Insektenstiche – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, pulsoxymetrischer Sauerstoffsättigung (SpO2), Körpertemperatur; des Weiteren:
    • Allgemeinzustand und Bewusstseinslage [bei schwerer systemischer allergischer Reaktion Unruhe, Benommenheit, Bewusstseinsverlust bis hin zum Kreislaufstillstand]
    • Bei Verdacht auf Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion) unverzügliche Beurteilung von Atemwegen, Atmung und Kreislauf parallel zur Notfalltherapie; die körperliche Untersuchung darf die Akuttherapie nicht verzögern.
    • Bei systemischer allergischer Reaktion klinische Einordnung des Schweregrades anhand der beteiligten Organsysteme, z. B. nach Ring und Messmer.
  • Inspektion und Palpation der Stich-/Bissstellen
    • Anzahl und Lokalisation der Läsionen (Hautveränderungen) sowie Ausdehnung und zeitliche Dynamik von Erythem (Hautrötung) und Schwellung erfassen und ggf. vermessen.
    • Lokale Stichreaktion [umschriebene erythematöse Schwellung mit Schmerz und/oder Juckreiz; nach Hymenopterenstich (Stich durch Hautflügler wie Biene, Wespe oder Hornisse) typischerweise < 10 cm Durchmesser und innerhalb von 24 Stunden deutlich regredient]
    • Gesteigerte Lokalreaktion nach Hymenopterenstich [> 10 cm große Schwellung mit einer Dauer von > 24 Stunden, ggf. mit ausgeprägtem Ödem (Flüssigkeitsschwellung) und funktioneller Einschränkung]
    • Nach Stichen bzw. Bissen blutsaugender Insekten [juckende erythematöse Papeln (Knötchen) oder Quaddeln (umschriebene Hautschwellungen), häufig mit zentral erkennbarem Stich-/Bisspunkt; je nach Insekt gruppierte oder lineare Anordnung möglich]
    • Bei vermutetem Bienenstich Inspektion auf einen verbliebenen Stachel [in der Haut sichtbarer bzw. tastbarer Stachel, ggf. mit anhängendem Giftapparat]
    • Bei ausgeprägter Lokalreaktion Prüfung der Beweglichkeit und Funktion angrenzender Gelenke bzw. der betroffenen Hand oder des betroffenen Fußes [schwellungsbedingte Bewegungseinschränkung]
    • Beurteilung auf Zeichen einer sekundären bakteriellen Infektion (zusätzlichen durch Bakterien verursachten Entzündung), insbesondere zunehmende Überwärmung, progredientes Erythem, zunehmender Druckschmerz, eitrige Sekretion oder Abszessbildung (Eiteransammlung); eine rasch nach dem Stich auftretende Rötung und Schwellung ist hingegen häufig entzündlich-allergisch und nicht infektiös.
    • Inspektion und Palpation der regionären Lymphabflusswege und Lymphknoten [bei ausgeprägter Hymenopterenstichreaktion ggf. nichtinfektiöse Lymphangitis (Entzündung der Lymphgefäße) und regionäre Lymphknotenschwellung]
  • Untersuchung von Haut und Schleimhäuten auf eine systemische allergische Reaktion
    • Ganzkörperinspektion [generalisierter Pruritus (Juckreiz), Flush (anfallsartige Hautrötung), Urtikaria (Nesselsucht) und/oder Angioödem (tiefer liegende Schwellung von Haut oder Schleimhaut) außerhalb des Stichareals]
    • Inspektion von Lippen, Zunge, Mundhöhle und Pharynx (Rachen) [Schwellung von Lippen oder Zunge bzw. oropharyngeales Ödem (Schwellung im Mund-Rachen-Raum)]
    • Bei Stich im Mund-, Rachen- oder Halsbereich gezielte Beurteilung der oberen Atemwege [ausgeprägte lokale Schwellung mit drohender Atemwegsobstruktion (Verlegung der Atemwege) auch ohne systemische allergische Reaktion]
    • Das Fehlen kutaner Befunde (Hautbefunde) schließt insbesondere bei schwerer Anaphylaxie eine systemische allergische Reaktion nicht aus.
  • Respiratorische Untersuchung Inspektion, Auskultation (Abhören) der Lunge und Beurteilung der oberen Atemwege
    • [Heiserkeit, inspiratorischer Stridor (pfeifendes Atemgeräusch beim Einatmen), Dyspnoe (Atemnot), bronchiale Obstruktion (Verengung der Bronchien) mit exspiratorischem Giemen (pfeifendem Atemgeräusch beim Ausatmen), Zyanose (Blauverfärbung von Haut oder Schleimhäuten) bis hin zum Atemstillstand bei schwerer anaphylaktischer Reaktion]
  • Kardiovaskuläre Untersuchung Beurteilung von Herzfrequenz und -rhythmus, Blutdruck, peripherer Perfusion (Durchblutung) und Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederauffüllung kleiner Blutgefäße)
    • [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Blutdruckabfall, Zeichen des Kreislaufschocks (lebensbedrohliches Kreislaufversagen) bis hin zum Kreislaufstillstand bei schwerer anaphylaktischer Reaktion]
  • Gezielte Untersuchung bei vorausgegangener systemischer Hymenopterenstichreaktion
    • Bei einer über ausschließliche Hautsymptome hinausgehenden systemischen Reaktion Hautinspektion auf Hinweise für eine kutane Mastozytose (Erkrankung mit vermehrten Mastzellen in der Haut) als Risikofaktor für schwere Stichanaphylaxien.
    • Bei suspekten Hautläsionen ggf. Prüfung des Darier-Zeichens (mechanisches Reiben einer verdächtigen Hautläsion; positiv bei anschließender lokaler Quaddelbildung und Rötung).

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.