlich). Für viele lokale und systemische Folgeerkrankungen liegen vor allem toxikologische Reviews (giftkundliche Übersichtsarbeiten), Fallserien, Fallberichte (Berichte einzelner Krankheitsfälle) und regionale Leitlinien vor. Randomisierte Studiendaten (Daten aus Studien mit zufälliger Gruppenzuteilung) betreffen überwiegend Ersthilfemaßnahmen und sind insgesamt von niedriger bis sehr niedriger Sicherheit; sie erlauben keine universelle, artenunabhängige Therapieempfehlung (Behandlungsempfehlung). Für die Risikostratifizierung (Einschätzung des Erkrankungsrisikos) bleibt deshalb die Kombination aus Expositionsregion, vermuteter Art, Ausmaß des Tentakelkontakts, lokalen Hautzeichen und systemischen Symptomen entscheidend [1-4, 10, LL1-2].
Prognosefaktoren (Einflussfaktoren für den Verlauf)
- Ungünstige Prognosefaktoren
- Verdacht auf Würfelqualle, Seewespe, Irukandji-Syndrom oder schwere Physalia physalis-Exposition [6, 7, 9, LL1-2]
- großflächiger Tentakelkontakt, multiple Kontaktstellen, lange Tentakelstrecke oder Kontakt an Stamm, Gesicht, Auge, Genitale oder Schleimhäuten [3, 4, 10, LL1]
- Kindesalter, geringe Körpermasse, Schwangerschaft, höheres Alter, kardiopulmonale Vorerkrankung (Herz-Lungen-Vorerkrankung) oder bekannte Anaphylaxieneigung (Neigung zu schweren allergischen Sofortreaktionen) [3, 4, 10, LL1]
- systemische Symptome wie Dyspnoe, thorakale Schmerzen, Synkope, Bewusstseinsstörung (Störung des Wachseins oder der Orientierung), schwere Allgemeinschmerzen, Hypertonie, Hypotonie, Tachykardie, Erbrechen oder rasche Progredienz (rasches Fortschreiten) [3, 4, 9, 10, LL1-2]
- große Blasen, Hautnekrose, Ulzeration, Zeichen der sekundären Infektion oder persistierende Beschwerden über Tage bis Wochen [3, 5, 10]
- verzögerte Entfernung aus dem Wasser, fehlende Überwachung nach systemischen Symptomen, mechanisches Reiben der Kontaktstelle oder ungeeignete Erstmaßnahmen bei noch anhaftenden Tentakeln [1, 2, 10, LL1-2]
- Günstige Prognosefaktoren
- kleinflächiger lokaler Stich ohne Allgemeinsymptome [3, 10]
- Exposition in nicht-tropischen Regionen ohne Hinweis auf potenziell letale Cubomedusae [3, 4, 10, LL1]
- rasche Entfernung aus dem Wasser, stabile Atmung und Kreislaufsituation, rückläufiger Schmerz und fehlende Progredienz der Hautreaktion [LL1]
- keine Blasenbildung, keine Hautnekrose, keine Beteiligung von Auge, Gesicht, Genitalien oder Schleimhäuten [3, 10]
- frühzeitige medizinische Abklärung bei systemischen Symptomen, Kindern, großflächigen Läsionen oder Verdacht auf tropische Hochrisikoarten [LL1-2]
Literatur
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- Peng X, Liu KT, Chen JB et al.: Jellyfish Stings: A Review of Skin Symptoms, Pathophysiology, and Management. Med Sci Monit. 2024;30:e944265. doi: 10.12659/MSM.944265.
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Leitlinien
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- Western Australia Country Health Service (WACHS): Irukandji Syndrome Management Guideline. Current from 6 November 2023; published date 28 June 2024, version 1.01. Leitlinie.